Warum gemäßigte Gewässer stürmisch sind

Als ich 16 war, wollte ich gerne Dreadlocks haben. Nein, kein Arschgeweih, auch kein Zungenpiercing, bloß langweilige Dreadlocks, die man in nullkommanix auch wieder hätte abschneiden können, sobald sie nicht mehr gefielen. Meine Mama sagte trotzdem nein. Sie fand Dreadlocks nicht so besonders, mochte meine langen roten Haare doch so gerne, ob ich die etwa so oll verfilzen lassen wollte? Och naja, irgendwie vielleicht doch nicht.

Ich kürze ab: Dreadlocks hatte ich nie. Ehrlich gesagt hätten die vielleicht auch gar nicht so gut zu mir gepasst. Denn nur weil man drei Die-Ärzte-Alben besitzt ist man ja nicht gleich Punk, ne? Ihr versteht. Tatsächlich ist es bis heute so, dass ich nicht unbedingt zu Extremen tendiere. In meinen Meinungen und Ansichten pendle ich mich oft irgendwo in der Mitte ein. Politisch nicht, da denke ich ziemlich links, aber auch da eben nicht links-extrem.

Extreme schrecken mich meist eher ab, das ist auch in allen Bereichen so, die den Umgang mit oder die Erziehung von Kindern betreffen. Eltern, die ihren Kindern im besten Kasernenton alles vorschreiben oder verbieten? Finde ich scheiße! Eltern, die sich ihrerseits im Kasernenton von ihren Kindern anschreien lassen? Finde ich mindestens bedenklich. Eltern, die strengere Regeln aufstellen als jede JVA? Finde ich unnötig. Eltern, die ihre Kinder alles selbst entscheiden lassen? Finde ich fahrlässig.

Erziehung? Für mich bitte keine Extreme

Bei Erziehungsdingen sehe ich mich immer irgendwo in der Mitte: Ich will meinen Kindern Halt geben, für Struktur sorgen und ihnen einen Sinn für Werte und Regeln vermitteln. Jedoch ohne sie zu bevormunden, ihre persönlichen Grenzen zu überschreiten oder ihr individuelles Temperament nicht genügend zu respektieren.

Genauso halte ich es mit den meisten anderen Dingen, zu denen man sich als Eltern so bekennen oder von denen man sich abwenden kann: Ich bin ein Mittelkind. Tragen oder Kinderwagen? Ich mag beides! Stillen oder Flasche? Ich habe die Vorteile von beidem genossen und geschätzt! Kaiserschnitt oder Hausgeburt? Ich respektiere alle Gründe für diese oder jene Art der Geburt.

Ich werde angegriffen – von links und von rechts außen

Nun würde man eigentlich denken: Mit der Mitte kann ich ja eigentlich nicht so viel falsch machen. Und schon gar nicht würde man denken, dass ich mich damit angreifbar machen könnte. Tja, falsch gedacht: Das Internet macht’s möglich! Ich muss zugeben, dass ich selbst erstaunt war, als ich das Phänomen erkannt hatte, nach dem meine Blogartikel und Meinungen immer wieder angegriffen werden: Ich mache mich nämlich offenbar genau dadurch angreifbar, DASS ich gemäßigte Ansichten vertrete.

Das Witzige daran ist, dass ich es mir durch meinen durchschnittlichen Standpunkt oft direkt mit zwei Seiten verscherze. Und zwar mit zwei Seiten, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Wollt ihr ein Beispiel? Zu meinem letzten Artikel zum Langzeit- vs. Kurzzeitstillen handelte ich mir besonders lustige Kritik ein: Eine Leserin ärgerte sich darüber, dass ich scheinbar sieben Monate Stillen als kurze Stilldauer interpretiert hätte. Eine andere merkte kritisch an, dass 13 Monate doch sicher noch kein Langzeitstillen sei. Ich musste wirklich lachen, als ich die beiden Kommentare kurz hintereinander las.

Die extremen Seiten kämpfen mit harten Bandagen

Bei manch anderen Kommentaren im Blog oder Auseinandersetzung in den sozialen Netzwerken ist mir je nach Tagesform das Lachen mittlerweile vergangen oder aber es bricht besonders laut hervor. Gerade in Erziehungsfragen wird nämlich von beiden Seiten mit harten Bandagen gekämpft: Da wirft mir die judäische Volksfront vor, ich würde mein Kind mit meinen Regeln und Strukturen noch völlig kaputt machen – und überhaupt sei ich ja einfach eine faule/egoistische/rücksichtslose Un-Mutter, die das Prinzip „bedürfnisorientiert“ aber mal sowas von gar nicht kapiert haben kann!

Quasi gleichzeitig habe ich aber die Volksfront von Judäa am Hals, die mich hinterrücks anfällt, und zwar von der völlig entgegengesetzten Richtung: Schließlich sei ich ja eine derartige Larifari-Mutter, deren arme Kinder völlig ohne Regeln und Strukturen aufwachsen müssten, dass ich mich mal nicht wundern solle, wenn „mein Kind mit 12 mit dem Rauchen anfängt, nur um mich zu provozieren und mit 13 seine Klassenkameraden verprügelt“ (Ja, das habe ich tatsächlich genau so aus einem Blogkommentar zitiert. Die jüngsten Kommentare derselben Person, die allerdings bereits mit vier verschiedenen E-Mail-Adressen auf meinem Blog kommentiert hat, habe ich mir erlaubt, in den Spam-Ordner zu schieben. Es wurde mir schlicht zu blöd).

