266 - Ersatzreligion (2019-07-08) ©kinderhaben.de 1600x90

Jesus hatte Latschen an – keine Barfußschuhe!

Ich verrate euch jetzt mal ein Geheimnis: In ca. einem Monat lassen wir unsere Kinder taufen. Katholisch. Dabei wäre das überhaupt nicht nötig. Denn als Elternteil braucht man nun wirklich keine echte Religion mehr. Man kann doch so viele Ersatzreligionen finden!

Ehrlich, es ist so einfach! Ihr müsst euch nur irgendein Thema aussuchen, was euch so ein bisschen liegt. Ihr fuchst euch so ein minibisschen in die Thematik ein, kauft das entsprechende Equipment und – ganz wichtig – tretet der passenden Facebook-Gruppe bei. Praktisch wäre auch, wenn es einen passenden Hashtag dazu gibt. Am besten kommt irgendwas mit #istLiebe darin vor. Passt? Also los, gehen wir mal ein paar Beispiele durch.

Fangen wir mit einem Exoten-Thema an, mit dem ihr vielleicht nicht sofort rechnet: Barfußschuhe. Finde ich persönlich super, weil das Hübchen von Geburt an eine leichte Fußfehlstellung hat und barfuß laufen dem Fuß super hilft, das von selbst auszugleichen. Mittlerweile trage ich selbst Barfußschuhe und fühle mich sehr gut damit. Um einen besseren Überblick über Angebot und Hersteller zu bekommen, bin ich natürlich der passenden Facebook-Gruppe beigetreten. Aber was mich da erwartete, damit hatte ich nicht gerechnet.

Barfußschuhe statt Religion

Denn, seid euch gewiss: Es gibt strenge Regeln! Zum Beispiel diese hier: Schuhe müssen immer, und damit meinen die Gruppen-Administratoren auch wirklich IMMER, mindestens 12mm länger sein als der Fuß. Bei Kindern dann am besten 17mm, weil wegen Zuwachsraum und so. Und wehe, irgendwer in dieser Gruppe erdreistet sich, zu schreiben, sein Kind stolpere aber mit 17mm, oder gar mit 15 oder noch schlimmer, sogar mit 12. Die Wissenschaft sage es schließlich ganz deutlich: Jeder Fuß (JEDER!!) braucht mindestens 12mm Raum zum Abrollen. Und wer damit stolpert ist einfach zu doof zum Laufen. Ja, auch wenn es ein Kind ist.

Welche wissenschaftlichen Untersuchungen da gemeint sind? Na, darauf kriegt man keine Antwort. Außer: Gibt halt welche, google selbst, oder bist du zu faul? Klingt gefährlich nach Religion, findet ihr nicht? Ich meine, ich kenne die wissenschaftliche Publikation auch nicht, in der steht, dass Eva aus Adams Rippe geschnitzt wurde. Aber die Bibel sagt, ist halt trotzdem wahr (fünf Ausrufezeichen).

Mamma mia. Ich will meinen Kindern doch einfach nur passende Schuhe anziehen ohne ständig irgendwelche Körperteile schienen zu müssen, weil das Kind in seinen angeblich gesundheitsfördernden Clownschuhen nicht laufen kann. Wenn ich so etwas in entsprechenden Gruppen einwende, gibt es sofort Missionierungsversuche: Weniger als 12mm seien absolut fußschädigend. 17mm bei Kindern ein absolutes Muss. Bestimmt werde ich das auch noch lernen. Ja, Mann, ich vielleicht, aber erklärt das mal meinen Kindern!

#TragenistLiebe statt Religion

Aber die Kinder müssen noch nicht mal alleine laufen können, da fängt es ja schon an anderer Stelle an mit dem religiösen Eifer. Stichwort: Babytragen. Und bitte stellt euch jetzt mal vor, dass ich das hier im Flüsterton schreibe, aber psssst: Wir benutzen eine schnöde Manduca. Und noch mal pssst: Das Hübchen haben wir damals sogar mit knapp 4 Monaten das erste Mal reingesetzt. Weil er da einfach schon so groß und schwer war, dass das Tuch keine Option mehr für mich war.

Zum Glück war ich damals noch nicht über Facebook-Gruppen informiert. Denn in einer eingefleischten Trage-Mama-Gruppe sollte man sich wohl kaum erdreisten, von seinem Baby in Manduca zu schreiben. Kleine Babys gehören schließlich in korrekter Anhock-Spreiz-Haltung (wie, ihr kennt diese schöne Wortkombination nicht? Was seid ihr denn für Muddis?) in ein Jaquard-gewebtes Tuch aus Naturstoffen.

Und wichtig: Wenn ihr noch nicht die richtigen Trageprofis seid, z.B. weil es euer erstes Baby ist und ihr noch ein bisschen Übung braucht – postet niemals, wirklich niemals ein Foto eures Trageversuchs auf Instagram. Denn ich schwöre euch: Die Trage-Polizei wird euch aufspüren. Und sie wird gnadenlos sein. Auch hier handelt es sich nämlich um eine Ersatz-Religion. Und da sind die Regeln ganz klar: Nur so halb is nich. Ihr müsst euch der Sache schon ganz verschreiben, mit Haut und Haar. Und mindestens 10 Tüchern im Schrank.

Gibt es etwa nur so halben Ehebruch?! Eben!

Ihr habt euer Baby echt nur ganz kurz so ein bisschen verknuselt im Tuch getragen? Ja und?! Gibt es etwa auch einen halben Ehebruch? Nur so ein bisschen Sex vor der Ehe? Ein fast gar nicht uneheliches Kind? Na also, checkt ihr selbst, ne?

