Wohn(t)räume mit Sarah: Wohnen auf einem alten Militärgelände

Hurra, es geht los mit meiner Interviewreihe, die aus vielen verschiedenen Perspektiven eine Frage beantworten will: Wie wollen Familien wohnen? Wie schaffen ganz normale Familien es, ihre Wohnträume zu erfüllen und was hält sie ggf. davon ab? Den Anfang macht Blogleserin Sarah, die mit Mann und drei Kindern auf einem alten Militärgelände lebt: Viel Platz, aber auch viel Arbeit! Besonders spannend: Sarah ist selbstständige Bauingenieurin und teilt direkt noch einige „Profi-Tipps“ zum Thema Hauskauf mit uns. Viel Spaß beim Lesen! 

Liebe Sarah, du hast mir geschrieben, dass du mit deiner Familie auf einem Bauernhof mit 300qm Wohnhaus lebst. Wer gehört denn alles zu deiner Familie, dass ihr so viel Platz braucht?

Bauernhof ist vielleicht etwas irreführend: wir wohnen auf einem ehemaligen Militärgelände mit einem kleinen Reiterhofbetrieb. Auf der Anlage konnten bis zu 90 Soldaten stationiert werden, daher ist ziemlich viel Platz da. Und bevor die Räume leer stehen, benutzen wir diese eben. So wohnen und arbeiten wir zu fünft auf gut 300qm. Dazu leben noch 3 weitere Familien in Mietwohnungen auf dem Gelände.

Wo habt ihr denn vorher gewohnt und wie kamt ihr zu dem Entschluss, aufs Land zu ziehen? Habt ihr damit einen großen Wunsch realisiert oder war es vielleicht eher Kompromiss?

Mein Mann ist schon auf einem (richtigen) Bauernhof aufgewachsen, ich ländlich in einem Einfamilienhaus mit großem Garten. Dann haben wir beide in Studentenwohnungen in Essen und München gewohnt (28 qm für zwei Personen über drei Jahre). Als sich der Nachwuchs ankündigte, bot es sich an, den Hof aus Familienbesitz hier zu übernehmen. Eine Stadt kam für uns mit den Kindern nicht in Frage, wir brauchen Platz um uns herum. Daher sind wir dann auch gerne hier geblieben.

Alter Bauernhof – das klingt für mich ja verdächtig nach „Fass ohne Boden“. Wie ist es mit der Instandhaltung, usw.? Und wie finanziert ihr das Ganze bzw. sichert alles ab?

Altes Militärgelände ist mindestens genau so „schlimm“. Die Gebäude und die Technik sind alle von 1989 – 92, in den letzten Jahren fing es mit den ersten großen Sanierungen an. Wir haben die Heizungsanlage komplett erneuert, die Bäder müssen jetzt nach und nach erneuert werden, teilweise haben wir in den Wohnungen die Räume neu geordnet. Die Dächer halten zum Glück noch einiges aus, da kommt es uns zugute, dass die US Army hier wirklich ordentlich gebaut hat.

Die Anlage trägt sich durch die Mieten und den Reiterbetrieb in etwa selber. Absichern tun wir das ganze durch einen Bausparvertrag, der zuteilungsreif sein sollte, wenn die Zinsbindung abläuft, und über Risikolebensversicherungen falls einem von uns etwas passieren sollte.

Die Sanierungen versuchen wir mit KfW-Fördermitteln abzudecken, da sind die Zinsen und bis zu 12,5% Tilgungszuschuss die Mehrinvestition durchaus wert. Auch die BAFA oder progress.NRW haben immer wieder Fördertöpfe, die wir versuchen zu erwischen. Für nächstes Jahr ist eine Photovoltaikanlage geplant, um hier für alle sauberen und günstigeren Strom zu produzieren.

300qm Wohnraum + Garten sind eine ziemliche Verantwortung. Was sind eure Pläne für später, wenn die Kinder groß sind und ihr alt werdet?

Wir genießen den Freiraum hier sehr und würden uns wünschen, dass wir im Alter auf jeden Fall hier sein dürfen. Ob es allerdings zu Besuch oder dauerhaft sein wird, wissen wir noch nicht. Hier ist alles ebenerdig, sodass wir keine Umbauten machen müssten, aber ohne Auto kämen wir nirgends hin. Da wird unser Gesundheitszustand leider mitentscheiden.

Für das Gelände verantwortlich sein wollen wir eher nicht. Unsere Kinder sind noch zu klein, daher können wir nicht sagen, ob sich eins von den dreien hier etwas aufbauen möchte. Sollte das so sein, freuen wir uns. Ansonsten könnten wir uns vorstellen hier alles zurückzubauen und einfach ein kleines Häuschen in der westfälischen Bucht zu haben. Wir könnten uns aber auch vorstellen, eine kleine Stadtwohnung in Münster oder Essen zu beziehen. Auf jeden Fall haben wir uns versprochen, unsere Wohnsituation immer wieder neu bewerten zu dürfen. Das beinhaltet z.B. auch einen möglichen Auslandsaufenthalt oder einen Jobwechsel.

Eine eigene Immobilie ist für dich also nicht unbedingt eine emotionale Angelegenheit, sondern auch eine pragmatische Investition? Was rätst du anderen Familien, wie sie mit dem Wunsch nach einem eigenen Haus umgehen sollten?

Ja, Immobilien binden einfach sehr viel Geld. Da sollte man auch mal pragmatisch drüber nachdenken. Zuerst würde ich herausfinden, ob ich überhaupt der Typ für Eigentum bin: Mach ich Dinge gerne selber? Möchte ich selber am Gebäude gestalten? Bin ich bereit, auch große Summen im Laufe des Wohnens zu investieren? Habe ich Angst vor großer finanzieller Verpflichtung? Löst der Gedanke immer am gleichen Ort zu sein Freude oder Beklemmung aus?

