Von „schwierigen“ Kindern | Aus dem Leben: Ambivalente Gefühle annehmen und aushalten

Theorie ist gut – Praxis ist besser! In meiner Reihe zum „schwierigen Kind“ versuche ich zwar, beides zusammenzubringen. Trotzdem gibt es in unserem Familienleben immer wieder Situationen, in denen ich denke: „Ey, darüber müsstest du bloggen! Das kennen deine Leser*innen bestimmt auch!“. Und deswegen tue ich das jetzt einfach. Unter dem Untertitel „Aus dem Leben“ füge ich meiner Reihe nun quasi eine zweite Ebene hinzu: Hier möchte ich von den ganz konkreten Herausforderungen im Leben mit einem gefühlsstarken Kind berichten. Denn ihr könnt euch vorstellen: An praktischen Erfahrungen mangelt es uns wahrlich nicht. 😉 

Das Leben mit einem intensiven, temperamentvollen Kind ist, verzeiht mir den plumpen Vergleich, wie eine ziemlich turbulente Achterbahnfahrt. Mal geht es steil bergauf, dann wieder steil bergab und in jedem Fall wird man mehrmals täglich gründlich durchgeschüttelt. Der eigene Mut, die eigene Ausdauer werden ganz schön auf die Probe gestellt und in jedem Fall gibt es immer eine ordentliche Dosis Adrenalin.

Das kann schön sein – und sehr, sehr anstrengend. Denn die Gefühle kippen schnell, von überglücklich zu tieftraurig, von hoher Motivation zu völliger Ablehnung, von neugierig-interessiert zu nölig-nervend, von hochkonzentriert zu schnell abgelenkt. Oft enthält ein einziger Tag viele dieser sehr verschiedenen Komponenten. Auf einen nervenzehrenden Morgen mit ganz viel schlechter Laune, Gezeter und ersten Streitereien kann ein wunderbar entspannter Nachmittag folgen. Oder andersrum kann ein Tag super starten und in völliger Verzweiflung enden. Und manchmal wechseln die Gefühlslagen meines Kindes auch gefühlt im 5-Minuten-Takt.

Ich glaub, ich bin im falschen Film!

Damit habe ich gelernt zu leben. Was mich aber immer noch ziemlich fertig macht, ist, wenn eine Negativ-Phase anhält. So wie gegen Ende des letzten Jahres, als ich irgendwann einfach dachte, ich wäre im falschen Film:

„Ist das hier eigentlich noch mein Leben? Und warum zum Teufel muss ich dieses Scheiß-Leben eigentlich führen? Ja, das klingt hart. Oder eher, das klingt nicht nur hart, das ist verdammt hart. Aber es ist eben leider auch verdammt wahr.“

Das war im Dezember 2017, und auch wenn ich in der Zwischenzeit viele großartige Erkenntnisse hatte und heute viel besser mit dem besonderen Temperament meines Kindes umgehen kann – auch jetzt gibt es immer noch diese Momente, in denen ich einfach nur laut „Scheiße!“ schreien will. Äh, ja, und in denen ich das ganz eventuell sogar mal aus Versehen tue.

Wenn die schlechte Laune anhält

So wie vor ein paar Wochen, als der Liebste ein langes Wochenende mit seinen Freunden weggefahren ist und ich mit beiden Kindern alleine war. Pünktlich zu diesen vier Tagen hatte auch das Hübchen mal wieder seine allerbeste Laune ausgepackt. Nicht. Denn kurz gesagt: Es war die Hölle! Dieses lange Wochenende hätte mich fast in den Wahnsinn getrieben, weil ich der Dauernörgelei eines niemals zufriedenen Vierjährigen ausgesetzt war.

Egal, was ich machte, egal wie sehr ich mich auch bemühte: Alles war falsch! Das arme Kind fühlte sich stets schlecht behandelt, benachteiligt, kooperierte nicht mal bei den alltäglichsten Dingen, ließ seine schlechte Laune sogar an der kleinen Schwester aus (das macht er sonst nie!) und war ganz allgemein zu nichts zu begeistern. Obwohl wir viele schöne Dinge unternahmen, Freunde trafen, leckere Sachen aßen und ich mich wirklich anstrengte, war mein Kind absolut ungenießbar.

Als der Liebste am Sonntag nach Hause kam, wäre dann eigentlich ich reif für Urlaub gewesen. Und als beide Kinder abends schlafend im Bett lagen, musste der ganze Frust erst mal raus: Dieses Kind ist eine Zumutung! Ich habe überhaupt keine Lust auch nur noch einen einzigen weiteren Tag mit diesem Jungen zu verbringen! Ich verstehe nicht, wie man nur immer so unzufrieden sein kann! Diese ewige Nörgelei ist nicht auszuhalten!

