Try to walk in my shoes

Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann, liebe Großeltern, liebe Freunde, liebe Kita-Mutti, lieber Onkel, liebe Cousine, liebe alle, die ihr zuletzt geurteilt habt, ohne dabei jemals selbst in den Schuhen der Person gesteckt zu haben, über die ihr urteilt. Dieser Text ist für euch.

Ich weiß, dass es schlimm ist, eine Mutter dabei zu beobachten, wie sie die Nerven verliert. Wie sie ihr Kind anbrüllt,  wie sie ihren eigenen Sohn, ihre eigene Tochter so offensichtlich ungerecht behandelt.

Ich weiß, dass es furchtbar sein muss, dabei zuzusehen, wie eine Mutter ihr Kind augenscheinlich völlig ignoriert, ein Kind, das doch offensichtlich völlig verzweifelt ist, weint, schreit, die Aufmerksamkeit der Mutter sucht.

Ich weiß, das es einem selbst an die Nerven gehen kann, einer Mutter dabei zuzusehen, wie sie die ihrigen verliert.

Das ist alles hart, für euch, ich verstehe das. Und ich finde das gut, denn es zeigt, dass ihr empathisch seid, dass ihr mit dem Kind fühlt, euch am liebsten für dieses Kind einsetzen wollt – oder das sogar tut. In letzterem Fall kriegt ihr im Zweifel auch noch von der Mutter auf den Deckel, die das gar nicht hören will. Kein Wunder, schließlich hat sie Fehler gemacht. Und wer hört schon gern von seinen eigenen Fehlern?

Ihr fühlt euch im Recht

Ihr fühlt euch im Recht. Und natürlich seid ihr das auch. Es ist nie richtig, ein Kind anzubrüllen. Es ist auch nicht schön, ein Kind zu ignorieren. Eltern sollten immer für ihre Kinder da sein, liebevoll und zugewandt. Mit ruhiger Stimme, kontrolliert und respektvoll.

So weit die Theorie, die ihr alle sehr gut beherrscht – und der auch diese Mutter mit Sicherheit zustimmen würde, die ihr Kind doch im Gegenteil gerade angebrüllt hat oder eiskalt ignoriert.

Aber wie ist es in der Praxis? Mit einem Kind, das ihr vermutlich so nicht gewohnt seid. Weil ihr vielleicht selbst gar keine Kinder habt. Oder weil ihr Kinder habt oder hattet, die dem normalen Durchschnitt entsprechen. Die auch mal frech sind oder wiederborstig. Die aber auch gut kooperieren, die sogar Rücksicht auf die Gefühle anderer nehmen und sich auch mal zurücknehmen können.

Dieses Kind ist anders

Das Kind dieser Mutter, die brüllt und die Nerven verliert, gehört allerdings nicht zu diesem Durchschnitt. Dieses Kind ist fordernder, es ist lauter, es hat Impulse, die es nicht unterdrücken kann. Es fühlt vor allem sich selbst, seine starken Gefühle. Und danach kommt ziemlich lange Zeit nichts. Es überschreitet Grenzen, permanent. Es hört kaum mal auf „Nein“ und auch nicht auf „Stopp“.

Ein Leben mit einem solchen Kind ist anstrengend. Und ja, natürlich, es ist auch wunderschön. Weil ein Leben mit Kind generell schön ist. Und weil ein Leben mit einem so speziellen Kind es im besonderen ist. Weil dieses Starke, dieses Impulsive an diesem Kind sich auch in den schönen Details zeigt. Weil es sich begeistern kann, kreativ ist und schnell im Kopf. Weil seine Gefühle immer echt sind. Keine Lügen. Kein so-tun-als-ob. Hier ist alles echt. Echt schön.

24 Stunden mit diesem Kind laugen aus

Und auch echt anstrengend. Vor allem, wenn man 24 Stunden am Tag mit einem solchen Kind zu tun hat. Sieben Tage die Woche. Keine Pause, keinen Urlaub. Immer am Limit. Und denkt bitte dran: Dieses Kind ist nirgendwo so anstrengend, wie Zuhause bei seinen Eltern. Bei euch, in der Kita, woanders, da reißt es sich zusammen. Aber danach ist es leer, es kann nicht mehr.

