#CoronaElternRechnenAb. Und alle anderen jetzt mal Klappe halten

Also, an sich bin ich ja mittlerweile einiges gewohnt. In dieser sogenannten „Corona-Krise“ habe ich mir schon mehrfach von Wildfremden anhören dürfen, meine Kinder „gehörten jawohl nach Hause, und nicht auf die Straße, IN DIESEN ZEITEN!“. Mir wurde der Zutritt zu Supermärkten verwehrt, weil ich eins meiner Kinder dabei hatte. Und ein besonders ekliges Exemplar von Mensch beschimpfte mich im Baumarkt als „Blödes Stück Scheiße“ und drohte mir Schläge an, weil ich ihm nicht schnell genug den Einkaufswagen schob, in dem zusätzlich zu 150 Litern Blumenerde auch noch ein Kind saß.

Ich kann also durchaus behaupten, die Verabscheuungswürdigkeit meiner Mitmenschen mittlerweile realistisch einschätzen zu können. Ein beträchtlicher der Bevölkerung besteht nun mal leider aus A****löchern. Ist vielleicht nix neues, kommt in der Krise nur deutlicher zum Vorschein. Trotzdem hat es mich dann doch aufgeregt, mal kurz in Tweets und sonstigen Social Media Posts unter dem Hashtag #CoronaElternRechnenAb zu stöbern.

Kurz zur Erklärung: Die Aktion wurde von Rona Duwe, Sonja Lehnert und Karin Hartmann ins Leben gerufen und sie zielt darauf, die unbezahlte Arbeit von Eltern in der Corona-Krise sichtbar zu machen. Denn anders als die Lufthansa oder die Deutsche Bahn können sich Familien leider nicht auf die Hilfe des Deutschen Staates verlassen. Selbst in der Krise nicht.

Die Idee ist eigentlich nicht schwer zu verstehen…

Die Idee von #CoronaElternRechnenAb ist simpel: Eltern zeigen einfach mal auf, wie viel unbezahlte Arbeit sie gerade – zusätzlich zu ihrer bezahlten Lohnarbeit – noch leisten. Ohne dafür irgendeine Unterstützung zu erhalten (außer zynische Worte an Muttertag, mir ist immer noch schlecht).

Falls irgendwer sich den Zynismus des Bundesministerium für Gesundheit noch mal geben will, hier auf eigene Gefahr:

Nun ja, ebenso wie das völlig bekloppt gewordene BMG, denkt wohl auch ein stattlicher Anteil der Menschen in diesem Land (bzw. in den Sozialen Netzwerken), Elternschaft wäre etwas, was man mal eben so nebenher machen kann. Also, ich meine, so nebenher von beruflichen Verpflichtungen oder ähnlichen Späßen. Denn wenn Eltern nun unter #CoronaElternRechnenAb vorrechnen, wie viel Betreuungsarbeit da jetzt gerade so NEBENHER mal eben gewuppt werden soll, sind die Reaktionen aus der Bevölkerung mal wieder eher so:

„Hätteste halt keine Kinder gekriegt.“
„Bezahlt mich auch bald einer fürs Wäsche waschen, höhö?“
„Was sollen da nur die Kinder denken, kreisch!“
„Wie kann man nur so lieblos sein, Geld für die Betreuung der eigenen Kinder zu wollen?“

Und natürlich immer wieder:

„Hört auf zu jammern.“
„Mimimi“
„Meine Mutter/Oma/Großtante 18. Grades hat sich auch nicht beschwert.“

Ich erspare euch echte Zitate, denn es ist wirklich nicht zum aushalten und mit den obigen Beispielen ist eigentlich alles wiedergegeben. Im Grunde sollte ich mich wohl einfach nicht aufregen, denn ich weiß ja, es ist gute deutsche Tradition, der deutschen Mutter mangelnde Aufopferung für ihr deutsches Kind vorzuwerfen. Trotzdem macht es mich ein bisschen wahnsinnig, mal wieder festzustellen, wie wenig ein guter Anteil unserer Gesellschaft bereit (oder fähig?) ist, auch nur ein ganz kleines bisschen um die Ecke zu denken.

Ist es so schwer, mal ein bisschen um die Ecke zu denken?

