Das Kind – ein natürlicher Tyrann?

Anlässlich der Diskussion um den Dokumentarfilm „Elternschule“ gingen mir ein paar Gedanken durch den Kopf, die ich hier verarbeiten will. Ich finde es nämlich durchaus verständlich, dass kinderlose Menschen teils von einer grundsätzlich schlechten kindlichen Natur ausgehen. Kinder sind doof, wir müssen sie erziehen – so simpel, so verständlich. Auch ich habe früher so gedacht. Seit ich jedoch selbst Mutter bin, gehen meine Erfahrungen damit völlig konträr. Wie das kam? Lest selbst!

Der Film „Elternschule“ wühlt derzeit die Gemüter auf. Kurz umrissen geht es in der Dokumentation, die aktuell in Programmkinos läuft, um eine pädiatrische Klinik in Gelsenkirchen, die sich auf die Fahnen schreibt, die schlimmsten Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern zu heilen: Kinder, die jegliches Essen verweigern, die schlagen, beißen, kratzen, brüllen oder niemals schlafen wollen. Kinder, die ihre Eltern gefühlt tyrannisieren, sodass diese keinen Ausweg mehr sehen. Im Trailer sagt eine verzweifelte Mutter sinngemäß: Wenn das hier auch nichts bringt, dann muss die Tochter ins Heim.

Ich habe den Film nicht gesehen, aber viel darüber gelesen. Ich glaube verstanden zu haben, dass das größte Problem dieses Films ist, dass er so tut, als würde er grundsätzliche Wahrheiten über Erziehung vermitteln. Dabei werden in ihm schwere Fälle gezeigt, Kinder, die jegliche Orientierung verloren haben. Ob für diese schweren Fälle die in der Klinik angewandten Methoden hilfreich sind, kann ich als Laie nicht beurteilen. Nach Lektüre von Herbert Renz-Polster möchte ich es zumindest bezweifeln.

Früher war mehr Erziehung

Doch darum soll es in diesem meinem Text gar nicht gehen. Ich möchte mir ein Thema raussuchen, das Nora Imlau in ihrem Kommentar zum Film in den Fokus stellt. Imlau schreibt:

Seit ich im Kino war, gehen mir die Bilder nicht mehr aus dem Kopf: Die weinenden, schreienden, verzweifelten Kinder, getrennt von ihren Eltern. Und das Fachpersonal der Klinik, das sich nicht einmal bemüht, sie zu trösten oder zu beruhigen, weil nach ihrer Überzeugung jede Reaktion das unerwünschte Verhalten nur verstärkt. Dahinter steht das alte, behavioristische Erziehungsverständnis, das den Umgang mit Kindern in unserer westlichen Welt in den letzten 200 Jahren bestimmte: erwünschtes Verhalten muss eine angenehme Konsequenz haben, unerwünschtes Verhalten eine unangenehme. So lernen Zirkustiere, durch Reifen zu springen, und Menschenkinder, zu gehorchen.

Dieses alte, behavioristische Erziehungsverständnis, darum geht es mir. Denn ich kenne das gut. Als ich noch keine eigenen Kinder hatte, glaubte auch ich fest daran. Dieses, ich möchte es mal „einfaches“ Verständnis von Erziehung nennen, haben vielleicht alle Noch-nicht-Eltern, die herablassend auf fremde ausflippende Kinder blicken und sich stirnrunzelnd denken: „MEIN Kind wäre niemals so“. Denn klar: ICH würde mein Kind vernünftig erziehen. Mit Liebe, aber auch mit Strenge. Sinnvolle Strafen, die tun doch niemandem weh. Und überhaupt: Kinder sind doch formbar, die muss man nur richtig behandeln, dann machen die schon, was Mutter will.

Auch ich habe früher auf teils noch sehr kleine Kinder geblickt und mir gedacht: Was für gemeine kleine Tyrannen! Giftige, eklige Wutzwerge, die ihre Eltern total im Griff haben! Warum nur lassen die sich das von denen gefallen? Sollten die denen nicht mal demonstrieren, wer das Zepter in der Hand hat?

Packt das Kind doch nicht in Watte!

Ich erinnere mich an viele Situationen dieser Art, weil ich als Jugendliche eine Reitbeteiligung an einem Pferd hatte, dessen Besitzerin mit ihrem Mann einen Pflegesohn aufgenommen hatte. Dieser Pflegesohn kam mir damals in vielerlei Hinsicht schwierig vor – und er hatte alles Recht dazu, weil er sein Päckchen zu tragen hatte. In meinen Augen packten die Pflegeeltern den damals nicht mal dreijährigen Jungen jedoch einfach nur in Watte. Wie habe ich mich aufgeregt, wenn das Kind mir und dem Pferd schon wieder den Weg versperrte, mich grantig angrinste oder, was es besonders gerne tat, anschrie: „Du bist tot!“.