Zuhause, da ist es in Sicherheit, da lässt es sich fallen. Denn da weiß es sicher, dass es geliebt wird und aufgefangen. Da lässt das Kind alles raus: Den Stress, den Druck, den es woanders angesammelt hat. Die vielen Gefühle wollen raus, nein, sie müssen sogar. Und mit Tipps wie „ins Kissen schreien“ oder „gegen die Turnmatte boxen“ kommt man bei diesem Kind nicht weit. Dieses Kind reagiert sich da ab, wo es am meisten Gegendruck bekommt: Bei seinen Eltern.

Was ihr nicht seht

Wenn ihr also eine Mutter seht, die die Nerven verliert, dann bedenkt bitte, dass ihr nur diese eine Situation seht. Einen Moment, der sicher nicht schön ist, der aber eben nur eine kleine Zeitspanne eines gesamten Tages, einer Woche, eines Monats zeigt.

Was ihr nicht seht, sind die vielen Situationen, in denen genau dieselbe Mutter sich unglaublich zusammennimmt, ihre eigenen Bedürfnisse zurücksteckt, alles dafür tut, dass ihr Kind aufgefangen wird und sich geliebt fühlt – und zwar genau so, wie es ist.

Was ihr nicht seht, sind die vielen Situationen jeden Tag, in denen die Mutter sich von ihrem Kind grundlos anbrüllen lässt – ohne zurück zu brüllen. Ihr kennt sie nicht, die vielen Momente, in denen das Kind den Kommando-Ton rausholt und gar nicht einsieht, dass das kein geeigneter Umgangston für eine funktionierende Familie ist.

Was ihr nicht wahrnehmt, sind die vielen Uhrzeiten, zu denen das Kind partout nicht kooperieren will – egal wie selbstverständlich der Anlass auch erscheinen mag.

Was ihr nicht mitbekommt

Was ihr nicht mitbekommt, sind die Momente, in denen das Kind sich ungerecht behandelt fühlt, obwohl es doch selbst das Familienmitglied ist, das zu jeder Tages- und Nachtzeit die meiste Aufmerksamkeit bekommt.

Was ihr nicht seht, ist der Einschlafmarathon jeden Abend, weil das überreizte Kind den Tag nicht gut verarbeitet bekommt und abends erst eine Flut von Wut oder Tränen raus muss, bevor überhaupt ans Schlafen zu denken ist.

Was ihr euch nicht vorstellen könnt, sind die vielen unterbrochenen Nächte, ja auch mit einem Kind, das dem Kleinkindalter längst entwachsen ist. Nächte, in denen das Kind die Nähe der Eltern sucht, seine Gefühle aber wieder nur in Wut und Tränen kanalisieren kann.

Was ihr auch nicht seht, sind die vielen Morgende, an denen das Kind mit grundlos schlechter Laune aufsteht und erst mal an allem und jedem etwas auszusetzen hat.

Was ihr nicht kennt

Was ihr nicht kennt, sind ganze Tage, an denen man es diesem Kind absolut nicht recht machen kann, ganz egal, was man auch versucht. Was ihr euch nicht mal vorstellen wollt, sind Tage, an denen das Kind nur mit Jammer-und-Nörgel-Stimme mit euch spricht – und das selbst gar nicht merkt.

Was ihr, die ihr vielleicht nur „normale“ Kinder kennt, euch nicht vorstellen könnt, sind die unzähligen Situationen, in denen die Eltern mit Co-Regulation und liebevoller Begleitung beschäftigt sind, weil das Kind z.B. doch so gerne schwimmen lernen will, die neue Situation im Schwimmkurs es aber völlig überfordert.

Völlige Konzentration aufs Kind, immer da sein, immer gebraucht werden, keine Pause.

Was ihr nicht seht, sind die vielen Minuten, Stunden, in Summe wohl ganze Tage, Wochen und Monate, die die Eltern eines solchen Kindes mit Trösten und Beruhigen, gut Zureden und Beschwichtigen beschäftigt sind.

