Der Traum vom gleichberechtigten Leben

Vorgestern war ein guter Tag. Und das, obwohl ich den Tag über allein für zwei Kinder verantwortlich war. Bis mittags um zwei für ein Räupchen und ab nachmittags dann für beide zusammen. Der Mann hat mich und das Baby morgens ausschlafen lassen, darum war ich fit und gut gelaunt. Die Waschmaschine belud sich fast von selbst, die Küche räumte sich wie von allein auf und ein bisschen arbeiten konnte ich obendrein. Am Nachmittag verstanden das Hübchen und ich uns für unsere momentanen Verhältnisse ausgezeichnet und ich habe sogar ein bisschen mit ihm gebastelt.

Abends zauberte ich noch eine extraleckere Lasagne und war insgesamt sehr zufrieden mit mir und meiner Mutter-und-Hausfrauen-Performance. Was für ein guter, produktiver Tag! Blöd nur, dass auf einen solchen immer der nächste Tag folgt. Der kam dann gestern und rächte sich alsbald. Ich hatte schon nach dem Aufstehen keinen Bock auf Wäsche waschen. Küche aufräumen war einfach ätzend. Und der Nachmittag mit zwei Kindern strapazierte enorm meine Nerven, obwohl eigentlich kaum etwas anders lief als vorgestern.

An Tag zwei: Der Hausfrauen-Burnout

Anders war nur meine innere Einstellung. Hatte ich es vorgestern noch genossen, einen vollen Tag mit aufräumen, kochen und spielen zu verbringen, war mir gestern vor allem eins: langweilig! Wie viel lieber hätte ich mehrere Stunden am Schreibtisch gesessen, Texte schreibend, Konzepte entwerfend, grübelnd, recherchierend. In meinem Kopf: lauter Ideen – und keine Zeit, sie umzusetzen! Stattdessen ein chaotischer Haushalt, ein kuschelbedürftiges Baby und ein aufmerksamkeitsbedürftiger Vierjähriger.

Was ich gestern gebraucht hätte, wäre das hier: Ein Rollentausch. Denn ich liebe es wirklich sehr, Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Ich koche gerne, ich kümmere mich auch gern um die Wäsche (jedenfalls tu ich das lieber als Staubsaugen) und ich backe ziemlich gute Kuchen. Aber eben nicht jeden Tag! Jeden verdammten Tag zu häuslichen Tätigkeiten verdammt zu sein, macht mich grantig und unzufrieden.

Der Mann würde an solchen Tagen gerne tauschen, kann aber nicht. Momentan ist das Baby eben noch sehr auf mich (aka meine Brüste) angewiesen. Und der Mann arbeitet auch in Elternteilzeit seine drei vollen Tage und einen halben und kann da seinem Chef schlecht sagen „heute kann ich nicht“. Insgesamt kommen wir mit der Elternzeit unserem Traum von der Gleichberechtigung ja schon ein gutes Stück näher. Denn immerhin hat nun donnerstags und freitags auch der Papa Zeit, und ich kann an solchen Tagen arbeiten oder andere Dinge tun, die außerhalb der Kind-und-Haushalt-Sphäre liegen.

Der totale Rollentausch ist auch keine Lösung

Ein kompletter Rollentausch ist auch gar nicht unser Ziel. Das hatten wir schon mal und damit war ich wahrlich auch nicht glücklich: Vollzeit-Volontariat mit Pendelstrecke, morgens manchmal um 6 Uhr das Haus verlassen, abends um 6 Uhr zurück. Noch eine Stunde „Quality Time“ mit dem Kind und dann nur noch Buch-vorlesen-Gute-Nacht. Damals habe ich für ein paar wenige Monate also in etwa das gelebt, was tausende Väter ihr gesamtes Väterleben als Alltag leben. Und ich spoiler mal was: So ein Leben ist richtig scheiße!

Fast kommt mir hier der obermiese Spruch über die Lippen: Warum kriegt man denn überhaupt Kinder, wenn man sie eh nie zu Gesicht kriegt? So was würde ich natürlich niemals sagen, frage mich aber insgeheim schon, warum sich, wenn, immer Mütter so einen Scheiß anhören müssen. Und kaum mal die Väter, die mit einer schönen Selbstverständlichkeit ihren 40h-plus-Überstunden-Jobs nachgehen und sich ansonsten über ihre 1-hour-a-day-quality-time mit ihren Kids freuen.