OK, euer Baby fand es vielleicht ganz entspannend, einfach mal ein halbes Stündchen schön eng an eurem Körper zu nickern. Trotz dieser paar Grad zu viel Streckung im Rücken. Trotz leicht unsymmetrisch verrutschten Beinchen. Aber ach, was weiß denn euer Baby schon. Spätschäden tragen ihren Namen schließlich nicht deshalb, weil sie sofort auftreten. Spätschäden heißen so, weil sie später kommen, oh ja.

Ich brauche diesen Ersatz-Scheiß nicht. Ich mache das jetzt richtig krass.

Kaputter Rücken, kaputte Füße. Alles kaputt. Nur wegen Manduca und passender Schuhe, äh, ich meine natürlich wegen viel zu kleiner Schuhe. Ich hab mir jetzt jedenfalls gedacht: Ich brauche diesen Ersatz-Scheiß nicht. Ich mache das jetzt richtig krass. Ab zu den Katholiken, die haben religionsmäßig die härteste Credibility. Da kommt dir keiner mit Pseudo-Wissenschaft. Da kannst du die Bibel lesen und dran glauben oder eben nicht.

Und wenn man es mal genau anschaut, sind die Katholiken vielleicht sogar gemäßigter als die Barfußschuh-Jesuse und Trage-Marias. Denn die Bibel darfst du immerhin interpretieren. Das darfst du mit einem Barfußschuh nicht. 12mm sind 12mm! Und ein Tuch ist ein Tuch und keine Manduca!

Ich bete heute also ein Vaterunser mehr für alle Fehlgeleiteten da draußen. Auf dass ihr den wahren Weg wiederfindet. Weg von euren Ersatzreligionen, hin zu irgendeiner Religion, die euch so ein bisschen mehr Freiräume lässt. Vielleicht geht anstatt Tragetuch ja auch der Esel. Und dass Jesus Latschen anhatte, wissen wir schon seit dem großen Hit der Doofen. Vermutlich hatte er auch ziemlich kaputte Füße, aber mei, ist er halt ne Runde übers Wasser gegangen, um seine Schwielen zu kühlen. Man muss sich halt zu helfen wissen.

Amen!

5 Kommentare zu „Jesus hatte Latschen an – keine Barfußschuhe!

  1. Puh Katholizismus… Das ist schon ein krass Schritt. Ich würde einen Artikel über die Gründe sehr interessant finden. Bist du damit aufgewachsen? Sind deine Erfahrungen mit der Kirche und der Religion im Allgemeinen so positiv? Als Außenstehende bekommt man ja immer nur die Schattenseiten der Kirche mit und eine Innenperspektive wäre spannend.

    • Nein, ich werde nicht darüber schreiben. Aber nur als Gedankenanstoß: Ich denke, bei dem Blick auf Religion gibt es auch einfach einen krassen Unterschied in Ost und West. Die Sozialisierung von Kindern ist vielleicht sogar heute noch sehr anders? Ich kann verstehen, wenn es für dich befremdlich ist, ein Kind zu taufen.

      Aber im Text oben geht es ja eigentlich um was ganz anderes. 😉

  2. Meike

    Danke. Amen!

    Und jetzt noch mal ausführlich: ich bin in eben jener Barfußschuhegruppe genau über die 12 mm Aussage ebenfalls gestolpert (oh ja, und das, obwohl meine Schuhe zu klein sind und nur auf einer Seite 12 mm extra haben, auf der anderen Seite bloß 10 – da hat die Natur bei mir anscheinend nicht ausreichend nach Quellen gegoogelt bevor sie meine Füße designt hat!11!!)…
    Da ich aber jetzt weiß, was ich ursprünglich wissen wollte (und noch viel mehr als nötig🙄), kann ich da ja wieder raus. Und Tragegruppen fange ich besser gar nicht erst an, nachher kommt noch raus, dass Nummer 1 eigentlich schon eine Laufbahn als Krüppel vor sich hat. Und ich bin ja so renitent, Nummer 2 wird es wohl nicht besser ergehen. Außerdem kann ich mir keine 10 Tücher extra leisten.

    Und das lässt sich ja beliebig fortsetzen, ich glaube alles was den Nachwuchs angeht kann zur Religion gemacht werden.

    Katholiken liegen mir jetzt zwar nicht so, aber der soziale Alltagsdruck wird um ein vielfaches geringer sein als in jeder Elternreligion 😅

  3. Steffi

    Hallelujah – ganz ganz großes Kino, dieser Artikel! Ich habe gelacht und gleichzeitig geweint weil es so wahr und so lustig, wahrlich lustig ist. Du schreibst einfach großartig, und auch dein Blog und die Bilder auf Insta sind das, was ich lesen und sehen will, weil: Wirklich ECHT, ohne Filter und einfach wie das Leben mit Familie wenn beide arbeiten und Insta NICHT Hauteinnahmequelle ist, so ist. Großartig. Danke. Ich bin übrigens tragetechnisch ebenfalls mehrmals durchs Religionsexamen gefallen und über Schuhe wollen wir gar nicht reden, da sind wir jenseits von gut uns böse fürchte ich. Mal sehen ob die Kinder das wenn sie älter sind ausbaden müssen. Vielleicht können Sie dann ja einer Ersatzreligion für Spätschäden beitreten? Wir werden sehen. Bis dahin lese, schmunzle und freue ich mich über deine Artikel zu allen möglichen Themen hier!

  4. Lisa

    Herrlich! Einfach nur herrlich dieser Artikel 🙂
    Ich hab mir ja im Sommer Birkenstock-Sandalen gekauft. Aus Sicht der Barfüßler der erste Schritt zur Hölle.

    Ansonsten haben wir auch Barfußschuhe und Tragetücher, aber diesen Kult fand ich schon immer anstrengend.

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