In welchem Verhältnis steht ein kurzer Moment zu so viel Rest?

Und genau diese vielen Minuten, Stunden, Tage, Wochen und Monate sind es, die am Ende so auslaugen. Und dann gibt es diese kurzen Momente, manchmal sind es nur Sekunden, manchmal sind es Minuten, lange Minuten, in denen diese Mutter die Nerven verliert. Eine Mutter, die ihr in Gedanken oder auch in lauten Worten, scharf verurteilt. Denn wirklich: So sollte eine Mutter nicht sein.

Und ja, ihr habt ja Recht. Aber wenn ihr das denkt, dann denkt bitte auch an die vielen Minuten, Stunden, Tage, Wochen und Monate, in denen sie sich nicht so verhält, wie ihr sie gerade beobachtet habt.

Und dann denkt vielleicht auch an diesen platten Merkspruch mit dem Indianer und den Schuhen, in denen man erst mal selbst laufen soll, bevor man über sie urteilt. Denn schlussendlich ist da einfach verdammt viel dran.

Ich glaube nicht, dass die Mutter euch ihr Kind für eine längere Zeit ausleihen will, damit ihr mal testen könnt, wie so eine 24/7-Verantwortung sich in Wirklichkeit so gestaltet. Dafür verbringt sie trotz aller Anstrengung viel zu gerne Zeit mit ihm. Es ist schließlich ihr Kind und sie liebt es mehr als sich selbst. Aber manchmal kommt all die Liebe nicht an gegen so viel Stress, den dieses Kind macht.

Kinder sucht man sich nicht aus

Kinder sucht man sich nun mal nicht aus. Manche Kinder sind easy, kooperieren freiwillig, fügen sich problemlos in eine Familie ein, sind quasi von Geburt rücksichtsvoll und empathisch. Anderen Kindern fällt das wahnsinnig schwer und es braucht extrem viel elterliche Kraft und Verständnis, um diesen Kindern dabei zu helfen, solche Eigenschaften zu entwickeln.

Leicht ist das nicht. Aber sehr wertvoll – für das Kind und für die Eltern, die dabei so oft schier über die eigenen Kräfte hinauswachsen müssen. Die lernen, sich permanent zurückzunehmen, die alt eingeschriebene Verhaltensweisen mühevoll umprogrammieren und sich neue aneignen müssen. Die Muster aus ihrer eigenen Erziehung wieder erleben, überwinden und eigene (er)finden müssen. Denn dieses Kind schenkt ihnen zunächst mal nichts. Aber am Ende vielleicht den Ersatz des Psychotherapeuten. Oder den schnelleren Weg zu ihm, je nach Vorbelastung. 😉

Ein ewiger Lernprozess

Wenn ihr also das nächste Mal eine Mutter beobachtet, die mal kurz die Nerven verliert, dann denkt vielleicht daran, welche anstrengende Aufgabe sie täglich erfüllt. Dass die Begleitung von Kindern, gerade die von solchen mit besonders starken Gefühlen, mit Dickköpfen und revolutionärem Geist, ein Lernprozess ist. Und dass dabei nicht immer alles rund laufen kann.

Dieser Text soll kein Freifahrtschein dafür sein, Augen und Ohren zu verschließen, wenn Eltern ihre Kinder schlecht behandeln. Aber er soll dafür sensibilisieren, dass Eltern diesen Job 24 Stunden am Tag machen – und dass das je nach Sorte Kind verdammt anstrengend sein kann.

Gerade wenn ihr wisst, dass das Kind eurer Tochter, Freundin, Schwester oder Nachbarin zu einer eher herausfordernden Sorte gehört, möchte ich euch bitten: Seid nachsichtig. Und anstelle von Vorhaltungen oder guten Ratschlägen könntet ihr andere Angebote machen: Einen Extra-Nachmittag Babysitting zum Beispiel. Oder einen gemeinsamen Ausflug. Wetten, dass das besser hilft als der Tipp „Reiß dich mal zusammen“?

Wie sind eure Erfahrungen?

