Filmkritik: ‹Eingeimpft› von David Sieveking

Die schlechten Kritiken zu David Sievekings dokumentar-autobiographischem Film „Eingeimpft“ überschlugen sich in der letzten Woche geradezu. Die einhellige Meinung der (zumeist Wissenschafts-) Journalist*innen war: Dieser Film spiele alubehüteten Impfgegnern in die Karten, argumentiere naiv und säe Zweifel. Ich habe mir den Film trotzdem angeschaut und komme zu einem ganz anderen Standpunkt: Der Film ist prima gemacht, unterhaltsam, informativ – und durchaus geeignet, Impfgegner davon zu überzeugen, ihren Standpunkt zu hinterfragen!

Ich muss das wissen, schließlich wurde ich von einer Freundin ins Kino begleitet, deren zweijähriges Kind nicht geimpft ist. „Eingeimpft“ von Filmemacher David Sieveking hat ihr viele Argumente aufgezeigt, die doch für ein zumindest partielles Impfen sprechen – und nicht etwa ihre Ängste weiter geschürt oder verstärkt. Aber langsam und von vorne:

Nachdem ich begonnen hatte, das Buch zum Film zu lesen, das mir der Verlag netterweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat, wollte ich meine Kinoverabredung fast absagen. Denn das Buch hat mich schon auf den ersten 50 Seiten so sehr genervt, dass ich kaum mehr weiterlesen wollte. Im Buch holt David Sieveking etwas weiter aus, erzählt vom Dilemma verängstigter Ersteltern, die auf alles vorbereitet sein wollen, sich dadurch aber erst recht verängstigen lassen.

Die verängstigten Ersteltern

Sievekings Frau Jessica de Rooij, eine Filmmusik-Komponistin, kommt im Buch gar nicht gut weg: Geradezu hysterisch versucht sie, alles Gefährliche von sich und ihrer kleinen Tochter fern zu halten. Und dazu gehört natürlich auch das Impfen. Im Buch kommt diese Haltung extrem naiv rüber, und Sieveking hat zunächst nicht viel entgegenzusetzen. Auch sein Wissen über Impfen und Immunologie ist quasi inexistent.

Als Leserin atme ich dann zwar erleichtert auf, als es endlich an die Recherchen geht und Sieveking mich mitnimmt, u.a. in Gespräche mit Expert*innen und an Forschungsinstitute. Es bleibt aber ein schaler Beigeschmack, der mich immer daran erinnert, dass hier vielleicht nur eine gut situierte Familie versucht, ein Wohlstandsproblem zu lösen. Die Frage nach Impfen oder nicht-Impfen von rein emotional-egoistischer Seite aus zu entscheiden, halte ich für falsch. Immerhin da bin ich mit den Kritikern einer Meinung.

Ein Film von Eltern für Eltern – und das ist gut so!

An anderer Stelle muss ich den schlechten Kritiken jedoch absolut widersprechen. „Nicht sehenswert!“ hieß es fast überall. Eine SWR-Journalistin ging so weit, zu sagen „Gehen Sie nicht in diesen Film, er ist sein Geld nicht wert!“. So ein Blödsinn, finde ich. Denn es ist genau gut, wenn Eltern, die bisher genauso emotional über das Thema Impfen entscheiden wollten oder sogar schon entschieden haben, dem Paar Rooij-Sieveking dabei zugucken kann, wie es fast eine ebensolche irrationale Entscheidung getroffen hätte.

Im Film wirkt David Sieveking reichlich hilflos gegenüber einer sehr bestimmt auftretenden Jessica de Rooij, die zwar auch keine ernstzunehmenden Argumente gegen das Impfen aufbringen kann, dafür aber eine Menge Tränen und überfordert-sein. Das einzige, was da hilft, sind die Recherchen ihres Mannes, die im Verlauf des Films über viel Wichtiges aufklären: Wir erfahren, wie Impfungen funktionieren und was der Unterschied zwischen Tot- und Lebendimpfstoffen ist. Wir hören, was Fachleute zum Thema sagen – und diese Fachleute, u.a. von der STIKO, wirken gar nicht unsympathisch oder bevormundend. Der einzige Kollege, der meines Erachtens gar nicht geht, ist ein Kommunikationsspezi eines großen Pharma-Konzerns, der Sievekings Fragen möglichst oberflächlich und unfreundlich abbügelt.

Impfungen helfen! Sogar über ihre spezifische Wirkung hinaus

Wir werden auch immer wieder mit dem Fakt konfrontiert, dass alle, die sich oder die Kinder nicht impfen lassen, auf der Welle der mehrheitlich geimpften Gesellschaft reiten. Auch Sievekings Frau Jessica argumentiert genau so: Die Krankheiten seien doch alle so selten geworden, da sei es fürs eigene Kind kaum gefährlich, ungeimpft zu sein. Dass es das doch sein kann, merken die beiden, als in Berlin die Masernwelle losbricht. Und Sievekings Recherchen in Westafrika zeigen sogar noch erstaunlicheres: Die über 30-jährige Langzeitstudie  des dänischen Wissenschaftlers Peter Aaby in Guinea legen nahe, dass Lebendimpfstoffe noch viel mehr Nutzen haben könnten, als nur den Schutz vor Krankheiten. Vieles weist darauf hin, dass Impfungen mit Lebendimpfstoffen, z.B. gegen die Masern, generell resistenter machen, auch gegen ganz andere Infektionen.

