Soll mein gefühlsstarkes Kind auch mal seine Komfortzone verlassen?

„Ich will aber nicht!“ brüllt das Hübchen. „Ich geh da heute nicht hin!“. Innerlich fange ich an zu zittern. Vor Ärger, aber vor allem vor Erschöpfung. Wird dieses Kind irgendwann mal freiwillig zu einer eigentlich schönen Freizeit-Aktivität gehen? Achtung, ich spule mal ein paar Wochen vor: Ja, wird es! Und damit macht es nicht nur seine Eltern sehr glücklich, sondern vor allem sich selbst.

Eltern gefühlsstarker Kinder kennen das: Jeder Übergang ist eine Katastrophe. Anziehen, Losgehen, in eine andere Situation kommen – solche Selbstverständlichkeiten können mit Kindern, die über sehr ausgeprägte Emotionen verfügen, zu ständigen Herausforderungen werden. Was am besten hilft, sind Routinen: Wenn das Kind täglich in eine Kita geht, in der es sich wohl fühlt, geht es irgendwann leichter. Aber was ist mit den neuen Dingen, die im Laufe der Zeit natürlicher- oder geplanterweise dazukommen?

Die gute Nachricht ist: Auch neue Dinge werden irgendwann zu Routinen – selbst, wenn sie nur einmal die Woche stattfinden. Das Hübchen geht jetzt jedenfalls sehr gerne zu seinem Parkour-Training. „Mama, wann ist endlich wieder Training?“, fragt er noch direkt nach der Stunde, die er mit anderen Kindern in seinem Alter kletternd, springend und rennend verbracht hat. Meinen Sohn so motiviert zu sehen, macht mir eine unglaubliche Freude. Denn der Anfang war nicht leicht…

Dem Kind ist alles zu viel

In meiner Idealvorstellung hätte das Hübchen ja schon vor Jahren begonnen, einen Sportkurs zu besuchen. Ein lustiges Kinderturnen wäre sicher schon mit drei Jahren drin gewesen. Theoretisch. Ein paar Mal war ich mit ihm beim Ponyreiten. Solange, bis es dann hieß: Die Eltern sollen jetzt bitte nicht mehr dabei sein! Ab da ging nichts mehr. Auch der Versuch bei den Fußball-Bambinis blieb erfolglos. Obwohl auch Kita-Freunde mittrainierten, stand mein Kind mehr am Rand als auf dem Fußballfeld. Zu viel Anleitung, zu viel „Mach mal. Tu mal. Geh mal“.

Die Oma ging mit ihm zum Kinderschwimmen. Zu ihrem Leidwesen war es auch hier das Gleiche: Gemeinsame Spiele im Wasser, leichte Übungen, eben alles, was angeleitet wurde, sabotierte das Hübchen völlig. Die zehn Minuten freies Spiel am Ende waren dagegen voll sein Ding. Da beschloss die Oma, dass sie dafür keinen Schwimmkurs bezahlen muss, sondern genauso gut allein mit dem Enkelkind ins Schwimmbad gehen kann. Recht hat sie.

Diesen Kurs sind wir die letzten Jahre auch gefahren. Kein Bock auf Stress. Allein die paar Wochen Fußball-Probetraining haben mir damals graue Haare wachsen lassen: Jedes Mal ein Gebrüll aus „Ich will aber nicht!“ und „Mir doch egal!“ wenn ich ihn darauf hinwies, dass er sich heute Mittag doch in der Kita noch mit seinen Freunden verabredet hätte und sie beim Training doch auf ihn warteten. Das war letzten Sommer und wir entschieden: Es ist noch zu früh und wir haben keine Lust auf diesen Kampf.

