„Frau liebt Bau“: Warum Baugewerbe, Mutterschaft und Selbstständigkeit prima zusammenpassen

Wenn 58% aller Architektur-Studierenden weiblich sind, aber am Ende nur 19% ein eigenes Büro leiten – was läuft da eigentlich schief? Das haben sich auch fünf Frauen gefragt, die zwei große Gemeinsamkeiten verbindet: Erstens sind sie alle selbstständig im Baugewerbe und zweitens sind sie Mütter. Zum diesjährigen Weltfrauentag, dem 8. März 2019, starten sie mit ihrer Initiative „Frau liebt Bau“ und wollen Mädchen und jungen Frauen ein Vorbild sein. Dafür, dass auch und gerade Frauen und Mütter im Bau erfolgreich sein können – natürlich auch als Chefinnen! Ich habe mit Sarah Kosmann gesprochen. 

Liebe Sarah, gemeinsam mit vier anderen Ingenieurinnen hast du die Initiative „Frau liebt Bau“ gegründet. Wie kam es dazu und was ist euer Ziel?

Wir sind fünf Ingenieurinnen, die sich vergangenen Herbst zufällig in der Facebook-Gruppe „Mompreneurs“ getroffen haben. Wir sind alle selbstständig, haben kleine Kinder und arbeiten am und um den „Bau“ als Planerinnen. Da Frauen am Bau, vor allem selbstständig und mit Familie, immer noch recht unterrepräsentiert sind, kam uns die Idee, uns einfach mal zu zeigen, als eine Art Role Model für die nächste Generation. Das tun wir bereits auf unserer Website frau-liebt-bau.de und ab dem 8. März auch auf unserem YouTube-Kanal.

Welche Gesichter stecken hinter „Frau liebt Bau“?

Wir sind alle selbstständig und Mütter und haben unterschiedliche Expertengebiete. Ich zähle mal anhand der Fachgebiete auf:

Architektur – Kristin Engel, 2 Töchter
Lichtplanung – Maria Goldberg, 1 Sohn & 1 Tochter
Umweltakustik – Heike Wessels, 2 Söhne
Photovoltaik-Planung – Lena Kehl, 1 Tochter
Bauphysik – Sarah Kosmann, 2 Töchter & 1 Sohn

Wir kommen aus Osnabrück, Ennigerloh, Berlin, Finsterwalde und München. Bisher kennen wir uns nur online, ein Treffen ist im Herbst geplant. 😉

Was genau zeigt ihr bei „Frau liebt Bau“ in den Live-Videos und auf der Website?

Wir haben Fragen von jungen Frauen und Mädchen gesammelt (und sammeln auch während des Streams)  und beantworten diese dann ganz konkret. Dabei geht es um unsere Werdegänge (kaum einer war „gradlinig“), die Gründung an sich (wann/wie/warum) oder auch darum, wie wir ganz praktisch unsere Arbeit mit den Kindern vereinbaren (wer kümmert sich, wenn die Kinder krank sind etc.).

Wie und wo sammelt ihr die Fragen der Mädchen und Frauen, die ihr auf euren Kanälen beantwortet?

Wir sammeln überall: auf unserer Facebook-Seite gibt es einen wöchentlichen Sammelbeitrag, man kann uns eine E-Mail an hallo@frau-liebt-bau.de schreiben oder das (auch anonyme) Kontaktformular auf unserer Website nutzen.

Du sagst, ihr wollt Role Models für zukünftige Generationen sein. Das heißt, ihr bietet euch quasi als Vorbilder für Mädchen und junge Frauen an?

Genau. Und Wir wollen zeigen, dass sich eine Selbstständigkeit am Bau gut mit Familie vereinbaren lässt.

Also geht es grundsätzlich um Selbstständigkeit oder auch ganz allgemein darum, Mädchen und junge Frauen vom beruflichen Themenfeld Bau zu überzeugen?

Beides. Bau ist an sich total interessant. Aber in den Büros gibt es ein Gefälle von 50% Mitarbeiterinnen zu 20% alleinigen Inhaberinnen (s. Beispielgrafik Architektur). Und wir finden, eine Selbstständigkeit ist eine sehr gute Möglichkeit, Familie (was ja leider meist ausschließlich für Frauen zum Karrierekiller wird) und Beruf zu verbinden.

Das heißt, ihr wollt Frauen bestärken, selbst zu Chefinnen zu werden – und sei es erst mal als Solo-Selbstständige?

