Eine Geschichte vom (Nicht-) Wiedereinstieg

12 Monate Elternzeit und dann zurück in den Beruf. Das ist das Ideal, das Familienpolitiker und viele Mütter, die ihren Beruf lieben, verfolgen. Für viele Frauen heißt Wiedereinstieg zunächst mal: Arbeit in Teilzeit. Und wenn der Arbeitgeber mitspielt, sieht alles erst mal ganz prima aus. In der Praxis gestaltet sich das jedoch oft ganz anders. Denn über das Ja oder Nein zum Wiedereinstieg entscheidet in den meisten Fällen der Taschenrechner. Und viele Frauen merken schnell: Den Wiedereinstieg kann ich mir gar nicht leisten! Wie das kommen kann, erzähle ich heute anhand einer konkreten Geschichte.

Ich selbst kannte mich bis zum letzten Wochenende mit diesem Thema kaum aus. Denn mein Elterngeld bestand damals aus mickrigen 300 Euro – dem Studententarif. Ein Berufseinstieg war für mich erstens insgesamt nötig, weil ich schließlich frisch aus dem Studium kam. Und zweitens lohnte er sich im Vergleich zu den lächerlichen 300 Euro auch finanziell. Eine Bekannte, die Mann, Hübi und ich letztes Wochenende besuchten, erzählte mir dann aber, wie sich die Sache für die meisten anderen Frauen gestaltet, die vor der Geburt ihres ersten Kindes Vollzeit berufstätig waren.

Diese Bekannte hat ein acht Monate altes Baby. Bevor das Baby überhaupt auf der Welt war, stand für sie fest, dass sie nach etwa einem Jahr Elternzeit zurück in ihren Job gehen möchte. Denn sie mag ihren Job und ist auch mit ihrem Arbeitgeber zufrieden. Die Rückkehr wäre problemlos auch in Teilzeit möglich, was sie sich wünscht, denn sie möchte für ihr dann einjähriges Kind gerne mehr da sein als ein Vollzeitjob erlauben würde. Soviel zur Theorie. Die Praxis sieht derweil anders aus.

Für den beruflichen Wiedereinstieg nach einem Jahr bräuchte meine Bekannte einen Betreuungsplatz im März. Das ist in der Großstadt, in der sie lebt, ziemlich utopisch, denn Betreuungsplätze für Kleinkinder gibt es zum einen zu wenige und zum anderen werden fast alle Plätze nur zu August frei, weil dann die großen Kinder eingeschult werden und Platz für die kleinen machen.

Vor dem zweiten Kind lohnt sich der Wiedereinstieg finanziell nicht

Nachdem meine Bekannte und ihr Mann den Taschenrechner bemüht hatten, stellten sie außerdem fest, dass die Betreuungskosten das Teilzeitgehalt meiner Bekannten fast komplett auffressen würden.

Und dann kam noch eine weitere Überlegung ins Spiel: Meine Bekannte und ihr Mann wünschen sich nämlich ein zweites Kind. Würde meine Bekannte nun wieder anfangen in Teilzeit zu arbeiten, würde sich das Elterngeld bei der Elternzeit fürs zweite Kind an dem niedrigeren Teilzeitgehalt berechnen. Wird sie jedoch bald wieder schwanger und bleibt weiterhin mit dem ersten Kind Zuhause, dann greift Paragraf 2b Abs. 1, Nr. 1 des Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes. Das Elterngeld berechnet sich normalerweise anhand des Einkommens der letzten 12 Monate. §2b, Abs.1, Nr. 1 besagt nun allerdings, dass jene Monate nicht berücksichtigt werden, in denen bereits Elterngeld für ein älteres Kind bezogen wurde oder in denen die Frau sich im Mutterschutz befand.

Im konkreten Fall bedeutet das: Bekommt meine Bekannte im Laufe des zweiten Jahres Elternzeit mit ihrem ersten Kind ein zweites Kind, so wird, je nachdem wann das zweite Kind geboren wird, erneut (teilweise) das Einkommen zugrunde gelegt, das sie aus der Vollzeitarbeit vor der Geburt ihres ersten Kindes hatte. Würde sie also zwischen Kind eins und Kind zwei in Teilzeit arbeiten, fiele das Elterngeld in ihrem Fall geringer aus, zumindest solange sie noch im Laufe des ersten Elternzeitjahres wieder schwanger wird. Hier gilt natürlich: Je früher, desto besser. Denn alle Monate, in denen meine Bekannte kein Elterngeld bezogen hat und nicht in Mutterschutz war, gelten als “Nullmonate” und bringen nur den Mindestsatz von 300 Euro.

Regelung bestraft Mütter, die vor dem zweiten Kind wieder arbeiten gehen

Nun ist unzweifelhaft, dass das Elterngeld an sich eine gute Sache ist. Jedoch erscheint es absurd, dass im Falle eines baldigen zweiten Kindes gerade jene Frauen bestraft werden, die kurz nach der Geburt des ersten Kindes wieder in Teilzeit arbeiten gehen. Und die Geschichte meiner Bekannten ist kein Einzelfall! Mehr als 70% aller Frauen mit Kindern unter sechs Jahren arbeiten Teilzeit – Teilzeitarbeit ist bei Müttern also die Regel!