Klingt also ein bisschen, als wären wir einfach blöd, als wir im neuen Jahr beschlossen, uns den Kampf ab jetzt doch antun zu wollen. Denn klar gab es erst mal Stress. Aber irgendwie war die Sache für uns diesmal klar: Wir ziehen das jetzt durch, über mehrere Wochen, und schauen mal, wie es sich entwickelt. Das Hübchen sollte seine Komfortzone verlassen und wir wollten doch mal schauen, ob das nicht auch eine große Chance für ihn sein könnte.

Warum soll mein Kind seine Komfortzone verlassen?

Warum wir zu dieser Entscheidung gekommen sind? Ich habe unsere Gründe mal zusammengefasst:

  • Das Hübchen hatte sofort ein großes Interesse am Parkour Training. Auch wenn er am Anfang nicht sofort mitmachen wollte, war er fasziniert von den Angeboten. Die Kinder klettern, balancieren und springen, alles alters- und kindgerecht. Uns war sofort klar: Das ist eigentlich total sein Ding! Er muss sich nur zum Mitmachen überwinden.
  • Das Kind braucht Bewegung! Unser Hübchen hat wahnsinnig viel Energie, die sich unkontrolliert Ventile sucht, wenn wir ihm nicht genügend Möglichkeiten bieten, sie rauszulassen. Ich finde es gut, wenn er über ein Sporttraining erfährt, wie er seine Energie zielgerichtet rauslassen kann.
  • Angeleitete Bewegungsangebote finde ich wichtig. Das Hübchen ist motorisch ziemlich fit, aber ich weiß auch, wie schnell sich das verliert, wenn man einem Kind nicht genug Möglichkeiten bietet, seine Fähigkeiten zu erproben und zu trainieren. Als Stadtkind ist freies Klettern, Springen und Turnen leider nicht immer so leicht möglich.
  • Das Klettern und die freie Bewegung stärken das Selbstvertrauen meines Kindes. Das Hübchen ist richtig stolz, wenn er vom höchsten Hindernis runterspringt und strahlt dann übers ganze Gesicht. Schon nach den wenigen Wochen Training bemerken wir, wie er im Alltag immer mutiger wird und wie seine gesamte Koordination sich weiter festigt oder sogar bessert.

Diese Punkte zeigen: die anfänglichen Diskussionen darüber, ob er da heute wirklich schon wieder hin muss, haben sich am Ende total gelohnt! Dem Hübchen tut sein Parkour Training einfach gut und nach den ersten Startschwierigkeiten geht er unglaublich gerne hin, knüpft Kontakte zu den anderen Kindern und bekommt mit seinen Trainer*innen neue Bezugspersonen und Vorbilder, die sein Leben bereichern.

Wanted: Geduldige Trainer, die auf die Kinder eingehen

Gerade letzter Punkt war für uns auch der ausschlaggebende Faktor, warum wir trotz anfänglichem Hübchen-Protest durchgehalten und ihn immer wieder zum Training überredet haben. Denn die Trainer sind richtig prima, gehen auf jedes Kind individuell ein und stören sich vor allem nicht daran, wenn die Eingewöhnung am Anfang länger dauert. Ich habe die ersten Male sogar das Aufwärmtraining mitgemacht und keinen hat’s gestört!

Der Rahmen und die Personen sind gerade für gefühlsstarke Kinder unglaublich wichtig. Gefühlsstarke Kinder ticken einfach anders als „normale“ Kinder. „Reiß dich zusammen!“, „Stell dich nicht so an!“ oder „Jetzt probier das doch erst mal aus!“ sind Sätze, mit denen man meinem Sohn gar nicht erst kommen muss. Klar, ich sage sie manchmal trotzdem – und schäme mich später jedes Mal dafür. Denn wenn die Gefühle mal wieder zu stark sind, ist gar kein Raum fürs Zusammenreißen oder sich-nicht-anstellen.

Offensichtlich ist das auch den meisten Trainerinnen und Trainern nicht bewusst. Denn bei vielen bisherigen Turnangeboten bin ich mit dem Hübchen schon rückwärts wieder rausgegangen, weil die Trainer*innen wahlweise desinteressiert oder viel zu rüde mit den Kindern umgingen. Ich war ehrlich gesagt ein bisschen erschrocken, wie wenig altersgerechte Sportangebote es für Kindergartenkinder gibt – erst recht für solche, die emotional schnell mal überschießen oder besonders sensibel sind.

