Kindergartenfrei

Es gibt da so einen neuen Trend in den Sozialen Netzwerken und das ist der, aus der Entscheidung, sein Kind nicht in den Kindergarten zu geben, einen Lebensstil Schrägstrich Ideologie Schrägstrich Religion zu machen. Das hört sich dann z.B. so an: „Ich habe eine Frage an die Community. Also, wir leben kindergartenfrei und…“. Das heißt: Der Faktor „kindergartenfrei“ wird zunächst mal vorne angestellt, um schon mal eins klar zu stellen: Hallo, hier spricht eine von den Guten!

Was ich dann meistens denke ist: Alter, hier spricht eher eine, die mindestens 12 Stunden täglich ihre eigenen Bedürfnisse um eine derart absurde Maßeinheit zurückschraubt, dass sie um acht Uhr abends kaum mehr weiß, wie ihr eigener Vorname noch mal war. Ach ja, das war ja „Mama“. Oder etwa doch nicht?

Wer schreibt „Wir leben kindergartenfrei“, schreibt im Grunde doch auch immer das hier mit: „ICH habe gerade kein eigenes Leben mehr. ICH kümmere mich den lieben langen Tag einzig und allein um die Bedürfnisse anderer. ICH bekomme dafür keine Cent, außer vielleicht (hoffentlich) einen jämmerlichen Rieservertrag, den mein Ehemann für mich weiterzahlt. ICH tue gerade nichts dafür, um irgendwann mal wieder so was ähnliches wie eine Karriere zu haben. ICH zahle gerade in keine Rentenkasse ein und wenn das mehrere Jahre so weitergeht und mein Mann mich sitzenlässt, dann bin ich im Alter ein Sozialfall“.

Klar ist es für die Kinder manchmal das Beste

Sorry, der Rant ist auch schon over. Und eigentlich will ich ihn auch fast gar nicht mehr geschrieben haben, weil ich jetzt schon weiß, welche Antworten kommen werden. Ich weiß ja, ihr wollt das schließlich alle selbst so. Eure Männer sorgen ganz toll für euch. Und für eure Kinder ist das ja sowieso das allertollste.

Kann ich alles voll verstehen. Wir waren nämlich selbst die letzten drei Jahre „kindergartenfrei“. Und wisst ihr was? Im Rückblick hat mich das fast in den Wahnsinn getrieben. Wisst ihr nämlich, was ich erst vor kurzem gemerkt habe? Dass ich seit drei Jahren kein richtiges Buch mehr gelesen hatte. Dass Musik in meinem Leben überhaupt keine Rolle mehr spielte. Und dass ich auf einem Yoga-Seminar, dass ich mir endlich gegönnt habe, als ich schon fast dachte, jetzt müsste ich verrückt werden, aus heiterem Himmel anfing, wie ein Schlosshund zu schluchzen, weil ich eins gemerkt hatte:

ICH hatte in den letzten drei Jahren kaum mehr existiert

Aber wo war ich denn hin? Ich war aufgerieben, zwischen Kinderbetreuung, Haushalt und einem kläglichen Rest freiberuflicher Arbeit, den ich mir immer irgendwie rübergerettet hatte. Ich war frustriert von einem Versuch, wieder angestellt zu arbeiten, während die Kitaeingewöhnung völlig in die Hose ging. Ich war desillusioniert ob der Tatsache, dass ich plötzlich das war, was ich nie sein wollte: Zu einem Großteil finanziell abhängig.

Nun, klar, man könnte hier kritisch einlenken und sagen: Haben halt nicht alle Frauen einen so großen Unabhängigkeitswillen wie ich. Und dafür im Vergleich die besseren Nerven. Ja, fair enough. Trotzdem habe ich am eigenen Leib erfahren, wie krass langsam frau in so eine Situation reinschlittern kann. „Kindergartenfrei“ klingt ja erst mal so nett kindzentriert und romantisch. Am Ende ist es aber einfach verdammt harte Arbeit.

Die heutigen Anforderungen sind zu viel für eine allein

Und genau das ist der Grund, warum ich so stark allergisch auf diese nette, kleine, hübsch blassrosa Formulierung reagiere. „Wir leben kindergartenfrei“ – klingt das nicht wunderbar nach Bullerbü? Nach frisch gebackenen Zimtschnecken und durch den Garten tobenden Kindern? Ja, vielleicht im Kopf irgendwelcher verklärten Mittsechziger, die ihrerseits ihren Kindern noch links und rechts ein paar Backpfeifen mitgegeben haben, damit die sich wenigstens Zuhause gut benahmen.

