„So viel Freude so viel Wut“ – Nora Imlaus Buch über gefühlsstarke Kinder

„Warum kann mein Kind nicht auch so sein wie andere Kinder?“ – diese Frage haben sich vermutlich alle Mütter und Väter gestellt, die an jenem warmen Sommerabend gemeinsam in dem historischen Gebäude sitzen, in dem Nora Imlau ihr neuestes Buch vorstellt: „So viel Freude so viel Wut – gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten“. Das ist nun schon einige Wochen her. Höchste Zeit also, dass ich euch davon berichte und das Buch über die etwas speziellere Sorte Kind hier vorstelle.

Warum muss ausgerechnet mein Kind so sein? Mit dieser rhetorischen Frage beginnt Nora ihren Vortrag. Und tatsächlich ist diese Frage authentisch: Auch sie hat ein „gefühlsstarkes Kind“, wie sie es so treffend nennt. Ein Kind, das irgendwie anders ist als andere. Eins, das das Potential hat, seine Eltern in den Wahnsinn zu treiben, weil es sensibler ist, launischer, gefühlt endlos Aufmerksamkeit benötigt und trotzdem niemals zufrieden ist. Nora Imlau ist dreifache Mutter, Journalistin, Buchautorin und eine der Vorreiterinnen der bedürfnisorientierten Erziehung.

Was für ein Schock ein gefühlsstarkes Kind gerade für Eltern sein kann, die doch immer nur das Beste wollen und immer ihr Bestes geben, das kennt Nora also aus eigener Erfahrung. Klar haben wir alle uns das leichter vorgestellt, oder wie Nora sagt: Die „Arroganz der Ersteltern“ ist uns allen ganz schön auf die Füße gefallen! Wie wir vor dem ersten eigenen Kind über andere Kinder gedacht haben? Vielleicht so: „Kein Wunder, dass die anderen Kinder so sind. Wir werden das ganz anders machen. Wir sind nämlich liebevoll und konsequent“. Nora trägt den letzten Satz süffisant vor und das Publikum lacht mit. Ja, da hat sie uns erwischt.

„Es ist nicht deine Schuld!“

Umso krasser ist es nämlich, wenn plötzlich ein Kind in die Familie kommt, das so gar nicht „funktionieren“ will und uns Eltern täglich an unsere Grenzen treibt. Aus meinen Blogbeiträgen wisst ihr, wie anstrengend das sein kann und wie verzweifelt ich im letzten Jahr nach Lösungen gesucht habe. Meine Verzweiflung wuchs dabei umso mehr, je mehr ich mir selbst die Schuld am Verhalten meines Kindes gab. Und genau da ist der Punkt, der Noras Buch so wahnsinnig wertvoll macht: Als erste deutsche Autorin thematisiert sie diese Kinder, die sich so schwer verstehen und noch schwerer bändigen lassen. Und gibt uns vor allem einen wichtigen Satz mit: Es ist nicht deine Schuld!

Geschätzt tanzt etwa jedes 7. Kind gefühlsmäßig ein bisschen aus der Reihe. Diese Kinder haben ein stärkeres Gefühlsleben als „Durchschnittskinder“. Nora hat darum für sie den Begriff „gefühlsstarke Kinder“ erfunden, den ich extrem passend finde. In ihrem Buch „So viel Freude, so viel Wut“ geht es von vorne bis hinten um genau diese „Sorte Kind“ und richtet sich damit an genau solche Eltern wie mich, die ich mich zuvor oft gefragt haben, was denn eigentlich mit meinem Kind nicht stimmt und wie ich das jetzt eigentlich überlebe damit am besten umgehe.

Von Einordnung über medizinische Aspekte bis zu Alltagstipps

Noras Buch gibt so viele wertvolle Antworten, dass es schwer würde, hier einen vollständigen Abriss der Inhalte zu geben. Ich will aber versuchen, die wichtigsten Themen zu nennen: Ähnlich wie ihre US-amerikanische Kollegin Mary Kurcinka in ihrem Buch zu temperamentvollen Kindern bietet auch Nora in ihrem Buch eine gute Beschreibung der Eigenschaften eines gefühlsstarken Kindes, inklusive Tabellen, durch die man gut einschätzen kann, ob das eigene Kind dazu gehört. Wichtig finde ich auch, dass sie erklärt, warum sie mit dem Begriff „gefühlsstark“ nicht einfach ein neues Label erfindet, das Kinder in Schubladen steckt, sondern vor allem einen positiv besetzten Begriff etablieren will, der eine Alternative zu negativen Attributen von „schwierig“ bis „schwer erziehbar“ darstellen soll.