Kriterien für ein passendes Sportangebot

Mit der Zeit wurde mir also klar, dass wir ein irgendwie besonderes Sportangebot brauchen. Punkte, die uns bei der Auswahl des Sportangebots für unser gefühlsstarkes Kind wichtig waren, sind deswegen:

  • Ein guter Personalschlüssel. So gut wie bei unserem Parkour Training findet man ihn allerdings vermutlich selten: Da stehen drei bis vier Trainer*innen den ca. 20 Kindern durchgehend zur Verfügung. Dadurch ist immer eine*r zur Stelle, wenn ein Kind Unsicherheiten zeigt oder auch, wenn eins mal übermotiviert aus der Reihe tanzt und besondere Aufmerksamkeit braucht. 😉
  • Trainer*innen, die geduldig und zugewandt sind. Ehrlich gesagt hat es mich selbst schockiert, wie erstaunt ich über die Geduld der Trainer*innen beim Parkour war. Weil das indirekt zeigt, wie normal es sonst ist, dass Erwachsene von Kindern ein sofortiges Anpassen erwarten. Geduldig sein, Zeit geben, Abwarten sind jedoch gerade im Umgang mit gefühlsstarken oder unsicheren, eher schüchternen Kindern absolut nötig!
  • Eine individuelle Eingewöhnungszeit und kein genervtes Kopfschütteln der Trainer*innen, wenn Mama oder Papa auch beim dritten, vierten oder fünften Training noch mit in der Sporthalle bleiben wollen, weil das Kind das wünscht.
  • Eine gute Mischung aus freier Bewegung und geduldiger Anleitung. Kinder im Kindergartenalter, und gefühlsstarke Kinder ganz besonders, sind oft noch überfordert, wenn sie eine ganze Stunde lang Dinge umsetzen sollen, die andere vorgeben. Ausreichend Zeit, sich selbst ausprobieren zu können, sollte darum gegeben sein.

Den letzten Punkt setzen die Trainer*innen beim Parkour meiner Meinung nach übrigens besonders elegant um: Nach dem angeleiteten Aufwärmtraining ziehen die Kinder Karten, die den einzelnen Stationen zugeordnet sind. Sie dürfen dann die Hindernisse selbstständig bewältigen, sind aber durch die Karten angehalten, jedes Mal etwas Neues auszuprobieren. Die Trainer*innen stehen dabei immer bereit, um zu helfen oder zu erklären.

Dem Kind auch mal eine Entscheidung abnehmen

Letztlich haben wir unserem Hübchen die Entscheidung also anfänglich abgenommen. Er musste zum Training, Punkt, aus. Wir haben seine Wut darüber ausgehalten und ihn in seiner Unsicherheit aufgefangen. Wir haben ihn nicht reingeschmissen und allein gelassen, sondern sind bei ihm geblieben und haben ihn langsam an die neue Situation gewöhnt.

Würde ich ihn heute fragen, ob er gerne und freiwillig zum Parkour Training geht, würde er laut „Jaaaa!“ brüllen. Vor wenigen Wochen hätte die Antwort mit Sicherheit anders ausgesehen. Für mich ist das ein echtes Aha-Erlebnis. Denn so richtig sicher, ob die Sache gut geht, war ich mir zu Beginn nicht. Letztlich ist es mit einem gefühlsstarken Kind immer ein Balance-Akt: Mit wie viel Nachsicht behandle ich mein Kind? Wie viel eigenen Willen lasse ich ihm? Und wann übernehme auch mal ich das Zepter, um eine Entscheidung für mein Kind zu treffen, die ihm schlussendlich sehr zugute kommt?