Heute wachsen die Kinder aber „unerzogen“ auf, werden „bedürfnisorientiert“ erzogen und sollen auf Augenhöhe behandelt werden. Das ist schön und gut. Aber das schafft keine fucking Mama alleine!! Wenn ich daher mal wieder irgendwo den Satz „Wir leben kindergartenfrei“ lese, denke ich die absolute Überforderung der Frau direkt mit, die diesen Satz geschrieben hat. Und ich möchte das nicht.

Ich möchte nicht, dass ein Zustand von „kindergartenfrei“ zu so einem krassen Ideal hochstilisiert wird, das das Wohl des Kindes an allerhöchste Stelle rückt, während es ganz normal ist, dass Mütter ihre eigenen Bedürfnisse über Jahre und Jahre immer weiter zurückschrauben, bis sie sie fast selbst nicht mehr wahrnehmen. Unter manchen Social Media Posts von komplett einsamen, überlasteten Müttern möchte ich am liebsten einfach nur schreiben: „Verdammt, melde dein Kind doch endlich im Kindergarten an!“.

So viel selbst gemachtes Leid

Denn manchmal kann ich es echt nicht mehr ertragen: So viel selbst gemachtes Leid, nur weil in irgendeinem Ratgeber steht, dass Kitas die Bindung zerstören. Oder aber auch: So viele verpasste Chancen, weil Kindergärten in der jetzigen Qualität für manche Kinder tatsächlich eine Katastrophe sind. Denn klar, grässliche Kinderbetreuung, damit haben auch wir unsere Erfahrungen gemacht – was letztlich der Grund für unsere drei Jahre „kindergartenfrei“ war.

Ich bin mir trotzdem sicher: Solange „kindergartenfrei“ so viel heißt wie „Mama macht das alleine“, steuern genau diese Mamas mit sicherem Ostwind in den baldigen Mama-Burnout. Und täte es stattdessen vielleicht gut, von den eigenen hohen Werten etwas abzurücken und sich zu fragen: Wo bleiben eigentlich MEINE Bedürfnisse?

Ich für meinen Teil habe in diesem Jahr gemerkt, was mir so unglaublich gefehlt hat, während ich dachte, es wäre doch eigentlich alles komplett. Ich höre wieder Musik und ich kann nicht glauben, dass ich jemals damit aufgehört habe (und nicht verstehen, wie ich das überlebt habe). Ich lese wieder Bücher und bilde mich fort und finde es absurd, das jemals nicht getan zu haben. Kurz: Ich bin wieder ich. Und ich bin mir sicher: Genau das wird letztlich auch meinen Kindern gut tun.

29 Kommentare zu „Kindergartenfrei

  1. Leena

    Jupp. Die ‚kindergartenfrei‘-Menschen sind doch auch die, die vom ‚parken in Fremdbetreuung‘ sprechen, meine absoluten Reizworte.

  2. Bei „Wir leben kindergartenfrei“ denke ich vor allem: „Schade“… Ich finde KiTas toll und bin auch selbst echt gern in den Kindergarten gegangen, dass ich mir gar nicht vorstellen könnte – mal von der Elternperspektive abgesehen – meinen Kindern diese Zeit zu verwehren. Andererseits: es gibt Kinder, die kommen in der KiTa nicht klar und es gibt sicher auch Familien, die einfach gern kitafrei sind – ohne besondere Gründe. Ist ja auch irgendwie okay und arg selten. Ich kenne exakt null Eltern, die kitafrei leben.

    • Klar, ich will die Freude daran auch niemandem absprechen. Und ich weiß ja aus eigener Erfahrung, dass manche Kinder sich bisschen schwer mit Kita tun (oder dass manche Kitas sich schwer mit Betreuung tun, ugh). Wenn man sich dann gut organisiert und für eigene Entlastung sorgt, kann es sicherlich auch ohne Kita funktionieren.

      Mir geht es im Text eher um das Phänomen, dass ich in den Sozialen Netzwerken auf so viele krass überforderte Frauen stoße, die allein aufgrund ihrer eigenen Verblendung (sorry für das harte Wort, mir fällt gerade kein besseres ein), Kinderbetreuung aus Prinzip ablehnen. Das macht mich einfach immer ein bisschen traurig.