Habt ihr es auch schon erlebt, das andere Menschen, fremde wie vertraute, über euren Umgang mit euren eigenen Kindern geurteilt haben? Kennt ihr es, wenn gute Ratschläge sich doch nur wie Schläge anfühlen? Wie geht ihr damit um? Ich freue mich auf eure Erfahrungen in den Kommentaren!

18 Kommentare zu „Try to walk in my shoes

  1. Lisa

    Wir erleben sowas ähnliches jetzt auch. Unsere Tochter ist zwar erst 9 Monate aber auch gefühlsstark und sehr sehr fordernd. Verwandte sagen dann gerne mal, dass wir zu viel Heck Meck mit dem Kind veranstalten und uns nicht wundern brauchen, dass sie so schnell wütend ist, da wir ja immer gleich springen… Sowas kommt meist von älteren Verwandten… Und es trifft einem schon sehr heftig sowas zu hören… Wenn man dann doch mal die Nerven verliert und etwas lauter wird, wird man auch gleich blöd angemacht. Aber manchmal kann man einfach nicht mehr.

    • Ach, einfach mal schreien lassen und dem Kind zeigen, wer der Chef ist. 😉

      Aber mal im Ernst: Wer bei einem 9 Monate alten Baby von „Wut“ spricht, sollte mal sein Verständnis von Menschsein hinterfragen. Ich hoffe, ihr diskutiert da gar nicht, sondern gebt höchstens Post-its mit Literaturempfehlungen raus. 😉

      • Julia

        Warum sollte man bei einem 9 Monate alten Baby noch nicht von Wut sprechen? Wut ist letztlich nur die ungesteuerte, heftige Variante von Ärger. Auch bei der Entwicklung von Emotionen gibt es deutliche Unterschiede bzgl. Zeitpunkt, und besonders gefühlsstarke Kinder mit ihrer leicht erregbaren Amygdala scheinen da oft etwas schneller zu sein als andere Kinder. Bei meinen beiden gefühlsstarken Mädchen traten die ersten Wutanfälle im Alter von 10 bzw. 9 Monaten auf, oft in ganz klassischen Situationen (zerbrochene Banane, falscher Pullover etc.). Mein Hauptproblem war bei diesen frühen Wutanfällen vor allem, dass ich oft nicht einmal verstanden habe, was überhaupt der Auslöser war, die Kommunikation ist ja in diesem Alter recht rudimentär… Hatte aber auch den Vorteil, dass ich rasch gelernt habe, dass Zuwenden und Da-Sein mehr hilft als Erklären und gut zureden.

        Und je kleiner das Kind, desto mehr Hilfe bei der Regulation ist nötig, das sollten eigentlich auch ohne pädagogische Fachausbildung einleuchten. Aber ja, Diskutieren bei besserwissenden Verwandten hilft wenig, Literaturempfehlungen schon eher, zumindest wenn der Kontakt enger ist und eine gewisse Lernbereitschaft erkennbar ist. Bei meinen Schwiegereltern hat ein Interview von Nora Imlau jedenfalls einiges an Verständnis bewirkt, zum Glück!

  2. Mimi

    Genau so. Die größte Strafe für die wütende Mutter ist ja ohnehin das schlechte Gewissen, dass sie nach so einem Ausbruch hat, da muss man echt nicht auch noch draufhauen mit „jetzt chill dich mal“ oder „reiß dich zusammen“. Habe auch gerade wieder eine sehr herausfordernde Phase mit einem meiner Kinder, ich fühle mich nicht nur schlecht weil ich solche Ausbrüche auch ab und zu habe, sondern auch schlecht, weil ich merke, dass meine Energie langsam weniger wird und daher die Ausbrüche mehr werden. Wenn dann noch durch solche Kommentare geschürte Selbstzweifel aufkommen, wirds noch schwerer. Und das Kind mehr „abgeben“ hilft in solchen Phase gar nicht, es ist, wie du schreibst: Woanders geht es gut, dafür dann zu Hause umso weniger, weil die ganze Spannung raus muss. Puh, danke für diesen Text zur richtigen Zeit, denn er erinnert mich auch daran, dass es eben wirklich auch viele viele Phasen und Zeiten gibt, in denen ich inzwischen das Kind auffangen kann, mich zurücknehmen, alte Muster abgelegt und neue gelernt habe, die für das Kind hilfreicher sind. Ich hoffe in der Erinnerung und im Selbstbild des Kindes überwiegen diese Erinnerungen, dass ich auffangen und begleiten konnte und es liebe, wie es ist, genau so, nicht anders! Das absurde: Selbst wenn man am eigenen Leib spürt, wie fies so ein „reiß dich mal zusammen“ ist, sogar als Erwachsene noch, will man, je mehr die Erschöpfung fortschreitet, genau das dem Kind entgegnen (und tut das leider auch…). Naja. Kommen bessere Phasen…

