Zur ersten Geburt auf jeden Fall ins Krankenhaus? Oder: Wie ich einmal ein Feigling war

Wie auch in meinem Plädoyer für eine sichere Geburt zu lesen, gehört für mich die Betreuung durch eine persönliche Hebamme unbedingt dazu. In betreffendem Artikel und auch in einigen anderen meiner Texte (z.B. in diesem) setze ich mich auch immer wieder für außerklinische Geburten ein – zunächst mal allein aus dem sehr persönlichen Grund, dass ich eine wunderbare Hausgeburt erleben durfte und zweitens auch aus dem Grund, dass ich mittlerweile aus vielen Quellen (persönlichen, aber z.B. auch aus dieser) erfahren habe, wie die Bedingungen auf den geburtshilflichen Stationen vieler Krankenhäuser so im Allgemeinen sind: Oftmals nicht besonders gut, leider. Nun hoffe ich beim Schreiben meiner ganzen Hausgeburts-Plädoyers jedoch immer inständig: Möge meine Hebamme diese Texte niemals lesen! Denn die würde sich vermutlich vor allem eines denken: „So eine Angeberin!“

Meine Hebamme kann sich nämlich sicherlich noch sehr gut daran erinnern, wie ich, im fünften Monat schwanger, zum ersten Mal bei ihr in der Praxis saß und auf ihre vorsichtige Frage, ob ich mir denn auch eine Hausgeburt vorstellen könnte, völlig überzeugt antwortete: „Auf keinen Fall beim ersten Kind!“. Denn genau wie die meisten Frauen, die in ihrem Leben noch niemals ein Kind geboren haben, war mir vor allem die größtmögliche Sicherheit wichtig. Und da liegt der Gedanke nahe: Im Krankenhaus kann mir und meinem Kind am besten und am schnellsten geholfen werden.

Aus Sicherheitsgründen ging ich auch regelmäßig zu meinem Arzt und ließ mich sogar zu nervtötenden halbstündigen CTG-Aufnahmen überreden (Zum Glück war ich damals noch Studentin und hatte die Zeit dazu. Keine Ahnung wie berufstätige Frauen das in ihren Tagesablauf quetschen). Aus Sicherheitsgründen ließ ich mir auch in der 31. Schwangerschaftswoche mehrere Lungenreife-Spritzen verpassen, obwohl ich im Geheimen selbst wusste, dass es psychischer Stress war, der mir und meinem Baby damals zusetzte und ich am liebsten aus dem Krankenhaus geflohen wäre um mich auf dem heimischen Sofa „auszukurieren“.

 

Damals wusste ich es nicht besser

Kurzum: All das, was ich nun meinen Freundinnen empfehle, weiß ich zum Teil erst heute „besser“. Als ich selbst schwanger war, habe ich vieles ganz anders gemacht als ich es ein zweites Mal tun würde. Der Grund, warum ich trotzdem jetzt die „Angeberin“ spiele und immer und immer wieder für einen selbstbestimmten Umgang mit Schwangerschaft und Geburt sowie ein Loslösen von all den medizinischen Kontrollmechanismen plädiere, ist: Ich wusste es damals einfach nicht besser. Ich hatte keine Freundin, die mir hätte erzählen können, dass außerklinische Geburten genauso sicher sind wie Klinikgeburten und dass eine außerklinische Geburt viele Vorteile für Mutter und Kind hat (z.B. deutlich weniger Geburtsverletzungen oder auch einfach mehr Ruhe und Geduld im gewohnten Umfeld). Interessant ist, dass selbst der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, der jetzt ernsthaft überlegt, die Kosten für außerklinische Geburten nicht mehr zu übernehmen, in einer Pressemitteilung aus 2011 noch schreibt:

„Sicherheit ist für werdende Eltern sehr wichtig. Das gilt auch für die Wahl des Geburtsortes. Beruhigend dürfte daher die Erkenntnis sein, dass außerklinische Einrichtungen, die von Hebammen geleitet werden, Krankenhäusern in Sachen Qualität nicht nachstehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes und verschiedener Hebammenverbände. […] Konkret stellt die Studie anhand von über 90.000 unkomplizierten Geburten aus den Jahren 2005 bis 2009 fest: In den von Hebammen geleiteten außerklinischen Einrichtungen müssen vergleichsweise weniger Medikamente eingesetzt werden (6,6 Prozent gegenüber 19 Prozent in der Klinik). Mehr Mütter und Kinder (+ 0,7 Prozent) können die außerklinischen Einrichtungen zusammen verlassen, da eine Nachbehandlung von Kindern und/oder Müttern unnötig ist. Die Neugeborenen, die außerhalb der Klinik zur Welt kommen, sind eher etwas schwerer. Es werden bedeutend mehr Gebärpositionen genutzt (neben der klassischen horizontalen Lage auch die vertikale und die Wassergeburt). Deutlich öfter wird der Damm der Mutter bei der Geburt nicht verletzt (41,2 Prozent gegenüber 29,8 Prozent in der Klinik). Der allgemeine Gesundheitszustand der Kinder weicht zehn Minuten nach der Geburt nicht von den Werten ab, die bei einer Krankenhausgeburt ermittelt werden.“
(Anm.: Hausgeburten unterscheiden sich im Grunde kaum von Geburten in „hebammengeleiteten Einrichtungen“, wie Geburtshäusern. Auch zu einer Hausgeburt bringt die Hebamme all das mit, was sie in einem Geburtshaus einfach schon vor Ort da hat. Die Aussagen dieser Pressemitteilung kann man daher auch auf die Sicherheit von Hausgeburten beziehen.)