      • Die Überforderung ließe sich tatsächlich leicht durch Kinderbetreuung lösen. Nur meist wird die gewonnene Zeit dann zum Arbeiten genutzt und dann hat man direkt noch mehr Überforderung. ^^ Ich könnte mir vorstellen, dass du online auch nur einen kleinen Einblick bekommst und die Eltern gar nicht dauerhaft überfordert sind mit ihrer Kitafrei-Entscheidung.

  3. Annika Fröhlich

    Ist das nicht ein typischer Fall von ‚leben und leben lassen‘? Wir Mütter hätten es um einiges leichter, wenn wir uns nicht so oft gegenseitig schlechtmachen würden. Was für die eine Frau passt, klingt für die andere vielleicht nach einem Albtraum. So ist das eben. Selten kennt man alle Beweggründe, für das Handeln anderer Menschen. Deshalb denke ich, jede von uns sollte leben, wie es für sie und ihre Lieben am besten ist und sich ansonsten denken, ‚jede, wie sie meint…‘, ohne sich von einer anderen Lebensweise angegriffen zu fühlen.

    • Liebe Annika, ich hatte vermutet, dass ein solcher oder ähnlicher Kommentar kommen wird. „Jede, wie sie meint“ ist ein total netter und toleranter Ansatz, der aber einfach nicht immer funktioniert. Stell dir vor, du hast eine Freundin, die sich völlig aufreibt mir ihren Kindern Zuhause, die todunglücklich, erschöpft und ausgelaugt ist. Was würdest du da tun? Dir das angucken, bis zum finalen Burnout? Oder vielleicht doch irgendwann mal vorsichtig nachfragen, ob es nicht vielleicht doch andere Lösungen geben könnte?

      Ja, ich gebe zu, mein Text war kein „vorsichtiges Nachfragen“. Ich hatte Lust auf einen pontierten Text, da bleiben Details und Hintergründe schon mal auf der Strecke. 😉 Ich hoffe aber, dass rübergekommen ist, dass es mir natürlich NICHT ums Ablehnen der Wahlfreiheit geht, sondern um Kritik an überhöhten Idealen.

      Wie oft stoße ich in Sozialen Netzwerken auf krass überforderte Frauen, die allein aufgrund ihrer eigenen Verblendung (sorry für das harte Wort, mir fällt gerade kein besseres ein), Kinderbetreuung aus Prinzip ablehnen? Das macht mich einfach immer ein bisschen traurig. Und deswegen habe ich diesen Artikel geschrieben.

      • Annika

        Liebe Sophie,
        ich stimme dir absolut zu, es sollte, egal welchen Weg man für sich und seine Familie wählt, allen damit möglichst gut gehen. Und völlig überforderte Eltern sind ihren Kindern auch keine große Hilfe.
        Das Leben mit Kindern ist nun mal anstrengend. Ob sie in den Kindergarten gehen oder nicht, ob wir Vollzeit arbeiten oder Teilzeit oder gar nicht berufstätig sind. Jeder setzt sich seine eigenen Ziele und manchmal merkt man doch erst, wenn man schon mitten drin ist, dass der Weg, der so ideal erscheint, trotzdem nicht der Richtige ist. Weil er zu einem selbst nicht passt. Nicht weil er grundsätzlich falsch ist. Wir sollten alle mit uns selbst und Anderen etwas milder und weniger dogmatisch umgehen und auch mal mit dem Unperfekten Frieden schließen.
        In diesem Sinne viele liebe Grüße und alles Gute!

  4. Kristina

    Sophie, ich bin schon bei einigen deiner Texte komplett anderer Meinung gewesen (Die Sache mit dieser Gefühlsstärke ist überhaupt nicht meins). Aber hier stimme ich dir aus tiefstem Herzen zu.
    Als Zusatzpunkt finde ich bei kitafrei (ich meine damit Kindergartenfrei) auch problematisch, dass per se davon ausgegangen wird, dass eine Umgebung ohne Mama+Papa negativ sein muss. Das Kind wird nicht für 3cm losgelassen. Find ich ungesund für alle!

