Ein ganz normaler Meckertag

Es gibt so Tage, da frage ich mich, was ich meinem Sohn damit angetan habe, ihn auf die Welt zu setzen. Auf diese Welt, die so ungerecht ist und gemein. Die sich nie, nie, wirklich nie so verhält, wie er es gerne hätte. Immer läuft alles falsch. Wie soll man so auch zufrieden sein? Wer schon mal mit einem dreijährigen Kind zusammengelebt hat, kennt solche Tage: Unglückstage, die nicht nur für das Kind ein Ärgernis sind, sondern auch für die gebeutelten Eltern.

Ich will es nicht leugnen, es gibt ja auch die Glückstage. Da wacht das Hübchen morgens auf, strahlt uns an und ist bereit für alle Taten. Lässt sich freiwillig anziehen, die Zähne putzen, bedankt sich überschwänglich für das vom Papa mit Liebe geschmierte Erdnussbutterbrot und verteilt schon früh am Morgen Komplimente: Mama, du hast ein schönes Kleid an! Papa, du siehst schick aus!

Heute ist keiner dieser Tage. Heute wacht das Hübchen auf und das erste, was aus seinem Mund kommt, ist undefinierbares Gemecker. Wir verstehen nicht gleich, was er will. Aber kurz darauf wird es deutlich: Jeder liegt hier an der falschen Stelle! Ich will da liegen! Du sollst da hin! Und du geh gefälligst ganz weg! Nun sind wir durchaus kooperative Eltern und bewegen das Hübchen zumindest dazu, uns nett zu fragen, ob wir Plätze tauschen wollen. Das dauert eine halbe Stunde und ist ziemlich nervenaufreibend.

Als alle an anderen Stellen liegen, wird schnell klar: So leicht kommen wir dem Hübchen heute nicht davon! Ist immer noch alles falsch hier! Der Papa wird aus dem Bett getreten, der Mama wird das Kissen geklaut. Und überhaupt: Guck mich nicht an! Ich rede jetzt! Du darfst nix sagen!

Ein Wutanfall nach dem nächsten

Wir sagen wirklich nichts mehr und schmeißen das Hübchen aus dem Bett. Wir wollten ja eh gerade aufstehen. In der Küche die nächsten Wutausbrüche. Das Kind stellt sich immer absichtlich in den Weg und versperrt dem Papa wahlweise den Weg zum Kühlschrank, zum Wasserkocher oder zum Küchentisch. Der Papa versucht es nett: Geh bitte aus dem Weg. Ich muss hier durch. Das Hübchen brüllt.

Der Papa holt den Käse aus dem Kühlschrank. Oh Schreck. Das Hübchen wollte das selbst tun. Gut, Käse zurück in den Kühlschrank, Kühlschranktür zu. Nein! Die Tür auflassen! OK, Tür wieder auf. Hübchen holt den Käse raus. Pause. Pause. Hübchen, kannst du bitte die Kühlschranktür wieder zumachen? Pause. Gebrüll.

Ich will, ich will, ich will!!!

Ich erinnere mich an meinen kleinen Bruder, der mit ca. drei Jahren die interfamiliär berühmte Satzkonstruktion erfunden hat: „Ich will, ich will, ich will! Und wenn ich will, dann darf ich auch!“. An Tagen wie diesen würde das Hübchen diese Aussage wohl völlig unterschreiben. Ich finde es ja grundsätzlich prima, dass das Hübchen seine Wünsche klar artikulieren kann. Ich möchte nämlich keine von diesen Müttern sein, die roboterhaft wiederholen: „Das heißt aber: Ich möchte bitte!“. Ich finde es schließlich gut, direkt zu sagen, was man will.

Aber letztlich kommt es ja auch ein bisschen auf den Ton an. Ich bin ja nicht die Sklavin meines Kindes, die jederzeit springt, wenn es schreit „Ich will!“. Ich möchte bitte nett gefragt werden – dann bin ich eine ziemlich kooperative Mutter. Und das Hübchen weiß das auch.

Aber an Unglückstagen ist dieses Wissen tief begraben unter einer dicken Schicht Wut und dem Gefühl, auf immer und ewig unverstanden zu bleiben. Und wir Eltern stehen vor dem Balanceakt, auch an diesen Tagen ein kleines bisschen Erziehung in den Wut-Alltag einfließen zu lassen. Und fassen das Hübchen gleichzeitig mit Samthandschuhen an. Er hat es nicht leicht heute, ist schon OK. Morgen ist vielleicht wieder ein guter Tag.

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Ein Kommentar zu „Ein ganz normaler Meckertag

  1. Sari

    Ich merke immer wieder, dass in der Regel auf solche Unglückstage auch wieder gute Folgen und meist ziemlich schnell. Als würde man belohnt werden, weil man einen schlechten Tag irgendwie überstanden hat *lach*.

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