Im Gegensatz zu außerklinischen Geburten geraten insbesondere Erstgebärende in Kliniken oftmals schnell in eine Spirale aus Interventionen. Ich wusste zum Zeitpunkt meiner ersten Schwangerschaft noch nicht, dass der weibliche Körper in Krankenhäusern nach „Schema F“ funktionieren soll. Ich wusste auch nicht, dass ich zum ärztlichen CTG auch „Nein“ sagen darf und dass es reicht, wenn meine Hebamme mit dem Dopton die Herztöne abhört. Hätte ich all das gewusst, hätte ich vielleicht von Beginn an mit noch mehr Sicherheit und Selbstbestimmtheit in die Geburt gehen können. Und Sicherheit und Selbstbestimmtheit sind genau die zwei Dinge, die ich meinen Freundinnen und allen Frauen wünsche, wenn es um Schwangerschaft und Geburt geht.

Seid nicht solche Feiglinge wie ich!

Und deswegen sage ich einfach: Seid nicht solche Feiglinge wie ich und traut euch direkt, eure Schwangerschaft und eure Geburt selbst in die Hand zu nehmen! Hinterfragt jede Untersuchung und vor allem jede Intervention während eurer Geburt! Weil ihr sonst vielleicht nicht so ein Glück habt wie ich und eure erste Geburt stattdessen zu einem Ereignis wird, das ihr euch so nicht gewünscht hättet: Zum Beispiel zu einem Ereignis mit einem überbelegten Kreissaal und Hebammen, die keine Zeit für euch haben. Oder zu einem Erlebnis mit einem strengen Zeitplan, an den euer Körper sich zu halten hat.

Weil bei mir die erste Geburtsphase so rasend schnell ging und ich das schon damals unwahrscheinliche Glück hatte, eine Beleghebamme zu haben, die mich zur Geburt begleiten konnte, hatte ich die Chance, mich Hals über Kopf dazu zu entscheiden, mein Kind einfach Zuhause zu bekommen. Das war mein Glück. Im Nachhinein hätte ich es aber schöner gefunden, ich hätte mich bewusst für eine Hausgeburt entschieden. Und das natürlich nicht nur, weil ich dann vor euch jetzt besser dastehen würde! Nein, ich würde mir im Allgemeinen wünschen, dass ich damals so aufgeklärt gewesen wäre, wie ich es jetzt bin. Und genau das wünsche ich allen Frauen, die ihr erstes Kind erwarten und deswegen schreibe ich das hier alles auf.

Die Ahnungslosen finden keine Hebamme mehr

Vor einigen Tagen hat mich eine Bekannte kontaktiert, die zum ersten Mal schwanger ist und die sich eine Hebamme wünscht, die sie auch während der Geburt begleitet. Sie findet keine. Weil sie leider keine Ahnung hatte, dass man sich um eine freiberuflich arbeitende Hebamme am besten schon vor dem Eisprung kümmert, der das Kind überhaupt erst zeugt (und woher hätte sie das auch wissen wollen? Das erzählt einem ja auch vorher keiner!). Sie findet keine Hebamme, weil es kaum noch Hebammen gibt, die unter den momentanen Bedingungen bereit sind, Geburten zu betreuen.

Eine andere Freundin steht bereits kurz vor dem Geburtstermin und hatte vor einigen Monaten sogar Schwierigkeiten, eine Hebamme nur für die Betreuung im Wochenbett zu finden. Zur Geburt möchte auch sie als Erstgebärende ins Krankenhaus gehen und sie hat sich einen hebammengeleiteten Kreißsaal ausgesucht, in dem sie sich erhofft, auf möglichst natürliche Weise ihr Kind zu bekommen. Ich hoffe, dass ihr Optimismus angebracht ist und bin zunächst mal zuversichtlich, da in Kreißsälen, die „unter der Fuchtel“ von Hebammen stehen, meist eher im Sinne von Mutter und Kind gehandelt wird und weniger aufgrund von medizinischen Zwängen. Gleichzeitig bleibt ein Kreißsaal immer den Klinikzwängen unterworfen, was bedeutet, dass auch hier oftmals das Sicherheitsdenken die Geburten diktiert und einem natürlichen Verlauf im Wege stehen.