Genau!

Was Müttern, die sich in die Selbstständigkeit trauen, oft vorgeworfen wird, ist ja: Ihr müsst ja nur „dazuverdienen“. Denn der Mann sichert die Familie mit seinem Gehalt ab… 

Also von mir kann ich sagen, dass ich 50% unseres Familieneinkommens „dazuverdienen“ muss. Und ich weiß, dass meine Kolleginnen von „Frau liebt Bau“ ähnliche Modelle mit ihren Partnern haben.

In der Baubranche kann man vermutlich eh ganz gut verdienen? Was wiederum ein Anreiz für junge Frauen sein kann, in dem Bereich tätig zu werden.

Mittlerweile wieder. Architektur war mal eine Zeitlang ziemlich überlaufen, aber das klassische Ingenieurwesen oder andere Fachplanungsberufe gehen eigentlich immer gut. Auf jeden Fall muss man so weniger Stunden arbeiten um auf ein gutes Gehalt zu kommen, hat aber natürlich auch mehr Verantwortung.

Was war für dich persönlich der ausschlaggebende Punkt zur Selbstständigkeit?

Ich habe mich letztes Jahr, während der Elternzeit mit meinem dritten Kind, selbstständig gemacht. Ich wollte einfach nicht mehr zurück ins Angestelltenverhältnis, weil ich meine eigenen Entscheidungen treffen wollte. Angestellt sein hat sich für mich nie zu 100% richtig angefühlt.

Welche Vorteile sehen deine Mitstreiterinnen in der Selbstständigkeit? Bzw. habt ihr vielleicht selbst auch Nachteile im Angestelltendasein erlebt, seit ihr Mütter seid?

Grundsätzlich haben wir natürlich die gleichen Probleme wie alle anderen Mütter, bzw. Eltern, auch. Die Baubranche ist da aber manchmal noch etwas konservativer. Eine Kollegin wurde beispielsweise, nachdem sie nach der Elternzeit in Teilzeit wieder kam, quasi nicht mehr Ernst genommen. Da hieß es: „Arbeiten Sie erst mal wieder Vollzeit, dann reden wir weiter“. Einer anderen Kollegin wurde die Projektverantwortlichkeit in der Schwangerschaft nach und nach entzogen. Zudem gibt es in der Baubranche natürlich generell immer mal wieder „besondere Herausforderungen“ als Frau. Da wird man dann für die Praktikantin gehalten oder so…

Vielleicht auch ein Effekt des Männerüberschusses in der Branche? Da ist „die Frau“ dann schnell der Exot…

Die Studierendenzahlen sagen, zumindest im Planungsbereich, eigentlich etwas anderes. Aber die Branche ist im Handwerksbereich natürlich fast ausschließlich mit Männern besetzt. Trotzdem ist der Bau schön – wenn man mit den richtigen Kolleg*innen zusammenarbeitet 😉

Ist es heute denn immer noch nicht selbstverständlich, als qualifizierte Frau im Bau dann z.B. auch mal eine Riege männlicher Handwerker unter sich zu haben? Müssen junge Frauen auch heute noch damit rechnen, sich erst mal Respekt verschaffen zu müssen?

Leider gibt es da noch ein paar Steinzeitmänner, die den Starken markieren müssen. Aber das tun diese Exemplare auch generell erstmal bei jedem Akademiker – wenn man dann noch jung und weiblich ist, ist’s halt vorbei. Aber da kommt man mit Kompetenz ganz gut durch. Generell wird es besser, je größer die Baustelle und die Handwerksunternehmen werden, denn die wollen sich ja durch sowas auch nicht die Kunden/Partner vergraulen.

Also nicht lange mit den kleinen Fischen aufhalten, sondern auf zu den großen Aufträgen! 

Genau! Aber grundsätzlich gilt: Sobald man mit Fachwissen glänzt, sind die Sprüche vorbei, egal bei welcher Projektgröße. Ist natürlich schade, dass frau sich erst wieder beweisen muss. Aber man muss sich nicht auf das Niveau herablassen und einen Spruch kontern. Professionelle Kompetenz reicht völlig aus.

Kannst du deine persönliche Leidenschaft für die Baubranche noch mal kurz in Worte fassen? Was begeistert dich an deinem Beruf?

Ich mag den Bau, weil es so unglaublich vielfältig ist. Es gibt so viel zu beachten, so viel was man wissen muss. Und gleichzeitig kann man sich eine winzige Nische aussuchen und unheimlich in die Tiefe gehen und zur Expertin werden. Dieses Spannungsfeld finde ich jeden Tag aufs Neue super!

