Danke, Mann.

„Corona – Kinder – Küche“ – dieser Dreiklang wurde für viele Frauen in den letzten Wochen bittere Realität. Kitas und Schulen zu, die Kinder Zuhause. Das hieß in den meisten Familien: Mama tritt beruflich kürzer und kümmert sich. Zum Glück soll jetzt aber eine Studie herausgefunden haben: So schlimm ist es gar nicht! Ach. Wirklich?

Bisher war ich durchaus positiv überrascht über jeden Artikel, jeden Fernseh– und Radiobericht, der in erfreulich realistischer Weise die aktuelle Lage in deutschen Familien schilderte: In den meisten Familien hat Papas Job Vorrang, während Mama irgendwie versucht, ein paar Arbeitsstunden zwischen Kinderbetreuung und Haushalt zu quetschen.

Frauen halten Männern den Rücken frei – so alt und überholt dieses Prinzip auch klingt, es scheint immer noch die Realität in vielen Familien zu sein. Die Gründe sind ebenfalls altbekannt, und trotzdem nicht weniger ärgerlich: Frauen arbeiten zu oft in schlecht bezahlten Berufen, Karrierelücken für Mutterschutz und Elternzeit tragen zu diesem Lohngefälle bei. Und wer in der Krise den Vorzug für Arbeitszeit und Erholung bekommt, ist klar: Derjenige mit dem höheren Gehalt. Gerade jetzt muss man ja schauen, wo man bleibt.

Warnungen vor der „Rolle rückwärts im Frauenbild“

Also sind es mal wieder die Frauen, die sich aufreiben. Selbst die Diakonie warnt vor der „Rolle rückwärts beim Frauenbild“:

„Danach [nach einer Online-Befragung im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung] lastet die Corona-bedingte zusätzliche Betreuungs- und Erziehungsarbeit mehrheitlich auf den Frauen, auch reduzieren berufstätige Frauen weitaus häufiger als Männer ihre Arbeitszeit oder arbeiten spät abends oder früh morgens. Das befördert die bereits bestehende frauen- und gleichstellungspolitische Schieflage und schadet erheblich der Gesundheit von Frauen.“

Nun kann man wie immer sagen: Selbst gewählt, selbst Schuld. Aber dass es so einfach nicht ist, in einer patriarchal geprägten Gesellschaft, in der Männer grundsätzlich den roten Teppich ausgerollt bekommen, während Frauen über zig Hürden springen müssen – darüber müssen wir hoffentlich nicht sprechen? Jede Frau, die schon einmal versucht hat, Karriere und Kinder unter einen Hut zu bekommen, kennt die systematische Diskriminierung von Frauen (und viele kinderlose Frauen sicherlich auch).

Neue Studie zeugt angeblich von mehr Gleichberechtigung in der Krise

Nun ja, kaum gibt es also endlich mal Umfrageergebnisse und Stiftungsbemühungen, die das Dilemma von Frauen sichtbar machen (für irgendwas muss eine Krise ja gut sein), da kommt auch schon die nächste Studie um die Ecke, die uns anscheinend weis machen soll: Ach kommt, so schlimm ist das alles gar nicht. Die Wochenzeitung ZEIT berichtet am 8. Juni:

„In der repräsentativen Studie, für die seit April regelmäßig mehr als 10.000 Menschen interviewt werden, sollen die sozio-ökonomischen Folgen der Pandemie in Deutschland untersucht werden. Die Daten, die ZEIT ONLINE exklusiv vorliegen, belegen, dass sich bei der Arbeitsteilung in den Familien einiges gewandelt hat. Und zwar zum Positiven, denn die Männer holen bei der Care-Arbeit auf. Männer und Frauen scheinen sich die zusätzliche Betreuungs- und Hausarbeit, die in der Corona-Krise dazugekommen ist, sogar weitgehend partnerschaftlich aufzuteilen.“

Mensch, das klingt doch super, oder? Dieses aufsehenerregende Fazit belegen die Journalisten mit folgenden Fakten:

