Stadteltern vs. wildes Kleinkind

Heute schreibe ich mal wieder was, was man als Mamabloggerin ja eigentlich nicht schreiben darf. Aber als vertraute Leserinnen und Leser wisst ihr ja eh, dass ich nicht die geborene Kleinkindmama bin. Mit meiner Ungeduld und Hochsensibilität stehe ich hier täglich einem wilden kleinen Hübchen gegenüber, dessen Verhalten mich schier zum Verzweifeln bringt. Mit so viel Kleinkind-Power hätte ich noch vor einem Jahr gar nicht gerechnet. Und im Moment führen die ungleichen Erwartungen und Temperamente von Mutter und Sohn zu viel Streit und bösen Gedanken in meinem Kopf.

„So ein Kind wollte ich nie!“, ist zum Beispiel einer dieser Gedanken. Meine Oma hätte vermutlich einfach gesagt: „Ein richtiger Jung!“, und sich über so viel Energie und Lebensfreude gefreut. Mich hingegen bringt es zum Verzweifeln, dass diese Energie momentan immer ganz eng an der Grenze zu unkontrollierter Aggressivität balanciert – und diese auch mehrmals täglich überschreitet.

Manchmal denke ich: Französin müsste man sein! Dann dürfte man seinem Kind auch einfach mal gepflegt eine runterhauen, damit es sich gefälligst ein bisschen gesellschafts- oder auch nur haushaltskonform benimmt. Aber das mache ich verweichlichte Deutsch-Mutti natürlich nicht. Stattdessen brülle ich zurück,  schließe mich selbst in der Küche ein und verzweifle täglich an den ständigen Widersätzlichkeiten meines Sprösslings.

Langeweile und alterskonforme Flausen im Kopf

Woher diese Widersätzlichkeiten kommen, ist indes ganz klar: Langeweile gepaart mit den total altersgerechten Flausen im Kopf, die so ein Dreijähriger eben entwickelt und noch nicht in halbwegs vernünftige oder gar produktive Bahnen lenken kann. Ich kann Engelchen und Teufelchen sich manchmal regelrecht auf seinen Schultern unterhalten sehen. Am Ende gewinnt immer, wirklich immer der Impuls, den Unfug dann doch anzustellen.

Ich kann als mahnende Mutter direkt daneben stehen – es nutzt nichts. Die Missetat wird begangen werden. Was ein Kind wie das Hübchen bräuchte, wäre in der Tat ein anderes Umfeld. Eins, in dem er sich mehr ausprobieren könnte. Wo er wilder spielen dürfte, lauter sein, seine normale Aggressivität ausleben könnte. Urlaub auf dem Land mit einer Horde anderer Kinder, alle ähnlich wild und bekloppt, das wäre jetzt genau das richtige.

Stadteltern vs. wildes Kleinkind

Das Problem: Mutti und Vati sind Stadtmenschen. Und vor allem: In ihrem hochschwangeren Zustand bewegt Mutti sich ohnehin gerade am liebsten nur zwischen Schlafzimmer und Balkon hin und her. Urlaub auf dem Land wäre gerade richtig schlecht, denn ich hätte schon ganz gerne die mir vertraute Hebamme an meiner Seite, um am Ende das Kind aufzufangen, wenn es aus mir rausfällt. Und die wohnt nun mal in der Nachbarstadt.

Städte – noch vor ein paar Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ich das mal sagen würde – aber Städte haben wirklich verdammt viele Nachteile. Das merken vor allem Pferdebesitzer (zu teure Ställe, zu wenig Weiden, keine guten Reitwege). Und eben Menschen, die Kinder haben. Irgendwie ist es vielleicht tatsächlich so, dass Kinder aufs Land gehören. Wie Hunde zum Beispiel auch. Ich hasse es, wenn schon wieder irgendein unangeleinter, unerzogener Köter kleine Kinder im Stadtpark jagt! Oder überall hin kackt! Hunde gehören einfach nicht in die Stadt, da kenne ich echt keine Kompromisse.

Aber Kinder, zumindest die kleinen, gehören hier irgendwie auch nicht so richtig hin. Klar könnte man jetzt sagen: Dann muss eben die Stadt verändert werden! Mehr Angebote für Kinder, für Familien, noch mehr Grün (von dem wir in unserer Stadt zum Glück schon erstaunlich viel haben), mehr Toleranz bei tobenden Dreijährigen usw. Klar, ich bin sicher die allerletzte, die schreit: „Haut ab mit euren Blagen! Eure (und meine) Brut hat in Museen, Cafés und Yoga-Schulen nix zu suchen!“

Ich finde nämlich: Hat sie doch! Ich mag es, wenn Familien die Städte erobern. Ich gehe gerne zu Kindertagen im Museum und beschwere mich, wenn Cafés oder Restaurants ganz offensichtlich kinderfeindlich sind. Nur: Das individuelle Kind, nämlich meins, weiß all dieses Entgegenkommen der Stadt und der städtischen Gesellschaft nicht unbedingt zu schätzen.