Sehr interessant ist der medizinische Exkurs, der uns erklärt, dass das Gehirn eines gefühlsstarken Kindes tatsächlich etwas anders funktioniert. Ansonsten enthält das Buch natürlich sehr viele wert- und sinnvolle Lösungsansätze und Alltagsbeschreibungen, wie wir lernen können, mit den starken Gefühlen unserer Kinder umzugehen. Und auch, wie wir unseren Kindern dabei helfen können, selbst zu lernen mit den eigenen starken Gefühlen umzugehen und sie auf lange Sicht auch zu regulieren.

Die Kinder nicht in Watte packen, sondern stark fürs Leben machen

Letzterer ist auch ein Aspekt, den ich in Noras Arbeiten ganz allgemein schätze: Ihrer Ansicht nach nutzt es nichts, unsere Kinder in Watte zu packen oder ihnen gar jeden Wunsch zu erfüllen. Auch oder gerade gefühlsstarke Kinder müssen lernen, sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden – und nicht zuletzt sind sie oft jene Personen, die unsere Welt mit ihren Ideen, ihrer großen Empathie oder auch Energie besonders bereichern, als Kinder genauso wie später im Erwachsenenalter.

Auch gefühlsstarke Kinder finden sich in sozialen Kontexten gut zurecht – bisweilen brauchen sie dazu aber ein bisschen mehr Unterstützung. Deswegen finde ich es großartig, dass Nora dem Thema Krippe, Kita und Schule ein ganzes Kapitel widmet. Übrigens ein Kapitel, das auch für alle Eltern von weniger gefühlsstarken Kindern wertvoll sein kann!

Kurzweilig und lesenswert wird das Buch zudem durch die vielen kurzen Porträts, mit denen Nora ihre Abhandlungen spickt. Von Thomas Edison bis PINK – hättet ihr geahnt, wie viele verstorbene oder noch lebende Berühmtheiten aus heutiger Sicht in die Kategorie „gefühlsstark“ gehör(t)en?

Eine Wohltat für strapazierte Elternseelen

Am Ende des Buches atmet man erleichtert auf – nein, eigentlich tut man das schon nach den ersten Seiten. „So viel Freude, so viel Wut“ ist eine Wohltat für strapazierte Elternseelen und bestärkt gleichzeitig darin, weiterzumachen. Mit viel Liebe und ganz viel Verständnis, aber auch mit Konsequenz an den richtigen Stellen und ohne sich auf Machtkämpfe einzulassen.

Wenn ihr also auch so einen kleinen Energievampir als Kind habt, der euch gefühlt aussaugt und regelmäßig zum Verzweifeln bringt: Lest dieses Buch! Ihr werdet danach wohlwollender auf euer Kind schauen – und auch auf euch selbst. Denn das ist auch eine wiederkehrende Mahnung Nora Imlaus: Achtet auf euch! Wir Eltern dürfen nicht dauerhaft über unsere Grenzen gehen und bedürfnisorientierte Erziehung bedeutet vor allem, die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu achten und zu vereinen. Ich bin froh, dass das jemand sagt und schreibt. Ich bin froh, dass es Nora und ihre Bücher gibt. Ihr auch?

Ich würde jetzt gerne ein Buch verlosen, wie ich das sonst oft mache. Aber ich mag mein Rezensionsexemplar nie wieder hergeben, weil ich sicher bin, dass ich noch oft darin lesen werde. Wie aktuell zum Beispiel, da wir mal wieder durch eine, äh, recht anstrengende Phase gehen. Aber kauft euch das Buch einfach selbst, es lohnt sich wirklich! Und Bücher kann man ja eh nie genug haben. Finde ich zumindest. Viel Spaß beim Lesen!

