„Oje ich wachse“: ein Ratgeber mit Gefahrenpotential

Nachdem ich während meiner Schwangerschaft erfolglos auf die Suche nach Ratgeberliteratur gegangen war, die ihre Leser halbwegs ernst nimmt und zumindest wissenschaftliche Grundkriterien erfüllt, bekam ich nach der Geburt meines Sohnes einen wahren Klassiker geschenkt: „Oje ich wachse“ von Hetty van de Rijt und Frans X. Plooij. Auch wenn ich schon nichts gutes ahnte, war ich neugierig, was drin stehen würde. Und meine schlimmsten Vorahnungen wurden noch übertroffen: „Oje ich wachse“ ist ein Buch, das Babys in Schubladen stecken will, junge Eltern verunsichert und stellenweise sogar Kindesmisshandlung verharmlost. Urteil: Nicht empfehlenswert!

Trotzdem eine kleine Entwarnung: Für Menschen, die nicht einfach alles glauben, was andere ihnen weis machen wollen, geht von diesem Buch natürlich keine Gefahr aus. Da aber ein gehöriger Anteil unserer Gesellschaft aus Menschen besteht, die glauben, „Berlin Tag und Nacht“ sei das wahre Leben, finde ich es doch bedenklich, dass das Buch der niederländischen Autoren laut meiner Hebamme auf jedem zweiten Wohnzimmertisch der von ihr betreuten Familien liegt.

Kurz zum Inhalt: Das Buch erzählt laut Untertitel „Von den acht ‘Sprüngen’ in der mentalen Entwicklung Ihres Kindes während der ersten 14 Monate und wie Sie damit umgehen können.“. Jedes Kapitel befasst sich mit je einem „Entwicklungssprung“ und trägt stets den Titel „Freud’ und Leid um die X. Woche“. Was das Buch in erster Linie ausmacht, sind zum einen die Tabellen, in denen aufgelistet wird, was das Baby im jeweiligen Alter nun vermutlich alles kann. Hier kann man dann auch ankreuzen, was für sein eigenes Baby bereits zutrifft. Zum anderen versuchen die Autoren sich tatsächlich ein bisschen an „Berlin Tag und Nacht“, indem sie zahlreiche O-Töne in das Buch integrieren. Ich möchte mich nun nicht feministisch daran abarbeiten, dass in den O-Tönen ausschließlich Mütter zu Wort kommen. Viel wichtiger ist der Inhalt dieser Zitate.

Mein Baby: Gewitter, Blitz und Sonnenschein

Die Überschrift „Freud’ und Leid“ deutet schon an, dass ein „Entwicklungssprung“ laut van de Rijt und Plooij stets aus einer „schwierigen“ Phase besteht, in der die Babys viel schreien, an der Mutter klammern und insgesamt eher unerträglich sind. Darauf folgt dann der „Sprung“ – das Baby erlernt eine oder mehrere neue Eigenschaften. Kurz darauf ist das Kind dann wieder prima gelaunt. Toll, wenn das so einfach funktioniert und man zusätzlich auch noch in der Tabelle auf Seite 19 des Buches anhand illustrativer Gewitterwolken, Blitzen und kleinen Sonnen-Symbolen ablesen kann, wann genau das Baby eher gut oder eher mies gelaunt sein wird. So einfach kann Entwicklungspsychologie sein!

Die Zitate der angeblichen Mütter sollen diese Freud- und Leid-Phasen dann zusätzlich illustrieren. In den O-Tönen unter der Überschrift „Der Sprung ist geschafft“ heißt es z.B.:

„Sie fremdelt immer weniger. Sie lacht viel. Und sie kann sich gut selbst beschäftigen. Sie ist wieder sehr mobil und unternehmungslustig. (Anna, 33. Woche)“.

Doch schon in diesen vermeintlich positiven Kommentaren drückt sich ein Bild aus, dass eher befremdlich erscheint: Hier ist unter anderem erstaunlich häufig von Vätern die Rede, die nun, seit das Baby wieder besser gelaunt ist, nach längerer Zeit endlich wieder gerne nach Hause kommen. Oder es wird betont, dass die Mutter das Baby nun endlich mal wieder gerne aus dem Bett holt, da es nun so nett brabbeln kann. Was sagt uns das über diese Familien in Zeiten, in denen das Kind als „schwierig“ eingestuft wird?