    • Also, jetzt musst du mir aber schon verraten, wo bei dir der Widerstand beim Thema Gefühlsstärke liegt! 😀

      Ansonsten: Danke für den Zuspruch. Ich hatte ehrlich gesagt mit dem schlimmsten gerechnet, bevor ich auf „Veröffentlichen“ geklickt habe. 😉

      Und ich glaube genau wie du, dass es nicht unbedingt von Vorteil ist, wenn die Kinder nicht in ein eigenes Sozialleben entlassen werden. Da muss man schon sehr gute Kontakte zu anderen Familien haben, die ebenfalls keine Kinderbetreuung nutzen, damit das für die Kinder passt. Ich fürchte, in den meisten Fällen ist das leider nicht so.

  5. Doro

    In deinem Artikel schwingt eine gewisse Abwehr mit, doch eigentlich brauchst du doch gar nicht so zu kämpfen…
    Kennst du das Thema Projektion (die Abwehr der Seiten, die wir an uns selbst nicht mögen)? Ab und zu tappe ich genauso wie du in diese Falle, aber manchmal machen wir uns unser eigenes Leben zu schwer damit. Leider.
    Die Homepage von Ulrike Scheuermann finde ich dazu sehr hilfreich. Sie fragt: „Was hat das, was mich am anderen aufregt, mit mir zu tun?“ Vielleicht hast du Lust einen Blick dorthin zu riskieren.

    • Liebe Doro, danke für deinen sicher nett gemeinten Kommentar. Ich kenne solche Ansichten wie deine und finde sie nicht sehr zielführend. Oft kommen sie zusammen mit dem in einer Frage verpackten Vorwurf: „Warum triggert dich das so?“

      Allerdings ist das rein gar nicht der Fall. Dieser Trigger-Vorwurf soll in den meisten Fällen einfach als Totschlagargument dienen. „Mach du was du willst und lass die anderen machen, was sie wollen“. Er dient dazu, die „Schuld“ auf diejenige abzuwälzen, die kritische Fragen stellt. Er dient letztlich vor allem dazu, Kritikerinnen den Mund zu verbieten. Allein das finde ich verwerflich.

      Darüber hinaus möchte ich unbedingt zum Pespektivwechsel anregen: Wenn wir alle immer nur uns selbst betrachten, drehen wir uns dann nicht irgendwann ein bisschen sehr um uns selbst? Sich zu fragen, wie es anderen geht und in diesem Kontext auch das System, in dem wir leben, zu hinterfragen, gehört für mich zu einem Leben in Gesellschaft dazu. Ansonsten kann ich auch Eremitin werden und auf irgendeinen einsamen Berg ziehen.

      Hier geht es nicht um Projektion, sondern um Empathie. Das ist der entscheidende Punkt.

  6. Doro

    Natürlich ist Kritik erlaubt und sogar sehr wünschenswert. Alle Entwicklungen, die in Richtung Idealisierung gehen finde ich sehr bedenklich. Da teile ich deine Meinung.

    Den Begriff „kindergartenfrei“ mag ich vor allem dann nicht, wenn er als Dogma benutzt wird. Ich denke nur, dass wir den sogenannten DogmatikerInnen häufig zu viel Raum geben, wenn wir auf ihre Modelle eingehen und uns davon unter Druck gesetzt fühlen.

    Die Kraft, die uns im Alltag zur Verfügung steht, benötigen wir ja in erster Linie für unsere eigenen Vorhaben und nicht noch dafür, die unliebsamen und überhöhten Vorstellungen anderer von uns abzuwehren.

    Was ich damit sagen will: Wir sollten uns schützen können vor den Idealen, die uns schaden und nicht zu sehr eingehen auf den vermeintlichen Druck von außen. Ab und zu sind wir zu durchlässig und zu verletzlich. Wir vergessen dann, ein gesundes Selbstbewusstsein zu pflegen und uns weniger abhängig zu machen von der Bestätigung anderer.

    Wir sollten den Mut haben, mit uns selbst im Reinen zu sein, dann lassen wir uns nicht mehr so leicht erschüttern von anderen Lebensmodellen.

    • Aha, jetzt verstehe ich, wo das Missverständnis ist: Du solltest mit diesen Aussagen an eben jene Frauen herantreten, die ich in meinem Text beschreibe – und nicht an mich!