Akute Gefühlslage: Ich kann mein eigenes Kind nicht leiden!

Ganz ehrlich: Es fühlte sich so an, als könnte ich mein eigenes Kind überhaupt nicht mehr leiden. Der Liebste hört in solchen Situationen zu, er nickt, er hat Verständnis. Er kennt das schließlich auch, wenn auch vielleicht nicht in ganz so intensiver Form wie ich, die ich selbst ein sehr sensibles Gemüt habe. Aber es ist einfach so, dass dieser unser Sohn uns mit seinen extrem starken Gefühlen und seiner Unangepasstheit oft in den Wahnsinn treibt – vor allem, wenn diese Episoden mehrere Tage oder gar Wochen am Stück anhalten.

Für mich ist das immer noch so unendlich schwer. Es gibt nämlich wirklich Momente, in denen denke ich, die Mutterliebe ist weg. Dieses Gefühl, das doch angeblich das selbstverständlichste dieser Welt sein soll, es ist tatsächlich anfällig für Störungen. Unter Dauerbeschuss knickt es ein, wird ganz klein, verschwindet fast völlig und weicht einer Stimmung, in der ich am liebsten meinen Koffer packen und mich einfach verpissen würde. In ein Leben ohne Kind, in eine Welt, in der wieder ich allein das Sagen habe, selbstbestimmt und unabhängig – ganz ohne die Problematik, tausende Male am Tag auf den Kooperationsgeist eines Vierjährigen hoffen, oder daran verzweifeln zu müssen.

Ambivalente Gefühle aushalten

Letztlich mache ich das natürlich nie, denn es gibt ein wunderbar wirksames Gegenmittel: Erst ordentlich schimpfen und Lob vom Ehemann abholen, dafür, immerhin durchgehalten zu haben und eben nicht abgehauen zu sein. Und dann ins Kinderzimmer gehen, das friedlich schlafende Kind betrachten, einen Kuss auf diese ganz besonders platte Nase geben und plötzlich wie von Wunderhand von diesem einzigartigen Gefühl überschwemmt werden: Der Mutterliebe!

„Du bist gut, genauso wie du bist“, flüstere ich dem Hübchen zu, der das vielleicht gar nicht hört, vielleicht aber auch in seine Träume einbaut, wer weiß? Diese ambivalenten Gefühle auszuhalten, diesen krassen Gegensatz von „Ich ertrage dieses Kind nicht mehr!“, zu „Ich liebe dieses Kind so sehr!“ – das ist vermutlich eine Aufgabe, die mein Mutterleben andauern und niemals einfacher werden wird.

Mein wunderbarer Sohn

Auf solch garstige Phasen wie die eben beschriebene folgen nämlich oft Tage, oder mit viel Glück auch mal Wochen, in denen ich der völligen Überzeugung bin, den süßesten, klügsten, hübschesten und überhaupt wunderbarsten Sohn der ganzen Welt zu haben. Das starke Gefühlsleben des Hübchens sorgt ja nun mal auch dafür, dass er ganz besonders viele positive Eigenschaften mitbringt.

Ich kenne kaum ein Kind in seinem Alter, das sich so konzentriert und ausdauernd mit bestimmten Dingen beschäftigen kann. Er spielt mit so viel Fantasie, sei es allein oder mit Freunden. Er bringt sich selbst das Schreiben bei, zählt aus reinem Vergnügen bis Hundert, rechnet aus Spaß erste Rechenaufgaben. Er hat Energie für zwei, klettert, hangelt und springt aus Höhen herunter, bei denen mir schon vom Zusehen Angst und Bange wird.

Starke Gefühle beim Kind – starke Gefühle bei der Mutter

Es gibt Tage oder Wochen, in denen ich mein Kind bewundere, in denen ich besonders glücklich bin, genau dieses Kind zu haben. Und dann kommen wieder schwierige Phasen und ich frage mich, ob nicht ein schönes, langweiliges Mittelmaß viel erquicklicher wäre. Weniger anstrengend wäre es auf jeden Fall, denn dass mein Sohn so starke und teils extrem widersprüchliche Gefühle hat, spiegelt sich eben oft auch in meinen Gefühlen zu bzw. für ihn wieder.

