Keine Kinder sind auch keine Lösung

Ich habe es getan. Ich habe es tatsächlich getan. Ihn gesagt, diesen einen bösen Satz: „Schafft euch bloß keine Kinder an!“. Neulich, beim Essen mit Freunden. Diese Freunde schauten mich ein wenig verständnislos an und antworteten wahrheitsgemäß: „Äh, hatten wir eigentlich schon vor“. Und dann dachten sie vermutlich ein bisschen schlecht über mich. Weil mir bei meinem bösen Satz vor lauter Wut wohl auch noch Rauch aus der Nase gestiegen war und ich vielleicht auch ein bisschen geschnauft hatte wie so eine alte, kaputte Dampflok.

Das Hübchen hatte zwei Minuten vorher sein Saftglas umgestoßen, mitten im Restaurant, und das ganze Malheur mit einem ohrenbetäubenden Gebrüll begleitet. Weil sein Pulli jetzt nass war und sein Glas leer. Und weil Mama ihm nicht etwa einen neuen Saft bestellen wollte, sondern ihrerseits wütend wurde. So wütend, dass sie plötzlich überhaupt nicht mehr verstehen konnte, wie irgendwer auf dieser völlig bekloppt gewordenen Welt überhaupt Kinder hatte haben wollen. Erst recht sie selbst nicht.

Ihre Freunde indes konnten wiederum das nicht verstehen. Und wer will es ihnen verübeln? Sie konnten ja nicht wissen, dass schon der ganze Rest dieses einen Tages eine einzige Katastrophe gewesen war. Angefangen mit Gebrüll am Morgen („Ich will mich aber nicht anziiiiieeeehen!“), Gebrüll nach der Kita („Aber iiiiich wollte die Tür aufmachen!!“) bis zum Gebrüll, als wir zum Restaurant aufbrechen wollten („Ich wiiiiill jetzt aber nicht!!!“).

Aufgerieben, aufgeraut, leicht angeätzt

Ja, diese Tage sind nervenaufreibend. Oder sollte ich eher sagen: nervenzerstörend? So fühle ich mich jedenfalls aktuell: zerstört. Aufgerieben, aufgeraut, leicht angeätzt. Meine oberste Nervenschicht bröckelt, zerfällt, ist eigentlich gar nicht mehr da. Und ein kaputtes Saftglas reicht da völlig aus, um den nervlichen Totalzusammenbruch auszulösen. Den erleide ich momentan ohnehin mehrmals täglich und bemühe mich nach Kräften, das Schiff nur innerlich kentern zu lassen. Allzuoft gelingt das nicht.

Wie im Restaurant, in dem ich meine zartseidenen Nerven offenbarte und ein sich verständnislos anblickendes Freundespärchen produzierte, die natürlich das dachten, was alle Noch-nicht-Eltern denken: So werden wir nie sein! Oder, mal angenommen, sie waren nur halb (ein viertel, ein achtel) so sehr vom Hübchen genervt, wie ich selbst, gerne auch: UNSERE Kinder werden niemals so!

„MEIN Kind wird anders!“

Letzteres war früher auch immer mein Lieblingsgedanke. Auch oder gerade, als das Hübchen noch ein Baby war. Denn was hatte ich nur für ein außerordentlich großartiges Geschöpf produziert! Kugelrund und zuckersüß und natürlich mindestens hochbegabt, oder welches andere 11-monatige Baby fängt bereits das Sprechen an? Wenn ich mir dann die ganzen offensichtlich missratenen Drei- und Vierjährigen von entfernten Bekannten anschaute, war ganz klar: SO wird mein Kind doch später sicher nicht!

Und manchmal kann ich diese Gedanken heute in den Gesichtern anderer Babyeltern ablesen, die mich mit einem Blick zwischen Mitleid und Unverständnis mustern, wie ich verzweifelt versuche, nicht nur die Gefühle meines Vierjährigen, sondern auch meine eigenen in den Griff zu bekommen (Spoiler: Klappt auch in der Öffentlichkeit manchmal beides nicht). Mittlerweile bin ich Profi darin, anhand eines einzigen Blickes in die Gesichter meiner Mitmenschen, ein erfahrenes Elternteil von einem (Noch-)Nicht-Elternteil zu unterscheiden.