      Ich selbst fühle mich wie gesagt kein bisschen unter Druck gesetzt, sondern prangere den Dogmatismus lediglich an und wünsche mir mehr Entlastung für ebenjene Frauen, die für diese Dogmatismen empfänglich sind.

      Heißt letztlich, dass dein Kommentar unter meinem Text leider ins Leere laufen wird. Aber vielleicht hilft es, wenn du mit ähnlichen Ratschlägen an Menschen heran trittst, bei denen sie vielleicht etwas bewirken können? Das kann ich nicht wirklich gut einschätzen.

  7. Maxi

    Du sprichst mir aus der Seele Sophie 😀

    Für Mütter ist das ganz sicher nicht gut. Oder sagen wir für sehr sehr viele. Menschen sind nunmal auch eigentlich kooperativ aufziehende Arten. Die mehr oder weniger alleinige Versorgung durch die Mutter, wie wir sie heute meistens haben ist eigentlich nicht „artgerecht“.

    Gerade das Argument artgerecht musste ich mir schon oft anhören von „kitafreien“…. Leider haben sie damit meiner Meinung nach völlig unrecht…
    Kindergarten ist nach alles was ich so gelesen habe extrem artgerecht 😀
    In so gut wie allen Naturvölkern bewegen sich die Kinder spätestens nach dem Abstillen und altershomogenen Kindergruppen umher, nabeln sich so ganz langsam von den Eltern ab und lernen hauptsächlich von anderen Kinder.

    Natürlich ist das etwas anderes als ein Kindergarten… Aber es kann als Versuch interpretiert werden diese Bedingungen in unserer modernen Welt nach zu empfinden.

    Wenn ich da an eine Freundin von mir denke. Sie wohnt in einer Stadtwohnung ohne Garten oder Hinterhof. Das Kind kennt mit seinen drei Jahren kein einziges Nachbarskind, der nächste Spielplatz ist 15 Minuten weit weg. Sie ist mit dem zweiten schwanger und plagt sich jeden Tag damit Wald oder Spielplätze zu erreichen. Immer verschiedene damit es nicht langweilig wird, denn natürlich trifft man vormittags kaum Kinder.
    Keine Spielgruppe, keine Bewegungsgruppe nichts. Das alles wäre ja ein „Hineinpressen in ein System“.
    Kindergärten würden sich gar nicht erst angeguckt, die seien ja ohnehin alle schlecht.
    Da könnte ich ausflippen….

    Tja und daneben sehe ich so mein Kind… Er liebt den Kindergarten, hat dort Freunde gefunden und erlebt jeden Tag tolle Dinge. Kennt dadurch Kinder aus der Umgebung. Mein Mann und ich teilen uns die Erziehung und wenn wir ihn mittags abholen freuen wir uns wahnsinnig auf ihn und können unsere ganze Energie auf das nachmittäglichen spielen und rausgehen Konzentrieren.

    Wenn mir jemand mit „Kindergartenfrei“ kommt, denke ich auch „schade für die Eltern und fürs Kind“.
    Kita hat für mich auch nichts mit abschieben oder parken zu tuen. Zumindest nicht grundsätzlich.
    Nur weil ich keine Helikoptermama bin die ihr Kind vor jeder Beule und jedem Kratzer behütet, lasse ich ja keine Treppen herunter fallen… Aber ein paar blaue Flecken, Kratzer und aufgeschlagenen Knie gehören einfach zu jeder artgerechten und glücklichen Kindheit dazu 😉

    • Liebe Maxi, danke für deine beispielhafte Beschreibung. Genau solche Fälle meinte ich. Seinem Kind allein aus Dogmatismus und überzogenen Idealen die Kita zu verwehren, finde ich einfach sehr schade. Wenn die Mütter sich dann auch noch so aufreiben wie in deinem Beispiel, ist es extra tragisch.

      Während dieser ganzen Corona-Zeit war ich immer sehr dankbar, zwei Kinder zu haben, die sich meistens gut verstehen. Was ich mit einem Einzelkind gemacht hätte? Keine Ahnung! Die meisten Kinder brauchen einfach andere Kinder, das denke ich auch.