    • Ja, da hast du leider recht. Kind abgeben ist echt immer eine zweischneidige Sache. Die erstaunten Blicke der Großeltern beim Abholen und die Sprüche „So war er aber den ganzen Tag nicht!“ kann ich auch echt nicht mehr hören. ? Und die Schuld wird dann vermutlich bei uns Eltern gesucht, weil er wäre ja bestimmt anders, wenn wir nicht so schlechte Eltern wären oder so…

      Und wegen solchen Reaktionen der Anderen ist es umso wichtiger, dass wir uns regelmäßig selbst dran erinnern, wie oft wir alles total richtig machen! Am Ende können wir eh am besten beurteilen, wie stark die Bindung zwischen uns und unseren Kindern ist. Und in dieser Familie mache ich mir da zum Glück keine Sorgen.

      • Mimi

        Ja, das stimmt, wir können die Bindung am Besten beurteilen. Und es ist ja auch ein Vertrauensbeweis, wenn die Kinder bei uns „loslassen“ und alles rauslassen können. Wir machen weiter und versuchen unser Bestes, jeden einzelnen neuen Tag! Danke dass du so ehrlich und offen und toll schreibst, bei dir lese ich so gern!

  3. Doch, ich kenne das. Ich habe auch so ein anstrengendes, forderndes Kind. Von Geburt an, jetzt ist er 8. Mein erstes Kind. Das es auch anders sein, hab ich erst durch meine Tochter erfahren, aber es blieb anstrengend, waren ja dann zwei kleine Kinder. Und der Große kann bis heute gut für Unfrieden sorgen. Wir hatten auch große Probleme mit ihm im Kindergarten und der Schule.
    Ich hatte dann irgendwann einen Burnout….
    Im Moment ist es besser. Es wird besser, auch bei Euch. Halte durch! Aber wie bei anderen, so insgesamt entspannt, wohl nie. Er bleibt eine Herausforderung. Wie oft hab ich mir zwei ruhige, „normale“ Kinder gewünscht. Und dann die Sprüche, „Du hast es so gewollt. Du hast es Dir doch so ausgesucht!“ Oder selbst von meinem Ex, „Du bist an allem selber Schuld!“ Nein, DAS hatte ich mir so nie vorstellen können.

    • Gis

      Ja, DAS kann man sich nur vorstellen, wenn man es selbst erlebt. Bei uns auch K1 seit nunmehr 8 Jahren, das sich so schlecht selbst regulieren kann. Haben aktuell wieder ne schlimme Phase in der nichts funktioniert. Und ich immer wieder laut und ungerecht werde. Die Angst das Kind irgendwie zu verlieren, die Beziehung zu beschädigen… Da braucht man keine blöden Sprüche von außen. K2 und K3 sind da viel leichter zu handhaben. Aber auch die merken, dass ihr Bruder ‚anders‘ ist…
      Ich wünsche mir wirklich mehr Empathie unter Erwachsenen, weniger Pauschalurteile…

      • Zum Thema Pauschalurteile von außen: Eins meiner Highlights war der Kommentar eines Freundes, nachdem ich ihm von meiner Erkenntnis berichtet hatte, dass ich wohl ein gefühlsstarkes Kind habe, das in vielem anders funktioniert. Er dazu so: „Na, man kann ja aber nicht für alles die Schuld beim Kind suchen“. ?

