Auf! Arbeit! Autobahn!

Hübilein ist 17 Monate alt und entdeckt gerade ein menschliches Werkzeug, ohne das unser Leben einfach nicht so viel Spaß machen würde: Die Sprache! Was wäre mein Leben grau und langweilig, wenn ich andere Verkehrsteilnehmer nicht in der Art beschimpfen könnte, wie es meine Art ist! Womit würde ich mein Geld verdienen, wenn niemand meine Texte lesen würde? Und woher wüsste der Pizza-Lieferdienst, welche Pizza ich gerne haben möchte, wenn es keine Sprache gäbe, in der ich ihm meine Wünsche detailreich mitteilen könnte? Ja, so ist es doch: Sprache macht unser Leben reicher, völlig egal erst mal, in welcher (Gebärden-) Sprache, in welcher Lautstärke, Tonlage oder Absicht. Und zur Zeit ist es einfach wunderbar, meinem Kind dabei zuhören zu können, wie es die Sprache entdeckt. Auch wenn seine Sprachanfänge etwas unkonventionell aussehen…

Wenn Hübi „Hallo“ sagen will, dann sagt er so etwas wie „Ai-Oh!“ und ich muss dabei unwillkürlich an die grausligen Teletubbies denken – vielleicht hatten die also doch ihre Berechtigung und spiegeln tatsächlich die gedanklichen und sogar die Sprachwelten von noch ziemlich kleinen Kindern wider? Passend dazu nennt das Hübchen seinen Schnulli zwar nicht „Noo-noo“ (Staubsauger der Teletubbies, Anm. d. Red.), aber immerhin „Nu-Nu“. Der Mann merkte dazu jedoch an, dass er sich das auch aus der Betreuungseinrichtung abgeguckt haben könnte.

Kann sein, denn unser Sohn wird schließlich an fünf Tagen die Woche „schändlich und schädlich fremdbetreut“, wie ich mir schon häufiger in diversen sozialen Netzwerken anhören durfte. Naja, ich schätze mal, mein Hübchen kommt drüber hinweg. Dabei hilft ihm von jetzt an jedenfalls sehr, dass er nicht nur verstehen kann, was andere von ihm wollen, sondern, dass er sich jetzt auch selbst mithilfe seiner Sprache verständlich machen kann. Und sogar die Namen der anderen Kinder hat er schon drauf! Nun gut, mit dem „H“ am Satzanfang hat er es nicht so, aber „Anna“ ist ja auch ein schöner Name.

Bezaubernde erste Wörter

Jedenfalls ist es völlig erstaunlich, dabei zuzusehen, oder eben besser gesagt zuzuhören, wie plötzlich völlig zusammenhängende Dinge aus dem Mund meines Babys purzeln. OK, mit zusammenhängend meine ich solche Sachen: „Auto!“ – Kind zeigt aufs Auto. „Aus!“ – Kind zeigt aufs Haus. Eine Spitzenleistung ist das! Für zusammenhängende Sätze, Schulaufsätze, Bachelorarbeiten und Dissertationen ist meiner Meinung nach noch genug Zeit im Leben (nicht, dass ich so etwas prinzipiell von meinem wohlratenden Sohn erwarten würde, quatsch, von mir aus kann er später auch von Helene Fischers Rente leben).

Die ersten Worte meines Hübis erlebe ich also mit Stolz und Erstaunen über diese wahnsinnige Fähigkeit, einfach aus dem Nichts die Zusammenhänge zwischen den realen Dingen unserer Lebenswelt und den Worten unserer Sprache zu erkennen und völlig plötzlich von jetzt auf gleich anzuwenden. Jedes neue Wort aus Hübchens Mund macht mir Freude und merkwürdig kam mir dabei zunächst nichts vor.

A. Immer nur A

Solange, bis ich für diesen Artikel am heutigen Tag mal darüber nachgedacht habe, welche Worte Hübi denn schon wiederholt und regelmäßig spricht. Wenn wir mal die Klassiker rauslassen (Mama, Papa), bleiben da:

Appa (= Opa)
Ausziehen
Aus
Auto
Autobahn
Arbeit
Arm
Auf

Erschreckt stelle ich mir die Fragen: Können Kinder in einem so jungen Alter eine Art Buchstaben-Fetisch entwickeln? Gibt es so etwas überhaupt? Und wenn ja: Kann man es behandeln? Oder sind am Ende wir Schuld, weil wir unserem Sohn einen Namen gegeben haben, der mit „A“ beginnt?

Der Mann jedenfalls findet das ganze auch noch lustig: Er stellte sich Hübi in einer einschlägigen Quizshow vor.

„Viertes Studioalbum einer deutschen Elektro-Pop-Band?“
„Autobahn!“

Haha. Mal davon abgesehen, dass das ja nun wirklich mal höchstens die 500-Euro-Frage wäre, macht es auch echt keinen Sinn, so ein abstruses Wort als eines der ersten zu können. Wir haben momentan nicht mal ein Auto! „Öffentlicher Personennahverkehr“ wäre da gerade wirklich angebrachter, von mir aus auch einfach „Öffi“, das klingt dann auch eher nach dem, was es ist: Ätzend, verspätet und voller genervter Menschen.

Aber nö, mein Kind liebt seine Autobahn. Zumindest so lange, bis es selbst mal zwei Stunden mehr als eine Stunde für die Strecke Essen-Oberhausen gebraucht hat, weil die A40 (ironischweise auch „Ruhrschnellweg“ genannt) mal wieder hoffnungslos verstopft ist. Aber bis dahin ist es noch ziemlich lange hin. Viel Zeit also, um auch noch ein paar Worte zu lernen, die nicht mit „A“ beginnen.

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