  8. Melanie

    Interessanter Blogeintrag. Ich spiele tatsächlich den Gedanken kiga frei durch. Wir haben drei Kinder von 8 bis 2,5 Jahre und ich bin jetzt seit 4,5 Jahren daheim. Die Kinder kamen mit 3 in den waldkindergarten, der jüngste käme im
    Herbst 21. nun ziehen wir aber von der Stadt aufs Land und müssen unsere wunderbaren Strukturen aufgeben. Es gibt nur einen Kindergarten mit waldgruppe dann, der ist aber der Träger ist die kath. Kirche und mit allem was dazu gehört… und er beginnt bereits um 7:30 Uhr. Und das finde ich krass stressig. Jetzt konnten wir bis 9 Uhr bringen. Also Kinder daheim lassen kann auch entspannter sein, als diesen Zeitdruck schon morgens zu haben. Wir schlurfen alle gern gemütlich in den Tag und ich kann es mir null vorstellen, alle Zwerge um 7 Uhr parat zu haben und das Haus zu verlassen. Auch jetzt gibt es viel Tage, wo der mittlere mit dem kleinen Bruder einfach Nachm Frühstück spielt und dann bleibt der gern auch zu Hause. Aber immer nur den Bruder zu haben ist halt auch doof. Oder im Sommer gehe ich ohne Witz jeden Tag baden, wenn das Wetter es zu lässt. Ja, ich habe diese total erschöpften Phasen. Aber die hatte ich auch, als nur die große da war und ich, als sie zwei wurde, wieder 20h arbeiten ging. Also so ganz schwarz/weiß darf man es nicht sehen. Für mich ist das Bringen morgens oft so ein Stress und Gehetze… mal sehen, wie wir es lösen ab Sommer…

    • Liebe Melanie, danke für deinen Kommentar. Er zeigt sehr eindrucksvoll, wie abhängig wir Familien von Strukturen sind. Sind sie gut, klappt es auch mit Kita und Job. Sind sie schlecht – tja. Ich kann eure Entscheidung total gut verstehen. Vermutlich würde ich mich in dieser Situation auch so entscheiden.

      Bei uns steht bald wohl die Entscheidung an, ob Tagesmutter/Krippe fürs dritte Kind ja oder nein. Und ehrlich gesagt tendieren wir im Moment zu „nein“, weil uns der Stress, eine gute und vertrauenswürdige Tagesmutter/Krippe zu finden, absolut abschreckt. Wir werden daher wahrscheinlich auch wieder „kindergartenfrei“ jonglieren und uns aufteilen mit Baby/Kleinkind Zuhause. Aber immerhin tun wir das zu zweit, das macht mir gerade Mut.

  9. Mia

    Hm… Wie kommst du darauf, dass Kinder die keinen Kindergarten besuchen, 24/7 von der Mutter betreut werden? Ist es nicht ziemlich sexistisch von dir, das anzunehmen?

    In unserem Fall (Kind ist jetzt ein halbes Jahr alt) ist es so, dass ich, Mutter, keine Elternzeit genommen habe. Nach zehn Tagen Ausruhen saß ich wieder am Rechner und habe gearbeitet. Mein Mann hatte drei Monate volle Elternzeit,jetzt arbeiten wir beide Teilzeit und haben einen Stundenplan in der Küche hängen, wer wann das Kind betreut, so dass beide auf ihre Arbeitsstunden kommen.

    Mal sehen, wie es mit corona weitergeht und was für einen Krippenplatz wir angeboten bekommen. Sollte es aus irgendeinem Grund nicht passen, dann fahren wir dieses Modell weiter, dass beide Teilzeit arbeiten. Ich wiederhole noch einmal: Ich, Frau, habe keinen halben Monat nicht gearbeitet. Ich besuche außerdem (derzeit online) Seminare, Sportkurse und treffe Freunde. Mein Mann ebenso. Währenddessen hat der andere viel zu tun und geht völlig hinter dem Kind verloren, so wie du es richtig beschreibst. Aber ohne Kindergarten wäre das weiterhin nur halbtags so und auch „kindergartenfrei“ wäre es nicht, wie du annimmst die Frau, die Vollzeit das Kind betreut.

    Dass du das allein aus dem Wort „kindergartenfrei“ annimmst, erzählt was über dein Weltbild. Nicht darüber, wie Mütter ohne Kindergartenplatz wirklich leben.

    • Liebe Mia, ich verstehe nicht so ganz, warum du dich von meinem Text angesprochen (oder gar angegriffen?) fühlst. Magst du mir das genauer erklären?