Verharmlosung von gewalttätigem Verhalten

Richtig: das gesamte Ausmaß liest sich schließlich in den Mütter-Zitaten, die während der „Leid“-Phasen gesammelt wurden. Um nur ein paar der schlimmsten zu zitieren:

„In dieser Woche brüllte sie noch mehr als in der vorigen. Das machte mich wahnsinnig. Ich hab’ so viel zu tun. Einmal hab ich sie auf das Wickelkissen auf der Kommode geworfen. […]. (Stefanie, 9. Woche)“

 

„Wir hatten Besuch. Er war quengelig, und alle hatten gute Ratschläge auf Lager. Davon werde ich immer supernervös. Als ich ihn in sein Bettchen legen wollte, konnte ich mich nicht mehr beherrschen, ich habe ihn genommen und durchgeschüttelt. (Timo, 11. Woche)“

Auch wenn das Buch im Anschluss an solche Zitate darauf hinweist, dass man Babys niemals schütteln sollte, da das sehr gefährlich für die Kinder sein könne, ist es meines Erachtens pädagogisch nicht unbedingt sinnvoll, in Reality-Manier von derartigen Aussetzern der Mütter zu erzählen. Allzu könnte sich die Leserin beim Lesen der O-Töne denken: „Ach naja, diese emotionalen und tatsächlichen Ausraster scheinen wohl ganz normal zu sein“.

Die Zitate mit teils gewalttätigen Inhalten wirken somit extrem verharmlosend. Es müsste viel deutlicher betont werden, dass es wirklich GAR NICHT gut ist, solche Gefühle zu haben und dass man sich dringend Hilfe suchen sollte, wenn diese über einen längeren Zeitraum andauern oder man sogar versucht sein sollte, sein kleines Baby zu schütteln oder anderweitig zu misshandeln.

Motto des Buches: Augen zu und durch

Hinzu kommt, dass die Autoren an keiner Stelle des Buches tatsächlich versuchen zu erklären WARUM Babys sich häufig „schwierig“ verhalten. Stattdessen liest sich das Buch eher unter dem Motto „Augen zu und durch“, denn: jede Phase geht vorbei und danach wird auch dein Kind wieder der strahlendste Sonnenschein sein. Natürlich ist es oft hilfreich, sich dieses Mantra vorzubeten. Jedes Elternteil hat wohl die Erfahrung gemacht, dass es einfachere und schwierigere Phasen gibt, und dass man durch zweitere eben irgendwie durch muss.

Beim Verarbeiten solcher „schwierigen“ Phasen hilft mir jedoch keinesfalls das Lesen von Erfahrungsberichten von Müttern, die ihre schreienden Kinder schütteln und auch nicht das Ausfüllen von Checklisten, die das Können meines Babys prüfen, wenn es die schwierige Phase überstanden hat. Stattdessen war es mir immer wichtig, mich mit den tatsächlichen Bedürfnissen meines Babys auseinanderzusetzen. Beispielsweise hilft es über die schwierigen ersten Wochen mit häufig unzufriedenem Neugeborenen hinweg, wenn man versteht, dass kleine Babys sich auch in einem modern und gemütlich eingerichteten Kinderzimmer oft einfach einsam und allein fühlen. Um es verständlicher auszudrücken: Unsere Babys sind auch heute nach wie vor auf Steinzeit programmiert und ein Neugeborenes hat immer noch Angst vor dem Säbelzahntiger, wenn es nicht ganz nah bei Mama oder Papa sein darf. An solchen an sich simplen Erklärungen mangelt es in „Oje ich wachse“ aber gewaltig.

