Ein Kind wie aus einem Erziehungs-Ratgeber

Letztes Wochenende kam der Liebste vom Einkaufen zurück und war völlig geflasht von unserem süßen Räupchen: Während des Einkaufens war das Räupchen nämlich gar nicht mal so süß gewesen, sondern hatte viel gequengelt, wollte lieber auf den Arm statt im Einkaufswagen sitzen und war ganz allgemein nicht so richtig umgänglich. Aber dann passierte etwas erstaunliches: Nachdem Papi entschieden hatte, das Gequengel eine Weile durchzustehen, war es dem Töchterlein wohl irgendwann selbst zu blöd geworden. Sie ließ das Quengeln sein und suchte sich eine andere Beschäftigung.

„Das war, als ob sie sich plötzlich selbst reguliert hätte“, erzählt der Liebste mir später, während wir die Einkäufe ausräumen, und aus seiner Stimme spricht immer noch das reinste Erstaunen. „Vielleicht hat sie sich gar nicht selbst reguliert, sondern sich von deiner Ruhe anstecken lassen“, sage ich – schließlich habe ich schlaue Bücher gelesen und in denen steht, dass Kinder sich in diesem Alter noch gar nicht selbst regulieren können. Was aber geht, ist die Co-Regulation, sprich: Das Kind kann seine Gefühle in den Griff kriegen, wenn eine Bezugsperson ihm dabei behilflich ist. Ruhe ausstrahlen ist also alles. Und das kann der Liebste zum Glück ganz gut.

Co-Regulation? Hat beim Hübchen nie funktioniert!

Trotzdem sind wir beide höchst irritiert. Denn Co-Regulation hat beim Hübchen nie besonders gut funktioniert. Um ehrlich zu sein funktioniert es bis heute nicht besonders. Denn die Hübchen-Gefühle sind stark, sie wollen raus und pfeifen auf elterliches Ruhe-Ausstrahlen. So sehr wir es damals auch versucht haben: Es half alles nichts. War das Kind in Rage, war es in Rage. Natürlich war es trotzdem richtig, es möglichst ruhig durch seine Wut zu begleiten. Bloß nutzte das sicher nicht dazu, die Situation zu verbessern oder zu verkürzen. Aushalten war alles.

Und das täglich in zig verschiedenen Situationen. Beispiel Anziehen: Wenn das Hübchen sich nicht anziehen lassen wollte, dann wollte er eben nicht. Da half kein Abwarten, kein Kompromiss, kein spielerisches Überzeugen. Als nun das Räupchen damit anfing, ihren starken Willen auszupacken und seitdem am frühen Morgen beschließt „Ich will mich nicht anziehen“, war ich entsprechend in Panik: Oh nein, du jetzt auch? Muss ich das wirklich alles noch mal durchmachen?! Der Witz ist: Muss ich nicht.

Ein Kind wie aus irgendeinem Erziehungs-Ratgeber

Das Räupchen funktioniert nämlich wirklich wie so ein Kind aus irgendeinem x-beliebigen Erziehungs-Ratgeber. Ich lasse ihr also erst mal ihren Willen, respektiere ihre Grenzen und warte ein bisschen ab. Und nach ein paar Minuten, vielleicht auch mal erst nach einer viertel Stunde, kommt sie freiwillig oder lässt sich auf meine spielerischen Angebote ein. Während wir uns beim Hübchen manchmal nicht mehr anders zu helfen wussten, als ihn gegen seinen Willen und unter Gebrüll anzuziehen (und ja, er hätte sonst wirklich den ganzen Tag nackt bleiben wollen), komme ich mir beim Räupchen oft vor wie so eine Vorzeige-AP-Mutti, bei der alles mit Geduld und gutem Zureden klappt.

Für mich ist das eine richtige Offenbarung: Endlich ein Kind, bei dem die ganzen schlauen Tipps wirken! Da hatte ich jahrelang weinend über sämtlichen Ratgebern gesessen, weil das darin verkaufte Handwerkszeug scheinbar bei jedem anderen Kind half, aber nicht bei meinem. Und plötzlich habe auch ich eins dieser Kinder, von denen ich bis vor kurzem noch dachte, sie seien eine einzige große Lüge!