Für mich und den Mann ist klar: So ein Leben wollen wir beide nicht. Wir wollen beide am Alltag unserer Kinder teilhaben. Und am Alltag unserer Waschmaschine, Spülmaschine, unserer treuen Putzlappen und des Staubsaugers.

Die Realität ist erschreckend

Ich könnte ja meinen Allerwertesten darauf verwetten, dass es vielen Eltern so geht. Ich bin mir nämlich absolut sicher, dass die meisten Väter sich mehr Zeit für ihre Kinder wünschen – Umfragen bestätigen das im übrigen immer wieder. Wie weit entfernt wir dabei immer noch von einer Welt sind, in der Frauen und Männer sich gleichberechtigter um Kinder und Haushalt kümmern, zeigen mir immer wieder kleine Dinge aus unserem Kita-Alltag:

  • In Hübchens Kita bin ich eine von ca. 40 anderen Müttern, die pünktlich um 14 Uhr ihr Kind abholt. Väter sieht man wenn, dann eher morgens, wo sie das Kind schnell abschmeißen, bevor sie ins Büro düsen.
  • Der Elternbeirat der Kita diskutiert über einen spätestmöglichen Starttermin für den diesjährigen Weihnachtsgottesdienst, „damit auch die Väter dabei sein können“. (Es wurde dann Montag, 15.30 Uhr, was für uns bedeutet, dass noch nicht mal die Vollzeit berufstätige Oma dabei sein kann…).
  • Die Kita-Leiterin fragt rum, „welche Väter Zeit haben, das Weihnachtsgeschenk für die Kita-Kinder aufzubauen“ (eine Kinderküche für jede Gruppe). Der Termin werde auch extra in die Abendstunden gelegt. (Warum hier überhaupt explizit nach Vätern gefragt wird, während fürs Basteln und Kuchenbacken meist die Mütter angesprochen werden, steht auf einem anderen Blatt).
  • Einmal jährlich organisiert die Kita ein „Vater-Kind-Wochenende“, das Vätern und Kindern ermöglichen soll, sich ein ganzes Wochenende mal etwas näher zu kommen.

Gerade den letzten Punkt finde ich besonders verstörend und traurig. Denn genau wie alle anderen Beispiele greift er natürlich vor allem die Realität auf: Väter verbringen eben die meiste Zeit mit ihrem Beruf, und die wenigste Zeit mit ihren Kindern. Angebote wie ein „Vater-Kind-Wochenende“ versuchen dann zwar, einen Ausgleich zu schaffen, zementieren und normalisieren solche Verhältnisse aber auf der anderen Seite – und diskriminieren nicht zuletzt die Mütter, die bewusst von dieser Unternehmung ausgeschlossen werden.Die Mütter haben ja aber schließlich den Alltag. Jeden Tag die reine Freude mit einem oder mehreren kleinen Kindern. Und wenn sie Pech haben, noch einen fordernden Teilzeitjob obendrauf.

Einfach mal den bunten Hund spielen

Was mich wütend macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Verhältnisse hingenommen werden. Die fehlende Sensibilität in den Aussagen. Dass nicht etwa Mütter und Väter gleichermaßen erwähnt oder bedacht werden, sondern, als wäre es normal, entweder von den einen oder von den anderen gesprochen wird. „Die Väter sollen auch beim Gottesdienst dabei sein können“ – warum denkt hier keiner daran, dass es auch Mütter gibt, die nachmittags noch arbeiten?

Aktuell ist das zwar in unserer Kita, die bei 50 Kindern nur 12 Ganztagsplätze anbietet, ein Kuriosum. Aber ich gedenke stark, bald Teil dieses Kuriositätenkabinetts zu werden. Und dann werde ich mich jedes Mal empören, wenn wieder nur von „den Vätern“ die Rede ist. Und ich werde einen Antrag stellen, beim „Vater-Kind-Wochenende“ dabei sein zu dürfen, weil ich meine Kinder dann vielleicht sogar ein paar Minuten am Tag weniger sehe als der Mann. Manchmal muss man das Feld vielleicht von hinten aufrollen. Und das werde ich, oh ja, das werde ich!

