RESPEKT, ihr Eltern, echt jetzt mal!

Letzte Woche kam Hübchens bester Kita-Freund zeitgleich mit uns an der Kita an. Das Hübchen winkte aufgeregt, von Auto zu Auto. Bloß Hübchens Freund, der winkte nicht zurück. Er war nämlich auf dem 10-minütigen Weg eingeschlafen, morgens um kurz vor 9. Während Hübchens Freund langsam aufwachte und sich murrend aus dem Kindersitz schälte, erklärte mir seine Mutter die Lage: Der kleine Bruder wacht jeden Morgen um 5 Uhr auf und macht dann Halligalli – keine Chance für den Großen, weiterzuschlafen. Und für die Eltern erst recht nicht!

Für mich war das mal wieder ein Anlass, folgendes zu denken: Meine Fresse! Meine Fresse, was macht man als Eltern ein Ströphchen mit! Man hört ja irgendwann einfach auf, darüber zu reden. Zu normal ist es geworden, keine Nacht mehr durchzuschlafen, die eigenen kläglichen Bedürfnisse zwischen tausenden kleiner bis größerer Kinder-Bedürfnissen hin und hier zu schieben oder eben auch: jeden Morgen um 5 Uhr geweckt zu werden, egal wie lang die To-Do-Liste am Abend zuvor auch war.

Die Mutter von Hübchens müdem Kitafreund ist auch müde. Sie ist nämlich gerade schwanger mit dem dritten Kind, arbeitet weiter in Teilzeit und ist auch ansonsten keine, die sich vor weiteren Aufgaben scheuen würde. Und ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, wie sie das jeden Tag macht. Und die kommenden Jahre machen wird, mit dann drei Kindern, wovon vermutlich immer mindestens zwei schlecht oder viel zu wenig schlafen werden.

Warum redet da keiner drüber?

An diesem Kitamorgen schaute ich den anderen Eltern mal ein bisschen genauer ins Gesicht. Da waren Väter mit tiefen Augenringen, die nur schnellschnell das Kind abwarfen, um das frisch gestärkte Hemd gleich weiter ins Büro zu tragen. Da waren Mütter mit Babys im Tragetuch, die so aussahen, als hätten sie mehr als drei Nächte überhaupt nicht mehr richtig geschlafen. Und da war ich, die immer wieder dachte: Meine Fresse! Warum redet da eigentlich keiner drüber?

Ich meine, klar, nicht nur Eltern stehen früh auf. Es gibt Menschen, die im Schichtdienst arbeiten, die jeden Tag zu unmenschlichen Zeiten durch die Weltgeschichte düsen oder in aller Hergottsfrühe verdammt verantwortungsvollen Tätigkeiten nachgehen. Der Unterschied ist aber: Wenn der kinderlose Beamte um 5 Uhr aufsteht, sitzt er dank Gleitzeit um 6 Uhr am Schreibtisch, macht um 14 Uhr Feierabend und legt sich um 15 Uhr zu einem schönen Nickerchen hin.

Die Mutter zweier Kinder jedoch wird um 5 Uhr geweckt, versucht für Ruhe zu sorgen, damit wenigstens eines der Kinder noch länger schlafen kann, was natürlich nur selten klappt. Dann macht sie zwei Kinder für den Tag fertig, macht Frühstück, schmiert Kitabrote, schnippelt Gurke, schlichtet erste Streitereien. Anschließend bringt sie zwei Kinder in verschiedene Kitas und ist nach mittlerweile vier Stunden auf den Beinen eigentlich reif fürs erste Nickerchen, das sich natürlich nicht halten lässt, denn der Job ruft. Nachmittags dann alles rückwärts: Kinder einsammeln, Streit schlichten, Nachmittagsprogramm, Essen machen, ins Bett bringen. Und abends wartet dann alles, was tagsüber nicht zwischen Kinder und Job gepasst hat: Wäscheberge, Steuererklärung, Geburtstagsgeschenke bestellen.