Sicherheit vor rechtlichen Schritten (je mehr man als Hebamme oder Arzt tut, also medizinisch interveniert, desto weniger kann einem schließlich hinterher vorgeworfen werden, man hätte „nicht alles versucht“) ist aber leider nicht mit Sicherheit für Mutter und Kind gleichzusetzen. Für mich bedeutet die größtmögliche Sicherheit nämlich, Vertrauen in mich und meinen Körper, somit in meine Gebärfähigkeit zu haben und zugleich eine erfahrene Hebamme an meiner Seite zu wissen, die Risiken einschätzen kann und meine gute und natürliche Geburt nur unterbricht oder in sie eingreift, wenn es wirklich notwendig ist – und nicht rein prophylaktisch aus Angst davor, im Schadensfall belangt zu werden.

Verlegungen in die Klinik sind nichts schlimmes

Deswegen traue ich mich, die Besserwisserin zu sein, die eine komplikationslose erste Geburt „mal eben so“ Zuhause gemacht hat und deswegen ihren Freundinnen empfiehlt, es auch einfach zu versuchen. Die größte Sicherheit, heil und glücklich aus einer Geburt zu gehen, hat man meines Erachtens nämlich nicht im Krankenhaus, sondern mit guter Hebammenbetreuung an einem vertrauten Ort, der Ruhe und Zuversicht vermittelt. Klar geht nicht jede erste Geburt so schnell wie meine und natürlich stimmt es, dass gerade bei Erstgebärenden einige Hausgeburten abgebrochen und in eine Klinik verlegt werden.

Aber das ist auch gut so! Denn in dem Moment, in dem die betreuende Hebamme sich nicht mehr sicher fühlt, ist es wichtig, dass sie Mutter und Kind nicht in Gefahr bringt und sich Unterstützung von weiterem medizinischem Personal holt. Viele Verlegungen in die Klinik sind zudem völlig unspektakulär, weil sie z.B. aufgrund eines länger anhaltenden Geburtsstillstands passieren (im Allgemeinen sind Geburtsstillstände erst mal nichts schlimmes, die Hebamme kann entscheiden, wann es Zeit wird, etwas zu tun). Bei meiner spontanen Entscheidung zur Hausgeburt hatte ich auch im Hinterkopf: Das nächste Krankenhaus ist nur wenige Kilometer entfernt und schnell zu erreichen.

Die Geburt selbst in die Hand nehmen

Wichtig ist: Angst zu haben vor diesem neuen Erlebnis Geburt ist völlig normal. Sich aber deshalb in eine Situation zu begeben, in der man allzu schnell die Kontrolle verliert und nicht optimal und mit Respekt und Ruhe betreut wird, ist keine gute Idee. Ich bin heilfroh, nicht im Krankenhaus gelandet zu sein und würde an eine zweite Schwangerschaft und Geburt mit viel mehr Selbstbestimmtheit herangehen. Meine Erfahrung und die Erzählungen anderer Frauen helfen mir dabei. Deswegen spreche ich darüber und hoffe, dass wir alle noch viel mehr über das Thema Schwangerschaft und Geburt sprechen.

Und ich hoffe, dass die Freundinnen, die sich genau wie ich damals dazu entscheiden, zur ersten Geburt in eine Klinik zu gehen, sehr viel Glück mit dem betreuenden Personal haben und auch dort eine tolle Geburt erleben können (denn natürlich gibt es auch in Kliniken tolle Geburten!). Ich möchte mich aber nicht auf mein Glück verlassen, sondern nehme, wenn es irgendwann soweit sein sollte, die Geburt meines zweiten Kindes selbst in die Hand. Und deswegen kann es für mich nichts anderes als 1:1-Betreuung durch eine persönliche Hebamme in einer Hausgeburt geben.

Kleine Anmerkung zum Foto: Eigentlich habe ich mit dem Gedanken gespielt, ein Foto zu diesem Blogeintrag zu veröffentlichen, das mich und mein Baby wenige Minuten nach der Geburt zeigt, genau an der Stelle, an der es geboren wurde: Auf dem Boden vor dem Wohnzimmersofa. Dieses Foto illustriert für mich und den Mann das gesamte Hausgeburts-Glück und genau das ist auch der Grund, warum der Mann mich bat, es nicht zu veröffentlichen: Es bedeutet ihm einfach zu viel, als dass er dieses Foto mit aller Welt teilen wollte. Und irgendwie hat er ja auch Recht. Oben zu sehen ist nun also ein Foto, das Mini-Hübi und mich an seinem ersten Lebenstag zeigt, auf dem Sofa sitzend, vor dem er zur Welt kam.

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