    • Ja, dass es langsam besser wird merke ich zum Glück auch. Allerdings fällt es mir mit zunehmendem Alter des Kindes auch immer schwerer, die „Mängel“ (bewusst in Anführungszeichen gesetzt!) zu akzeptieren. Mit sechs Jahren ist er jetzt so groß, kann so viel, ist so unglaublich clever – und benimmt sich dann wieder wie ein wütender Dreijähriger, der alles sofort haben muss. Diesen Spagat zuzulassen und weiterhin verständnisvoll zu begleiten, ist gar nicht leicht. Hinzu kommt diese viele schlechte Laune, das kategorische Dagegen-sein, das alles ist so oft so zermürbend! Aber unterm Strich bin ich trotzdem sehr zufrieden, dass es langsam aber stetig bergauf geht.

      • Gis

        Ja, mir fällt das beim Großen auch immer schwerer. Manchmal sag ich mir dann, dass er eben auch ‚erst‘ 8 Jahre alt ist. Was ist das schon, im Vergleich zum ganzen Leben. Und die Herausforderungen eines Schulalltages etc. sind nicht zu unterschätzen. Wir hatten am Montag „sturmfrei“ und er hat ungelogen den ganzen Tag nichts anderes gemacht, als 3 Fragezeichen zu hören. Irgendwie ist für solche „freien“ Tage immer zuwenig Platz. Hat mir zu denken gegeben, dabei sind wir wirklich keine Familie, die ihre Kinder mit Bespaßungsprogramm versorgt…

    • Julia

      Es kann durchaus entspannter werden, sogar mehr als bei „normalen“ Kindern, nämlich dann, wenn man es am wenigsten erwarten würde: in der Pubertät. Ich habe das bei verschiedenen befreundeten Familien (und an mir selbst) beobachtet und bei Nora Imlaus neuem Buch die Bestätigung gelesen: wenn wir es schaffen, unseren Kindern einen guten Umgang mit dem Vulkan in ihrem Innern zu vermitteln, schützt sie das u.U. in genau der Phase, in der alle anderen Jugendlichen plötzlich mit wilden Emotionen und Stimmungsschwankungen zu kämpfen haben. Das trifft leider nicht auf alle gefühlsstarken Kinder zu, aber wir haben eine gute Chance, dass wir erstaunlicherweise dann, wenn die anderen Eltern überfordert sind, im Verhältnis schon relativ reife Kinder haben, die den Umgang mit ihrem Gefühlschaos schon vorher gelernt haben. Ich drücke uns allen die Daumen! Es wäre ja echt schön, mal ein bisschen weniger Drama und Emotionsarbeit zu haben! 😉

      • Mimi

        Boah, das wäre ja der Knaller, wenn das ein bisschen hilft. Ich denke mir immer schon ojeoje wie soll das in der Pubertät werden, wenn es so richtig losgeht mit Gefühlsüberforderung… Ich weiß, bei Kindern ist alles möglich, und sie sollen ja auch nicht einfach „funktionieren“, aber wenn es Anzeichen gibt, dass es sich in der Pubertät möglicherweise eventuell nicht ganz so arg potenziert, wäre das ja schon ein bisschen eine Erleichterung…

  4. Im Grunde sind meine Kinder zum Glück recht unkompliziert (finde ich), aber trotzdem hört man manchmal „das ist alles Erziehung!“ oder „Du lässt dir ganz schön auf der Nase herumtanzen“ … Mir macht sowas schnell schlechte Laune.

  5. Nina

    Hm…bin grade sehr am Überlegen…einerseits stimme ich dir total zu, Sophie! Auf der anderen Seite…muss/soll man ein 6jähriges Kind immer verständnisvoll begleiten, wenn es sich einfach nur unverschämt und fordernd und mies gelaunt verhält? Muss/soll man als Eltern nicht sagen können:“Nein! So nicht! Nicht mit mir und nicht in unserer Familie!“ Muss/ soll ich immer meine Bedürfnisse zurücknehmen?
    Mein Sohn ist vier und kann auch ordentlich dagegen sein und auf Mama und Papa schimpfen…aber ich versuche, ihm das Gefühl zu geben, dass er hier bedingungslos geliebt wird…trotzdem…nachts darf er natürlich in unser Bett kommen und da weiterschlafen…wenn er aber da Zirkus macht, fliegt er raus?! Klingt jetzt wahrscheinlich übel…aber ich hab doch auch Gefühle und Bedürfnisse und er ist ja kein Baby?!