Denn haltet euch fest, all ihr Rumpelbirnen da draußen: Es geht überhaupt nicht darum, die Liebe, Sorge und Betreuung unserer Kinder in Geld aufgewogen zu bekommen. Darum ging es vielleicht in Bayern bei der Herdprämie. Wir „Corona-Eltern“ wollen das aber gar nicht.

Allerdings sag ich euch ganz genau, was ich außerdem nicht will: Ich will nicht gezwungen sein, Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit irgendwie so NEBENHER unter einen Hut kriegen zu müssen. Denn, Überraschung, das geht einfach nicht! Da können mich noch so viele Muttertagsvideos für meine Leistung loben. Diese Leistung ist nämlich irgendwo gedeckelt, will sagen, die unerschöpfliche Kraft von Müttern (und engagierten Vätern) ist in Wahrheit gar nicht unerschöpflich.

Wir sind nämlich AM ARSCH! Wir können nicht mehr!

Ich persönlich habe ganz im Ernst gar kein Interesse daran, meine Betreuungs- und Sorgearbeit bezahlt zu kriegen. Allerdings habe ich großes Interesse daran, nicht gleichzeitig arbeiten zu müssen, wenn ich, völlig ungeplant, meine Kinder Zuhause betreuen muss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sehr viele Eltern wahnsinnig gerne ein Corona-Elterngeld in Anspruch nehmen und sich mit Freude und Glück der Vollzeit-Betreuung ihrer Kinder widmen würden.

Manchen Eltern würde vermutlich schon ein gesonderter Kündigungsschutz reichen, damit sie keine Angst haben müssen, aus dem unbezahlten Urlaub heraus gekündigt zu werden, weil der Arbeitgeber beschlossen hat, dass Eltern ihm ohne Kinderbetreuung im Background viel zu risikoreich sind.

Der Witz ist ja: Wir WOLLEN, wir KÖNNEN nur nicht!

Der Witz an #CoronaElternRechnenAb ist ja gerade: Eltern WOLLEN Zeit mit ihren Kindern verbringen. Aber sie KÖNNEN es nicht. Weil die unsichere berufliche Situation jederzeit wie ein Damoklesschwert über ihnen hängt. Weil sie irgendwie den realistisch auf lange Zeit gar nicht zu leistenden Spagat zwischen Kinderbetreuung (und -beschulung) und bezahlter Arbeit eingehen müssen, ohne sich das selbst ausgesucht zu haben.

Ich bin mir absolut sicher: Wir züchten uns hier gerade eine Gesellschaft heran, die gesammelt auf den größten Burnout der deutschen Geschichte zustratzt. Was wir berufstätigen Eltern hier gerade ohne jegliche Entlastung tun sollen, ist schlicht nicht zu schaffen.

Einige nützliche Idee, um Eltern zu entlasten

Übrigens werde ich jetzt hier keine eigene Beispielrechnung stellen, welche Summe meine aktuelle Betreuungsleistung wert wäre. Ich hinke eh schon mit dem Rechnungenschreiben bei meinen eigentlichen Kunden hinterher und steh sowieso nicht so auf Zahlen. Und, wie schon gesagt, will ich da auch gar kein Geld für haben. Was ich stattdessen wirklich sinnvoll fände, wäre z.B.:

  • Ein sofortiger Kündigungsschutz für alle Eltern, die wegen gleichzeitiger Betreuung ihrer Kinder quantitativ oder qualitativ aktuell nicht denselben Job machen können wie zuvor.
  • Ein Corona-Elterngeld, das es Eltern ermöglicht, ihren Job temporär ruhen zu lassen, so lange bis die Vereinbarkeit von Kind und Beruf wieder möglich sein wird.
  • Unkomplizierte Zuschüsse für Babysitter oder andere private Betreuungsformen, die es z.B. Freiberuflern wie mir ermöglichen würden, wieder Aufträge anzunehmen.

So, und wenn nun wieder der Mob kommt und brüllt: „ALS HÄTTE DER DEUTSCHE STAAT FÜR SO WAS GELD ÜBRIG!“, dann sage ich euch eins: Mir würde aus dem Stegreif eine gute Handvoll mir bekannter Unternehmen einfallen, die ihre Mitarbeiter erst mal schön in staatlich finanzierte Kurzarbeit geschickt haben oder gerne auch die Hand für alle möglichen sonstigen finanziellen Aufwände vom deutschen Staat aufhalten. Obwohl sie es sicher nicht nötig hätten! Kontrolliert bloß gerade keiner. Soforthilfe für die Wirtschaft, da muss man schon mal gönnen können. Und klar, ich verstehe die Unternehmen sogar, man nimmt halt, was man kriegen kann. So ist das eben im Kapitalismus.

