Von „schwierigen Kindern“ | Aus dem Leben: Die erstaunliche Beobachtungsgabe eines gefühlsstarken Kindes

Aktuell ist mein „schwieriges Kind“ mal wieder schwierig. So schwierig, dass sogar der Liebste schon mal an seine Grenzen kommt, zurück brüllt, weg gehen muss, sich wahnsinnig ärgert – über dieses Kind, dass uns Eltern tagäglich als Punchingball benutzt und damit dauernd unsere Grenzen übertritt. Aber mein geliebter Gatte ärgert sich vor allem über sich selbst, dass er schon wieder nicht ruhig bleiben konnte, die Gefühle des Kindes nicht richtig annehmen und in positivere umlenken konnte. Aber so ist es. Das Leben mit unserem Kind ist ein täglicher Drahtseilakt und wir sind auch nur Menschen. Klar, dass es da im Moment häufig knallt. Umso wichtiger, den Ärger nicht Überhand nehmen zu lassen und sich stattdessen auch immer mal wieder die positiven Seiten klar zu machen!

Gefühlsstarke Kinder sind extrem: in den gefühlt negativen, aber auch in den positiven Eigenschaften. Mein Kind ärgert sich nicht nur überdurchschnittlich stark über diverse Dinge, sondern kann sich auch mit einer Intensität freuen, die ich von anderen Kindern kaum kennen. Seine Energie und Lautstärke treiben uns oft in den Wahnsinn, gleichzeitig bewundern wir diese Kraft an ihm. Manchmal habe ich das Gefühl, emotional gerade mit einem Zweijährigen zu tun zu haben, und dann verblüfft mich mein Sohn mit Rechenaufgaben, die so manchen Grundschüler überfordern würden (er spricht Rechenaufgaben nicht nur nach, sondern hat tatsächlich schon das Prinzip von Addition, Subtraktion, Multiplikation und sogar Division verstanden und wendet es zum Spaß an – mit nicht mal 5 Jahren).

Erst mal nur gucken

Mein Kind wandelt zwischen den Extremen, so viel ist mittlerweile klar. Und glücklicherweise sind nicht alle diese Extreme laut, wild oder anstrengend. Auf eine Eigenschaft, die das Hübchen unter anderem ganz besonders ausmacht, will ich in diesem Text besonders eingehen, und das ist sein unglaubliches Talent zur Beobachtung. Denn auch wenn er Zuhause oft sehr laut und wild ist – in vielen anderen Situationen ist er das dann wieder gar nicht. Sein gefühlsstarkes Wesen ist oft von äußeren Reizen überfordert – und die kanalisiert er oft schon prima selbst, indem er sich ein bisschen zurückzieht und einfach nur beobachtet.

Das zeigt sich z.B. darin, dass wir Anfang 2017, damals war er dreieinhalb, viel Zeit damit verbracht haben, auf seinem Lieblingsspielplatz anderen Kindern beim Rutschen zuzugucken. Meistens saß ich auf einer Bank, das Hübchen stand vor mir und wir beide starrten einfach nur die Rutsche an. Das ging so den kompletten Frühling über. Bis er im Sommer endlich so weit war und sich selbst traute, die lange Röhrenrutsche runter zu rutschen. Als wäre das nie ein Problem gewesen.

Am wichtigsten ist: Bloß keinen Druck machen!

Ganz genauso ist es in anderen öffentlichen Situationen, die ihn offenbar überfordern. Egal ob auf Kinderfesten, Geburtstagen, Kita-Veranstaltungen: Diese ganzen tollen Angebote für Kinder werden wohl noch eine Weile ohne das Hübchen stattfinden. Dosen werfen, Glücksrad drehen, heißer Draht? Das Hübchen guckt lieber zu und freut sich, wenn andere bei diesen Spiel Erfolge feiern. Die übliche Reaktion anderer Leute ist dann immer, ihn überreden zu wollen, doch auch mitzumachen – es macht doch so viel Spaß. Wir wissen aber: Jegliche Überredungskunst nutzt bei unserem Kind nicht!

Denn das wichtigste ist immer: Bloß kein Druck! Denn wenn man ihm so kommt, macht er völlig zu und mag auch nicht mehr Zugucken. Dann gibt es Wut, Ärger und Verzweiflung. Lassen wir ihn jedoch in Ruhe zugucken, überrascht er uns manchmal damit, dass er doch plötzlich Lust hat, mitzumachen. Und dann macht er es eigentlich immer sofort verdammt gut. Weil er vom Beobachten schon sehr gut gelernt hat. Und vor allem, weil seine Konzentration immer stimmt, die ist nämlich wirklich beneidenswert.

Mein kleiner Imitations-Künstler

Seine erstaunliche Beobachtungsgabe zeigt sich manchmal auch auf besonders witzige Weise. Eine unserer liebsten Anekdoten ist, wie das Hübchen in der Wintersport-Saison selbst zum absoluten Multitalent in den diversesten Disziplinen wird. In unserer Familie sind wir nämlich alle große passive Wintersportfans und bei uns läuft in der Saison dann meist der Fernseher (ebenso wie während jeglicher anderer Sportevents wie Fußball-WMs, Leichtathletik-EMs oder Olympia). Das Hübchen guckt sich also alle Sportarten ganz genau an – und ahmt sie dann in einer Detailgetreue nach, die uns die Tränen in die Augen treibt vor Lachen.