Schublade auf, Baby rein, Schublade zu

Hier wird das Baby stattdessen in eine Schablone gepresst: In der 8. und 9. Lebenswoche ist das Baby laut Buch schwierig, in der 10. und 11. ist es wieder prima drauf. Nach dem 8-Wochen-Sprung kann das Baby sich dann laut Checkliste vermutlich aus der Seitenlage auf den Rücken werfen, gegen Spielzeug schlagen, sich in Bauchlage abstützen und vieles mehr. „Oje ich wachse“ wirkt insofern nicht nur verharmlosend, sondern auch schnell verunsichernd, wenn das eigene Baby noch kaum Punkte aus den jeweiligen Checklisten erfüllt.

Das Buch erklärt nicht, warum Babys sich manchmal schwierig verhalten, sondern wiederholt nur mantra-artig die ewig gleichen Aussagen: Das Baby schreit nun mehr. Es schläft schlechter. Es klammert sich mehr an Mama. Warum es das tut? Welche Bedürfnisse es erfüllt sehen will? Darauf geben die Autoren keine Antworten. Ihr Fokus liegt allein darauf, dass ein Baby oft „schwierig“ ist, dass es nach dieser „schwierigen“ Phase dann aber eine neue Eigenschaft erlernt hat. Und dann ist es ja auch egal, wie oft die zitierten Mütter ihre Babys allein in ihren Bettchen haben schreien lassen oder wie sehr die Väter ihren nervenden Nachwuchs ablehnten. Da muss man halt durch, wenn nötig mit Schütteln und Ignoranz. Denn danach kommt ja ganz sicher wieder eine gute Phase und das Baby wird lachen und brabbeln und seine Eltern lieb haben.

Eine Gefahr für unreflektierte Eltern

Für unreflektierte, unerfahrene Eltern würde ich dieses Buch als Gefahr einstufen. Für alle anderen taugt es höchstens zum Amusement oder zum gepflegten Den-Kopf-Schütteln – sofern man sich nicht (wie ich) einfach zu sehr über den schlechten Schreibstil und die dauernd gleichen Formulierungen ärgert. Es ist mir ein völliges Rätsel, warum dieses Buch auch in Familien, die nicht den ganzen Tag RTL II gucken, zur Standardlektüre wurde. Meine Bewertung: Nicht empfehlenswert!

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16 Kommentare zu „„Oje ich wachse“: ein Ratgeber mit Gefahrenpotential

  1. Iris

    Super, danke für die Rezension. Ich finde das Buch auch aufgrund der von dir beschriebenen Problematik ziemlich unerträglich und habe mich gewundert, es von vielen, scheinbar kritisch denkenden Menschen empfohlen bekommen zu haben.

