Wohn(t)räume mit Christian von LIVEE: Wohnen in einem Tiny House

Ziehen um euch rum auch gerade alle Familien in größere Wohnungen oder kaufen direkt ein ganzes Einfamilienhaus? Der Liebste und ich leben da derzeit ein bisschen gegen den Trend, denn wir haben beschlossen, uns auch zu viert auf 80 qm so gut es eben geht zu organisieren. Größer wäre uns mittlerweile auch einfach zu teuer, denn die Mieten in unserer Stadt ziehen weiter an. Genau das war auch der Grund für meinen Interviewpartner Christian und seine Freundin Sophie, lieber etwas kleiner und minimalistischer zu denken: Anstatt 1200 € Miete für 50 qm in München zu bezahlen, planen sie derzeit ihr erstes kleines Modulhaus!

Lieber Christian, ich freue mich, dass du bei meiner Interviewreihe dabei bist. Denn dein Wohntraum ist ein ganz besonderer: Mit deiner Partnerin Sophie baust du gerade ein Tiny House. Kannst du uns kurz erklären, was das überhaupt ist?

Liebe Sophie, ich freue mich, dass wir Teil deiner Interviewreihe sind. Vielen Dank dafür. Was ist also genau ein Tiny House? Das ist eine sehr gute Frage, weil es in Deutschland keine genaue Definition dafür gibt. Die Tiny House Bewegung beschreibt minimalistische Wohnformen: Es geht darum, zu hinterfragen, ob wir wirklich so viel Wohnraum benötigen, wie wir gerade in Deutschland in Anspruch nehmen.

Es gibt sehr kleine Tiny Houses, z.B. die sogenannten Tiny House on Wheels mit 10 bis 25 qm, die mobil auf einem Trailer gebaut werden. Daneben gibt es aber auch Modulhäuser die größer sind (40 bis 60 qm pro Modul). Diese Häuser kannst du flexibel erweitern und du kannst damit auch umziehen, z.B. bei einem Arbeitsplatzwechsel. Zum Schluss gibt es auch noch die stationären Minihäuser, das sind kleine Häuser mit bis zu 100 qm, die nicht mobil sind… Wie Du gerade merkst, ist das gar nicht so einfach zu erklären, was ein Tiny House genau ist.

Welche Gründe haben euch dazu bewegt, ein Tiny House zu planen?

Wir wohnen derzeit in München in einer Mietwohnung und zahlen ca. 1200 Euro Miete pro Monat für 55 qm. Gerade für Familien ist bezahlbarer Wohnraum in Großstädten wie München fast unmöglich. Wenn das so weiter geht, wohnen in den nächsten Jahren nur noch Singles und absolute Spitzenverdiener in den Innenstädten unserer Großstädte. Da wir zukünftig auch über Familie nachdenken, haben wir uns überlegt: Es muss doch eine Alternative zu den klassischen Wohnformen geben!

Was kostet denn ein Tiny House, ist das wirklich so viel günstiger?

Das hängt ein bisschen davon ab was für ein Tiny House man möchte… Die Tiny House on Wheels (10 bis 25qm) beginnen bei 25.000 Euro. Für ein Modulhaus oder stationäres Minihaus (40 bis 60 qm) gehen die Preise bei 60.000 Euro los. Nach oben ist natürlich keine Grenze. Es hängt viel von der Größe und den verwendeten Materialen etc. ab.

Wenn der Wohnraum in und um München nicht so überteuert wäre, meinst du, ihr wärt trotzdem auf die Idee eines Tiny Houses gekommen? Oder ist es eine Tugend, die aus der Not gewachsen ist?

Ich glaube schon, dass wir auch ohne diese Not auf die Idee gekommen wären. Ganz einfach weil wir uns auch im privaten Bereich viel mit Minimalismus und einer ökologischen Lebensweise beschäftigen. Wir sind davon überzeugt, dass wir viel weniger Dinge benötigen, um im Leben glücklich zu sein. Das gilt auch für den Wohnraum.

Aber wie praktikabel ist das Leben in einem Tiny House? Muss man da nicht extrem minimalistisch leben?

Das kommt drauf an. In einem Tiny House on Wheels mit 10 bis 25 qm ist natürlich extrem wenig Platz und dieses Wohnkonzept ist aus unserer Sicht auch nicht unbedingt für Familien geeignet. Aus diesem Grund haben wir uns für ein Modulhaus entschieden.

Wir bauen zunächst ein Basismodul mit 60 qm und erweitern dieses dann in der Zukunft, wenn die Kinder da sind. Damit sind wir sehr flexibel und können auch noch umziehen, wenn wir möchten. Du siehst also: man muss nicht auf 20 qm zu zweit leben, es geht auch ein bisschen größer und dann muss man nicht auf jeglichen Wohnkomfort verzichten.

Seid ihr beim Bau auf Schwierigkeiten gestoßen?

Ja, es gibt einige Herausforderungen für den Bau eines Tiny Houses. Die größte ist derzeit die Suche eines passenden Baugrundstückes. Unser deutsches Baurecht unterscheidet nicht zwischen kleinen und flexibleren Wohngebäuden und einem klassischen Haus, d.h. auch für ein Tiny House gelten sämtliche baurechtliche Anforderungen.

Ein passendes Grundstück zu finden, das mit einem Tiny House bebaut werden darf, ist derzeit noch eine gewisse Herausforderung. Dazu kommt, dass wir kein Grundstück kaufen möchten, sondern pachten, weil wir flexibel für die Zukunft bleiben möchten. Wir sind aktuell in der finalen Phase ein Grundstück zu finden, dann starten wir mit unserem Bauprojekt. Wir möchten aber auf jeden Fall Mut machen: Es ist nicht unmöglich, ein passendes Grundstück zu finden – aber ein bisschen Arbeit ist es schon.