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13 Kommentare zu „Der Traum vom gleichberechtigten Leben

  1. Kathi

    Oh Sophie, du schreibst so großartig und triffst den Nagel auf den Kopf! Ich bin ein großer Fan!

  2. Hallo Sophie,

    toller Artikel und Ärgernis zugleich für mich. Auf http://www.papamachtsachen.de/ schreibe ich über den Versuch eines gleichberechtigten Alltags und unsere Hürden damit.

    Ich denke, dass wir Väter viel dafür tun können (und müssen), damit endlich egal ist, wer was wann macht und es kein „Vater-Kind-Kennenlern-Wochenende“ mehr geben muss.

    Viele Grüße,
    Falk

    • Ja, ich denke auch, dass es am aller hilfreichsten ist, wenn Väter sich von sich aus mehr engagieren. Für diejenigen Väter aus unserer Kita, die sich sehr engagieren, ist es jedoch dann immer extra frustrierend, immer nur am Rand genannt zu werden. Da muss also von allen Seiten was passieren.

  3. Sonja

    Liebe Sophie,

    auch hier nochmal:
    Du bist nicht die Einzige, die sich über diese Ungerechtigkeiten ärgert. Ich habe auch darüber geschrieben: https://sonjaschreibt.com/2017/11/21/papa-ist-jetzt-feminist-ueber-ein-neues-selbstverstaendnis-und-wie-es-unsere-kinder-staerkt/
    Ich schlüpfe ja bei guter Laune sehr gerne in die Feministen-Nervsägen-Rolle und würde dann bei eurem Beispiel mich zum Kücheaufbauen und den Mann zum Plätzchen backen eintragen… 😉
    Aber bei schlechter Laune nervt es mich auch einfach gewaltig, dass denn niemand daran denkt, dass ich vielleicht selber an manchen Tagen bis 17 Uhr arbeite.
    Ich bin wahnsinnig froh über Blogs wie deinen. Denn die wichtige Message ist: Wir sind nicht allein! Es gibt wirklich immer mehr Menschen, die so nicht mehr leben wollen. Nur bei uns in der Kleinstadt dauert das halt auch noch. Bei uns ist die Deadline übr 14.30 Uhr zum Kinderabholen. Auch nur minimal besser. Halte durch und mach so weiter. Reg dich auf und streite, wenn dir danach ist! Nur so ändert sich was! Liebe Grüße, Sonja

    • Danke, ich lese sicher mal bei dir rein!

      Wir leben ja in einer Großstadt, aber auch hier ist es erschreckend, wie tief verankert Rollenmodelle noch sind. Unsere Kita ist aber vielleicht auch ein spezieller Fall, weil 38 von 50 Kindern eben nur bis 14 Uhr betreut werden können, da es nur 12 Ganztagsplätze gibt. Es wäre halt trotzdem schön, wenn es dann nicht ausschließlich die Mütter wären, die um 14 Uhr abholen, sondern es mehr Familien wie unsere gäbe, in der wir uns bemühen, uns abzuwechseln (jetzt gerade mit Baby in der Eltern(teil)zeit gut möglich und dann später hoffentlich mit annähernd ähnlichen Arbeitsstunden).

  4. Michelle

    Wir haben uns unsere Elternzeit genau geteilt und demnächst darf mein Mann übernehmen. Ich freu mich schon wieder sehr aufs arbeiten auch wenn es bestimmt schwer wird die Kleine tagsüber so lange nicht zu sehen.
    Man merkt aber auch hier, dass es immer noch selten ist, dass der Mann länger in Elternzeit geht: mein Mann erntet jedes Mal Erstaunen auf der Arbeit, wenn er erzählt, dass er demnächst 6 Monate weg ist. Während die Mütter jede Menge Angebote haben um Kontakte zu knüpfen (Geburtsvorbereitungskurs, Pekip, etc.), gibt es wenige oder gar keine Angebote für Väter und wenn dann solche wie das Vater-Kind-Wochenende.