Und das ist erstens furchtbar für mich und zweitens, was noch viel wichtiger ist, ja angeblich gar nicht gut fürs Kind! Bedingungslos lieben sollen wir unsere Kinder schließlich! Unsere Liebe soll nämlich natürlich nicht ans „gute Benehmen“ unserer Kinder geknüpft sein. Jede*r von uns kennt mittlerweile den schlauen Spruch, der unseren Kindern in den Mund gelegt wird: „Liebe mich dann am meisten, wenn ich es am wenigsten verdient habe“. Ich finde die Idee ja super, allein: Die Umsetzung ist manchmal so schwer!

Denn ein gefühlsstarkes Kind kann in einer Phase, in der es mit besonders vielen negativen Gefühlen kämpft, einfach derart ungenießbar sein, dass es wirklich schwer fällt, es an solchen Tagen zu mögen. Jedenfalls geht es mir eindeutig so, dass ich nach solchen Tagen oder Wochen oft einfach nur noch denke: Meine Fresse, Junge! Ich habe mich deswegen schon sehr schlecht gefühlt, ich dachte, eine besonders schlechte Mutter zu sein. Ich habe mich sogar gefragt, ob ich es ganz grundsätzlich bereue, Mutter geworden zu sein, da ich mein Kind doch offensichtlich nicht so lieben kann, wie es ist.

Aushalten, aufregen und auf die besseren Tage freuen

Aber irgendwie habe ich mittlerweile meinen Frieden damit gemacht. Irgendwie ist es glaube ich schon ganz OK, wenn ich mein Kind an manchen Tagen einfach nicht besonders leiden kann. Wenn mein Kind mich mal wieder von morgens bis abends ohne erkennbaren Grund ausschließlich vollquengelt, sich zu nichts motivieren lässt, weinerlich und unzufrieden ist, dann hake ich solche Tage einfach ab. Ich halte das aus, ich bestrafe mein Kind nicht dafür, ich versuche noch verständnisvoller zu sein als sonst, ich nehme Rücksicht und freue mich sogar über die kleinsten Kooperationsversuche meines großen Babys, das an diesen Tagen halt einfach nicht besser kann.

Und dann rege mich abends ordentlich drüber auf, dass ich dieses Kind so heute wirklich absolut rein gar nicht leiden konnte. Ich meine das dann wirklich genau so: Ich mag diesen Jungen nicht, wenn er so ist! Ich hasse, hasse, hasse dieses Benehmen! Womit habe ich es nur verdient, von morgens bis abends so rücksichtslos und gemein behandelt zu werden?  Der Liebste nickt verständnisvoll, hört zu und grinst. Weil er weiß, dass ich anschließend ins Kinderzimmer gehe, wo ich diesem wunderschönen Söhnchen einen dicken Kuss gebe und mich auf die guten Tage freue.

Denn das großartige an der Liebe zum eigenen Kind ist ja, dass sie trotz allem immer da ist. Und vermutlich ist es das, was mit bedingungsloser Liebe gemeint ist: Sogar wenn ich mein Kind einen oder auch mehrere Tage mal so absolut gar nicht leiden kann, wenn ich am liebsten auswandern und diese gesamte ätzende Mutterschaft an den Nagel hängen würde – ich liebe dieses Kind trotz allem so unglaublich stark! Oder wie das Hübchen sagen würde: „Ich hab dich lieb bis zum Jupiter und zurück“. Und auch wenn ich überhaupt keine Ahnung habe, wie weit das so in etwa ist – ich dich auch, Hübchen, ich dich auch.

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14 Kommentare zu „Von „schwierigen“ Kindern | Aus dem Leben: Ambivalente Gefühle annehmen und aushalten

  1. Katharina

    Und wieder einmal sitze ich ich nickend vor deinem Text… Wie oft sitze ich hier abends und beschwere mich bei meinem Mann dass er dem Kind diese Gene vererben musste. Aber er sagt es wird besser. So mit Mitte zwanzig 🙈

  2. Johanna

    Danke für diesen ehrlichen Text! Ich kenne das ganz genau so und ja, es ist schwer! Ich bin dankbar, dass du das so deutlich aussprichst! Mir tut es immer gut zu hören, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Und an Katharina oben: Hier auch so! Vielleicht wird die Pubertät dann easy.. 😉

    • Katharina

      Darauf hoffe ich. 😂 Zumindest sagt Schwiegermama immer dass mein Mann ein recht angenehmer Teenager war.

    • Danke, ich freue mich, dass ich so viel positives Feedback bekomme. Mir war beim Schreiben klar, dass ich mich damit sicher auch wieder bei einigen unbeliebt mache (u.a. bei einigen anderen Bloggerinnen, falls sie den Text überhaupt lesen). Aber mir geht es ja genau darum, die Dinge anzusprechen, über die es allgemein heißt: Das darf so aber nicht!!