Irrsinnige Fremdbestimmung

Manchmal kommt es mir geradezu irrsinnig vor, wie fremdbestimmt wir Eltern leben – und mit welchem Langmut wir das stillschweigend ertragen. Mit meiner Freundin, die zwei außerordentliche Frühaufsteher-Söhne geboren hat, spreche ich jedenfalls schon seit sehr langer Zeit nicht mehr über diese krassen Stressfaktoren in unseren Leben: Mein Sohn schläft niemals durch, ihre Söhne sind jeden Morgen zwischen 5 und 6 Uhr wach. War noch was?

Nee, irgendwie ist das halt einfach normal geworden. Es gehört zum Elternsein dazu, wir adaptieren uns, halten aus, jammern nicht. Wir haben diese Kinder ja auch gewollt, verdammt! Nur letztes Jahr, da ist meine Freundin rückfällig geworden, als sie mir diese Geschichte erzählte: Sie waren gerade im Urlaub gewesen, als die Zeit umgestellt wurde, zur Winterzeit.

Generell tat sich im Urlaub das Problem auf, dass das Frühstücksbuffet erst um 8 Uhr öffnete, die Kinder jedoch spätestens um 7 Uhr Hunger hatten – da waren sie schließlich meist schon über eine Stunde wach. Nun wurde also die Uhr umgestellt, die Kinder wurden wie immer früh wach, meine Freundin schaute auf den Wecker: 5 Uhr. Uff, extra früh heute. Bloß: Sie hatte dabei noch nicht die Zeitumstellung bedacht. Der analoge Wecker zeigte noch die Sommerzeit an und in Wahrheit war es – dömdödöm – 4 Uhr! Und das hieß: Noch vier Stunden bis zum Frühstücksbuffet!

Aufstehen, Loslegen, Funktionieren

4 Uhr, das hört sich für mich auch heute noch an wie eine gute Uhrzeit, um so langsam den Club zu verlassen und mit einer Falafeltasche in der Hand nach Hause zu wanken. 4 Uhr, das klingt ganz sicher nicht nach „Guten Morgen, begrüße den wunderschönen neuen Tag!“. Um 4 Uhr morgens finde ich selten irgendwas wunderschön, außer mein warmes Bett. Für nicht wenige Eltern bedeuten aber die ganz frühen Morgenstunden nichts weniger als: Aufstehen, loslegen, funktionieren.

Das ist doch der Wahnsinn! Ich kann es wirklich nicht oft genug sagen. Es ist nämlich wirklich der reine Wahnsinn, was die meisten Eltern kleiner Kinder trotzdem noch „so nebenher“ leisten. Arbeiten zum Beispiel, und zwar gut und verlässlich, in den diversesten Jobs, auch den verantwortungsvollen. Einkaufen, gesunde Dinge kochen, an den Geburtstag der Schwiegermutter denken. All so einen Blödkram, der ja jetzt nicht allzu anstrengend erscheint, der aber mit so ein bis einhundert Portionen Schlafmangel schon mal zu einer klitzekleinen Herausforderung werden kann.

RESPEKT, echt jetzt mal!

Deswegen will ich hier jetzt einfach mal sagen: Eltern, RESPEKT! Echt jetzt, allen Respekt vor dem, was ihr alltäglich (und allnächtlich) leistet. Und den krassesten Respekt dafür, dass ihr niemals jammert, sondern einfach macht. Ich weiß ja auch, es ist halt alles sauanstrengend und es wird nicht besser, wenn man drüber redet. Und ich will auch gar nicht empfehlen, ab jetzt immer die große Litanei anzustimmen, wenn die Kinder schon wieder um 5 Uhr Kissenschlacht machen.

Aber so ein bisschen auf die Schulter klopfen, das können wir uns doch immerhin mal. Wir sind so großartig, wir reden nur nicht drüber. In diesem Sinne, alle zusammen: Weitermachen! Und immer dran denken: Die Kinder sind nicht ewig klein.

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Ein Kommentar zu „RESPEKT, ihr Eltern, echt jetzt mal!

  1. Gis

    Liebe Sophie, danke, danke, danke! Hatte gerade diese Tage erst mit meinem Mann die Erkenntnis, dass die aktuelle Lebensphase der Wahnsinn ist: kleine Kinder, sich im Job etablieren und dann noch Haus… Das Leben ist voll – in jeglicher Hinsicht! Und jetzt klopf ich uns Eltern auf die Schultern und wünsche eine gute Nacht mit maximal Schlaf…

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