Das Hübchen hätte jedenfalls ziemlich viel Spaß verpasst, wenn wir ihn nicht zum Training überredet hätten. Für ihn war es der genau richtige Zeitpunkt und das genau richtige Sportangebot, um seine Komfortzone zu verlassen. Manchmal ist es offenbar sehr sinnvoll, als Elternteil eine Entscheidung fürs Kind zu treffen, auch wenn man zu Beginn auf Gegenwehr trifft.

Ich freue mich jedenfalls schon auf morgen, wenn zwei strahlende Kinderaugen aufwachen und das Hübchen ruft „Heute ist Parkour Training!“. Dafür hat der Stress sich echt gelohnt. 😄

5 Kommentare zu „Soll mein gefühlsstarkes Kind auch mal seine Komfortzone verlassen?

  1. Tristia

    Da habt ihr ja einen super Kurs erwischt! Wir haben auch schon festgestellt, dass es für Kinder zwischen 3 und Schulalter irgendwie kaum Angebote gibt und schon gar nicht mit Eltern. Bei uns fällt die Reaktion auf Neues genau wie beim Hübchen aus und ich weiß genau was du mit diesem Balance Akt zwischen Entscheidung abnehmen, Emotionen aushalten und selbst Entscheiden lassen meinst. Ich finde es toll, dass ihr es ihm ermöglicht habt, sich in seinem Tempo an das Abenteuer ranzutasten.

    Ist es bei euch beim krank sein auch so schwierig? Hier wird bei Unwohl sein oder akuten Schmerzen alles verweigert. Von Medizin über Kühlpacs, Halstücher, kuscheln und überhaupt irgendwas, was den aktuellen Zustand des Leidens tangiert. Wenn es nach dem Kind geht, dann darf nur ich(Mama) daneben sitzen und Händchen halten, aber nicht so nah, dass es zu eng/warm wird! Und dabei wird laut über das Unwohlsein geklagt. Und dabei darf ich bitte nichts anderes tun. Stundenlang. Man, komm ich mir hilflos vor dabei. Worauf ich hinaus will, auch da muss man sich diesem Balance Akt stellen. Und jeder mit gefühlsstarkem Kind weiß wie genau man sich überlegt was jetzt wirklich mal sein muss und wo man sich und dem Kind Ruhe gönnt.

  2. Wie alt ist dein Hübchen? Ich hatte meine Tochter mal für einen Tanzkurs für 4-jährige angemeldet. Kaum erreichte sie das Alter, ging es auch schon los, doch es war anfangs schwierig für sie, weil das Tanzen ohne Eltern stattfand. Irgendwann gewöhnte sie sich dann aber zum Glück daran und erzählt noch heute davon ohne zeigt, was sie gelernt hat (Durch unseren Umzug besuchte sie den Kurs nur ein halbes Jahr).

    Inzwischen ist meine kleine Tochter auch 4 Jahre alt und ich merke, wie klein 4 Jahre eigentlich ist… Ich habe für mich beschlossen, vor der Schulreife nicht mehr drüber nachzudenken. Danke für deinen Erfahrungsbericht bezüglich des Parcour-Trainings; ich fand ihn sehr interessant zu lesen!

    • Das Hübchen ist jetzt knapp fünfeinhalb, also schon in beginnendem Vorschulalter. Er hat im letzten halben Jahr auch einen Wahnsinnssprung gemacht, weshalb wir uns diesen Schritt jetzt überhaupt getraut haben. Er ist viel selbstsicherer geworden, auch gegenüber fremden Menschen und Situationen. Der Moment hat einfach gut gepasst! 🙂

      • Dann ist er ungefähr so alt wie meine große Tochter 🙂 Mit 5/6 Jahre ist das Kind tatsächlich schon recht groß und kann einen solchen Kurs auch ohne Eltern gut meisten. Natürlich lässt sich das so pauschal nicht sagen, aber eure Kriterien sind ein guter Anhaltspunkt fürs Gelingen.

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