Vielleicht werden Ratgeber grundsätzlich nur von Menschen geschrieben, die bloß solche völlig normal tickenden Kinder haben? Denn wer wäre schon so blöd und würde einen Ratgeber schreiben, mit der Erfahrung im Rücken, dass sämtliche Tipps beim eigenen Kind nicht helfen? Ach ja, Nora Imlau und Mary Sheedy Kurcinka. Und ich bin diesen beiden Frauen so unendlich dankbar dafür! Denn erst nach der Lektüre ihrer beiden Bücher fühlte ich mich nicht mehr völlig unzulänglich.

Ein Kind, das mich versöhnt

Was mir allerdings noch ein bisschen mehr hilft als die Bücher dieser beiden tollen Frauen, ist das zweite Kind. Unser Räupchen, das von Anfang an irgendwie entspannter war als der große Bruder. Ausgeglichener, ruhiger, weniger launisch. Ein Kind, das mich versöhnt. Mit mir selbst und meinen Gefühlen. „Endlich glaube ich nicht mehr, die schlechteste Mutter der Welt zu sein“, sage ich zum Liebsten. Und die Wahrheit ist noch krasser: Mittlerweile gibt es Tage, an denen fühle ich mich wie so eine richtig saugute Mutter! Die Wahrheit ist nämlich auch: Das Temperament des Kindes (und wie gut dieses Temperament zum eigenen passt) bestimmt auch den Grad der mütterlichen Verzweiflung – oder Entspannung.

Das zweite Kind wirkt auf mich also manchmal wie eine Erholungskurs. Klar ist auch vieles anstrengender geworden – zwei Kinder machen natürlich mehr Arbeit und eins von beiden will eh immer irgendwas. Aber dieses zweite, irgendwie von Natur aus „funktionierende“ Kind zeigt mir auch, dass ich so viel wohl doch nicht falsch mache.

Die neue Selbstsicherheit

Während das Hübchen immer alle Zweifel nährte und mich auch heute noch mindestens zehn Mal am Tag mein mütterliches Handeln hinterfragen lässt, strahlt das Räupchen vor allem eines aus: Alles ist gut! Du machst das prima! Mir geht es gut! Diese neue Selbstsicherheit im Umgang mit einem (meinem) Kind ist völlig neu für mich – und meinem Seelenzustand sehr zuträglich.

Gleichzeitig ist ein weiterer neuer Zustand eingetreten: Ich bin sehr dankbar dafür, zwei so unterschiedliche Kinder zu haben. Denn das zweite Kind hat mich gewissermaßen auch mit dem ersten versöhnt. Ist es nicht großartig, dass das Hübchen mich lehrt, mich immer wieder selbst zu reflektieren? Dass ich durch ihn gezwungen bin, mich mit meinen eigenen starken Gefühlen auseinanderzusetzen. Dass ich durch ihn lerne, mit impulsiven Temperamenten umzugehen, ohne dabei selbst völlig überzukochen (na gut, so richtig gelernt habe ich das bisher nicht, aber ich bin dabei).

Wohl doch nicht so viel falsch gemacht!

Letztlich habe ich zudem vielleicht großes Glück, dass schon mein erstes Kind von der Sorte „gefühlsstark“ war. Denn während das zweite Kind mir nun ganz viel Sicherheit in diesem Mutterding gibt, wächst auch das erste weiter heran und zeigt mir mit seiner tollen Entwicklung, dass ich eben in der Tat gar nicht so viel falsch gemacht haben kann – auch wenn es sich streckenweise so anfühlte.

Wenn meine zwei Kinder zusammen kuscheln und toben, spielen und rennen, sich gegenseitig helfen und unterstützen, bin ich die glücklichste und stolzeste Mutter auf Erden. Und wenn die beiden so gut zusammen, so gut zueinander sind, ist in dieser Familie wohl eindeutig vieles doch ziemlich richtig gelaufen. Oder etwa nicht?

6 Kommentare zu „Ein Kind wie aus einem Erziehungs-Ratgeber

  1. Kathi

    Ein toller Text, der genau die Situation bei uns beschreibt. Sohn eins gefühlsstark und so gar nicht empfänglich (scheinbar) für all die ach so klugen Ratgeber, ich so oft verzweifelt und mit dem Gefühl völlig unfähig zu sein. Und dann kam Sohn zwei, ein Kind wie aus dem Lehrbuch, sogar die Schübe im ersten Jahr als hätte er „Oje ich wachse“ gelesen. Dieses Gefühl der Versöhnung das du beschreibst kenne ich zu gut. Und manchmal ertappe ich mich mit einem schlechten Gewissen gegenüber dem Großen, den ich immer so schrecklich anstrengend fand und der mir oft so fremd war. Nun wird er bald sechs und es wird einfacher, aber er ist immer noch sehr intensiv in allem. Aber genau wie du bin ich glücklich und dankbar dass meine zwei so unterschiedlich sind. Vor allem da ich oft den Eindruck habe dass sie da sogar gegenseitig von profitieren.