    Ist das mit dem gefühlsstarken Kind nicht auch manchmal eine Ausrede? Er KANN ja gar nicht anders…?

    Sehr schwierig die Thematik und ich weiß auch nicht, was richtig ist…

    • Liebe Nina, nein, das soll man sicher nicht und das ist auch nicht das, was dieser Text empfiehlt. ? Meiner Einschätzung nach brauchen gefühlsstarke Kinder sogar noch viel klarere Grenzen als andere Kinder. In meinem Text geht es nicht um Situationen, in denen man klar und konsequent Grenzen aufzeigt, sondern um Situationen, in denen man komplett die Nerven verliert. Und das ist halt leider überhaupt nicht zielführend, wenn auch teils beeindruckend beängstigend fürs Kind. ?

      Dein Beispiel mit dem nachts ins Bett kommen will ich mal aufgreifen, weil es sehr schön den Unterschied zwischen „normalen“ und gefühlsstarken Kindern aufzeigen kann:

      Natürlich tolerieren auch wir kein Wüten und Motzen, z.B. wenn das Hübchen in unser Bett will. Unser Bett, unsere Regeln. Das gilt schon allein, weil da noch eine kleine Schwester liegt, die entweder schlafen oder zumindest nicht genervt oder sogar getreten werden will. Diese Regeln durchzusetzen, braucht aber jedes verdammte Mal unglaublich viel Kraft. Weil ein gefühlsstarkes Kind sich diesen Regeln nicht einfach so beugt – und sie jedes Mal neu infrage stellt. Wenn wir uns also durchsetzen, was wir immer tun, begleiten wir im Anschluss eine halbe Stunde Verzweiflung beim Kind, das sich nun plötzlich völlig ungerecht behandelt fühlt und gar nicht versteht, warum wir nun wieder so gemein zu ihm sind.

      Denn genau wie du selber sagst, es aber wohl eher ironisch meinst: Aktuell KANN er tatsächlich gar nicht anders. Die Wut, die Tränen, die Aggression – alles Ausdruck seiner Gefühle. Gefühle, die sich tagsüber angestaut haben, die woanders nicht raus konnten, die woher auch immer kommen. Als Eltern ist es aber natürlich unsere Aufgabe, ihm beizubringen, dass er irgendwann doch kann. Also eben nicht alles durchgehen lassen, sondern dagegen halten. Nur, dass das eben unglaublich viel anstrengender ist als bei einem „normalen“ Kind. Ich habe ja den direkten Vergleich: Die Kleine ist dagegen so easy, selbst mitten in der Autonomiephase!

      Ich sage tatsächlich oft, dass es mich am meisten verzweifeln lässt, dass mein Sohn so wenig Rücksicht auf meine Gefühle nimmt. Er kann das im Moment aber einfach noch nicht. Meine Aufgabe ist es, ihn dabei zu begleiten, es zu lernen.

      Dass das klappt, sehen wir. Aber es klappt nicht immer ohne Gebrüll und böser Worte auf unserer Seite. Allein darum geht es in meinem Text. Ich hoffe, das wurde jetzt klarer. Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar! Ich hab mich jetzt schon so viel mit dem Temperament meines Kindes beschäftigt, da ist meine Perspektive manchmal vielleicht eher einseitig. Da tut es gut, wenn jemand aus einer anderen drauf blickt. ?