„Im April verbrachten die Frauen im Schnitt 7,5 Stunden an einem Werktag mit Kindererziehung, 2,5 Stunden mit der Hausarbeit. Die Männer übernahmen im Schnitt vier Stunden lang die Kinder und halfen anderthalb Stunden im Haushalt mit.“

Die ergänzende Tabelle im ZEIT-Artikel zeigt: Mütter und Väter haben ihre Betreuungsleistung in der Krise um exakt gleich viele Stunden erhöht, nämlich um +2,31 Stunden. Wie die obig zitierten Zahlen aber zeigen, wird damit leider überhaupt nichts ausgeglichen. Denn ja, es ist schön, dass die zusätzliche Arbeit in Zeiten von Corona der Studie zufolge gleich aufgeteilt wird. Unterm Strich bleibt aber ein Fakt bestehen: Frauen leisten immer noch deutlich mehr.

Irritierende Berichterstattung

Ich habe die Studie nicht selbst gelesen und auch die Hintergründe nicht exakt studiert. Ich will dem Ergebnis jetzt erst mal Glauben schenken. Und die Studie und ihr Ergebnis sind auch nicht das, was mich irritiert. Was mich viel mehr erstaunt, ist der Ansatz des ZEIT-Berichts (und Berichte anderer Medien schlagen in dieselbe Kerbe). Denn der Artikel sagt meiner Meinung nach viel darüber aus, wie die Funktionsweise von Familien, in denen Frauen völlig selbstverständlich den Großteil der Care- und Hausarbeit übernehmen, in unserer Gesellschaft normalisiert wird.

Der Titel des Textes, der von einem Journalisten und einer Journalistin gemeinsam verfasst wurde, lautet: „Von wegen Rolle rückwärts“. Im Fokus steht die Aussage, dass Mütter und Väter die zusätzliche Arbeit in der Corona-Krise gleichberechtigt aufteilen würden. Toll, denke ich. Und fange mal das Rechnen an. Wenn Papa vor der Krise knapp 2 Stunden in Kinderbetreuung investiert hat und in der Krise gute 4 Stunden, dann bleiben ihm bei einer angenommenen Wachzeit von 16 Stunden pro Tag auch während Corona noch 12 Stunden zur „freien Verfügung“. Da passt ein Vollzeitjob prima rein.

Was Mütter wirklich leisten: Einfach ausgerechnet

Wenn Mama jedoch vor der Krise gute 5 Stunden die Kinder betreut hat und in der Krise mehr als 7, und obendrauf kommen noch 2,5 Stunden für den Haushalt, dann bleiben ihr leider nicht mal mehr 8 Stunden, um überhaupt so etwas wie einen Vollzeitjob zu erfüllen. Und auch in Teilzeit wird es schwer, wenn frau noch irgendwie aufpassen will, dass ihr Leben nicht plötzlich ausschließlich aus Pflichtaufgaben besteht.

Zur Burnout-Prophylaxe wären ja vielleicht auch mal ein paar Minuten Sport oder Entspannung nicht schlecht. Burnout-Prophylaxe, darüber kann eine durchschnittliche Mutter aber eigentlich gerade nur lachen. Denn unterm Strich hat sie in der Krise noch mal deutlich weniger Zeit für ihre eigenen Bedürfnisse als davor.

Holen Männer wirklich auf?

Aber laut den ZEIT-Journalist*innen ist das alles kein Grund zur Besorgnis, denn Zitat: „Männer holen bei der Care-Arbeit auf“. Ich frage mich aber: Wenn beide Geschlechter ihre Kinderbetreuungszeit um dieselbe Summe steigern – wie kann dann einer von beiden aufholen? Hat sich etwas an den Gesetzen der Mathematik geändert? Leider nein, und deswegen sind die ZEIT-Autor*innen mit ihrer Interpretation der Studie auch ganz schön auf dem Holzweg.