Stadtwohnung: Kein natürlicher Lebensraum für ein Kind

Ich brauche nicht viel Fantasie, um mir vorzustellen, dass das Hübchen in einem anderen Setting wesentlich zufriedener wäre. Unser großer Balkon interessiert den Sohn nämlich nicht die Bohne. Und das schön eingerichtete Kinderzimmer voller Spielzeug wird gelegentlich gerne angenommen – aber doch nicht bei Sonnenschein und 28 Grad! Und auch an nassen Wintertagen fällt uns hier Zuhause einfach die Decke auf den Kopf. Stadtwohnungen sind eben nicht der natürliche Lebensraum eines Kindes.

Aber was wäre die Alternative? Aufs Land zu ziehen, oder zumindest in einen ländlicheren Stadtteil? Gartentür auf, Kind raus. Hübchens Freunde einladen. Wild spielen lassen. Keiner stört sich am Gebrüll (vor allem ich nicht, wenn es in mindestens 10 Metern Entfernung zu meinen empfindlichen Ohren stattfindet). Klingt super, oder? Nur, dort, auf dem Land, würde dann mir leider der Himmel auf den Kopf fallen. Und spätestens mit Eintritt der Pubertät sehr wahrscheinlich auch dem Kind.

Das Stadtleben kindgerechter machen

Nein, unsere elterlichen Präferenzen komplett zurückzustellen, nur um dem halbwüchsigen Kind ein angenehmeres Leben zu ermöglichen, kommt für uns nicht in Frage. Klar würde es manchen Zwist entschärfen. Aber langfristig gesehen wäre das sicher keine Lösung. Aktuell hänge ich daher an dem Gedanken einer Stadtwohnung mit Garten fest. Ja, so eine zu finden, ist genauso schwierig, wie ihr euch gerade denkt. Denn bestenfalls soll das natürlich keine Wohnung im zweiten Stock sein, bei der man den Garten nur durch ein Labyrinth an Kellerdurchgängen erreicht. Gartentür auf – Kind raus. Das ist mein Traum.

Ich habe keine Ahnung, wann und ob überhaupt sich dieser Traum erfüllen lässt. Sobald das neue Baby geboren ist, werde ich wohl mit der Suche beginnen. Und gleichzeitig nach Nachmittagsaktivitäten suchen, bei denen mein Sohn seine natürliche Aggressivität loswerden darf. Ein paar seiner älteren Kita-Freunde sind schon im Fußballverein, vielleicht wäre das eine Lösung. Denn irgendwie müssen wir dem Hübchen auch in der Stadt ein zumindest etwas artgerechteres Leben ermöglichen. Und mich Sensibelchen-Mutter dadurch etwas entlasten.

Wenn das Hübchen seine wilde Ader ausleben darf, wird es mir bestimmt wieder leichter fallen, ihn so anzunehmen, wie er ist. Das Kind kann ich eh nicht ändern. Dann fange ich besser mit den Lebensumständen an.

Teilen
Facebooktwittergoogle_plusmailFacebooktwittergoogle_plusmail
Passend dazu

6 Kommentare zu „Stadteltern vs. wildes Kleinkind

  1. Katinka aus LE

    Auch wenn ich Deine Pauschalisierung der französischen Mutter nicht gutheisse (ich lebe in Frankreich und kenne glücklicherweise nicht viele solcher beschriebenen Mütter), stimme ich Deinem restlichen Text absolut zu. Du solltest wirklich sportliche/Auspower-Alternativen für das Hübchen finden, um die Sache etwas zu entspannen. Kinder brauchen Platz zum Austoben und den gibt es leider etwas weniger in der Stadt.

    • Ups, das mit der französischen Mutter sollte mit einem Augenzwinkern geschrieben sein. Ich habe ja selbst mehrfach für einige Zeit in Frankreich gelebt, sogar als Au Pair in einer französischen Familie und da wurde auch nicht körperlich gemaßregelt. Oft konnte ich aber die strengere Art zu erziehen sogar nachvollziehen. Bei drei Jungs in meiner Au Pair Familie war das auch schon mal nötig. 😉

      Das mit dem Sport probieren wir nach den Sommerferien unbedingt aus. Bisher fand ich das Hübchen irgendwie noch sehr klein für Vereinssport wie Fußball. Er ist halt auch oft launisch und will sich natürlich nicht an feste Termine halten. Aber wenn das Training gemeinsam mit seinen Kita-Freunden ist, wird es vielleicht gehen.

