Kleines Räupchen, du kannst nicht alles haben und schon gar nicht sofort

„Mama!“, „Mamaaa!“, „Mamaaaaa!“ ruft es aus der Küche. Das Räupchen steht dort, an die Küchenbank gelehnt, und verlangt nach meiner sofortigen Aufmerksamkeit. Aber ich muss wirklich dringend pinkeln! Kurzes Abwägen: Wie nötig hat das Baby mich jetzt wirklich? Und wie dringend ist mein körperliches Bedürfnis? Schnell steht fest: Mein Bedürfnis ist größer, das fordernde Räupchen kann warten. Und spätestens jetzt ist klar: Die Babyzeit ist vorbei, aber so was von!

Im ersten Jahr mit Baby ist es noch so einfach: Wenn es schreit, kümmert man sich, und zwar möglichst sofort. Die Bedürfnisse eines kleinen Babys sind grundlegend und wollen schnellstens erfüllt werden. Verwöhnen gibt’s da nicht. Wenn das Baby Hunger hat, wird es gefüttert. Wenn es Nähe braucht, bekommt es Nähe. Und wenn es müde ist, wird es in den Schlaf geschuckelt. Aber irgendwann, heimlich, still und leise, schleicht sich da etwas anderes ein.

In unserem Fall begann das mit den „Mama!!“-Rufen, die nach und nach lauter wurden, fordernder, wütender – und die in der Regel nichts mit akuten Bedürfnissen zu tun haben. Denn akute Bedürfnisse zeichnen sich immer noch durch akute Verzweiflung aus: Das Räupchen weint jämmerlich, brüllt lautstark oder jammert herzerweichend. Klar, dass keine Mutter, kein Vater da lange auf sich warten lässt.

Jetzt neu: Quengeleien in allen Tonlagen

Mit den Monaten kamen aber ganz andere Laute hinzu: Quengeleien in allen Tonlagen. Das Räupchen will ein bestimmtes Spielzeug haben: Quengeln. Das Räupchen ist eifersüchtig, weil ihr Bruder auf Mamas Schoß sitzt: Quengeln. Das Räupchen mag ihr Käsebrot nicht essen, sondern will Papas Gurken: Quengeln. Und unsere Nerven wurden eine zeitlang dünner und dünner.

Ich habe nämlich das Gefühl, dass es in der elterlichen Wahrnehmung eine Übergangszeit gibt, in der irgendwie noch nicht so richtig klar ist, wie man jetzt auf dieses Quengeln reagieren soll. Am Anfang habe ich mich tierisch gestresst, wollte das Quengeln abstellen, dem Räupchen sofort aus ihrer Notlage helfen, schnell irgendetwas tun, damit sie wieder glücklich wäre.

Du kannst nicht alles haben, Raupilein

Bis ich dann irgendwann dachte: Bist du eigentlich bekloppt? Wer bist du denn, dass du deinem Kind immer alles sofort recht machen willst? Hinzu kam: Im Alltag mit zwei Kindern geht das schlicht gar nicht! Wenn ich dem Hübchen versprochen habe, ihm beim puzzlen zu helfen, kann ich nicht gleichzeitig das Bedürfnis des Räupchens stillen, die leidenschaftlich gern auf Puzzleteilen herumkauen möchte. Da würde mir das Hübchen ja was erzählen!

Kurz und gut: Die Zeiten änderten sich und das Räupchen musste lernen, dass sie nicht immer alles haben kann oder machen darf. Egal, wie laut sie deswegen nörgelt. Und ich bin übrigens der festen Überzeugung, dass genau dieser Weg der richtige ist. Denn wenn Kinder immer alles kriegen, was sie einfordern, kann das vermutlich auch ziemlich nach hinten los gehen.

Das Kind als Nabel der Welt? Schwierig…

In einer Facebook-Gruppe las ich zum Beispiel vor einiger Zeit den Hilferuf einer Mutter, deren Sohn arge Probleme in der Kita-Eingewöhnung hatte, weil sich dort nicht permanent alles um ihn drehte. Die Mutter gab sehr selbstkritisch zu, dass sich Zuhause seit der Geburt des Kindes tatsächlich zu 100% alles ums Kind drehen würde. Sie nannte sogar selbst ein Beispiel: Wenn ihr Sohn im Kinderzimmer spielt und sie in der Küche kocht, unterbricht sie ihr Kochen sofort, sobald der Sohn nach Mama verlangt. Dann spielt sie lieber mit ihm, anstatt zu kochen. Schließlich sei alles andere weniger wichtig als das Bedürfnis ihres Kindes.

Uff, ich musste laut seufzen, als ich das las. Denn besagtes Kind war bereits über zwei Jahre alt und hatte so tatsächlich völlig verinnerlicht, dass es nur mit dem Finger schnippen musste, damit die Eltern springen. Und selbiges erwartete es natürlich jetzt von anderweitigem Personal, dem aus der Kita zum Beispiel. Klar, dass das nicht gut gehen konnte. In den Kommentaren unter ihrem Post wurde der Mutter schließlich auch geraten, mit den Erzieherinnen zusammen zu arbeiten und das Kind sanft aber konsequent daran zu gewöhnen, dass weder Mama, noch Papa noch das Kita-Personal seine Leibeigenen sind.

Für dieses Kind ist das sicher eine schmerzhafte Erfahrung, umso mehr, da es bisher von völlig anderen Gegebenheiten ausgegangen war. Beim Räupchen fangen wir demnach besser sofort mit der Erziehung an und lassen sie auch mal guten Gewissens quengeln. Es geht nun mal einfach nicht immer alles sofort und als Mutter mehrerer Kinder kann man sich sowieso nicht zweiteilen.

Das Kind darf wütend sein

Darum wird das Räupchen nun beizeiten wirklich wütend. Also ich meine richtig wütend. Sie brüllt und kreischt und beißt in Stuhlbeine, um ihrer Wut Luft zu verschaffen. Ich finde das OK. Ihre Wut ist echt, sie ist gut und gesund. Und nach und nach wird sie lernen, damit umzugehen.

Seit ich das erneut begriffen habe (das hatte ich ja bereits beim ersten Kind, aber irgendwie vergisst man so viel), kann ich das Quengeln viel besser aushalten. Ich weiß schließlich, dass es nichts Besorgniserregendes ist. Es handelt sich nur um ein kleines, temporär unzufriedenes Mädchen. Oft ist es dann übrigens der große Bruder, der sein Schwesterlein erlöst und ihr endlich das für sie unerreichbare Spielzeug anreicht oder ihr hilft, aufs Sofa zu klettern. Und zack, da strahlt das Räupchen wieder!

Denn zum Glück ist es so leicht, ein kleines Mädchen glücklich zu machen! Dass es manchmal schneller geht, manchmal langsamer und manchmal auch gar nicht klappt, geschenkt. Am Ende zählt doch sowieso nur, dass unser Räupchen so ganz grundsätzlich ein sehr glückliches Kind ist. Und das ist sie allem Anschein nach!

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