Älter werden – klüger werden

Ich weiß nicht, ob ihr es geahnt habt, aber ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, für die ist das Glas meistens eher halb leer als halb voll. Mir fällt es schwer, mich leicht, beschwingt und glücklich zu fühlen. Denn irgendwas ist da doch immer, das einem so ein bisschen Sorgen bereitet – gerade wenn man Kinder hat. Erschwerend hinzu kommt bei mir noch diese merkwürdige Hochsensibilität, unter der ich offenbar „leide“, zumindest seit ich weiß, dass es so was Verrücktes gibt.

Neulich zum Beispiel, da sitzen der Liebste und ich auf dem Sofa und er muss aus Versehen rülpsen und mir wird auf der Stelle schlecht davon. Ich meine, so richtig, so körperlich. Es ist nicht so, dass ich mich anstelle, wegen Manieren oder so. Sondern mir wird wirklich übel, in meinem Bauch, im Hals, mir ist echt schlecht. Und bis vor kurzem hätte mich das noch echt wütend gemacht. Irrational wütend auf den Mann, der da so unbekümmert neben mir los rülpst. Aber in echt noch viel wütender auf mich selbst, weil wer ist Bitteschön so albern, dass ihm/ihr schlecht wird, nur weil jemand anderes so was Harmloses von sich gibt wie ein kleines Rülpserchen?

Dieses Mal jedenfalls, obwohl mein Magen sich echt zusammenzieht, muss ich lachen. Und natürlich will der Liebste wissen, warum. Als ich es ihm erzähle und er mich anguckt mit so einer Mischung aus amüsiertem Unverständnis und liebevollem Total-Verständnis, da will ich ihn am liebsten direkt küssen vor Glück, wäre da nicht der Rülpser, der bestimmt noch ein bisschen aus seinem Mund stinkt. Sorry für so viel Körperlichkeit, aber ist halt so.

Das verdammte Glas ist doch schon lange randvoll

In meinem Leben verändert sich nämlich gerade eine Menge. Glaube ich, hoffe ich. Oder jedenfalls bin ich immerhin an einem Punkt, an dem ich richtig Lust habe, etwas zu verändern. Weil mein verdammtes Glas nämlich eigentlich schon mein ganzes Leben lang ziemlich voll ist, ich aber ebenfalls mein verdammtes Leben Schwierigkeiten damit habe, das auch zu schätzen.

Und nee, da hilft auch keine Hochsensibilität als Ausrede. Klar ist das Leben mit zwei kleinen Kindern, davon eins mit einer Extra-Portion Gefühle, verdammt stressig, gerade für mich, die Mutter mit den ebenfalls starken Gefühlen und Nerven, die manchmal dünner als Nähzwirn sind. Aber in erster Linie ist dieses Leben mit den zwei Kindern und dem (für mich, natürlich.) perfekten Mann verdammt schön.

Blöde Weisheiten mit echt wahrem Kern

Und auch alles, was davor passiert ist, ja! Mittlerweile bin ich ja echt schon mehr als 30 Jahre alt und naturgemäß ist in der Vergangenheit einiges passiert. Nicht alles war toll. Da waren Entscheidungen, die mies waren. Da waren Menschen, die mich mies behandelt haben oder ich sie. Aber irgendwie habe ich es doch geschafft, da zu landen, wo ich jetzt bin. Die schlechtesten Abzweigungen kann ich also gar nicht erwischt haben. Und letztlich ist etwas sehr Wahres dran an der Weisheit, dass man auch aus den richtig blöden Dingen noch etwas lernt. Und, meine persönliche Weisheit: dass man auch mal schätzen lernen kann, was einem bisher nicht widerfahren ist.

Ich war zum Beispiel noch nie in meinem Leben unglücklich verliebt. Also, ich meine, so richtig unglücklich. Ein kleines Liebeskümmerchen im Teenie-Alter zähle ich mal großzügig nicht dazu. OK, mein Exfreund hat mich manchmal echt nicht so nett behandelt. Aber im Ernst: Ich ihn auch nicht. Vor allem aber denke ich im Rückblick, dass alle Männer in meinem Leben die genau richtigen zur richtigen Zeit waren. Hatte ich sicherlich ein Händchen für. Für den letzten (allerletzten! So wahr uns die Standesbeamtin helfe!) natürlich am allermeisten.

Witzig, wie der Zufall manchmal entscheidet

Und auch ansonsten ist es im Rückblick witzig, wie das Glück, Schicksal (oder der Zufall) manchmal entscheidet. Der Liebste und ich würden uns nämlich gar nicht kennen, wenn eine damalige Freundin mir nicht zu einem Praktikum bei einem Festival geraten hätte. Sie hätte gehört, dass in der Pressestelle jede Saison Praktikantinnen gesucht würden. Der befristet angestellte Grafiker hat mir dann echt gefallen. Und ich ihm auch. Das Ende kennt ihr.

Diese Freundin von damals jedenfalls hat mich dann, als ich ein Baby mit oben genanntem Aushilfsgrafiker bekommen hatte, behandelt wie eine Aussätzige. Kinder sind eben nicht für jeden was. OK. Mich hat das damals trotzdem echt mitgenommen. Und mir ist erst vor kurzem aufgegangen, dass ich ihr trotzdem für immer und ewig dankbar dafür sein muss, dass sie mir zu diesem Praktikum geraten hat (und auch sonst war das Praktikum toll und hat mit Sicherheit meinen beruflichen Werdegang mitbestimmt).

Sieh das Glas mal häufiger halb/randvoll

Jedenfalls will ich in Zukunft dafür sorgen, dass mir das Glas häufiger halb voll vorkommt, wenn nicht sogar randvoll. Manchmal macht es mir sogar schon Spaß, dabei zu übertreiben. Zum Beispiel wenn ich von meinem grässlichen Volontariat erzähle, indem ich süffisant behaupte, immerhin habe ich da gelernt, wie man’s nicht macht. Hihi.

Heute mach ich’s sicher auch nicht immer super. Aber ich weiß so viel besser, was ich kann, was ich im Gegenwert verlangen kann und vor allem, mit welcher Art von Menschen ich zusammenarbeiten will. Ich weiß, dass Kollegialität und Solidarität (besonders unter Frauen!) mir sehr viel Wert sind. Erkenne aber auch, dass es echt immer wieder schwer für mich ist, anerzogene oder selbst/fremd antrainierte Reflexe loszuwerden.

Vor allem aber weiß ich, was ich in der Erziehung meiner Kinder anders machen will, insbesondere in der Erziehung meiner Tochter. Ob mir das gelingen kann? Tja, daran arbeite ich. Genau das meine ich ja. Mal schauen wohin es noch führt, mal schauen ob ich dann mal wieder darüber schreiben will. Was mir für den Moment, da ich jüngst meinen 32. Geburtstag feierte und mich irgendwie nicht so recht darüber freuen konnte, nur wichtig war zu sagen, ist: Auch mit Falten ist das Leben schön! Schöner sogar als davor. Auf jeden Fall aber klüger.

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