Kinder, Kinder, die können ja doch nett!

Sagt mal, wann haben sich eure Kinder zuletzt eigentlich mal so richtig vorbildlich benommen? Könnt ihr nicht so genau sagen? Ha, ich weiß auch, warum! Mit nahezu 100%-iger Wahrscheinlichkeit wart ihr nämlich nicht dabei!

Es ist ja auch kein elterlicher Insider, kein großes Geheimnis. Alle Eltern wissen, dass es so ist. Nicht ohne Seufzen nehmen wir zur Kenntnis, dass unsere Kinder immer nur uns „Doofe Arschbacke“ nennen. Oder immerhin „Blöde Mama“ oder „Pups-Papa“ bei den leidlich besser erzogenen Kids. Jedenfalls hoffe ich stark, dass ich nicht die einzige bin, die Lobeshymnen von Anderen aufs eigene Kind nicht mit zwei lachenden Augen genießen kann.

Ein Auge weint immer mit – das Auge nämlich, das gestern Abend schon wieder einen rechten Haken abbekommen hat, weil der Sohn auf alles und jeden Rücksicht nehmen kann, nur auf die eigene Mutter nicht (aber warum steht die auch immer genau da im Weg rum, wo man gerade toben will?!). Ach, das Kind räumt in der Kita freiwillig die Puppenecke auf? Es sagt immer „Bitte“ und „Danke“ und schlichtet Streit zwischen anderen Kindern? Wie unglaublich, äh, ich meine, wie schön!

Welches Kind meinen Sie bitte?

Tapfer schlucke ich die Worte herunter, die mir auf der Zunge liegen. Dass ein und dasselbe Kind sich Zuhause nämlich gerade einen Spaß daraus macht, der kleinen Schwester immer das Spielzeug zu klauen. Dass der sonst angeblich so höfliche Sohn seiner Mutter und seinem Vater am liebsten im Kommando-Ton seine Wünsche diktiert. Dass auf die Bitte, nun aufzuräumen höchstens ein „Mach doch selber!“ kommt.

Ja, manchmal wünschte ich mir, einfach mal einen Tag lang nicht die Mutter zu sein, sondern irgendein anderer Mensch, zu dem mein Söhnchen dann offenbar deutlich freundlicher sein kann. Weil ich als treue Harry-Potter-Leserin aber weiß, wie fies so ein Vielsafttrank schmeckt, lass ich das mit der Verwandlung lieber. Aber manchmal gelingt mir etwas anderes und ich werde immerhin Zeugin des guten Benehmens. Und das kommt zum Beispiel so:

Eloquent und zuvorkommend – zumindest bei der Babysitterin

Dienstags kommt jetzt immer unsere Babysitterin für ein paar Stunden am Vormittag, damit ich in Ruhe arbeiten kann. Letzte Woche war das Hübchen zwar nicht richtig krank, aber auch nicht gesund genug für die Kita und blieb mit dem Räupchen Zuhause. Ich, die sich sorgende Mutter, hatte mir vorab natürlich schon Katastrophenszenarien ausgemalt: Was, wenn das Hübchen die Babysitterin nicht akzeptieren würde? Wenn es zu Eifersuchtsszenen zwischen beiden Kindern käme?

Nun, nichts davon war der Fall. Stattdessen würde unsere Babysitterin ihrer eigenen Aussage nach ab sofort am liebsten immer beide Kinder zusammen betreuen, weil das angeblich viel einfacher ist! Trotz geschlossener Bürotür konnte ich auch erlauschen, wie sie zu diesem unwahrscheinlichen Schluss kam: Das Hübchen war nämlich zu absoluter Höchstform aufgelaufen! Wie ein Großer erklärte er unserer Babysitterin, wo in unserer Wohnung sich was befindet. Wo die Milch steht, wo sie den Schneebesen findet, wie sie den Brei fürs Räupchen anrühren muss.

Nebenher erzählte er ihr einen vergnüglichen Schwank aus seinem Leben: Wer seine besten Freunde sind, wo wir in den letzten Jahren so im Urlaub waren, was ihm in der Kita gefällt und was nicht so. War das wirklich mein Sohn, der da so eloquenten Smalltalk plauderte?! Bei einem kurzen Überprüfungsbesuch in der Küche saß der Lockenkopf noch am rechten Ort und die blauen Augen blitzten mich schelmisch an. „Geh weg, Mama! Du sollst nicht hier sein!“. Äh ja, okay, das war doch noch das richtige Kind, mein Kind.

Zwei liebreizende Kinder. Und ey, das sind ja meine!

Auch wenn die Babysitterin nicht da ist, habe ich manchmal Glück und erwische mein Kind, wie es sich plötzlich vollkommen liebreizend benimmt. Gestern zum Beispiel, als ich ein vor Müdigkeit brüllendes Räupchen kurz bei ihrem großen Bruder im Schlafzimmer zurücklasse, um vor dem Ins-Bett-Bringen noch schnell einen Schluck zu trinken.

Schon auf dem Weg in die Küche höre ich plötzlich kein Gebrüll mehr. Und als ich zurückkomme, sehe ich zwei friedlich nebeneinander liegende Kinder, die sich kuschelnd im Arm halten. „Ich hab sie so lange gekuschelt, bis du wieder da warst, Mama“, sagt das Hübchen, ein selig lächelndes Räupchen im Arm. Und ich muss erst mal beide Kinder noch fester kuscheln, für so viel Liebe und sich-umeinander-kümmern.

Letztlich tut es einfach wahnsinnig gut, das eigene Kind auch mal in solchen unbeobachteten Situationen zu erwischen. Bei mir bleibt dann nämlich ein wichtiges Gefühl: Dass ich so viel wohl doch nicht falsch gemacht haben kann. Auch wenn ich als Mutter für meinen Geschmack in schwierigen kindlichen Gefühlslagen immer noch viel zu oft der Punchingball sein muss – dass das Kind sich in anderen Kontexten mehr als vorbildlich verhält, macht durchaus Hoffnung für die Zukunft.

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