Für mich als arbeitendes Elternteil gibt’s nix zu holen. Nur was zu zahlen.

Ich sage euch aber noch eins: Ich würde auch sehr gerne nehmen, was ich kriegen kann.  Bloß gibt’s für mich nix zu holen. Denn anders als Wirtschaftsunternehmen habe ich als Elternteil nur Pflichten: Selber Steuern zahlen und neue Steuerzahler großziehen nämlich. Unterstützung? Friss dein Kindergeld und stirb. Aber bitte nicht ohne deinen 40-Stunden-Job abzuleisten, damit auch die Steuereinnahmen stimmen. Denn von denen müssen ganz dringend zukunftsweisende Wirtschaftsbranchen gerettet werden. Wie die von benzinbetriebenen Fortbewegungsmitteln.

Verzeiht mir meinen Zynismus, aber ich habe leider gerade wirklich die Schnauze voll und zwar Oberkante Unterlippe. Für Familien ist das hier einfach die größte Verarsche, die man sich vorstellen kann. Und da kann ich eine Horde empathieloser Hillibillies auf Twitter und Co. echt nicht auch noch ertragen.

Ich schließe also mit einem Gepflegten: F*ckt euch ins Knie! Oder vielleicht doch lieber mit einem guten Rat: Dankt Gott oder zu welchem Geschöpf ihr auch immer beten möget, dass ihr euer Home Office gerade in vollen Zügen genießen und euch am Abend vor Ken-FM-Videos völligst entspannen könnt, während ihr an eurer Pepsi nippelt. Ich drücke euch die Daumen, das euer Leben für immer so sorglos und eintönig bleibt, damit ihr noch die Kraft für Rumgepose in den Sozialen Netzwerken findet.

Mir fehlt die nämlich gerade extrem. Und deswegen muss dieser Text hier reichen. Guten Tag.

27 Kommentare zu „#CoronaElternRechnenAb. Und alle anderen jetzt mal Klappe halten

  1. Pingback: #CoronaElternRechnenAb - Phoenix-Frauen

  2. Dein Zynismus ist absolut angebracht und ich finde es gut, dass du so direkt und ungeschönt auf den Punkt kommst!
    Dass du so angefeindet wurdest, ist schockierend. Wie sich manche Mitmenschen im Angesicht der Krise entwickeln und dabei einen regelrechten Kinderhass an den Tag legen, finde ich unheimlich.
    Hab so was Gott sei Dank noch nicht erleben müssen.
    In meinem Ort sind eher die Verschwörungstheoretiker in der Überzahl, die sich im Zentrum versammeln, um gegen Bill Gates zu wettern und die deutsche Nationalhymne zu singen… egal wo man hinsieht, es rappelt gewaltig im Karton.
    Ich wünsche dir und deiner Familie ganz viel Kraft in dieser Zeit.

    • Ohje, viel Erfolg im Kampf (oder eher im Ertragen) der Verschwörungsidioten. Auch nicht leicht. ?

      Zum Thema Kinderhass: Ich habe wirklich das Gefühl, dass es viele Menschen in den letzten Wochen diebisch gefreut hat, endlich offen kinderfeindlich sein zu „dürfen“. Ich denke da mittlerweile ja immer: Kinderhass ist auch Menschenhass. Solche Menschen müssen tiefgreifende Probleme haben. Das kann zum Glück nicht meine Sorge sein.

      Trotzdem ist es anstrengend, darunter so direkt zu leiden, wenn ich beleidigt oder sogar körperlich bedroht werde. Der Mitarbeiter im Baumarkt hat sich übrigens sehr nett für den Vorfall entschuldigt und sagte noch so was wie „Die Situation ist wirklich nicht leicht. Die Leute drehen alle durch“. Da denke ich dann: Zum Glück habe ich Kinder. Ich kann es mir gar nicht leisten, durchzudrehen. ?

  3. Tim

    Amen!

    Ich denke nahezu alle „Corona-Eltern“ können den gesamten Text genauso unterschreiben. Mich selbst nervt dieses Gehate auch extrem und ich finde es unfassbar, wie empathielos große Teile der Gesellschaft sind bzw unter den Corona-Maßnahmen immer mehr werden.