Infos zum Buch: 
gebundene Ausgabe, 320 Seiten, erschienen im Kösel Verlag
Preis. 20€ (13,99€ als Kindle)
ISBN: 978-3-466-31095-1

7 Kommentare zu „„So viel Freude so viel Wut“ – Nora Imlaus Buch über gefühlsstarke Kinder

  1. Hannah

    Vielen Dank für diese Rezension 🙂
    Ich habe zwar kein gefühlsstarkes Kind (oder weiß es noch nicht XD) aber deine Rezensionen sind immer sehr gut geschrieben und interessant! Außerdem finde ich es super, wie interessiert und lösungsorientiert du an den Umgang mit deinem Sohn herangehst.
    Mach weiter so und weiterhin viel Freude (und Geduld!) mit euren zwei Kleinen!

    • Danke dir! Es gibt auch Momente im Alltag da bin ich so gar nicht lösungsorientiert, sondern brülle einfach zurück. 🙈 Aber letztlich hilft es tatsächlich nur, irgendwie gemeinsam Wege zu finden. Ich hätte niemals gedacht, wie dankbar ich mal für Ratgeber-Literatur sein würde. 😆 Aber Noras Buch und auch das von Mary Kurcinka sind für mich absolut Gold wert!

      • Katrin

        Kannst du sagen, welches der Beiden besser ist?

  2. Maria

    Absolut treffend formuliert.
    Ich hatte das große Glück bei Noras Buchvorstellung in Lich bei Gießen dabei gewesen zu sein.
    Es war eine absolute Bereicherung.
    Und mit deinen Worten erinnerst du mich an diesen wundervollen Tag – ich sanke dir dafür

  3. Ich bin sofort neugierig auf das Buch und weiß jemanden der es ganz bestimmt gut gebrauchen kann.

    Ich stolpere etwas über die Formulierungen. „Gefühlsstark“ vs. „Weniger gefühlsstarke“ Kinder. Mein Sohn hat so starke und echte und liebenswerte Gefühle! Er treibt mich manchmal in den Wahnsinn und raubt auch Kraft. Aber, so weit ich weiß tanzt er nicht aus der Reihe. Nur, was ist normal?!

    Jedenfalls, danke für den Tip! Ich weiß jm der es echt gebrauchen kann.

    Alle Liebe, Claudia <3

    • Och, bei Kindern gibt es ja sowieso kein normal oder unnormal. 😉 Ich weiß auch nicht, was du unter „aus der Reihe tanzen“ verstehst. Mein Hübchen ist ja z.B. in sozialen Kontexten (Kita, auf Feiern, bei Freunden usw.) auch ein extrem vorbildliches Kind, findet immer schnell Freunde, weiß sich dann auch „zu benehmen“. In solchen Kontexten tanzt er also nicht aus der Reihe, trotzdem ist das Leben mit ihm an anderen Stellen deutlich herausfordernder als viele andere Eltern das Leben mit ihren Kindern erleben.

      Nora Imlau und auch Mary Kurcinka zählen die Charaktereigenschaften von gefühlsstarken Kindern in ihren Büchern sehr genau auf und ich habe jetzt schon von vielen Eltern gehört, wie erstaunt sie sind, weil man das so klar eingrenzen kann. Vielleicht schaust du einfach mal in eins der Bücher? Anhand der Checklisten kannst du ziemlich schnell einschätzen, ob dein Kind dazugehört oder nicht. Hier in meinem Artikel hatte ich die Eigenschaften immerhin schon mal aufgezählt: https://kinderhaben.de/von-schwierigen-kindern-teil-2-erziehungsratgeber-und-wie-sie-helfen-koennen/

      Und grundsätzlich ist es ja auch irgendwie egal. Solange du gut mit deinem Kind zurechtkommst, spielt es ja irgendwie keine Rolle, in welche Schublade es gehört (überspitzt gesagt). Für mich und viele andere Eltern sind diese Bücher einfach so wertvoll, weil unsere Kinder uns täglich an und über unsere Grenzen treiben, weil sie in vielerlei Hinsicht so speziell ticken.

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