Die mitfühlenden Blicke anderer Eltern im Drogeriemarkt an der Kasse, während ich oberflächlich stoisch, innerlich brodelnd, ein hampelndes, nörgelndes und beizeiten brüllendes Kind zu beruhigen versuche, damit wir wenigstens noch kurz unsere drei Dinkelkekse bezahlen können, bevor wir uns dann für den Rest des Tages getroffen unter der Bettdecke verkriechen können, weil so viel schlechte Laune verträgt ja kein Mensch – diese mitfühlenden Blicke retten manchmal dann doch noch den Nachmittag und ich traue mich, den Nörgel-Sohn entgegen meiner eigentlichen Pläne noch etwas auszuführen. Am besten an einen Ort, wo viele andere Eltern sind.

Das Nörgel-Kind macht einsam

Ja, mit einem bisweilen gesellschaftlich inkompatiblen Kleinkind wird es beizeiten einsam um einen rum. Neidisch betrachte ich diese ganzen selig lächelnden Ersteltern, die ihr im Tragetuch schlummerndes Baby in die Kneipe ausführen. Manchmal möchte ich sie rütteln und laut schreien: „Genieße es, du Unwissender! Schon bald ist dein Leben vorbei. VORBEI!“. In meinen bösesten Stunden fühlt es sich nämlich gerade genau so an: Alles ist vorbei. Meine Nerven, meine Ruhe, meine Gelassenheit. Meine Kreativität, meine Disziplin, mein Handlungseifer. Alles vorbei.

Ein von morgens bis abends auf zwei Elefantenbeinen durch die Wohnung trampelnder Vierjähriger (zum Glück nur Erdgeschoss!) hat durchaus das Potential, ein Nervenkostüm in Grund und Boden zu stampfen. Meines zumindest. Und auch wenn es mich nicht adelt, in letzter Zeit denke ich oft: So habe ich mir das nicht vorgestellt.

Wie immer gilt: Durchhalten

Was hilft? Ich weiß es nicht genau. Vermutlich wie immer die Zeit. Durchhalten, nicht aufgeben (wie auch??), irgendwie überleben. Versuchen, das Kind trotzdem lieb zu haben. Oder eher: Jetzt erst recht. Videos von früher anschauen hilft auch: Mein schelmisches Baby, wie es sich mit einer wahnsinnigen Energie unter den Küchenschrank rollt. Mein wunderhübscher gelockter Einjähriger, wie er versucht, das erste Mal seinen eigenen Namen auszusprechen. Mein kleiner Linksfuß, wie er schon als Zweijähriger den großen Lederball ins Tor bugsiert.

Manchmal muss ich es mir selbst vorsagen: Du liebst dieses Kind. Ja, doch, du liebst es. Und ich zwinge mich, die dummerweise so selten gewordenen Momente am Tag wahrzunehmen, in denen ich mein doch immer noch so wunderbares Kind hinter all seiner Wut und Unzufriedenheit wiedererkenne.

Es ist die vielleicht schwerste Aufgabe meines Lebens, auf seine Wut und Unzufriedenheit nicht mit meiner eigenen Wut und Unzufriedenheit zu antworten. Weil es sehr sicher ist, dass das alles noch viel schlimmer macht. Also probiere ich es immer wieder. Und scheitere immer wieder. Und probiere immer wieder.

Weil nutzt ja nix. Keine Kinder sind auch keine Lösung. Ich glaube, das haben auch meine Freunde verstanden. Traut euch ruhig, es wird richtig super und dann wird es bestimmt auch mal richtig, richtig scheiße. Aber am Ende wird es wieder super, da bin ich mir echt ziemlich verdammt sicher.

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11 Kommentare zu „Keine Kinder sind auch keine Lösung

  1. Oha, das klingt echt anstrengend! Ein Trost ist vielleicht, dass es auch ganz andere Vierjährige gibt und das Räupchen dann ja vielleicht zur anderen Fraktion gehört.

    • Darauf hoffe ich auch sehr! Ich habe auch die Vermutung, dass das Hübchen gefühlsmäßig schon viel weiter wäre, wenn die Räupchen Geburt nicht reingegrätscht hätte. Er macht gerade auch so ne Art Regression durch, glaube ich. ?