Die Pflegeeltern taten wenig dagegen, so sah es in meinen Augen jedenfalls aus. Für mein Gefühl gaben sie ihrem Sohn viel zu viel Aufmerksamkeit, auch wenn er sich gemein verhielt. Klar, konsequent waren sie schon in vielen Dingen, aber trotzdem: Müsste man das fiese Verhalten nicht mal ordentlich bestrafen, oder zumindest ignorieren?

Aus heutiger Sicht weiß ich: Muss man nicht. Die Pflegeeltern haben damals einen derart großartigen Job gemacht, dass ich es heute nur bewundern kann. Das Kind wurde übrigens mit der Zeit auch immer umgänglicher. Nicht durch Strafen oder Ignoranz, sondern durch Aufmerksamkeit, Nähe und ganz viel Liebe.

Mit Liebe, Nähe und Aufmerksamkeit verzieht man sich keine Kinder

Was ich heute nämlich weiß, aus dem Umgang mit meinen eigenen Kindern, aus klugen Büchern, aus Beobachtungen: Mit Liebe, mit Nähe und Aufmerksamkeit verzieht man sich keine Kinder. Jedenfalls dann nicht, wenn man darüber als Elternteil seine eigenen Bedürfnisse nicht vergisst. Meine heutige Grundannahme ist nämlich diese: Kinder sind nicht von Natur aus schlecht. Und damit müssen sie auch nicht erst durch harte oder strenge Erziehung zu etwas Gutem gemacht werden.

Als ich noch keine eigenen Kinder hatte, lag mir der Gedanke vom schlechten, unerzogenen Kind, das erst mal die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens erlernen müsste, viel näher. Jetzt, da ich seit einer ganzen Weile selbst Mutter bin, kann ich mich nur wundern, wie andere Eltern weiter an dieser Annahme hängen können. Haben die etwa völlig andere Erfahrungen gemacht, als ich?

Ich möchte hier noch einmal Nora Imlau zitieren:

Kinder sind keine kleinen Strategen, die mit Härte und Strenge zur Selbstständigkeit erzogen werden müssen. Sondern kleine Persönlichkeiten, die von Anfang an auf Kooperation und Beziehung gepolt sind. Im Rahmen sicherer Bindungserfahrungen entwickeln sie sich ganz von selbst zu sozialen, seelisch und körperlich gesunden Erwachsenen, die sich an die Regeln der Gemeinschaft halten können – ganz ohne Zuckerbrot und Peitsche.

Diese Erfahrung müsste doch eigentlich jede Mutter, jeder Vater gemacht haben! Es gehört schließlich zum Schönsten überhaupt, wenn die eigenen Kinder ganz von allein anfangen, die Welt zu entdecken und die gesellschaftlichen Normen zu erlernen. Schon Babys fangen an, anderen Leuten freundlich zuzuwinken, von dem strahlenden Babylachen ganz zu schweigen. Dass Kinder, insbesondere kleine Kinder, gefallen wollen, ist ja kein großes Geheimnis. Denn genau darauf reagieren wir Eltern und Erwachsenen ja mit verzückten „Ahs“ und „Ohs“.

Kinder kooperieren – unterschiedlich gut, aber sie tun es

Klar gibt es unterschiedliche Temperamente und wenn ihr meinen Blog regelmäßig lest, dann wisst ihr, wie sehr das Hübchen mich zur Verzweiflung treiben kann. Um mal einen Vergleich zu bemühen: Unser Räupchen lässt sich auch im Alter von 15 Monaten fast immer widerstandslos an- oder umziehen. Windeln wechseln ist eine Sache von wenigen Minuten und beim Anziehen streckt sie mit Freude selbst ihre Ärmchen und Beinchen in Bodys und Hosen. Beim Hübchen habe ich hingegen schon kapituliert, da war er nicht mal ein Jahr alt. Wenn 12 Kilo Baby sich mit ganzer Kraft gegen das Wickeln wehren, hat eine Mutter schon mal das Nachsehen.