      In meinem Text geht es ja um etwas ganz anderes, als was du von deinem Leben erzählst. Es geht um die offensichtliche Überforderung von Frauen, die ich in Sozialen Netzwerken, Gruppen, aus persönlichen Gesprächen mitbekomme. Das ist meine persönliche Erfahrung, ja. Aber genau darum geht es ja in einem Blog.

      Mein Weltbild entsteht aus dem, was ich beobachte. Und das ist, leider leider, immer noch: Zumeist sind es Frauen und Mütter, die sich aufreiben, in den seltensten Fällen die Väter. Diese Beobachtung ist nicht sexistisch oder eine Interpretation, sondern traurige Tatsache. Ich wünschte, ich könnte das allein durch einen Wechsel meines persönlichen Standpunktes ändern. Kann ich aber nicht.

      Was ich aber kann: Unangenehme Wahrheiten ansprechen und hoffen, dass sie dadurch andere Menschen erreichen. Gemeinsam können wir am System und auch an unseren persönlichen Wertvorstellungen von Familie arbeiten und hoffentlich etwas ändern. Genau so, wie ihr es schon in eurer kleinen Familie tut!

      • Mia

        Ich kenne diese Leute (noch) nicht, ich kenne nur deinen Text. Und darin schreibst du, dass du bereits bei dem Satz einer Fremden im Internet: „Ich habe eine Frage an die Community. Also, wir leben kindergartenfrei und…“ sofort das Bild einer Frau vor Augen hast, die das Kind Vollzeit betreut. Das aus einem Satz zu schließen, der eigentlich nicht wirklich rein gar nichts nichts über die Arbeitsverteilung innerhalb der Familie aussagt, das ist sexistisch. Das mein ich sachlich und beschreibend und nur in Bezug auf deinen Schluss aus diesem einen Wort. Nicht als Beleidigung deiner Person 🙂

        Vielleicht hast du im Text ein paar Informationen unterschlagen, die ich mir nicht ergänzen kann, weil ich wegen Corona und einem kinderlosen Freundeskreis einfach keine Eltern kenne. Aus deinem Text allein kann ich jedenfalls nicht erkennen, wieso du dieses Bild im Kopf hast, sobald jemand berichtet, dass das Kind keinen Kitaplatz in Anspruch nimmt. Ich selbst hätte da aus meiner Perspektive das Bild von zwei Halbzeit arbeitenden Eltern im Kopf.

        • Liebe Mia, danke für deine Antwort. Ich finde es total schön, wie ich dadurch mal wieder an Marshall Rosenberg erinnert werde, der so einleuchtend beschrieben hat, dass wir alle in unserer Kommunikation und unserem Weltbild von unseren eigenen Erfahrungen beeinflusst sind. Er appelliert an uns, das auch in unserer Kommunikation zu berücksichtigen, was uns beiden offensichtlich nicht besonders gut gelungen ist. Du wertest über mich, ich sei sexistisch. Ich wiederum setze in meinem Text anscheinend zu stark voraus, dass die Lesenden ähnliche Erfahrungen und Beobachtungen gemacht haben, wie ich. Beides ist wohl nicht unbedingt zielführend für eine wertschätzende Kommunikation.

          Was meine Blogtexte angeht, kann ich aber nicht versprechen, dass sich das groß ändern wird. Natürlich habe ich durch den regen Austausch mit meiner Community in den Sozialen Netzwerken eine bestimmte Zielgruppe vor Augen. Als Mutter bin ich jetzt ja auch schon mehr als sieben Jahre „im Business“, musste in dieser Zeit viele Ideale oder Hoffnungen über Bord werfen oder korrigieren (in diesem Zusammenhang hast du vielleicht Lust, diesen Text zu lesen: https://kinderhaben.de/shut-up-25-jaehriges-ich-wie-ich-zur-feministin-wurde).

          Ich finde es wunderbar, dass du bei „kindergartenfrei“ ein gleichberechtigtes Leben zwischen Mann und Frau vor Augen hast. Ich hoffe, dass du dir das bewahren kannst. Die Realität sieht aber leider fast immer anders aus.

  10. Lisa

    Haach herrlich war das 😁

    Genau solche Sachen denke ich mir auch oftmals.