  2. Stephie

    Ich fand das Buch großartig und es hat mir durch die „teilweise schwierigen“ Phasen sehr gut durchgeholfen! Und nein, ich schaue nicht den ganzen Tag RTL II !!!
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwelche Eltern auf der Welt gibt, die nicht irgendwann mal während der Erziehung ihres Kindes nicht eine Nano-Sekunde daran denken, es „zu verkaufen“! Kinder haben ist nicht einfach, dass wissen viele sicher vorher. Aber nicht selten steht man einfach in Situationen, die man sich SO vorher nicht vorstellen oder ausmalen konnte, in denen man nicht mehr weiter weiß und am liebsten schreiend oder heulend den Raum verlassen möchte. Das geht aber nicht und das Kind schütteln, hinwerfen oder auf andere Art und Weise zu misshandeln ist definitiv auch keine Lösung und das sind vielleicht auch nicht die besten O-Ton-Beispiele, die in dem Buch scheinbar beschrieben sind (kann mich nicht mehr an jedes einzelne erinnern). Allerdings glaube ich nicht, dass diese eingestreuten Beispiele den Leser zum Nachahmen anregen. Sicherlich teilweise zum Kopfschütteln, aber oft genug bekommt man einfach auch das Gefühl, dass man nicht alleine mit diesen Situationen ist!
    Das Buch maßt sich nicht an, eine wissenschaftliche Abhandlung zu sein! Die Autoren haben einfach viele Eltern mit ihren Kindern über Jahre begleitet und daraus ein Schema lesen können und entworfen, dass auf viele Parallelen in der Entwicklung schließen lässt. SO muss man das Buch sehen und dann ist es sicherlich eine Hilfe und ein roter Faden, an dem man sich entlanghangeln kann – besonders, wenn die Kinder noch so klein sind, dass sie einem nicht sagen können, was sie bedrückt. Außerdem gibt es zu Anfang über 30 Seite, in denen erklärt wird, wie man das Buch verstehen muss, wobei es helfen kann und wie ein Baby „tickt“ – dass es z.B. nie ohne Grund schreibt, was viele Eltern vielleicht auch einmal vergessen können…
    Ich kann das Buch empfehlen, wenn man ein wenig verstehen möchte, was das Kind vielleicht gerade lernt und deshalb ein wenig „aus der Spur“ bringt. Die Tabellen im Buch kann man meiner Meinung nach vergessen, die einzelnen Sprünge werden sicherlich immer wieder mit den gleichen Worten beschrieben, aber wieso soll man das Rad neu erfinden? In den Entwicklungsschüben werden die Kinder meist wieder anhänglicher, weinerlich und teilweise zornig, weil einfach Dinge noch nicht funktionieren, die sie gerne schon können würden. Wenn man sich in den Wochen vorher auf ein Kind einstellen konnte, das selbstständiger wird und auch mal Dinge alleine erforschen möchte – Mama oder Papa immer in sicherem Abstand, dass es bei Bedarf auf sie zurückgreifen kann – ist es im ersten Moment schon ein wenig schwierig, sich auf den „Rückschritt“ einzulassen. Dabei hat mir aber immer ein bildlicher Vergleich geholfen, der so am Anfang des Buches stand (kein Zitat): „Stellen Sie sich vor, sie werden auf einem fremden Planeten ausgesetzt. Dort kennen sie niemanden und es ist ihnen alles fremd. Nur ein einziger Stein kommt Ihnen bekannt vor und bietet Ihnen Schutz – was machen Sie?“ Der Stein ist das Bildnis für die Mutter… (in unserer modernen Zeit kann das sicherlich auch der Vater sein – aber die innere Verbindung von Kind und Mutter alleine schon durch die Nähe in der Schwangerschaft kann im Normalfall kein Vater in Gänze ersetzen. Deshalb wird im Buch wohl auch hauptsächlich die Mutter als Hauptbezugsperson genannt)

    • Liebe Stephie, danke für deine Meinung! Der Artikel spiegelt meine persönliche Meinung und mein Empfinden dem Buch gegenüber wider. Natürlich ist es völlig legitim, dass du, genau wie sicher auch viele andere Leser*innen, das anders empfindest!

      Mittlerweile gibt es übrigens viele tolle Bücher, die sich tiefgehender und auch wissenschaftlicher mit Babys‘ Bedürfnissen und Entwicklungssprüngen auseinandersetzen – und trotzdem total angenehm geschrieben und sehr leicht lesbar sind! Dazu gehören m.M.n. die Bücher von Nicola Schmidt und Nora Imlau. Wer „Oje ich wachse“ schon gut fand, kann mit diesen Büchern bestimmt dann auch umso mehr anfangen. Und wer „Oje…“ mies fand, findet darin bestimmt eine tolle Alternative!

      • Julia

        Gut, das Buch hat seine Tücken. Aber: Als Psychologin finde ich es wahnsinnig wichtig mit Nachdruck zu betonen: ES IST NORMAL SOLCHE GEFÜHLE ZU HABEN!!!, es ist normal dass man in Situationen geratet in denen man sein Kind schütteln, verkaufen oder aus dem Fenster werfen möchte! Wichtig ist nur dass man es nicht tatsächlich tut!!! Und zu dem Zweck ist es wichtig zu wissen dass es normal ist diese Gefühle zu haben, weil man sich sonst vor Scham nicht traut , mit jemandem darüber zu sprechen!!! Weil wir schon bei Gefühlen sind: Verdammt nochmal, Rezessionen mit Aussagen wie die ihren, machen mich richtig wütend!!!

        • Ja, da bin ich genau Ihrer Meinung: Natürlich ist es normal, solche Gefühle zu haben. Aber ein Ratgeber, der solche Grenzsituationen ziemlich unkommentiert einfach so darstellt, ohne großartige Hilfestellung, den finde ich nicht normal.