Könnt ihr euch vorstellen, eine Familie zu gründen und gemeinsam mit Kindern auf so wenigen Quadratmetern zu leben?

Ja auf jeden Fall, weil unser Modulhauskonzept eine Flexibilität bzgl. der Größe ermöglicht. Wir können unser Haus also immer nochmal erweitern, wenn wir mehr Platz benötigen. Wenn in der Zukunft unsere Kinder ausgezogen sind, können wir unser Modulhaus wieder verkleinern. So wohnen wir genau immer so groß, wie wir es gerade benötigen.

Letztes Jahr habt ihr LIVEE gegründet, eine Plattform für innovative Wohnformen. Was bietet ihr derzeit dort an und wo wollt ihr langfristig mit diesem Projekt hin?

Wir haben LIVEE gegründet, weil wir uns für bezahlbaren und flexibleren Wohnraum einsetzen möchten, der ein einfacheres und freieres Leben ermöglicht. Wir sind überzeugt davon, dass wir Alternativen zu unseren klassischen Wohnkonzepten benötigen.

Bei uns auf der Plattform findest du zukünftig alle Informationen zum Thema Tiny House, d.h. welche Wohnformen es gibt, was baurechtlich zu beachten ist und wie du ein passendes Grundstück findest. Wir werden unsere Plattform zukünftig noch weiterentwickeln und ein Beratungsangebot für Interessierte anbieten. Also schaut gerne mal in den nächsten Wochen bei uns vorbei, wenn ihr euch für das Thema interessiert.

Meint ihr, dass Tiny Houses, bzw. flexibler Wohnraum auf wenig Fläche (z.B. mit Modulhäusern) die Zukunft sind, insbesondere in den Städten?

Das ist eine sehr gute Frage. Es hängt vom Tiny House Konzept ab. Ein Tiny House on Wheels wird definitiv nicht die Wohnungsnot in den Städten lösen, weil deutlich mehr Platz benötigt wird für das Aufstellen. Diese Wohnform ist eher für ländliche Regionen außerhalb der Stadt geeignet.

In den Innenstädten benötigen wir mehrstöckige Wohnkonzepte, die viel Platz schaffen, vor allem in der Höhe her. Dafür eignen sich Modulhäuser sehr gut. Es wäre denkbar, dass wir in den Innenstädten bestehende Gebäude mit Flachdächern mit Modulhäusern, die sehr leicht und stapelbar sind, nachverdichten. Damit könnten wir Platz schaffen, genau dort wo er benötigt wird, in der Innenstadt, z.B. in München.

Wenn Geld gar keine Rolle spielen würde – was wäre dann euer größter Wohntraum? Doch vielleicht wieder ein bisschen mehr Platz…?

Auch wenn Geld keine Rolle spielen würde, würden wir uns für ein minimalistisches Wohnkonzept entscheiden. Wir möchten ein glückliches und erfülltes Leben und sind davon überzeugt, dass dafür kein Haus mit 150 qm erforderlich ist. Es sind ganz andere Dinge, die uns glücklich und zufrieden machen. Und das ist nicht ein großes Haus, ein Auto oder ähnliches.

Zum Schluss noch eine politische Frage: Wenn die Politik euch einen oder mehrere Wünsche in Bezug auf Wohnraum erfüllen müsste – welcher wäre das?

Wir haben einen großen Wunsch an die Politik: Minimalistische und flexible Wohnformen bieten eine echte Alternative zu den klassischen Wohnkonzepten und ermöglichen Menschen Wohneigentum, die vorher gar nicht über ein Eigenheim nachgedacht haben. Dafür brauchen wir aber entsprechende Änderungen der baurechtlichen Einordnung dieser Wohnformen. Wenn sich jemand für ein Tiny House entscheidet, das energieeffizienter als ein klassisches Einfamilienhaus ist, sollten wir diesem Bauherrn keine zusätzlichen Steine in den Weg legen, sondern diese Bauprojekte auch auf politischer Ebene stärker fördern.

Danke, lieber Christian, für deine Antworten! Ich bin gespannt, wie euer „Projekt Modulhaus“ weitergeht und vielleicht haltet ihr uns hier auf dem Laufenden? Mich interessiert es jedenfalls sehr und ich wünsche euch viel Erfolg beim Erfüllen eures Wohntraums!

Und, habt ihr jetzt auch Lust bekommen, euch mit dem Thema Tiny oder Modulhäuser zu beschäftigen? Ich finde das Thema richtig spannend, wenn auch nicht so wahnsinnig passend für mich Großstadtpflanze – denn hier ist einfach schon alles sehr eng bebaut und als Privatperson plant man ja nicht mal eben so eine ganze Siedlung mit Modulhäusern. So ein kleines Mini-Häuschen im Grünen, irgendwann später, als Wochenendresidenz könnte ich mir allerdings sehr gut vorstellen! 😉

Wie ist das bei euch? Braucht ihr eher viel Platz oder gefällt euch der Gedanke des minimalistischen Wohnens auf eher weniger Raum? Und wie denkt ihr über das Thema Flexibilität? Würde es euch gefallen, wenn ihr euer Haus theoretisch jederzeit abbauen und mitnehmen könntet? Ich bin gespannt auf eure Meinungen zum Thema Mini-Häuser!

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