  2. liebelise

    Ich weiß nicht ob mir der Artikel jetzt gut getan hat, oder eher nicht, auf jeden Fall hab ich ihn gern gelesen.
    Was macht man denn da jetzt? Mein Kind ist erst 2 und schon jetzt sehe ich den Wutzwerg aufblitzen, noch sind es nur kurze Episoden und bisher ging es immer nach spätestens 2 Wochen vorbei. Aber was ich schon jetzt sagen kann, ich kann es nicht gut ertragen. Immer wieder nehme ich mir vor noch mehr Geduld zu haben. Die Situationen zu entschärfen bevor sie eskalieren. Aber, und das klingt jetzt naiv, immer wieder fühle ich mich selbst wie ein Kind was GEÄRGERT wird. Und wenn sie mich dann wutentbrannt in den Oberschenkel beißt… da weiß ich überhaupt nicht wohin mit mir.
    Aber eins weiß ich genau, so [wütend und ungeduldig] möchte ich nicht sein 🙁

    • Ja, das kenne ich. Und ich habe die Befürchtung, dass wir da sehr arg an uns selbst arbeiten müssen. Ich fange gerade erst an, mich zu fragen, warum ich meine eigene Wut so schwer in den Griff bekomme. Vermutlich werde ich das Problem gelöst haben, wenn das Räupchen eingeschult wird oder so. 😉 Was ich sagen will: Fang besser früher an als zu spät. Das Hübchen wird von der Arbeit an mir selbst nämlich vermutlich nicht mehr profitieren. 🙁

  3. Lena

    Ich kenne das auch. Ich glaube aber nicht, dass das Problem das eigene Kind ist. Klar sind die in dem Alter anstrengend für die Eltern, aber meine Beobachtung ist, dass sich die eigene Dünnhäutigkeit sehr gut beeinflussen lässt. Wenn es einem selber gut geht, kann man nämlich viel viel besser mit den Einfällen oder Ausfällen des Kindes umgehen. Also: genug schlafen (jaja die Zeit für sich mit zwei Kleinkindern ist knapp und man möchte ja so gerne….), sich mit Leuten umgeben, die einem gut tun und sich nicht zu viel vornehmen, also nicht mehr Stress als notwendig, Handy in Anwesenheit des Kindes zur Seite legen.
    Das alles gelingt mir auch nicht immer, aber an den Tagen an denen es mir nicht gelingt merke ich einen enormen Unterschied zu den Tagen an denen es gut klappt….

    • In meinem Text geht es mir gar nicht um die Schuldfrage oder darum, irgendwem ein Problem zuzuweisen, sondern allein darum, meine Gefühle zu schildern. Das hilft erfahrungsgemäß nicht nur mir, sondern oft auch anderen. 🙂

      Die Situation ist mit Sicherheit sehr komplex und es kommen einige ungünstige Komponenten zusammen: Das Hübchen als besonders lautes, durchaus herausforderndes Kind (denn ja, da kenne ich auch „einfachere“, das bestätigen mir andere Eltern 😉 ), meine Hochsensibilität und natürlich auch mein fester Wunsch, meinen Beruf weiterhin auszuüben.

      Wir sind dabei, an den innerfamiliären Schrauben zu drehen. Die Vorschläge, die du machst, setze ich schon lange um. 🙂 So einfach ist es aber leider nicht, gerade was meine Wut angeht, muss ich da tiefer gehen. Und das auch völlig unabhängig von meinen Kindern.

  4. Esperanza

    Oh wie ich dich gut versteh!!!!!! Hab grad wieder mit arbeiten angefangen und bin daher wieder von anderen kinderlosen Menschen umgeben…. das tut soo gut und immer mehr wird mir bewusst wie sehr sich mein Leben durch die zwei Kinder verändert hat und auch mein Blick auf kinder. Ich glaub es konntkeiner verstehen wie gern ich heute arbeiten war!!!! Es war so angenehm. Bin selbst sehr verwundert. Hätt ich mir vor 4 Jahren nie gedacht als ich schwanger war und auf die “ ruhige „Zeit daheim freute.
    Und der Klassiker…. die Eigenen Kinder werden nie so nervig :)))
    Versteh dich sooo gut.