Ich hoffe, dass es nicht nur mir so geht, wenn ich sage: Ich finde diese Berichterstattung reichlich tendenziös. Auch und erst recht durch Formulierungen wie: „[Männer] halfen anderthalb Stunden im Haushalt mit“. Ach ja, stimmt, danke für die Erinnerung: Haushalt ist schließlich Frauensache, das war schon immer so und wird wohl immer so bleiben. Deswegen ist es sehr gütig von den Männern, dass sie ihren Frauen „helfen“ und den Aufwand für Haushaltstätigkeiten während der Krise um satte 0,62 Stunden gesteigert haben (das sind immerhin 0,17 Stunden mehr Steigerung als bei den Frauen, die währenddessen immer noch eine Stunde mehr putzen, kochen, bügeln als ihre Männer, aber egal: Applaus für die Jungs!).

Applaus für die Jungs!

Ich verstehe also total, dass die ZEIT die besondere Leistung der Männer gebührend feiert:

„Prozentual gesehen haben die Männer ihren Anteil an der unbezahlten Familienarbeit demnach um ganze 120 Prozent gesteigert und die Frauen nur um 45 Prozent.“

Klingt ein bisschen so, als wären die Frauen jetzt alle ein bisschen faul geworden, oder? Man hat fast Mitleid mit den armen Männern, die plötzlich 120 Prozent mehr leisten müssen. Ich möchte aber noch mal an die realen Zahlen erinnern: Wer vorher keine drei Stunden mit Kinderbetreuung und Hausarbeit verbringt und sich dann auf sieben Stunden steigert, kommt in der prozentualen Berechnung natürlicherweise besser weg als jemand, der schon mit sieben Stunden einsteigt und sich dann „nur“ auf 10 Stunden steigert.

Tendenziöse Berichterstattung

Im Nebensatz heißt es dann immerhin: Der Großteil der Care-Arbeit bleibe nach wie vor an den Frauen hängen und „Wer fast zehn Stunden für die Familie aufbringt und nebenher noch einen Teilzeit- oder gar Vollzeitjob verrichtet, dem bleibt gerade einmal genug Zeit zum Schlafen, Zeit für sich selbst so gut wie nicht“. Ah ja, da ist sie ja, die Erkenntnis! Wie schade, dass sie es nicht in den Titel oder von mir aus in die ersten Absätze des ZEIT-Artikels geschafft hat. Nee, diese journalistische Leistung verdient das Wort Leistung nicht.

Wer wirklich etwas leistet, das sind die vielen Frauen und Mütter, die zwar nur 45 Prozent mehr care-arbeiten als zuvor, dafür aber morgens besonders früh aufstehen, um vor 6 Uhr schon etwas Lohnarbeit erledigt zu haben, bevor die Kinder wach werden. Oder die Mütter, die sich spätabends noch mal an den Laptop setzen, weil der Flickenteppich aus gleichzeitiger Kinderbetreuung und Home Office heute mal wieder so gar nicht aufgegangen ist.

Die Leistung der Frauen wird kleingeschrieben

Ganz ehrlich, ich bin gerade ein bisschen ratlos über den journalistischen Impuls, die Leistung der Frauen mal wieder mit einer lockeren Bewegung aus dem Handgelenk kleinzuschreiben. Das Credo scheint zu lauten: „Toll, was ihr macht. Aber guckt doch mal eure Männer, wie die sich erst reingehängt haben!“.

Sorry Leute, aber ich gehe da nicht mit. Ich sehe keinen Fortschritt darin, dass beide Geschlechter in der Krise ihre Care-Arbeit gesteigert haben. Die Differenz bleibt am Ende nunmal dieselbe. Nur das Ergebnis wird ein anderes sein: Noch mehr Mütter, die einfach nicht mehr können. Und vielleicht ein paar Väter, die das kommen sehen und deswegen von sich aus die Differenz verringern. Das wäre wünschenswert. Die ZEIT wird dann wahrscheinlich titeln: „Deutsche Familien von Männern gerettet“. Ich freu mich drauf.

P.S. Das Titelbild ist übrigens aus einem Werbeprospekt von irgendeinem dieser Diskounter-Supermärkte. Zum Vatertag.

Ein Kommentar zu „Danke, Mann.

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