Besonders schlimm wurde es natürlich beim Reiz-Thema Impfen: Da habe ich es mir gleichermaßen mit Impf-Befürwortern und Impfgegnern verscherzt. Denn als Mutter, die unbedingt gegen bestimmte Krankheiten impfen lassen will, aber bitte nicht zu früh und auch nicht blind nach STIKO, mache ich mich verdammt angreifbar. Gerade beim Impfen gibt es ja scheinbar nur zwei Extrem-Meinungen: Entweder alles und zwar sofort oder nichts und das bitte nie.

Gemäßigte Gewässer sind manchmal besonders stürmisch

Natürlich versteht ihr längst die Ironie an der Sache. Gemäßigte Gewässer scheinen auf eine verquere Art dann eben doch wieder besonders stürmisch zu sein. Mit meiner mittleren Meinung gehöre ich zu keiner so richtig klar zu umreißenden Gruppe dazu. Ich habe quasi keine Clique, ich befinde mich zwar auf einem großen Feld und gemeinsam mit mir stehen viele andere Familien rund um den Mittelkreis: Familien, die ihren eigenen Weg zu finden versuchen. Familien, die Kinder unterschiedlichen Temperaments haben und Eltern mit eigenen Bedürfnissen. Familien, die sich ihre eigenen Erziehungsgrundsätze aus vielleicht 100 verschiedenen Ratgebern suchen und sich das rauspicken, was zu ihnen passt.

Aber gerade weil diese Familien ihren ganz individuellen Weg finden wollen, stehen sie letztlich auch in der Masse irgendwie einsam da. Manchmal denke ich, wie leicht ich es haben könnte, wenn ich sagen würde: Primchen, dann leben wir eben ab jetzt „unerzogen“. Oder auch: Tiptop, ab morgen werden hier strengere Saiten aufgezogen! Letztlich würde aber nichts von beidem zu mir, zu uns passen. Und unter uns gesagt: Ich würde mich auch in diesen extremen (Online-) Communities kein bisschen wohl fühlen: Zu eindimensional, zu intolerant, zu unflexibel kommen die mir vor. Da mache ich es mir lieber in meiner unbequemen Mitte bequem.

Immerhin in einem Punkt unterscheide ich mich nämlich von meinem 16-jährigen Ich: „OK Mama, dann eben keine Dreadlocks“ würde ich heute nicht mehr sagen. Weil ich es mir nämlich gar nicht immer besonders leicht machen will. Denn so ein bisschen Herausforderung darf ein Mutterleben schon haben.

Und zum Schluss: Ein dicker Kuss an alle meine „mittelmäßigen“ Leser*innen!

Aber was beschwere ich mich eigentlich? Ich habe dazu doch gar keinen Grund und dieser Text ist auch nicht als Klagelied gedacht. Denn klar ist es doof, dass die von Links- und Rechtsaußen immer besonders laut brüllen und damit den großen Rest ziemlich oft zu übertönen scheinen. Das ändert aber nichts daran, dass wir viele sind! Wir, ihr und ich, die wir täglich versuchen, den Überblick in diesem Chaos zu behalten, das sich Familie nennt. Die wir unsere eigenen Wege gehen und uns darin unterstützen.

Ich danke euch allen für eure Mittelmäßigkeit, dafür dass ihr mich und euch gegenseitig darin bestärkt, auch weiterhin den individuell richtigen Mittelweg zu gehen und dass ihr meine Texte lest und mit so viel Respekt und Verständnis kommentiert. Ihr seid super!

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8 Kommentare zu „Warum gemäßigte Gewässer stürmisch sind

  1. Ich glaube, die gemässigten sind deutlich in der Überzahl, haben aber ein wesentlich geringeres Sendungsbewusstsein. Deshalb scheinen die Extremen im Netz so viele… Ist ähnlich wie mit Rechtspopulisten, die dadurch den Diskurs übernehmen, hauptsächlich qua Internet. Genau deshalb sind Blogs wie deine so wichtig. Nicht ärgern lassen!

  2. Michelle

    Nach dem Mittagessenchaos beseitigen, gerade ne Viertelstunde auf dem Sofagesessen und angefangen deinen Artikel zu lesen, als das Babyfon sich meldete. Hmpf! Aber tadaaaa, habe den Mittagschlaf etwas verlängern können und so deinen schönen mittelmäßigen Artikel fertig lesen können 🙂

  3. Man spricht nicht umsonst von der „gesunden“ Mitte. Ich find´s gut und finde mich darin wieder.

  4. Christina

    Mal wieder ein toller Text mit so viel Inhalt. Ich habe in vielen Dingen eine klare Meinung, dennoch aber irgendwie oft mittelmäßig. Flasche und Stillen / Trage und Kinderwagen / ein paar Regeln, aber lieber eine ‚Ja-Umgebung‘ schaffen, als so oft nein sagen zu müssen / bei uns gibts Bio-Essen, woanders halt nicht / ich versuche so viel wie möglich ruhig und gelassen zu bleiben, habe aber leider auch Momente in denen ich fuchsig und laut werde / …
    Wie schön sich mal irgendwo wieder zu finden. Wir sind grad umgezogen und hier habe ich noch nicht so viele neue Mamas kennen gelernt, weil ich auch oft anecke mit meiner weder krass hier, noch krass da Haltung… 🤷🏼‍♀️

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