      Gefühle sind letztlich Gefühle und am Ende geht es ja darum, wie wir damit umgehen. Wenn ich meinem Kind jetzt täglich sagen würden: „Ey, ich kann dich echt nicht leiden!“, ja, das wäre sicher nicht gut. Und auch Koffer packen und abhauen wäre wohl nicht so richtig. 😉 Aber gelegentlich so zu fühlen, das anzunehmen und damit umzugehen, das ist doch völlig normal und sollte auch ausgesprochen werden dürfen!

  3. Freckling

    Hallo,
    normal kommentiere ich nie auf Blogs aber dieser Text spiegelt exakt unseren Sohn 4,10 – echt der Wahnsinn. Toll 👏 verbreite ich direkt in die FB Welt 👍

    • Danke fürs Teilen! 🙂

      Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich gefühlsstarke Kinder letztlich in ihren Verhaltensweisen ähneln. Das zeigt ja eigentlich ganz deutlich, dass wir uns alle mehr austauschen sollten. Aber leider spielt Scham da vermutlich noch eine große Rolle.

  4. Daniela

    Danke! Einfach nur danke!
    (Manchmal könnte ich meine fast 4-Jährige auch ohne Rückfahrkarte auf den Mond schießen, besonders wenn sie partout nicht schlafen will, während ich erschöpft vom Job einfach nur noch platt bin und selbst todmüde oder wenn wir mal wieder – gerne auch grundlos – „Der Exorzist“ nachspielen und sie kreischt und haut und spuckt, als gäbe es kein Morgen … da wird die Mutterliebe wirklich auf eine harte Probe gestellt.)

    • Daniela

      Hatte ich schon erwähnt, dass ich sie über alles liebe!!! 😀

      • Liebe Daniela, ja, genau darum geht es: Wir lieben unsere Kinder so sehr, und trotzdem treiben sie uns in den Wahnsinn! Darf man so ruhig zugeben, auch, wenn Eltern von „einfacheren“ Kindern das vielleicht nicht nachvollziehen können oder sogar verurteilen.

  5. Doreen

    Es wird nicht besser, ne? 😉
    Tja. Spätestens wenn dein Kind mit 12 mit dem Rauchen anfängt, nur um dich zu provozieren und mit 13 seine Klassenkameraden verprügelt – freilich alles nur, weil er so unglaublich speziell einzigartig sensibel ist! – spätestens dann wird’s wohl ein klein bisschen schwieriger werden, deinen so besonderen, „wunderbaren“ Sohn anzunehmen…

    • Ah, du schon wieder! Ich meine mich zu erinnern, dass ich dich darum gebeten hatte, keine Kommentare mehr zu hinterlassen. Aber sei’s drum. Irgendwie bin ich mittlerweile neugierig, welche Erziehungsmethoden du mir (und anderen) denn empfehlen würdest, um die Kinder mal so richtig schön einzunorden. Hast du vielleicht sogar selbst Kinder? Dann her mit deinen Best Practices! (Die Rohrstock-Methode ist übrigens seit geraumer Zeit per Gesetz untersagt, aber das sollte dir bekannt sein)

      • Doreen

        Im Gegensatz zu dir gehe ich mit meinem Familienleben nicht hausieren. Und – vielen Dank – es ist mir durchaus bewusst, dass körperliche Züchtigung und psychische Gewalt weder erlaubt noch angebracht noch sinnvoll sind. (Aber das muss ich einer permissiven Kuschelmami wie dir ja nicht sagen.)

        • Haha, ja Jesper Juul denkt sich vermutlich auch vor jedem neuen Buch: „Mist, jetzt gehe ich schon wieder mit meinem Familienleben hausieren“. 😄

          Ich weiß nicht, was dich so unfassbar persönlich angreift, wenn andere Eltern ihren Kindern mit Verständnis begegnen. Keine Ahnung, wovor du Angst hast. Vermutlich führst du hier einen Stellvetreterkrieg für all die anderen Dinge, über die du unglücklich bist. Aber ich bin keine Therapeutin.

          Insofern bitte ich dich erneut, dir ein anderes Ventil für deinen Frust zu suchen, als meinen Blog. Alle anderen Leser*innen schaffen es ja auch, selbst bei divergierenden Meinungen, sich respektvoll und wertschätzend auszudrücken. Diese Tradition würde ich hier gerne beibehalten und werde weitere entgleisende Kommentare blockieren.

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