      • Mimi

        Ich bin auch manchmal am Zweifeln, weil klar denkt man sich „was ist mit MEINEN Gefühlen und Bedürfnissen, oder mit denen der ganzen Familie? Muss jetzt die ganze Familie Wutanfälle, Geschrei etc ertragen, kann das Kind sich nicht mal zusammenreißen?“ Und das ist der Punkt: Es kann es einfach nicht. Es lernt noch. Und wir Eltern sind in der Verantwortung, das Lernen zu begleiten. Genau durch solche Regeln wie Sophie das schreibt. Unser Bett, da wird nicht getreten und gehauen. Wir verstehen dass du wütend bist. Und wir möchten dir helfen. Aber es wird nicht getreten hier. Und auch dass es viel anstrengender ist als bei anderen Kindern, kann ich bestätigen, denn wenn man diese Regeln liebevoll aber strikt durchsetzen will, braucht man viel Geduld und Nerven, um den Protest zu ertragen, und vor allem (das ist für mich am anstrengendsten) um diese Regeln bestimmt und liebevoll, trotz Geschrei durchzusetzen und nicht selbst anzufangen rumzuschreien – was natürlich trotzdem passiert, leider. Es kostet einfach viel mehr Kraft, sich zu beherrschen, als dem Wunsch, das Kind lautstrark zurechtzuweisen, nachzukommen. Manchmal bin ich so erschöpft vom mich zusammenreißen. Weil explodieren einfach gar nichts bringt. Und dann verstehe ich auch, warum mein Kind das einfach selbst noch nicht kann. Und ich fühle mich ihm auch näher, denn: Es ist echt anstrengend, NICHT zu brüllen, wenn man durch irgendwas getriggert wird….

        Aber ich verstehe trotzdem genau deinen Gedankengang „Man sollte sich nicht immer auf der Nase rumtanzen lassen“. Aber irgendwie funktioniert das mit den gefühlsstarken Kindern einfach nicht in solchen Kategorien…

  6. Lia

    Ich kann sehr gut nachfühlen wie herausfordernd es sein kann. Auch mein Sohn, 5 Jahre (fast 6) ist ein sehr gefühlsstarkes Kind. Woanders ist er ziemlich entspannt und angepasst, aber zu Hause wird dann alles ausgelebt. Es vergeht eigentlich kein Tag ohne „Explosion“ von Seiten meines Sohnes. Wenn er morgens ein bisschen grummelig ist, dann könnte es ein guter Tag werden. Hat er gute oder schlechte Laune wissen wir, die Eskalation ist nicht weit. Wir versuchen zu deeskalieren so gut wir können, aber am Ende des Tages führt kein Weg zumindest an einer kleinen Explosion vorbei, schon die kleinste Kleinigkeit kann dazu führen. Es ist ein ständiger Kampf, eine nie aufhörende Autonomiephase, ein permanentes dagegen sein. Neue Sachen müssen etwas im Voraus angekündigt werden, damit er sich damit auseinandersetzen und sie zumindest ansatzweise annehmen kann. Geben wir ihm zu lange vorher Bescheid macht er sich damit verrückt. Vor wirklich jedem losgehen irgendwohin rastet mein Sohn komplett aus und will auf gar keinen Fall dorthin. Immer, auch wenn er schon oft und gerne da gewesen ist. Kaum sind wir dann unterwegs ist alles gut und er freut sich. Das ist etwas was ich noch nicht ganz nachvollziehen und händeln kann. Vielleicht kann mir hier jemand von seinen Erfahrungen berichten und Tipps geben?

    Auf der anderen Seite kann er sich unbändig freuen, ist sehr clever und wissbegierig und ganz kuschelig. Wenn er sich für Sachen interessiert kann er sich stundenlang darauf konzentrieren.

    Es ist wahnsinnig anstrengend und Kräfte zehrend und wir sind ständig erschöpft und verzweifeln manchmal, aber es gibt dann auch mal wieder diese kleinen Fortschritte an denen wir sehen, dass Liebe, ruhige Konsequenz und Grenzensetzung ihn in seiner Entwicklung weiterbringen und sich positiv auswirken. Sprich er braucht unbedingt klare Regeln von uns, auch wenn er sie stundenlang in Frage stellt und ausdiskutiert. Es darf so gut wie keine Ausnahme geben, die Regelmäßigkeit ist sehr wichtig. Er wird im August eingeschult und ist dadurch eh schon gerade sehr sensibel, plus die Coronazeit und die Gefühlsstärke haben wir momentan eine extrem schwierige Phase.

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