          Und wie ich oben schon schrieb, gibt es mittlerweile so viele großartige Ratgeber, die genau das tun: Schamgefühle nehmen, bestärken und konkrete Tipps geben.

          Können Sie davon ab genauer sagen, was genau Sie so wütend macht? Vielleicht mit ein paar weniger Satzzeichen?

  3. Pingback: Ist das der Schub? Bitte, lieber Gott, lass das der Schub sein!! | Ach, wäre nur nicht diese Müdigkeit!

  4. Olga

    Das Buch hat mir überhaupt nicht geholfen. Jedes Kapitel ist eine einzige Wiederholung. Man hätte ich ein Kapitel schreiben können und sagen, dass es auf alle Sprünge zutrifft. Da fand ich das Internet wesentlich hilfreicher. Die Zitate fand ich schon fast sadistisch. ABER viele Eltern verlieren die Geduld oder werden in den Wahnsinn getrieben. So ist das Elternsein nun mal. Schlagen sollte man seine Kinder dennoch nicht. Ich habe eine leichte Depression gehabt und musste mit solchen Gedanken kämpfen und hab mich selbst dafür gehasst. NIEMAND sagt, dass Elternsein sehr schwierig ist. Meine Mutter behauptet immer noch es sei nicht schwer. Meine Tochter ist jetzt kein anstrengendes Kind, aber ich finde es schwer eine Mutter zu sein, aber es liegt daran, dass ich vorher ein ganz anderes Leben geführt habe. Meine Tochter hat nichts damit zu tun. Zurück zum Buch. Ich habe es gekauft in der Hoffnung es würde das erste Jahr leichter machen oder angehmer. Stattdessen las ich immer nur dasselbe ohne konkrete ‚Hilfe‘ oder ‚Tipps‘. Meine Tochter ist nun 7 Monate und ich liebe sie über alles. Ich verstehe sie besser als vorher. Ja, an manchen Tagen weiß ich auch nicht was sie will, aber mit dem Buch wäre ich immernoch total unsicher. Intuition ist doch besser!
    Grüße

  5. Denise

    Unreflektierte Bloggerin

    Es tut mir leid aber zu sagen, dass alle Menschen die RTL2 schauen schlechte Eltern sind Ist mehr als anmaßend. Dein Text sagt mehr über dich aus, als über Das Buch.

  6. Lilliyane

    Hallo,

    ich glaube diese Zitate der Mütter kommen aus den 80er Jahren oder? Wo sowas wie „schreien lassen“, „allein ins Bett stecken“ etc noch gängige Empfehlungen waren? Zumindest kommt mir der Schreibstil manchmal vor… Ich persönlich fühle mich manchmal getröstet wenn ich lese was die schwierigen Phasen manchmal ausmacht, und dass es nicht nur mir so geht, da ich aber Gott sei Dank sehr reflektiert bin und über heutige Entwicklungspsychologie Bescheid weiß, kann auch ich die Inhalte dieses Buches nicht wirklich gutheißen…

    • Das Buch ist laut Amazonas von 1998. Sicher waren da so Methoden wie Schreien lassen noch mehr im Trend. 😉 Heute haben wir zum Glück eine große Auswahl an viel besserer Literatur. Und deswegen verstehe ich einfach nicht, warum „Oje ich wachse“ immer noch so beliebt ist… Bleibt zu hoffen, dass die meisten Leser*innen den Inhalt gut reflektieren, so wie du schreibst. 🙂

  7. holger

    Wenn man an Oh je ich wachse eines kritisieren kann, dann dass Zeitschema, Entwicklung von Kindern auf Tage genau anzugeben ist natürlich humbug.

    Aber „Oh je ich wachse“ ist glaube ich nicht deswegen erfolgreich, es ist so erfolgreich, weil man sich in diesem Buch prima wiederfinden kann. Ein Baby kann Eltern eben manchmal an den Rand der Verzweiflung bringen wenn es nicht schlafen kann, weint und nicht zu trösten ist, sich beim Umziehen/Wickeln wehrt und schreit, obwohl man so sanft wie möglich vorgeht. Und „Oh je ich wachse“ ist genau das Buch, dass auf diese Dinge eingeht.