  2. Elawen

    Du erzählst gerade von meiner kleinen Tochter (noch nicht 4)… Wenn dieses Kind nicht toben kann, ist sie nicht zufrieden. Und aus Unzufriedenheit stellt sie die dicksten Dinger an. Ist aber auch so pfiffig, dass sie das auch wirklich hinbekommt 😑
    GsD wohnen wir in der Fußgängerzone, da kann ich das tobekind samt den zwei Geschwistern auch mal laufen lassen. Magst nicht zu uns ziehen? Dann hätte dein hübchen eine wunderbare wilde spielkameradin 😉

    • Klar, wo wohnt ihr denn? 😉 Meinst du mit Fußgängerzone übrigens dasselbe, das ich darunter kenne? Fußgängerzone meint hier den Einkaufsstraßenbereich in Innenstädten. Du meinst vermutlich eher einen verkehrsberuhigten Bereich?

  3. Susann

    Hallo, ich bin eine der Dorfmamas! Und bei meinen beiden wilden Mädchen (3 und 5) auch sehr glücklich darüber. Wir haben ein großes Grundstück ums Haus mit Garten und Tieren und reichlich Kinder in der Nachbarschaft, die mal eben zum Spielen vorbei kommen. Wie du es so beschreibst. Ich könnt mir auch nicht vorstellen nur eine kleine Wohnung zu haben. Man merkt schon dass die 2 durchdrehen, wenn man mal einen Tag nicht so richtig draußen war, weil das Wetter nicht so optimal ist… das legt sich dann auch gleich auf meine Nerven um…
    Wo wir halt weite Wege und weniger Angebote haben sind die ganzen Freizeitsachen, die wohl in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Sport, Musikschule, etc… Das heißt da kommen dann evt. viele Fahrtwege auf mich zu. Ich würde mein Dorfleben dennoch nicht eintauschen. Ich bin selbst auf dem Dorf groß geworden und erinnere mich sehr gerne an meine Kindheit und unsere Spiele im ganzen Ort. Ich kenne es nicht anders und liebe es.
    Viele Liebe Grüße aus der Provinz 🙂

  4. milchschaumplus/Nadine

    Ich mag deinen Blog gerne, und les hier immer gerne mit, auch wenn ich vielleicht manchmal Nuancen anders sehe oder empfinde – also, ich bin selten komplett anderer Meinung – den Kommentar über französische Erziehung empfinde ich aber ehrlich gestanden auch als Griff ins Klo. Ja, man erkennt, dass Sachen mit Augenzwinkern geschrieben sind, unglücklich finde ich sie trotzdem.

    Ich bin eine totalüberzeugte Stadtbewohnerin (mit Haus, aber ohne Garten direkt am Haus). Den Gedanken Tür auf, Kind raus, empfinde ich auch als total verlockend und das ist der einzige deutliche Nachteil an unserer Variante.

    Wir haben „nur“ einen Spielplatz in fünf Kind-Gehminuten-Entfernung, da muss aber ein Erwachsenener immer mit. Aber ich finde man bekommt das auch gut hin – und mein Kind ist wie ich selbst ein Energiebündel. Wir gehen viel in Parks und auf Spielplätze und das Kind kann sich austoben. Das werden wir auch nach weiterhin nach der Kita machen, wenn nicht Ruhe und Erholung besser ist. Ich finde, wenn man die Augen aufhält, gibt es auch in der Stadt ganz viele tolle Möglichkeiten für das Kind sich kostenlos auszutoben. Wir laufen einfach im Park so wie das Kind es möchte. Und unser Kind darf auch auf dem Sofa und im Bett toben – und das ist was, was ich selten bei anderen Eltern erlebe… Aber der muss sich einfach auspowern – also: Wie könnt ihr das zuhause vielleicht so gestalten, dass es auch geht? Alternativ statt Bett könnte ich mir auch ein Matrazenlager vorstellen, und erstmal Kinderturnen statt Fußball…
    Und was wir auch machen – wir laufen ganz viel zu Fuß – ja, im Kindertempo, aber das funktioniert sehr gut und sorgt für Ausgeglichenheit.

    Wobei ich auch zugegeben muss: Ich bin total froh, wenn wir jetzt nach dem Umzug (ins Haus),keine Nachbarn unter uns mehr haben. Die beschweren sich zwar überhaupt nicht. Aber trotzdem hab ich hier und da denen gegenüber ein shclechtes Gewissen.

    Euch zu viert, alles alles Liebe und Gute!
    Nadine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.