Aber war das Tyrannei? Willkür? Eine Machtdemonstration meines Kindes? Eben nicht! Mein Sohn war schon immer ein bewegungsfreudiges Kind, er wollte nicht still liegen, sondern krabbeln, entdecken, selber machen. Wir mussten uns Tricks einfallen lassen, um ihn zum Kooperieren zu bewegen. Irgendwie scheinen wir es damals geschafft zu haben. Mittlerweile zieht er sich selber an (meistens. Manchmal. 😉 ). In vielen anderen Situationen war er hingegen das kooperativste Kind der Welt und sozial sowieso schon immer mehr als vorbildlich.

Was ich sagen will: Wer keine Kinder hat, kann von mir aus gerne weiterhin denken, Kinder seien kleine manipulative Tyrannen, die erst mal ordentlich fürs Zusammenleben in dieser Gesellschaft eingenordet werden müssen. Wer aber selbst Kinder hat, muss doch genau die Erfahrungen gemacht haben, die auch ich gemacht habe: Dass Kinder nämlich von sich aus erst mal alles anbieten. In unterschiedlicher Ausprägung, das ist klar, aber ganz grundsätzlich ist da nichts böses, nichts gemeines, nichts hinterhältiges an ihnen.

Machtkämpfe werden in aller Regel von den Eltern eröffnet

Stattdessen bin ich mir sicher: Machtkämpfe werden in aller Regel von den Eltern eröffnet. Das habe ich leider am eigenen Leib erfahren müssen und fragt nicht, wie schwer es ist, aus dieser Spirale wieder auszusteigen! Ich bin keine Erziehungsexpertin und kann keine Erklärungen geben, warum sich Machtkämpfe entwickeln und welches oder ob überhaupt ein Patentrezept hilft, die Situation wieder zu entschärfen. Hier im Blog schreibe ich ja gelegentlich darüber, wie uns das in unserer individuellen Situation gelingt (oder auch mal nicht gelingt), aber grundsätzliche Tipps kann ich sicher nicht geben.

Für mich ist nur eigentlich glasklar: Wer selber Kinder hat, kann doch nicht allen Ernstes glauben, dass Kinder von Natur aus fiese kleine Geschöpfe sind, die nichts anderes wollen, als ihre Eltern zu manipulieren – wenn man nicht früh und streng genug mit Erziehung dagegen hält.

Erziehung nutzt ohnehin weniger, als man annimmt

Was ja außerdem noch hinzukommt: Wer mehrere Kinder hat, weiß im Gegenteil ja sogar darüber zu berichten, wie wenig Erziehung im Allgemeinen so ausrichten kann. Mehrkind-Eltern können ein Lied davon singen, dass die nahezu identische Erziehung bei Kind A super funktioniert hat, während Kind B regelmäßig aus der Reihe tanzte und Kind C sich seine Regeln am liebsten völlig selbst machte.

Versteht mich nicht falsch, ich habe gar nichts gegen das Erziehen an sich. Für mich ist Erziehung wichtig und ich verstehe darunter zum Beispiel, dass ich meinen Kindern grundsätzliche Regeln des Zusammenlebens beibringe und sie zu toleranten Menschen erziehe, die die Bedürfnisse und Befindlichkeiten andere Menschen respektieren und achten. Dadurch setze ich ganz natürlich Grenzen, was insbesondere bei kleinen Kindern natürlich oft zu Wut und Unverständnis führt. Da müssen wir durch, auch das ist Erziehung.

Aber wie gut oder schnell diese Erziehung dann Erfolge zeigt, nun, das hängt meiner ganz konkreten Erfahrung nach auch einfach sehr krass vom Temperament des Kindes ab. Und nein, das ist keine Entschuldigung für mein erzieherisches Versagen. Das ist verdammt noch mal einfach die Wahrheit.

Strafen und Ignoranz werden das Kind nicht besser formen

Und weil Kind C einen rebellischeren Geist besitzt als Kind A und sogar noch anstrengender ist als Kind B, ist es nicht sofort ein schlechtes Kind, das aufgrund seiner groben Natur nicht anders kann als Grenzen zu übertreten. Und ich wage zu behaupten: Mit Strafen, Ignoranz und sonstigen Mitteln aus dem Handwerkskasten „Erziehung 1955“ wird man dieses Kind C nicht besser „formen“ als mit der viel gescholtenen Kuschelpädagogik. Es sei denn, es wäre das erklärte Ziel der Eltern oder Pädagogen, aus Kind C ein willenloses kleines Haustier zu machen (das dann vermutlich später AFD wählt, aber lassen wir das Politische lieber raus).