    Natürlich kann man auch Ratgeberliteratur lesen, die vorgibt, das Eltern „mit diesen 3 Techniken“ alles abstellt (die dann eben doch nicht funktionieren müssen, ein Baby ist ja keine Maschine). Natürlich kann man so tun, als gäbe es diese Stunden nicht, in denen man verzweifelt ist weil man nicht auf Klo kann ohne dass das Baby zu heulen anfängt. Natürlich kann man auch das großziehen eines Kindes gleichsetzen mit der Forderung der Selbstaufgabe der Eltern (und damit ist ja dann eh meist eher die Selbstaufgabe der Mutter gemeint). Und „Oh je ich wachse“ ist genau so ein Buch.

    „Oh je ich wachse“ macht aus Eltern, die in jedem abweichen von der Norm ein Problem machen (oder sich fragen, ob ein Problem vorliegt) relaxtere Eltern, die nicht jede Verhaltensänderung problematisieren.

    Wenn ich nun mal zu einer Metakritik komme, also einer Kritik deiner Kritik, dann glaube ich, dass du ausblendest wie vielgestaltig Hintergründe von Eltern sein können. Wenn etwa Eltern zitiert werden, die berichten wie das Umfeld negativ darauf reagiert, dass das Baby im Elternbett schläft, dann tut es das nicht, weil es ewiggestrig ist, sondern weil es solche Ansichten in der Gesellschaft noch gibt, und es stärkt die Eltern, die sich für das Elternbett entscheiden. Natürlich kann man behaupten, dass das Buch Gewalt gegen Kinder verharmlost, das ist aber nicht wahr. Viel eher muss man sich fragen, ob Kindern geholfen ist, wenn Eltern nicht über Emotionen reflektieren dürfen und das Reden über Fehlerverhalten tabuisiert wird (das Schütteln muss Tabu sein, nicht das Gespräch über den emotionalen Zustand, bei dem die Sicherungen aussetzen) werden.

    Uns hat „Oh je ich wachse“ nun schon 8 Monate begleitet, und ich empfehle es weiter.

  8. Tiziana

    Hallo Sophie,

    Ich habe eine andere Auflage von dem Buch, darin geht es um 10 Sprünge. Ich war sehr froh über das Buch. Als frische Mutter. In meinem Umfeld gab es keine kleinen Kinder wo ich evtl schon mal etwas mitbekommen hätte können.
    Die ersten Monate war ich sehr unsicher , wenn mal wieder schreiende Nächte bevorstanden. Oder das stillen nicjt klappte weil er die Brust anschrie und nicht richtig andockte. Dann holte ich das Buch und es passte wirklich, plus minus ein paar Tage,aber das erst bei den späteren Sprünge. Ich habe die Erfahrung gemacht aber den tatsächlichen Termin zu nehmen statt wie beschrieben den errechneten.

    In meiner Auflage steht auch drin. Das sich die Welt der Babys in der sie sich befinden verändert und sie das unsicher macht. Sie brauchen jetzt Nähe und mit gewissen spielen, kann man den kleinen helfen auch helfen besser dadurch zu kommen. Das man mit dem stillen nicht aufhören soll. Da es eine Phase ist mit dem immer wieder los lassen. Darüber bin ich sehr froh. Weil mich alle verrückt gemacht haben. Er wird nicht satt und so weiter. Und siehe da ich stille immer noch am Abend, er ist jetzt 16 Monate.
    Von dem schütteln habe ich nichts gelesen, wohl aber von dem werfen. Da stand dabei das sie es sogleich wieder bereut hat. Natürlich entschuldigt das nicht das Verhalten.
    Aber auch ich war mal richtig sauer weil er mal wieder die Nächte lang waren.. So weiß man, man ist nicht allein damit . Viele Eltern sind mal so richtig genervt von den Kindern. Ich hatte dadurch viel mehr Verständnis. Das Kind kann nichts dafür und hat Angst, weil alles anders wird. Nichts ist wie es war in Mamas Bauch.