Bevor ich meinen Sohn bei seiner Imitation der verschiedenen Wintersportarten beobachtet habe, war mir gar nicht klar, welche witzigen Bewegungen ein Skispringer macht, bevor er die Rampe runterfährt. Oder wie speziell die Lauftechnik einer Eisschnellläuferin ist. Oder wie skurril die Anlauftechnik beim Bobfahren aussieht. Wir beömmeln uns immer köstlich über die komödiantischen Einlagen unseres Vierjährigen – die dieser natürlich total ernst meint, klar, ist ja schließlich Sport.

Das Kind ist so weit, wenn das Kind so weit ist

Die Idee, ihn auch in einem aktiven Sportverein anzumelden, haben wir indes erst mal wieder begraben. Nach einigen Probestunden bei den Bambinis im Fußballverein wurde schnell klar: Das ist jetzt noch nichts. Mit den Zwängen, die so ein Vereinsleben mit sich bringt, kann das Hübchen einfach noch nichts anfangen. Zwar waren die Trainer toll und haben kaum Druck ausgeübt. Aber wenn das Kind die Hälfte der Zeit am Rand steht, weil es die Trainingsübungen nicht mitmachen will, hat das Ganze wenig Sinn.

Ich bin mir aber sicher, dass die Zeit es bringen wird. Denn wenn mein Sohn mich eins gelehrt hat, dann ist es: Geduld haben, keinen Druck machen und ihm Zeit und Raum für seine Entwicklung zu geben. Ich war noch nie eine Mutter, die auf dem Klettergerüst hinter ihrem eigentlich noch viel zu ängstlichen Kind her geturnt ist. Und das hätte das Hübchen auch gar nicht akzeptiert. Er will nicht, dass man ihm hilft. Er wartet einfach so lange, bis er sich selbst traut.

Denn an Selbstbewusstsein fehlt es ihm zum Glück nicht! Mein Kind kommuniziert klar und deutlich, wenn es etwas jetzt (noch) nicht will. Und seinen Willen da zu ignorieren, ihn zu drängen und in eine andere Form quetschen zu wollen, würde jegliche seiner Grenzen überschreiten. Zum Glück haben wir Eltern schnell begriffen, dass das ohnehin nichts bringen würde. Das Hübchen entscheidet, wann er für dieses oder jenes bereit ist. Und wir können nur versuchen, ihm immer wieder das nötige Vertrauen und die Fähigkeiten zu vermitteln, es bald alleine oder auch mit unserer Unterstützung zu schaffen.

Sich von den eigenen Idealvorstellungen verabschieden

Klingt gar nicht so schwer, oder? Ist es natürlich manchmal doch. Die Blicke der Anderen sind manchmal nervig: Warum sträubt sich das Kind so? Warum steht es wieder nur am Rand? Und auch von den eigenen Idealvorstellungen müssen wir uns teils verabschieden: Klar hätte der Liebste es toll gefunden, wenn sein Sohn schon jetzt erste Fußballvereinsluft hätte schnuppern wollen. Aber wir sind wir und das Kind ist das Kind. Und unsere eigenen Vorstellungen eins zu eins auf unseren Sohn zu übertragen, wäre erstens übergriffig und zweitens wenig zielführend.

Denn neben seiner starken Beobachtungsgabe ist die herausstechendste Eigenschaft vermutlich diese hier: Seine exorbitante Beharrlichkeit! Wenn das Kind was nicht will, dann will es eben nicht! OK, mein Hübchen, lesson learned. Und jetzt mach mal bitte den Skispringer für mich, damit ich was zu lachen hab!

Alle Blogartikel zum Thema „gefühlsstarkes Kind“ findet ihr unter dem entsprechenden Schlagwort!

Teilen
Facebooktwittergoogle_plusmailFacebooktwittergoogle_plusmail
Passend dazu

Ein Kommentar zu „Von „schwierigen Kindern“ | Aus dem Leben: Die erstaunliche Beobachtungsgabe eines gefühlsstarken Kindes

  1. Andrea

    Das ist so toll, beschreibt EXAKT meinen jetzt 6-jährigen. Von Laufen lernen bis Spielplatzsituationen – beobachten gerne mit halb offenem Mund, so dass andere das Kind für leicht dämlich halten, und drei Tage später erzählt er dann welche Farbe die Schuhe von welchem Kind hatten und wer auf welchem Arm ein Muttermal. Von Kinderfest und Matheverständnis bis Wintersportimitation. Er ist schon als 2-jähriger mit Skibrille und Essstäbchen als Skispringer vom Sofa gehüpft. Und sein Eistanz (er war bis ca 3 seeehr kugelig) ist hier unvergessen.

Schreibe einen Kommentar

Datenschutzhinweise: Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht und du kannst Pseudonyme oder anonyme Angaben nutzen. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Deine Kommentarangaben werden zur Spamprüfung an die Wordpress-Entwickler Auttomatic, USA und deine E-Mail-Adresse an den Auttomatic-Dienst Gravatar übermittelt, um das ggf. von dir dort gespeicherte Profilbild zu verwenden. Mehr Details zur Verarbeitung deiner Daten und den Widerrufsmöglichkeiten liest du in meiner Datenschutzerklärung.