Dann muss ich natürlich schauen, was mein finanzielles Budget hergibt. Neben den Finanzierungskosten sollte man auch an Rücklagen denken. Beim Kauf einer gebrauchten Immobilie muss man sich sehr genau anschauen, wie gut die Bausubstanz ist. Hat man davon wenig Ahnung, lohnt sich die Beauftragung eines Bausachverständingen. Diese stehen bei den Architekten- und Ingenieurkammern der jeweiligen Bundesländer auf speziellen Listen, die online abgefragt werden können. Letztlich muss man bewerten, wie hoch die Lebensdauer eines Bauteils ist, und wie teuer voraussichtlich die Instandsetzung wird. Innerhalb der ersten 10 Jahre passiert meistens nichts, danach kann man sich an Tabellen gut orientieren (z.B. vom BBSR).

Kritisch, weil schwierig vorherzusehen, sind natürlich immer mechanische Komponenten wie Heizung, Wasserverteilung, etc. Auch dafür sollten Instandhaltungsrücklagen gebildet werden. Sonst steht man irgendwann im Winter ohne Geld vor einer kaputten Heizung. Bei Eigentumswohnungen werden die Rücklagen übrigens über das Hausgeld und die Eigentümerversammlung gebildet.

Möchte man neu bauen, hat man natürlich vieles selber in der Hand. Möchte ich eine günstigere Putzfassade, die ich regelmäßig streichen sollte – oder lieber den teureren Klinker, der auch in 200 Jahren noch gut aussieht? Baue ich flexibel, um mehrere Lebensabschnitte wohnen zu können, also barrierefrei, rückbaubar, erweiterbar auf 2 kleinere Wohneinheiten, etc.? Baue ich nachhaltig, vielleicht passiv oder autark?

Jetzt muss ich noch mit der beruflichen Keule kommen: Bitte lasst euch möglichst neutral beraten. Jemand, der sein Produkt verkaufen will, geht nicht unbedingt neutral auf eure Bedürfnisse ein . Eine individuelle Planung durch eine*n Architekt*in, Bauingenieur*in oder regionale*n Bauunternehmer*in kostet anfänglich manchmal etwas mehr, dafür können alle Entscheidungen individuell an euch angepasst werden, sodass unterm Strich wieder gespart werden kann. Seid mündige Bauherren! In meinem Blog versuche ich genau das zu vermitteln und kläre über gängige Bau-Mythen auf.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, wie sich die Wohnsituation in Deutschland entwickeln sollte, was wäre das?

Wegfall der Grunderwerbssteuer, damit die Kosten für den Kauf von Grundstück und Immobilien geringer werden (und so der Immobilienmarkt etwas dynamischer wird).

Und zum Abschluss: Stell dir vor, eine andere Familie träumt von genau so einer Wohnsituation, wie ihr sie derzeit lebt. Was würdest du sagen: „Jo, sofort machen!“ oder „Denkt lieber noch mal drüber nach“?

Jo, sofort machen! (Aber packt euch Gummistiefel und Arbeitshandschuhe ein!)

Vielen Dank, liebe Sarah, für die spannenden Einblicke in euer Leben und für die Insights aus Perspektive einer Bauingenieurin! Falls ihr mal professionelle Unterstützung braucht, könnt ihr euch sicher auch an Sarah wenden. Sie unterstützt (zukünftige) Bauherren und -damen bei der Gebäudeplanung, hilft euch z.B. in Sachen Fördermöglichkeiten oder Energieeffizienz.

Von dem, was ich bei Freunden so mitgekriegt habe, kann ich nur sagen: Es lohnt sich absolut, bei Hauskauf, Sanierungs- und Renovierungsarbeiten einen Profi ins Boot zu holen – so jemanden wie Sarah eben! Ihr Ingenieurbüro sitzt in Westfalen, im nord-östlichen NRW. Und wenn das für euch zu weit weg ist, bleibt euch immer noch ihr Blog: blog.kosmann-ingenieure.de

Und noch eine kleine Notiz für alle, die sich ebenfalls bei mir für ein Interview gemeldet haben: Ganz lieben Dank für euer Interesse! Ich habe euch alle in eine Liste geschrieben, die ich nach und nach abarbeite. Es kann also etwas dauern, bis ich mich bei euch melde. Wenn ihr irgendwann doch das Gefühl habt, dass ich euch vergessen habe, schreibt mich gerne noch mal an. 😉

Teilen
Facebooktwittergoogle_plusmailFacebooktwittergoogle_plusmail
Passend dazu

Ein Kommentar zu „Wohn(t)räume mit Sarah: Wohnen auf einem alten Militärgelände

  1. Die geplante Interview-Reihe von Dir finde ich eine tolle Idee. Ich bin schon auf die weiteren Interviews gespannt. Tatsächlich war es unserer Traum als junge Familie auf einem Bauernhof zu leben, wo die Kinder wild umhertollen können und in der „Natur“ groß werden. Die Sorge, das solche Projekte der finanzielle Super-Gau sind, hat uns bisher immer ausgebremst. @Sarah: Vielen Dank für die Einblicke und die Tipps.

Schreibe einen Kommentar

Datenschutzhinweise: Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht und du kannst Pseudonyme oder anonyme Angaben nutzen. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Deine Kommentarangaben werden zur Spamprüfung an die Wordpress-Entwickler Auttomatic, USA und deine E-Mail-Adresse an den Auttomatic-Dienst Gravatar übermittelt, um das ggf. von dir dort gespeicherte Profilbild zu verwenden. Mehr Details zur Verarbeitung deiner Daten und den Widerrufsmöglichkeiten liest du in meiner Datenschutzerklärung.