    Erschöpfte Grüße
    Tim

    • Puh ja, ich fürchte, diese Menschen waren auch vorher schon so. Bloß kommt es jetzt stärker raus. Ich frage mich seit längerem, wohin unsere Gesellschaft wohl gerade steuert. Ich vermute da nichts Gutes, die Kluft zwischen Arm und Reich, Gebildet und Ungebildet wird z.B. immer größer und die Politik bleibt absolut untätig.

  4. Miri

    JA JA JA UND NOCHMAL JAAAAAA!!!
    Dieser Artikel beschreibt meine gottverdammt beschissene Lage zum Thema Muttersein – arbeiten und Corona-Kacke sehr gut ?
    Sich dann auch noch anhören zu müssen „hättest keine Kinder bekommen sollen oder wie letztens eine meiner EX-Freundeslisten-Zugehöriginnen sagte „gehe doch EINFACH morgens mit Kindern am Strand Joggen…“ ???
    Ich merke immer mehr, dass die Leute engstirnig und arrogant solche Aussagen tätigen!
    PS: Psychologin bin ich neuerdings auch – mein Kind leidet unter der Tatsache das wohl keine reguläre Einschulung stattfindet sehr und hätte gerne ihre Kitafreunde verabschiedet ?
    Ich verlange eine Lösung als Mutter, für Mütter- kann doch nicht so schwer sein ?

    • Tja, ich fürchte, Automobilindustrie und Co. sind einfach wichtiger. Politisch wird sich da kaum was bewegen. Und am Ende entscheidet ja der Wähler mit seinem Kreuz. Manchmal bin ich schon so weit, das demokratische Prinzip zu hinterfragen. ? Aber ach, lassen wir das. Nutzt ja nix. ?

  5. Carmen Schubert

    Vielen Dank ist mir aus der Seele gesprochen, fühle mich auch so richtig verarscht und hilflos, weil wir so gar nix dagegen machen…. Ich kann gar nicht glauben dass wir alle das so lange mitmachen und noch immer durchhalten…

    Gerade eben kam die Präsenzregelung für meine Tochter rein Schule ab 15.06.20 jeden zweiten Tag von 8 bis 10:30 Uhr… Echt jetzt???

    • Tja, was bleibt uns anderes übrig, ne? Jobs kündigen würde ja heißen: Kein Geld mehr. Und Kinder vernachlässigen würde ja heißen: Kinder vernachlässigen. Die Politik weiß schon ganz genau, mit wem sie es machen kann. Es gibt ja für uns gerade keinen gangbaren Ausweg. Deswegen ist es so wichtig, wenigstens Aufmerksamkeit zu kriegen.

    • Jasmin

      Und das wird ja noch lange so weitergehen. In der Erkältungszeit werden die Kinder dann ja auch wieder wochenweise ganz zu Hause sein. Welcher Arbeitgeber hat denn dann noch Verständnis, dass ständig die elterliche Erwerbsarbeitskraft ausfällt oder im besten Fall von zu Hause aus arbeiten muss. Das wird noch ganz düster werden, wenn es nicht bald umsetzbare Konzepte gibt.

  6. Gis

    Danke fürs Aussprechen und gutes Durchhalten.