    • Ja, das finde ich auch schade. Mein Mann hat damals den Pekip Kurs zuende besucht, nachdem ich Vollzeit arbeiten ging, als das Hübchen 6 Monate alt war. Die anderen Frauen haben ihm direkt mal ihre traumatischen Geburtserlebnisse erzählt. ? Das fand er jetzt auch nur so mittel. ?

      Ich glaube aber, dass man auch als Vollzeit-Vater Gleichgesinnte treffen kann, wenn man denn will. Und das können ja Mütter oder Väter sein, hauptsache man liegt auf einer Wellenlänge. Viel Erfolg deinem tollen Mann!

  5. Anja

    Und wie ich diese Frage hasse: „Waaas, du arbeitest Vollzeit? Mit 4 Kindern? Wie geht denn das?“ Ich suche immer nach Männern, die das mal gefragt wurden… Und nach Männern und Frauen, in deren Horizont es von selbst vorkommt, dass evtl. auch der Mann Teilzeit (oder sogar gar nicht) arbeiten kann UND aich noch für den Großteil des Haushaltes zuständig ist. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen alles auch noch ohne Verwandtschaft in der Nähe…
    Feministische Grüße ?
    Anja

    • Ja, absolut gerechtfertigt deine Wut! Die Fragen rühren wohl daher, weil sich einfach niemand vorstellen kann, dass es Väter gibt, die gerne weniger oder auch gar nicht arbeiten, um sich den Kindern zu widmen. Das ist so schade und sollte sich dringend ändern!

      Ich kann ja prinzipiell noch verstehen, wenn Paare die Elternzeit nicht komplett gleichberechtigt aufteilen (machen wir ja auch nicht 50:50, sondern so wie es uns eben passt), weil Babys durchs Stillen nun mal sehr an die Mutter gebunden sind. Aber spätestens wenn sie tagsüber normale Dinge essen, gibt es doch keinen Grund mehr, warum immer die Frau die „natürliche“ Kinderbetreuerin ist. Das steckt bloß immer noch in den Köpfen drin. Leider…

    • Nicole

      „Und wie ich diese Frage hasse: „Waaas, du arbeitest Vollzeit? Mit 4 Kindern? Wie geht denn das?“ Ich suche immer nach Männern, die das mal gefragt wurden…“
      …mal ganz abgesehen von der regelmäßigen Frage,ob es meinem Mann denn noch Spaß macht Zuhause zu sein…von Müttern wird erwartet,dass sie liebend gerne daheim bleiben,beim Mann kann es nur ein Opfer seinerseits sein…wir hatten uns bereits vor dem Kind geeinigt,dass wir es finanziell besser wuppen,wenn ich nach 3 Monaten wieder 100% arbeite und mein Mann daheim bleibt (und um ehrlich zu sein wäre ich ein absolutes Hausfrauentier,das gerne putzt,kocht,versorgt…und zwar jeden Tag) …für viele ist frau dann aber kalt und karrieregeil und mein Mann der faule Schmarotzer,der Waschlappen,der es sich Zuhause gemütlich macht ?…Gleichberechtigung ist ne schöne Theorie,aber die Wirklichkeit und in den Köpfen der Leute regiert der Stand der 50er Jahre…

      • In dem Zusammenhang finde ich es auch interessant, dass „Hausmänner“, bzw. Väter, die weniger arbeiten und viel die Kinder betreuen, durchaus offen darüber sprechen dürfen, wenn sie das Vater-Dasein nicht absolut erfüllt. Das ist ja schließlich normal, weil Männer können ja nur unterfordert sein, wenn sie sich den ganzen Tag das Geplärr anhören müssen. Als Mutter müsste man sich so was mal erlauben! Dann kommt sofort wieder die Rabenmutter-Keule und Sprüche wie „Dann hättest du halt keine Kinder kriegen dürfen!“

  6. Ein sehr schöner Artikel! Ich muss sagen, ich bin sehr froh über meine Filterblase – ich arbeite in der Politik im eher linken Spektrum, und unter den Beschäftigten gehört es sehr zum guten Ton, dass die Elternzeiten paritätisch zwischen den Eltern genommen werden. Ausnahmen werden tatsächlich etwas irritiert betrachtet und rechtfertigen sich wortreich 🙂 Da merke ich immer wieder, wie wichtig die Umgebungskultur bei solchen Fragen ist.

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