Mein gefühlsstarkes Kind und seine ungünstigen Aufmerksamkeits-Strategien

Eigentlich dachte ich gestern noch: Es wird Zeit, mal so einen richtigen Gute-Laune-Artikel zu schreiben. Denn gestern hatte ich ungelogen lauter solche Momente, in denen ich dachte: Scheiß auf Corona, es wird doch alles gut. Aber wahrscheinlich ist es kennzeichnend für diese Zeit, dass Launen schwanken wie Birkenzweige im Wind. Heute Abend gibt es daher leider doch keinen Feelgood-Text, sondern einfach mal wieder das wahre Leben.

Durch diesen Blog weiß ich zum Glück, dass ich mit meinen Sorgen nicht alleine bin. Erst gestern habe ich auf einen Kommentar einer Leserin geantwortet, die darin ihre momentane Verzweiflung beschreibt: Ihr Dreijähriger hat offenbar sehr ungünstige Strategien, um an Aufmerksamkeit zu gelangen. Ärgern, hauen, an den Haaren ziehen, Kieselsteine ins Blumenbeet schmeißen, so was halt.

Oh Mann ja, ich kann so gut nachfühlen, wie anstrengend das ist, wenn ein derart nerviges Verhalten einfach nicht aufhört, egal wie sehr man sich bemüht, sich dem Kind trotzdem – oder gerade deshalb – immer liebevoll und zugewandt zu zeigen. Trotz Exklusivzeiten, Trost, Nähe, Liebe und allem Pipapo.

Gott bewahre dich vor Unkenrufen

Meine Antwort an die andere Mama ging dann auch leider kaum über „Halte durch, es wird besser!“ hinaus. Und ja, danke, ich weiß auch, dass das ein Unkenruf war. Und die Rache folgte auf dem Fuße. Denn just heute bekam ich bewiesen, dass sich ungünstige Strategien, um sich Aufmerksamkeit zu holen, vielleicht doch nicht so schnell auswachsen.

Ich will gar nicht ins Detail gehen, sondern einfach sagen: Heute war ein sehr anstrengender Tag. Dabei war es oft auch ein sehr schöner und sehr liebevoller Tag. Aber genau das macht es für Eltern von gefühlsstarken Kindern oft so bitter: Eigentlich war eben doch noch alles super, alle hatten Spaß und die Sonne scheint auch. Und im nächsten Moment reicht ein aufgegangener Schnürsenkel oder ein Stein vor dem Rad des Rollers, um die gesamte Stimmung in die Luft gehen zu lassen.

Wie redest du eigentlich mit mir?

Dazu kommt der Ton. Manchmal, wenn ich eh schon schlechte Laune habe, stelle ich mir vor, wie ich reagieren würde, wenn irgendein anderer, erwachsener Mensch versuchen würde, in der Art und Weise mit mir zu reden, wie es mein Kind tut. Ich weiß dann meistens gar nicht, was ich da machen würde. Ich wäre wohl vor allem völlig perplex angesichts dieser krassen Grenzüberschreitung.

Bei meinem Kind aber halte ich das aus, bleibe sachlich, erläutere wieder und wieder meine Grenzen, die dann doch wieder mit Füßen und Beinen niedergetrampelt werden. Bis ich irgendwann nicht mehr kann. Bis ich zurückschreie, bis ich mich zurückziehe, bis ich es einfach nicht mehr ertrage. Was folgt, ist das schlechte Gewissen aus der Hölle. Die absolute Angst, mein Kind und sein kleines Seelenpflänzchen jetzt für alle Ewigkeit zerstört zu haben.

Überraschung, das ist meistens nicht der Fall. Oft merke ich nach solchen Gefühlsausbrüchen sogar eine kleine Besserung. Das Kind nimmt plötzlich doch mal Rücksicht, packt mich vielleicht sogar mit Samthandschuhen an. Aber verdammt, das will ich ja auch nicht! Ich will doch nur, dass wir alle halbwegs miteinander zurecht kommen!

Kann das wirklich so schwer sein?!

Ja, kann es. Denn Kommunikation mit Mama heißt für mein gefühlsstarkes Kind zu einer nicht zu vernachlässigenden Prozentzahl: Jammern, lamentieren, Vorwürfe machen, sich über Kleinigkeiten aufregen. Ich weiß, dass er es nicht böse meint. Vieles davon ist seine verquere Art, sich Aufmerksamkeit zu suchen. Und es ist einfach so sauschwer, ihm die Aufmerksamkeit, die er doch eigentlich so dringend braucht, dann nicht erst recht zu entziehen.