  7. Mimi

    Genau so, vielen Dank! Ein weiterer Punkt, der finde ich auch betont werden sollte: Wenn ich meine Kinder auf Augenhöhe auf ihrem Weg zu einem ordentlichen Menschen, der die Welt bereichert und nicht beraubt, der sozial ist und auf unsere Erde hoffentlich besser aufpasst, als wir und die bisherigen Generationen es getan haben, begleiten will, dann braucht es dafür Energie. Liebevolle, zugewandte Energie. Das im normalen Nicht-Corona-Alltag hinzubekommen ist ja schon eine Herausforderung, wenn man arbeitet (und auch wenn man „nur“ in Teilzeit arbeitet). In Corona-Zeiten, in denen alle Fehlstellungen in unserem System (ja und auch die Arschlöcher) stärker hervortreten, ist das ungleich schwerer. Ja, wir Eltern WOLLEN unsere Kinder gut begleiten, nein wir wollen sie NICHT abschieben, wir wollen unseren Ansprüchen an gutes Begleiten genügen und wollen/müssen arbeiten. Wir geben unser bestes, nicht für irgendein System, sondern für unsere Existenz und UNSERE KINDER. Trotz Corona. Und sorrynotsorry dass uns dieser Anspruch, das für unsere Kinder zu tun, wichtiger erscheint, als dass wir bei der Arbeit jetzt mehr ranklotzen als sowieso schon, damit in Deutschland die Wirtschaft wieder läuft. Unsere Kinder sind es nämlich, die hinten runterfallen wenn wir gestresst sind, die eh schon leiden darunter, dass sie ihre Freunde und Bezugspersonen in Kitas und Krippen nicht sehen (ja, die gehen da gern hin und mögen die Leute da, die vermissen das da und sind nicht nur ausschließlich happy, dass sie jetzt endlich mal mehr Zeit mit den Eltern haben. Zumindest unsere ticken so, denn die Betreuung ist glücklicherweise echt gut und sie fehlt ihnen, und das obwohl wir Eltern uns grade daheim auch echt reinhängen). Das kann es nicht sein. Wenn wir eine zukünftige Generation von ordentlichen Menschen wollen, brauchen wir Zeit und Energie, um die ins Leben zu begleiten. Das ist die beste Investition in die Zukunft, die auch die Regierung tun kann. Klar sind nicht alle Eltern so gepolt, aber doch ein paar, immerhin, und die fallen gerade einfach durchs Raster. Zum Kotzen. Vielen Familien würde Geld wirklich helfen. Aber allein dass Familien überhaupt mitgedacht werden, ist wohl schon zu viel verlangt. Natürlich, Studien darüber wie die Ansteckung bei Kindern überhaupt verläuft, das dauert alles und überhaupt. Aber ganz im Ernst, kann man da jetzt nicht mal Geld reinstecken und das schneller vorantreiben? Anstatt in die Autoindustrie, wo, klaro, auch Familien und Arbeitsplätze dranhängen, aber mal ehrlich, was bringt es uns, wenn wir alle Arbeitsplätze haben aber keine Betreuungsplätze? Ach und als Lektüre darüber, was unbezahlte Care-Arbeit eigentlich ausmacht, wie diese Arbeit die Gesellschaft am Laufen hält, ganz gratis, empfehle ich „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez (Achtung Werbung selbst gekauft), und ja auch bei diesem Buch werden viele aufschreien, viele Wutbürger, aber mir egal. Der Kern der Krise ist nämlich zwar vordergründig Corona, in Wahrheit aber eigentlich unser nicht auf Frauen und damit auf Familien (und ja, da gehören Väter auch dazu) zugeschnittenes Wirtschaftssystem. Aber ich schweife ab. Man fühlt sich so wehrlos, kann nix machen. In dem Buch steht, dass in Island in den 70ern mal die Mehrheit der Hausfrauen einen Tag lang gar keine unbezahlte oder bezahlte Arbeit gemacht haben. Gestreikt sozusagen. Das war sehr erfolgreich, die Männer konnten sehen, was da an Arbeit wegfällt und wie wenig noch funktionierte. Das sollten die Familien von heute auch mal machen. Und ja wir jammern, aber zurecht, im Gegensatz zu den Leuten, die gegen die Maßnahmen auf die Straße gehen zur Zeit, die jammern auch, und ich könnte wetten, dass das wohl kaum in der Mehrzahl die Familien bzw. Eltern sind, die dort stehen. Die haben keine Zeit für so Pipikram wie „ich möchte keine Maske tragen das nervt“. Oh man.

    • Ja du hast so recht. Und in Bezug zu dieser Aktion finde ich es auch erschreckend, wie groß die Masse an Menschen ist, die allen Ernstes meint, Kinder seien Privatvergnügen (oder eben privates Pech). Ich finde, diesen Menschen sollte man mal eine Weile alle Privilegien dieser Gesellschaft entziehen. Mal schauen, wie sie danach auf die Solidargemeinschaft blicken.