Noch mal zurück zu eurem konkreten Projekt „Frau liebt Bau“: Morgen, am 8. März, soll es um 10 Uhr auf eurem YouTube-Kanal losgehen. In einer ersten Expertinnenrunde wollt ihr euch vorstellen und über eure Werdegänge berichten. Wie wird es danach weitergehen?

Der 8.3. ist eine Art Startschuss, danach wollen wir unsere Vorbild-Rolle weiter füllen. Wir haben auch weitere Expertinnen in der Hinterhand, die aber noch nicht am kommenden Livestream teilnehmen. Wir alle stehen auf jeden Fall weiter zur Verfügung, in welcher Art wird sich in den nächsten Wochen entscheiden.

Gibt es eigentlich schon eine Resonanz aus der Branche auf eure neue Initiative? Speziell auch von (ehemaligen) männlichen Kollegen oder Geschäftspartnern? Werdet ihr respektiert und geschätzt für euren Einsatz oder eher belächelt oder gar als gefährliche Konkurrenz gesehen (letzteres fände ich ja grundsätzlichsehr wünschenswert 😉)?

Andere Frauennetzwerke unterstützen unsere Initiative, wir bekommen insgesamt viel positive Resonanz – einfach weil es Role Models in dem Bereich bisher nicht gibt. Männliche Kollegen sind da eher neutral, die wissen damit recht wenig anzufangen. Rumgestänkert hat leider noch keiner. 😉 Aber wir haben schon Ideen für die Pressefotos fürs nächste Jahr – im Stil von Engel&Völker. 😀

Haha, mit ein paar knackigen Tipps für die Jungs, wie sie sich in der Branche gut machen können?

So in etwa. 😀 Vielleicht schafft es auch ein hübscher Kerl in den Hintergrund und trägt unsere Arbeitsunterlagen. 😜

Sarah Kosmann ist Bauphysikerin und hat, wie mir ein Blick in ihr Profil verraten hat, an derselben Uni ihren Bachelor gemacht wie ich. Offenbar waren wir sogar ein Jahr lang zeitgleich dort! Heute lebt sie mit ihrer Familie auf einem stillgelegten Militärgelände in Ennigerloh. Von dort betreibt sie auch ihr Büro Kosmann Ingenieure

Die Initiative „Frau liebt Bau“ findet ihr unter folgenden Präsenzen:
Website
YouTube
Facebook
Zum Weltfrauentag am Freitag, 8. März 2019, geht es mit einer ersten Live-Sendung auf YouTube los. Sarah und ihre Kolleginnen freuen sich, wenn ihr Lust habt reinzuschauen! Wenn ihr Fragen habt oder Ideen für eine Zusammenarbeit könnt ihr euch ebenfalls jederzeit bei den Frauen aus dem Bau melden.

Happy Weltfrauentag!

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2 Kommentare zu „„Frau liebt Bau“: Warum Baugewerbe, Mutterschaft und Selbstständigkeit prima zusammenpassen

  1. Hannah

    Hey 🙂 ich habe zugegebenermaßen den Artikel noch nicht gelesen *schäm* aber kurze Gedanken hierzu:
    Es sind erst seit ein paar Jahren so viele Frauen im Beruf. Viele noch nicht im Alter, dass sie sich selbstständig machen würden. Aber das rechtfertigt trotzdem nicht die genannten Zahlen. Es ist wie überall: statt für mehr Gleichberechtigung in der Familie zu kämpfen (Stichwort ausgewogene Aufteilung der Elternzeit und später der Betreuungszeiten) gibt man sich gutes Gewissen indem man seiner Tochter keine rosa Klamotten kauft.
    Zugegebenermaßen würde ich mich, zumindest zurzeit mit kleiner Tochter, nicht selbstständig machen wollen. Mindestens 4 meiner männlichen Kollegen im ähnlichen Alter haben es getan (aber keine einzige Frau, obwohl die meisten noch keine Kinder haben!), 2 davon haben kleine Kinder und gehen in Arbeit unter.
    Vielleicht ticken wir einfach anders.
    PS: in meinem Büro gibt es 3 Chefs – alle männlich. Alle Projektleiter (die Hälfte davon in Teilzeit) sind Frauen. Immerhin 🙄

    • Hannah

      PS: Artikel gelesen. Sehr tolle Sache 🙂

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