    • Ja, das schlechte Gewissen kenne ich sehr gut. Allein schon, weil die Kleine bei mir Zuhause bleibt, bis sie zwei Jahre alt sein wird. Und auch immer noch gestillt wird. Beim Großen habe ich beides nicht lange ertragen, weil er einfach viel zu fordernd war. Da wäre wirklich ein ganzes Dorf nötig gewesen, um ihn zu bespaßen. 😉 Tagesmutter und Kita waren dann unsere Erlösung.

      Voneinander profitieren werden meine beiden sich auch weiterhin. Ich hoffe sehr, dass sie sich ihre liebevolle Beziehung erhalten. Wir werden jedenfalls alles tun, damit es so bleibt zwischen den beiden. <3

  2. Nadja

    Guten Morgen, danke für den Beitrag.
    Bei uns ist Sohn zwei das anstrengende Kind und ich glaube nur Sohn eins hat mich vor der völligen Verzweiflung bewahrt.
    So oft habe ich mir gesagt, es liegt nicht (nur) an dir, es ist so wie es ist. Jetzt mit drei Jahren ist es endlich etwas einfacher geworden, wir können uns mit Worten verständigen und Deals machen (erst dies, dann das), während es zuvor auch fast immer nur mit körperlicher Überwältigung ging (Zähne putzen, anziehen, wickeln, etc.)
    Mal sehen, was Nummer drei für einen Charakter entwickeln wird…

    • Stimmt, so rum kann man es auch betrachten: Wenn das erste Kind „einfach“ war, hat man immerhin schon mal die Sicherheit, dass es nicht an einem allein liegen kann. 😉

      Ich habe die ersten Jahre wirklich so sehr an mir gezweifelt. Und die übliche Ratgeberliteratur hat es nur noch schlimmer gemacht (so Attachment Parenting Kram à la „Wenn dein Kind aggressiv ist, sind seine Bedürfnisse nicht genug erfüllt“ – dadurch will man als Mutter dann immer noch mehr und immer noch mehr leisten und fühlt sich immer unzulänglicher 🙁 ).

      Seit ich weiß, dass mein Kind einfach etwas anders tickt als der Durchschnitt, kann ich viel besser damit umgehen. Und bin auch mit mir selbst nicht mehr so streng. 😉

  3. Daniela

    Kann ich nur teilweise unterschreiben.
    Sohn 1 war schon für Fortschrittene, aber Sohn 2 ist für Profis.
    Ich bin echt am verzweifeln.
    Endlich über diesen Blog und das Buch „Wie aus anstrengenden Kindern …“ gestolpert hatten wir echt 4 gute Wochen; aber seit 2 Wochen bin ich nur noch am Verzweifeln, weil auch das nicht mehr greift. Und ich merke wie ich wieder mehr und mehr zu Gebrüll übergehe *schäm*
    Aber Sohn 2 treibt mich echt grad in den Wahnsinn. Grenzen und Regeln scheinen überhaupt nicht mehr zu gelten.
    Und dabei war er die Wochen zuvor so kompatibel.
    Hoffe diese Phase geht bald vorüber

  4. Tristia

    Erlebe auch gerade das gleiche.
    Ich hatte schon vor der Geburt von Nummer zwei so Angst vor der Reaktion von Nummer eins und vor allem, dass vielleicht das kleine Geschwisterchen die volle Ladung an Gefühlen abbekommt. Oder das Nummer zwei auch dermaßen Selbstbestimmt und kompromisslos ist. Und ich bin super dankbar dafür, dass mein gefühlsstarkes Kind und mein durchschnitts Baby(nicht pflegeleicht, aber viel weniger fordernd) so gut harmonieren.
    Und ich bin auch immer wieder dankbar dafür, dass ich endlich den Satz ‚man bekommt soviel wieder‘ und ‚wenn das Kind einen dann morgens anlächelt…‘ verstehen darf.

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