Was es zusätzlich schwer macht: Ich habe hier ja mittlerweile ein „Normalkind“ zum Vergleich. Und ich bin täglich neu überrascht, wie leicht das Leben mit einem Kind ist, das sich klügere Strategien ausdenkt, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Allein: Mit ihren drei Jahren hat sie wohl kaum ein Seminar dazu besucht und Konzeptpapiere geschrieben. Unsere Kleine kam genau so zur Welt, es ist immer noch ein Wunder.

Sein Temperament sucht man sich nicht aus

Und da sind wir halt wieder am springenden Punkt: Sein Temperament sucht man sich nicht aus. Man lernt erst im Laufe des Lebens, es in Schach zu halten, es zu kontrollieren – und irgendwann auch, seine Vorteile zu nutzen. (Äh, und ehrlich gesagt bin ich selbst ja immer noch dabei und wie schwer ist das dann erst für ein Kind?!)

Ich bin mir jedenfalls so verflucht sicher, dass mein gefühlsstarkes Kind seine Vorteile nutzen wird. Und ich schwöre, ich werde mein Bestes geben, es dabei zu unterstützen. So schwer das auch an manchen Tagen sein mag und so oft ich es auch nicht schaffe. Morgen ist immer wieder ein neuer Tag.

Alle Blogartikel zum Thema „gefühlsstarkes Kind“ findet ihr unter dem entsprechenden Schlagwort!

4 Kommentare zu „Mein gefühlsstarkes Kind und seine ungünstigen Aufmerksamkeits-Strategien

  1. 2xMama

    Hallo,
    ich habe auch so ein gefühlsstarkes Kind, 4 Jahre alt und sehr schlau und oft ist es ganz toll zu beobachten, wie er lernt, Dinge ausprobiert, konzentriert an Dingen bleiben kann, toll mit anderen spielt…um dann wieder von einer Sekunde auf die andere wie ausgetauscht zu sein, eine Explosion wegen einer scheinbaren Ungerechtigkeit oder einem Wunsch, der nicht erfüllt wird oder einer (für mich zumindest) Kleinigkeit. Und manchmal explodiere ich einfach mit…und mag mich so gar nicht.
    Und dann kommt eine Erzieherin im Kiga und vergleicht ihn mit einem anderen Kind, das sie kannte, das vermutlich autistische Züge hat (nie ärztlich bestätigt oder getestet) und dazu hochintelligent wäre und ich lasse mich verunsichern..ist er „nur“ gefühlsstark oder ist es doch mehr? Warum muss man gleich irgendwelche Schubladen aufmachen? Nein, er ist einfach so, wie er ist, mal impulsiv, wild und eine einzige „Ich-AG“, mal kuschelig mit „Mama ich hab Dich lieb“-Knutschern und liebevoll zu kleinen Freunden. Schön, von anderen zu lesen, die wie ich einfach versuchen, alles auf die Reihe zu bekommen und ihren Kindern in ihren Gefühlen zu helfen. Uns hilft gerade sehr, ihm Worte für seine Gefühle zu geben und ihm Hilfestellung zu geben beim wieder herausfinden. Also z.B: zu sagen, dass wir wissen, dass er jetzt wütend ist und ob er vielleicht kurz auf den Arm kommen mag, um sich zu beruhigen.
    Danke und LG

    • R.M.

      Hallo! Wenn es dich interessiert ob da vielleicht trotzdem etwas sein könnte (auch wenn ich persönlich diese „ich kannte mal jemanden der hatte bestimmt ADHS, dass hat dein Kind bestimmt auch“ gar nicht leiden kann), dann darfst du es auch testen lassen. Du brauchst nur die richtige Therapeutin dazu. Und wenn es dich nicht überzeugt hat ein Test keine Konsequenzen. Testung und Ergebnis musst du niemandem zeigen. Aber du hättest für dich geschaut ob nicht doch was los ist. VlG

  2. Tina

    Mein gefühlsstarkes Kind ist mittlerweile 8 Jahre alt, drittklässler und einer der besten Schüler seiner Klasse… in der Schule hatten wir es durch sein Verhalten anfangs schwer .. aber er hat gelernt sich anzupassen … dafür bekommen wir seine Gefühle und sein Temperament Zuhause umso heftiger um die Ohren gepfeffert … da sind Selbstzweifel vorprogrammiert und was den Alltag als Eltern nicht gerade leichter macht … ihr könnt euch vielleicht denken, wie das homeschooling verlief …

    Zum Vergleich habe ich ein jüngeres und ein älteres „normales“ …

  3. Christine

    Klingt wie mein Sohn…falsche Aufmerksamkeitsstrategie und mir tut es in der Seele weh, wenn ich ihn dann ablehne…und wenn ich keine Energie habe auf ihn zuzukommen. Ganz schlimm: Gebe ich ihm Aufmerksamkeit ist dass wieder der neue Standard, der eingefordert wird und wieder die Strategien verstärken.

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