Meine impfkritische Freundin war nach dem Film ganz angetan von diesem Gedanken. Damit hat sie ein neues Argument in der Diskussion mit ihrem Mann, der noch mehr als sie am Nicht-Impfen festhalten will. Seine größte Angst: Ein Impfschaden. Auch diese werden im Film erwähnt und in Zusammenhang mit den zugesetzten Adjuvantien (wirkverstärkende Zusatzstoffe, v.a. Aluminium) gesetzt. In Frankreich besucht Sieveking ein Krankenhaus, in dem Verdachtsfälle behandelt werden, in denen Patienten mit schweren Symptomen auf das Aluminium reagieren, das Totimpfstoffen als verstärkende Substanz beigesetzt ist. Gleichzeitig zeigt der Film auch immer mal am Rande Aufnahmen von schwer erkrankten Kindern, die man mittels einer Impfung hätte schützen können. Für meine Wahrnehmung hält der Film hier gut die Waage, zudem an mehreren Stellen betont wird, dass die Zahl der durch Impfung geretteten Kinder kaum zu den sehr seltenen wirklichen Impfschäden ins Verhältnis gesetzt werden kann.

David Sieveking ist nämlich kein alubehüteter Verschwörungstheoretiker, genau wie die große Mehrheit der impfkritischen Eltern. Er ist einfach ein Vater, der sich Gedanken macht. Der selbst begreifen will und Fragen stellt. Und auch wenn es der ein oder anderen Wissenschaftsjournalistin weh tut: Hier sind wir an genau dem Punkt, weshalb ich den Film für so wahnsinnig zielführend halte. Er argumentiert aus der Zielgruppe heraus für genau diese Zielgruppe.

Impfkritische Eltern sind nicht alle Verschwörungstheoretiker!

Wenn Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen oder Journalist*innen den meist gut gebildeten impfkritischen Eltern mit herablassendem „Hören Sie auf zu denken und tun Sie einfach, was die Experten sagen!“ kommen, kann ich sehr gut nachvollziehen, dass vorsichtige Eltern dadurch allzu schnell zu wahren Impfgegnern werden. Ich möchte zum Beispiel mal gerne wissen, wie viele Kinder mehr geimpft wären, wenn Ärzt*innen jede individuelle Impfentscheidung nicht per se erst mal abblocken würden. Zu viel Druck erzeugt Gegendruck, das gilt nicht nur im Reitsport.

Wie großartig wäre es denn, wenn Eltern auch mal ernst genommen würden? Die wenigsten glauben direkt an eine große Pharma-Verschwörung oder denken trotz das Gegenteil beweisender Studien noch heute, dass Impfungen Autismus, Asthma und sonst was erzeugen würden. Die große Mehrheit der Eltern wünscht sich vermutlich einfach eine ehrliche und kompetente Beratung und die Möglichkeit, den Impfzeitpunkt selbst mitzubestimmen.

Mir persönlich sind Eltern, die vielleicht erst ihr zweijähriges Kind gegen Masern impfen lassen deutlich lieber als solche, die es gar nicht tun. Das Problem sind nämlich sicher nicht die Babys, die im ersten Jahr nicht geimpft werden, sondern die vielen älteren Kinder, die ungeimpft zu einer Gefährdung für den Herdenschutz werden – und damit auch wieder für die noch ungeimpften Babys.

Der Film hat das Zeug, impfkritische Eltern vom Impfen zu überzeugen

Und ich bin nach dem Anschauen dieses Films der Überzeugung, dass er das Zeug dazu hat, genau solche impfkritischen Eltern vom selbstbestimmten Impfen zu überzeugen. Ich selbst frage mich mittlerweile ernsthaft: Wovor haben Ärzt*innen Angst? Wovor haben diese Journalist*innen Angst, die in ihren schlechten Filmkritiken verbal fast ausrasten? Ist es ernsthaft eine so große Katastrophe, wenn Eltern Fragen stellen? Wenn sie ihr Baby nicht mit zarten 8 Wochen impfen lassen wollen, sondern sich über alternative Impfpläne informieren? Ist nicht jedes vielleicht etwas später geimpfte Kind besser, als ein komplett ungeimpftes? Und ist es nicht viel besser, die Eltern dieser Kinder nicht völlig zu vergraulen, sondern sie höflich an die Vorteile des Impfens zu erinnern und mit ihnen gemeinsam einen Plan für die gewünschten Impfungen und den richtigen Zeitpunkt auszuhecken?

Ich finde, dass David Sieveking genau das mit seinem Film tut. Sievekings Zielgruppe ist klar: Das sind Eltern wie er und Jessica, die sich einfach unsicher sind, was nun unbedingt geimpft werden soll, wann und warum. Nachdem ihre Fragen beantwortet wurden, entscheidet sich Familie Rooij-Sieveking schließlich für einen individuellen Impfplan, der aber hochansteckende Krankheiten wie Masern abdeckt. Natürlich stellten sich ihre Fragen aus einer privilegierten Situation heraus. Aber das ist nun mal die Situation, in der wir hier in Deutschland leben! Und wenn diese Fragen gestellt werden, dann müssen sie auch beantwortet werden. Das ist mithin auch deutlich zielführender als öffentliche und herablassende Schelte durch Mediziner und Journalisten.

Denn in einer Sache bin ich mir sicher: ohne Aluhut wird ganz schnell klar, dass Impfungen eben tatsächlich Leben schützen. Und wenn Sievekings Film auch nur vereinzelt dazu führen kann, dass die eine oder der andere den Aluhut abnehmen, bin ich schon glücklich. Jetzt hoffe ich nur noch, dass meine Freundin ihren Mann überzeugen kann und ihr Kind auch bald zumindest gegen Masern geschützt sein wird. Mal schauen, wann es den Film auf DVD gibt, er würde für die beiden jedenfalls ein prima Weihnachtsgeschenk abgeben.

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