    • Esperanza

      Jetzt hab ich mir grad meinen eigenen Kommentar nochmal gelesen. Das klingt doch alles sehr negativ. Lieb natürlich meine Kinder über alles… kam grad vielleicht gar nicht so rüber. Bin nur auch grad sehr oft genervt und vor allem müde. Heut hab ich die Wohnung noch dazu für mich allein…. ohne die Kinder ist es doch sehr leer. War jetzt irgendwie nur als Erklärung gedacht, gar nicht so als Rechtfertigung.. naja wers verstehen will, verstehts. 😉

      • Weißt du, ich finde, dass dein zweiter Kommentar sehr gut einen Teil des Problems zeigt: Als Mütter haben wir oft schon Gewissensbisse, wenn wir nur mal offen zugeben, nicht immer ausschließlich Spaß an unseren Kindern zu haben. Weil uns viel zu oft suggeriert wird, dass das doch eben nicht sein darf! Als Mütter müssen wir unsere Kinder doch rund um die Uhr lieben, immer für sie da sein, uns selbst hintenan stellen! Oder?! Ich sage: Nein, müssen wir eben nicht. Liebe verläuft nicht immer linear und ist nicht immer gleich stark. Und es ist menschlich, auch Raum für die eigene Entwicklung zu brauchen.

        Was ich sagen will: Natürlich liebst du deine Kinder über alles! Das tue ich auch. Und trotzdem können sie uns in den Wahnsinn treiben. Und trotzdem wollen wir noch etwas anderes erleben als jeden Tag Feuerwehrmann Sam spielen. Dafür brauchen wir uns nicht zu rechtfertigen! Unsere Männer tun das übrigens auch nicht! 😉

        Ganz liebe Grüße an dich und deine Lieben!

        • Esperanza

          Wie wahr, wie wahr!!
          Muss ich auch grad noch lernen…. einfach wieder die Zeit für sich selbst nutzen ohne schlechtem Gewissen.. Da kann ich noch einiges von meinem Freund lernen. Der hinterfragt einfach nicht so viel. Er verbringt sehr gern und viel zeit mit den Kindern, versteht auch gut dass ich oft sehr genervt bin weil’s einfach sehr anstrengend ist sich ständig um die zwei kleinen zu kümmern. Er geht aber auch gerne arbeiten.
          Trotz meiner anfänglichen Zweifel ob wir (ich) dass mit Arbeit u kids schaffe bin ich froh dass ich nun den schritt gemacht hab. Wenn mein Freund mich nicht mit so einer Selbstverständlichkeit motiviert hätt , würds nicht so gut funktionieren. In meiner Familie ist dass klassische rollenbild noch zu stark vertreten. Umso wichtiger sind da gute Vorbilder!

  5. Staubwolke

    Ich lese das und komme aus dem Nicken nicht mehr raus. Mir geht es auch oft so, dass ich an einer Ampel eine glückselig aussehende Mama mit Kleinkind im Buggy stehen sehe und mir denke: Ja, lächle Du nur! Wart mal ab, wenn Dein Gör in die Trotzphase kommt. Gleichzeitig denke ich mir, dass ich ja eigentlich überhaupt null komma null Ahnung habe, was für ein Päckchen diese Mama zu tragen hat. Vieles ist ja nach außen hin nur Schein.
    Oder ich sehe die Schwangere, die glückselig ihr erstes Kind erwartet. Und ich denke mir mit einem diabolischem Lächeln: Ja, wart Du mal ab. Spätestens nach drei Monaten lächelst Du nicht mehr so selig.

    Was habe ich mir als Schwangere alles ausgemalt? Dieses kleine Wesen soll mit mir als Mutter nicht schreien müssen. Ich würde dem kleinen Wesen so nach und nach die Welt zeigen und überhaupt die liebevollste und tollste Mama ever sein. Ich werde mein Kind immer mit Liebe und Güte großziehen. Ich hatte soviele rosa Wölkchen Pläne, die sich so nach und nach mit einem lauten Puff in schwarze Gewitterwolke verwandelt haben. Zur Zeit kämpfe ich gefühlt jeden Tag mit mir, liebevoll und ruhig zu bleiben. Zum Großteil gelingt es mir aber manchmal eben auch nicht. Und diese Ausraster meinerseits bringen mich in eine derart negative Gedankenspirale, dass alles, wirklich alles schlecht ist.
    Ich bin mal gespannt, wie das alles so weiter geht. Meine Kleine ist „erst“ 17 Monate, da kommt ja noch einiges auf mich zu. Aber man hangelt sich ja immer an den Gedanken, dass es bestimmt besser wird. Es wird bestimmt besser, wenn sie mal richtig reden kann. Es wird bestimmt besser, wenn sie motorisch noch weiter ist und vielleicht selbst ihr Essen auf den Löffel oder die Gabel bugsieren kann. Es wird bestimmt besser, wenn sie mal im Kindergarten ist. Es wird bestimmt besser ….

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