  8. Gut gebrüllt Löwe war auch der erste Gedanke, der mir durch den Kopf gegangen ist.
    Meine Elternzeit ist mitten in der Coronaphase zuende gegangen. Kinderbetreuung und Arbeit mit einem 1-2 Jahre alten Kind ist nicht möglich. Zwischendurch etwas arbeiten vielleicht für den ein oder anderen…
    Der Staat bietet die Möglichkeit Lohnersatzleistungen zu beantragen – nur weiß im zuständigen Landkreis keiner wo…seit über 4 Wochen ist das so.
    Der Arbeitgeber ist verunsichert, zahlt nur einen Teil aus (immerhin)…
    Dazu kommt aber, dass wir die Kita Gebühren weiter zahlen müssen (500€ ), weil noch nicht geklärt werden konnte, wie die Übernahme erfolgt…
    Das ist eine extrem verrückte Zeit… derzeit können wir uns aufteilen, die Arbeit in der Firma ist weniger und wir können beide von Zuhause arbeiten.
    Glücklicherweise habe ich bisher nur verständnisvolle Menschen erlebt….

  9. Jasmin

    Danke für deinen guten Beitrga!
    Langsam habe ich das Gefühl das es gewollt ist, dass Eltern ihre Arbeitsheit verkürzen oder sogar kündigen, weil es nicht mehr schaffbar ist. Wir werden sehr viele Arbeitslose in den nächsten Wochen haben und Elternteile aus dem Arbeitsmarkt zu schieben ist da eine günstigere Lösung als Arbeitslosengeld zu zahlen. Es gibt kein Recht auf Arbeitslosengeld, wenn man keine Kinderbetreuung nachweisen kann. Welche Familie hält es denn aus beide Jobs zu erfüllen und weitrrhin die Kinderbetreuung zu gewährleisten. Bis es einen Impfstoff gibt, wird es in Deutschland keine verlässliche Kinderbetreuung geben. Das macht mich wütend, was hier mindestens sehenden Auges hingenommen wird, oder sogar gutgeheisen wird. Aus diesem Kinder und Familienfeindlichen Land möchte ich schnellstmöglich auswandern.

    • Maggie

      In welches Land würdest du denn gerne auswandern? Kennst du Länder, die Deutschland sich als Vorbild nehmen könnte – Länder, deren System du bevorzugst? Immer her mit Beispielen.

  10. Lara

    Danke, danke, danke! Ich finde es unfassbar toll, dass du dir trotz der Situation Die Zeit zum Schreiben nimmst und die Sachrn so auf den Punkt bringst!
    Liebe Grüße Lara

  11. Simone

    Noch Immer aktuell.
    Noch immer werden Eltern und Familien mit Füssen getreten.
    Noch immer müssen wir Eltern alles gleichzeitig machen.

    Danke für deine Worte!

    Lass uns gemeinsam einen Gesetzesentwurf entwickeln, der Bedürfnisse von Familien zu jeder (Krisen)Zeit berücksichtigt gleichgestellt mit Wirtschaftsunternehmen.

  12. Maggie

    Die Situation durch Corona ist recht komplex und ich sehe die Lage etwas differenzierter. Eltern sind nicht die einzige Bevölkerungsgruppe, die mit finanziellen Einbußen zu rechnen hat, wenn derzeit kein voller Job möglich ist. Andere Menschen – ob Eltern oder nicht – haben in der Krise bereits ihre Arbeit verloren und stecken deshalb in großen finanziellen Schwierigkeiten. Hotels, Theater, Konzertveranstalter, Reedereien und viele mehr müssen diese Ungewissheit aushalten. Viele Bevölkerungsgruppen sind betroffen. Es gibt keine absolute Sicherheit. Wo sollte das hinführen? Eine „Gleichstellung mit Wirtschaftsunternehmen“ würde zudem bedeuten, dass Familien auch das volle unternehmerische Risiko und somit einen möglichen Jobverlust zu tragen hätten.

  13. Jazzy

    Danke!
    Diese dummen, unreflektierten und herablassenden Kommentare der Mitmenschen zeugen leider von jahrelangem Konsum der Bildzeitung und öffentlich rechtlichen Fernsehen. Jeder glaubt sich eine Meinung über alles und jeden bilden zu können und gibt diese auch ungefiltert an den Adressaten weiter.
    Es ist sicher schwer nachzuempfinden welcher Druck auf uns Eltern lastet und wie facettenreich so ein permanent schlechtes Gewissen gegenüber unseren Kindern + Arbeitgebern sein kann…
    Einmal mehr wurde eindrucksvoll bewiesen, Eltern haben keine Lobby! Wir sollen unseren Part demütig und stumm vor Glück erledigen und haben kein Recht auf Entlastung.
    Haltet durch!!

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