    Ich habe das Buch gerne gelesen und nicht als Aufforderung für Gewalt empfunden , sondern eher so den kleinen trotz der schwierigen Zeit beizustehen

  9. Katharina

    danke für den artikel, ich bin auf der suche nachempfehlungen, wie ich meinem kind tatsächlich in diesen schweren zeiten helfen kann, kennst du etwas dazu ?
    lg

    • Liebe Katharina,

      ich mag alle Bücher, die Babys nicht so in Schubladen packen, sondern vor allem erklären, warum Babys sich so oder so verhalten (können) und welche Strategien es gibt, mit dem teils anstrengenden Verhalten umzugehen. Ich denke, so etwas könntest du suchen?

      Dann empfehle ich dir „Mein kompetentes Baby“ und „Schlaf gut Baby“ von Nora Imlau. Etwas spezieller, aber auch sehr nett und verständig geschrieben ist das „artgerecht Baby Buch“ von Nicola Schmidt. Viel Spaß beim Lesen!

  10. Robert

    Liebe Eltern,
    nicht von dieser Reszension beeinflussen lassen. Das Buch zeigt Realität, wie sie eben ist: nämlich oft hart. Die hier beschriebene Rezension geht vom politisch korrekten Gutmenschentum aus, nach der Disziplin und alle Formen klarer Erziehung ein Unding für Kinder sind. Leider wird allzu oft so argumentiert – und unsere Gesellschaft verwahrlost zunehmend. Der Alltag mit Kindern ist hart. Eltern brauchen Zuspruch, die machen Fehler. Das zeigt das Buch. Mit mangelnder Reflexion hat das nichts zu tun. Es wird lediglich gezeigt, dass Kinder in ihren Entwicklungsphasen eben so handeln wie sie es tun und dass das eben irrational, anstrengend, mitunter kaum erträglich ist. Dieser Willkür tritt man mit Klarheit entgegen. So schaffft man sich selbst erträgliche Situationen und das ist auch gut für die Kinder. Ab einem bestimmten Alter sind Grenzen wichtig – diese muss man deutlich machen. Wenn Kinder das merken, können sie empathisch werden. Wenn Eltern immer so tun, als wäre alles großartig, tun sie sich selbst und ihren Kindern keinen Gefallen. Ich kann nur raten: lesen, ehrlich sein, darüber sprechen. Und nebenbei: unreflektierte Eltern werden ein solches Buch wohl kaum lesen. Es ist wichtig, dass man deutlich macht: es geht nicht immer nur um Bedürfnisbefriedigung. Solche Kinder haben wir genug und sie – und besonders deren Helikoptereltern – nerven dann Erzieher, Lehrkräfte u.a. -, sondern um Realismus, dem Einhalt gebieten einer destruktiven Natur, die erzogen und sozialisiert werden will. Mit pädagogischem Gutmenschentum kommt man da nicht weit.

    • Liebe Eltern,

      nicht von diesem Kommentar beeinflussen lassen! Gegen Menschen, die gegen „Gutmenschentum“ stänkern, hilft die Rückbesinnung auf das eigene Leben, auf das Zusammenleben mit Freunden und Familie und der empathische, rücksichtsvolle und liebevolle Umgang miteinander – auch mit sogenannten „Fremden“.

      Ich kann nur raten: Gute Ratgeber lesen (z.B. Nora Imlau, Herbert Renz-Polster, die ebenfalls nichts beschönigen und sowohl Kinder als auch Eltern mit ihren oft sehr divergierenden Bedürfnissen ernst nehmen und berücksichtigen). Ich rate zu Büchern, die nicht nur Symptome beschreiben, sondern ihnen auf den Grund gehen!

      Außerdem rate ich dazu, sich ehrlich mit anderen Eltern austauschen, auch und gerade über die schwierigen Dinge. In diesem Zusammenhang empfehle ich auch meinen und viele andere Blogs, in denen niemand so tut „als wäre alles großartig“, sondern Eltern ehrlich über alle Hindernisse berichten und auch mal dahin gehen, wo es weh tut!

      In diesem Sinne: Weitermachen! Mitdenken! Empathisch bleiben! Alles Gute!

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