In Deutschland stehen nach der Geburt des ersten Kindes haufenweise Mütter vor der Frage: Kann ich mir den Wiedereinstieg finanziell überhaupt leisten? Denn die Betreuung von unter Dreijährigen Kindern kostet in den meisten Kommunen Unsummen. Und die geringere Bezahlung der Teilzeitarbeit wirkt sich unmittelbar auf das Elterngeld aus, das im Falle eines zweiten Kindes bezogen wird.

Gut ausgebildete Frauen bleiben länger Zuhause als ursprünglich geplant

Für meine Bekannte steht daher fest: Sie bleibt weiterhin Zuhause und zwar am besten solange, bis das zweite Kind sich auf den Weg macht. Ihr Mann ist besser verdienend und Freiberufler, daher schließt sich für die beiden ein Rollentausch aus. Auch das ist sicher kein Einzelfall: Oft verdienen die Männer besser als ihre Frauen und somit ist auch klar, wer weiter Vollzeit arbeiten geht und wer in Elternzeit bleibt.

Meine Bekannte ist studiert, klug, charismatisch und stand vor der Geburt ihres Kindes mit beiden Beinen fest im Berufsleben. Ihr Arbeitgeber ist sicher nicht glücklich darüber, dass sie ihre Elternzeit verlängert. Und auch die deutschen Familien- und Wirtschaftspolitiker betonen immer wieder, wie wichtig der baldige Wiedereinstieg von qualifizierten Frauen nach der Geburt ihrer Kinder ist. Wir Mütter sollen schließlich nicht nur die Bürger von morgen großziehen, sondern auch Steuern zahlen und unser in jahrelanger Ausbildung angeeignetes Know-How im Arbeitsleben einbringen.

Echte Wahlfreiheit sieht anders aus

Warum wird es uns also so schwer gemacht? Die Politiker sollten sich ganz dringend die Mechanismen anschauen, die Frauen tagtäglich davon abhalten, nach der Geburt ihrer Kinder in den Beruf zurückzukehren und diese abstellen. Kostenlose oder deutlich günstigere Betreuungsplätze sind genauso dringend nötig wie eine Neuausrichtung des Elterngeldes in Bezug auf den Wiedereinstieg zwischen dem ersten und zweiten Kind.

Frauen, die Lust haben, kurz nach der Geburt des ersten Kindes in den Beruf zurückzukehren, sich aber auch bald ein zweites Kind wünschen, dürfen nicht benachteiligt werden! Das jetzige Modell bietet lediglich Anreize, zwischen Kind eins und zwei Zuhause zu bleiben, nicht aber, wieder arbeiten zu gehen. Wahlfreiheit stelle ich mir anders vor. Und meine Bekannte auch.

5 Kommentare zu „Eine Geschichte vom (Nicht-) Wiedereinstieg

  1. Julia

    Hallo,
    der Artikel und der Ansatz klingen ja ganz interessant, aber ich glaube das ist nicht ganz richtig. Denn Elterngeld wird nur für 12 oder Max 14 Monate gezahlt. Wenn deine Freundin 2 Jahre in Elternzeit ist, bekommt sie für das Zweite Jahr kein Elterngeld und ist ohne Einkommen. Das würde bedeuten dass für das zweite Kind diese Zeit mit eingerechnet wird und sie nur den Mindestsatz von 300€ für diesen Zeitraum erhält.
    Anders wäre es wenn sie schon vor der Geburt des ersten Kindes zwei Jahre Elternzeit beantragt und in dieser Zeit die Zahlung auf zwei Jahre verteilt erhält. Das entspräche allerdings 24 Monate lang nur ein halbes Einkommen.

    • MRRRT

      Richtig ist: In Monaten, in denen kein Elterngeld mehr gezahlt wird, ist Teilzeit besser als gar nichts (für die Berechnung des EG beim zweiten Kind).

      Nicht richtig ist die Idee mit Elterngeld plus für 24 Monate: In diesem Fall verschiebt sich die Bemessungsgrundlage (leider) wie bei normalem Elterngeld nur um 14 Monate, nicht um 24.

      • Chrstph

        Angenommen man nimmt 2 Basiselterngeldmonate und dann bis zum 22 Monat Elterngeld Plus. Dann werden ja die Monate 1-14 im Bemessungszeitraum ausgeklammert. Wird dann das ausbezahlte Elterngeld Plus in den Monaten 15-22 als Netto-Einkommen angerechnet, oder gelten diese Monate dann als Monate ohne Einkommen? Das neue Elterngeld beim zweiten Kind hängt ja dann vom Netto-Einkommen in dieser Zeit ab.

        • Marco

          Die Monate Elterngeld plus ab Monat 14gelten bei der Berechnung des Elterngeldes für das zweite Kind als Nullmonate

  2. Kruemel

    Wenn ich voll nach 1 jahr wieder anfange zu arbeiten und 2 Monate nach dem arbeitsbeginn wieder schwanger werden würde würden mir die 2 monate angerechnet plus 10 monate vor der ersten elternzeit???

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