Auch wenn ich täglich über den starken Willen meines großen Kindes fluche: Am Ende bin ich mindestens genauso oft stolz auf diesen Sohn, der immer so genau weiß, was gerade gut für ihn ist – und seine Bedürfnisse vehement verteidigt. Denn am Ende liegt hier vielleicht der Schlüssel zu einer sanfteren Sicht auf unsere Kinder: Sie benehmen sich nicht so oder so oder so, um uns Böses zu tun, sondern weil sie diverse Gründe dafür haben. Es macht nicht immer Spaß, diese Gründe zu verstehen, aber versuchen sollten wir es zumindest. Sind ja schließlich unsere Kinder.

Und deswegen möchte ich allen Eltern, die den Film Elternschule gut finden und die aus behavioristischer Sicht auf ihre Kinder gucken, zurufen: Versucht es doch mal anders! Lasst mal den Gedanken los, dass eure Kinder euch Böses wollen. Mal gucken, was dann passiert. Aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht mal so viel. Und vor allem nichts schlechtes.

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5 Kommentare zu „Das Kind – ein natürlicher Tyrann?

  1. Lena

    Guter Artikel.
    Zum Film: In der aktuellen ZEIT kommt ein ganz ordentlicher Artikel dazu, der die Sicht darauf etwas relativiert und die Hintergründe näher beleuchtet.
    Zum allg. Thema:
    Auch ich habe nie gedacht, dass ich mal so nachsichtig gegenüber meinen Kindern bin. Ich versuche ihre Gründe hinter bestimmtem Verhalten zu verstehen und nicht wegen jeden Kleinkram an ihnen rumzuerziehen und habe festgestellt:Sie kooperieren so oft, wenn man ihre Bedürfnisse achtet, und entwickeln sich stressfrei prima.
    Natürlich je nach Kind, aber alle achten eigentlich die wenigen Grenzen, die ich für mich als wichtig erachtet hab.

    • Hast du den Zeit-Artikel gelesen? Ich noch nicht, aber die Kritik ist bereits enorm. Die Autorin des Textes scheint sich darin wohl über die bindungsorientierte Szene lustig zu machen und nimmt die hysterischen Mütter nicht ernst. Anscheinend hat sie wohl auch umfangreiche Interviews mit Kritikern des Films geführt (u.a. anerkannten Bindungsforschen), diese Erkenntnisse jedoch kaum bis gar nicht einfließen lassen.

  2. Du hast einen wirklich wunderbaren Artikel geschrieben. Ich möchte ihn direkt mehrmals liken! 🙂

  3. Mausbärchimama

    Liebe Sophie,
    genau diese Beiträge sind es, warum ich deinen Blog so gerne lese. Ich finde mich nur allzu oft wieder und denke, „Halleluja, ich bin nicht die einzige!“. Meine Tochter ist erst gute zehn Monate alt aber vor elf Monaten war ich praktisch noch der festen Überzeugung, dass mein Baby super entspannt sein würde, weil ich schon früh konsequent wäre und es lernen würde, dass viel Geschrei nichts bringt. Mein Baby würde auf gar keinen Fall bei mir im Bett schlafen, weil es doch unabhängig werden soll, und mit vier Monaten, aber allerspätestens beim ersten Zahn (wer will schon angekaute Nippel?!) wäre es abgestillt. Tja, jetzt sitze ich hier, mit angekauten Nippeln (ist gar nicht so schlimm), und dem Mausbärchi neben mir im Bett, weil mir ganz schnell klar geworden ist, dass die Bedürfnisse meines Babys einfach nicht 1955 sind und ich so gar kein Interesse daran habe, sie auf Gedeih und Verderb in dieses Korsett zu pressen. Schreien lassen? Bringe ich gar nicht übers Herz. Und während Nicht-Eltern oder die älteren Generationen mit dem Kopf schütteln („Du verwöhnst sie…“), bestärken mich andere, inkl. deinem Blog, darin, dass es woanders doch ganz ähnlich abläuft und ganz passable kleine Menschlein daraus entstehen. Achtsamkeit gegenüber seinem Kind ist viel wichtiger als das, was „die Leute denken“ könnten, wenn es sich im Supermarkt schreiend auf den Boden wirft. Es wird schon seinen Grund haben und das Mamaherz wird ihn hoffentlich finden und trösten, selbst wenn er noch so banal erscheint. Ich jedenfalls freue mich jetzt schon auf jede weitere Situation in der ich über mein kinderloses, besserwisserisches Ich schmunzeln kann. „Am Arsch.“, werde ich denken, nicht „Pustekuchen.“. Obwohl ich gut erzogen wurde. So ist das eben. 😉

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