    Jaa „jeder darf leben wie er mag, jeder entscheidet für sich selber“ — blaablaa. Ja. Aber das ist dein Blog und deine Gedanken haben hier ihren Platz. Man muss ja auch nicht immer so „furchtbar“ tolerant sein und non stop im null Punkt. 🙄

    Ich kann dir nur zustimmen und „danke“ schreiben für diesen amüsanten Text 😁✌🏻

  11. Kathi

    Huhu!
    Darf ich fragen, wieso du in der kindergartenfreien Zeit keine Musik gehört hast?

    • Das hat weniger was mit der Betreuungssituation als mit dem Kinder haben an sich zu tun. Eins meiner Kinder ist sehr sehr laut. Ich bin sehr sensibel und störanfällig und hatte deswegen ein sehr großes Bedürfnis nach Ruhe. Im Hintergrund Musik oder Radio laufen zu lassen, während gleichzeitig die Kinder Geräusche machen, geht für mich z.B. überhaupt nicht. Und die klassischen Situationen, wie unterwegs mit Kopfhörern Musik zu hören, gibt es mit Kindern ja auch nicht mehr. Weil man will ja nicht die Kinder ignorieren, die einen ständig vollplappern. 😉

      Ich habe dadurch aber vergessen, dass es sehr gut tun kann, mir Situationen zu schaffen, in denen ich bewusst allein Musik hören kann. Dass alleine Musik hören für mich oft besser ist als alleine Ruhe genießen. Vielleicht war aber jetzt auch einfach nur der richtige Moment und die letzten Jahre war die Ruhe für mich besser. Jedenfalls tut es mir jetzt gerade sehr gut!

  12. Pauli

    Liebe Sophie

    Kurz und knapp… Du scheinst es als Mutter einfach nicht drauf zu haben.
    Warum kann man kein Buch mehr lesen oder Musik hören??
    Wie lächerlich. Habe deinen Artikel nicht einmal ganz gelesen aber du scheinst ziemliche komplexe zu haben und die Zeit mit deinen Kindern einfach nicht genossen zu haben. Sehr traurig…
    Ich hoffe das Mütter sich deinen Artikel nicht zu Herzen nehmen und selbst entscheiden was für sie besten ist.
    Ganz ganz armseliger Artikel…..

    • Ich schalte diesen Kommentar mal beispielhaft frei für einige mehr, die ich nach kurzem Überfliegen mittlerweile einfach lösche.

      Als Beispiel, was für „armselige“ Kommentare man sich als Bloggerin teilweise so geben muss. Und als großes Dankeschön an die riesige Mehrheit der Leserinnen und Leser, die hier so viel und so wunderbar respektvoll kommentieren.

      Liebe Grüße,
      eine Mutter, die es einfach nicht drauf hat, aber dafür ganz schön viel davon!

  13. Susanna

    Das nettgemeinte Sentiment hinter diesem Artikel ist verständlich, doch wärs nicht dienlicher, über eigene positive Erfahrungen mit dem Kindergarten zu schreiben und die Erleichterung, anstatt sich geneigte Lerser*innen wegzuprellen mit überspitzten Annahmen? Woher weiß man zB, dass die ‚fucking Mama‘ ‚alleine‘ ist? Ich habe freiwillig kindergartenfreie Eltern eigentlich nur im Rudel erlebt bislang… oder im Großfamilienverband in Hintertupfingen, wo die dreieinhalb Stunden Kindergarten im übernächsten Dorf die Fahrtzeit nicht wert waren. Oder was einige andere Kommentare oben beschreiben.
    Klar tut ein kleiner rant mal gut, manche facebook-bubbles sind ja auch erschreckend (entfolgen hilft, wirklich!) – doch neben sonst differenzierteren und sensibleren Beiträgen lese ich hier eine Stimme, die es besser weiß als die anderen Mütter und polemisch wird, weil sie sie vor Schlimmerem bewahren will.

    • Liebe Susanna, ja, wie schon unter anderen Kommentaren bestätigt, spielt dieser Artikel mit den Stilmitteln der Überspitzung. Er will polemisch sein. Das macht auch mal Spaß und hat ganz offensichtlich einen Nerv getroffen. Auf meinem Blog findest du eine große Vielfalt an unterschiedlichen Texten – mal sachlich-informierend, mal als Erfahrungsbericht, mal als Kommentar und auch mal überspitzt und provozierend. Ich wünsche dir viel Spaß beim Entdecken! 🙂

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