Zum zweiten Mal

Der Mann hat gestern ein Video geschnitten. „Hübchen, Monate 4-6“ heißt es. In den letzten drei Jahren haben sich Stunden an Film angesammelt. Darauf zu sehen: Das Hübchen, seine Mama und sein Papa – in fast ausnahmslos glücklichen Momenten. Und diese Babymonate in Bewegtbild, die sind noch mal was ganz besonderes. Ich sehe den Film an, ganze 8 Minuten 20, und denke: Wie glücklich wir waren!

Und das tut mir ganz schön weh. Weil wir heute ja immer noch glücklich sind, vielleicht sogar ein bisschen glücklicher. Wir haben viel Ballast abgeworfen und sind heute freier als damals. Vermutlich wissen wir jetzt viel mehr als noch vor drei Jahren, wie wir uns unser Leben vorstellen, was wir wollen, wie wir gut zusammen sein können. Das nennt man dann wohl erwachsen werden – und langweilige Gemüter würden wohl behaupten, mit fast 30 und Mitte 30, da ist es dann ja auch mal langsam an der Zeit mit dem erwachsen werden.

Aber wenn ich mir die Videoschnipsel angucke, auf denen ich drei Jahre jünger bin, das Hübchen ein dickes, süßes Baby und der Mann genau der Vater, den ein Hübchen haben sollte, dann werde ich ganz schön wehmütig. Da ist so viel Unbeschwertheit in unseren Gesichtern. Ein bisschen Müdigkeit auch, klar, aber eben auch ganz viel Ruhe, Sorglosigkeit und sicher auch Naivität.

Auf den Bildern von damals haben wir noch keine Ahnung davon, wie schwer es tatsächlich ist, Beruf und Kind zu vereinbaren. Wie dramatisch es sein kann, wenn man eine schlechte Tagesmutter erwischt. Wie anstrengend so ein Baby später wird, wenn es laufen und sprechen und ziemlich laut „Nein!“ schreien kann.

Baby vs. Kleinkind

Das Baby-Hübchen war auf seine Art anstrengend. Es mochte gerne beschäftigt werden, wollte nicht allein schlafen und war am liebsten in Bewegung. Kein Latte-Macchiato-Baby, sicher nicht. Aber es schrie wenig und der Mann und ich wussten genau, was zu tun war, wenn es schlechte Laune hatte. Ganz schön berechenbar, so ein Baby. Zumindest unseres war es.

Ganz im Gegensatz zu unserem Drei-Jahres-Hübchen. Das brüllt, tobt, schreit und versucht, die gesamte Familie von morgens bis abends herumzukommandieren. Der Mann und ich bewegen uns wie durch Watte, wir gehen auf Zehenspitzen und versuchen in Dauerschleife, uns um den nächsten Wutanfall herum zu manövrieren. Was selten gelingt, soviel ist klar.

Ich wünschte, ich könnte mir etwas von meiner damaligen Unbeschwertheit zurück holen. Ich weiß ja, dass sie noch da ist. An entspannten Tagen ohne Verpflichtungen, wenn die Sonne scheint und wir mit dem Hübchen draußen unterwegs sind, wenn der Sohn zufrieden ist und strahlt, dann kommt sie immer zurück. Keiner meckert, keiner heult, keiner droht mit durchreisenden Schlawinern. Nur dass es jetzt im Winter nicht viele solcher Tage gibt.

Komm zurück, treulose Unbeschwertheit!

Zum Glück wird das neue Baby ein Sommerkind. Ich möchte wieder so unbeschwert sein wie damals. Vor meinem inneren Auge aber sehe ich mich mit dem Baby auf dem Arm und ein an mir zerrendes Hübchen an meinem Bein. Das Hübchen meckert, motzt, brüllt. Ich meckere, motze, brülle zurück. Davor habe ich Angst, ziemlich große Angst sogar. Ich zähle also auf den Sommer, auf Wärme, Sonne und ein draußen spielendes Hübchen. Und auch auf den normalen Lauf der Dinge, der mein tobendes Kind bestimmt bald wieder etwas friedlicher machen wird.

Nur das Baby, der Mann und ich, so eine Zeit kommt leider nicht wieder. Das realisiere ich irgendwie erst jetzt. Und bin plötzlich ganz schön ausgeknockt von dieser fiesen Realität.

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11 Kommentare zu „Zum zweiten Mal

  1. Doreen

    Hallo du Liebe, mal wieder etwas was aus meinem Herzen spricht. Die irgendwie verlorene U beschwertheit hab ich erst gemerkt als das Babylein schon da war… Ja, der Alltag ist echt anders als vor 3 Jahren und unser Baby war auch NUR in Sction aber auch total berechenbar. Dieses Baby Nr 2 nicht, NO WAY, Wollte ab Woche eins nur im Tragetuch schlafen und hat uns ganz schön durchgewirbelt. ich hätte es nicht gedacht, aber es hat mich (noch mehr) Entspannung gelerht und damit irgendwie auch wieder Leichtigkeit. Und wenns mir mal wieder zu eng und zu beengend wird reißen wir aus und fahren weg vom Alltag, mit Mann od nicht, mit 1 Kind oder 2 – das hilft mir immer sehr gut. Und der Sommer, der war klasse, NACH dem Wochenbett 😉 (Zum Glück war es 2016 bis Ende September schön warm.. Das wünsche ich dir für 2017 auch)

    • Das macht mir Mut! Vielleicht stimmt es ja und ein neues Baby zwingt einen dann wieder zu mehr Entspanntheit. Ich hoffe ja auch darauf, dass das Hübchen dadurch etwas sanfter wird. Aktuell ist er fast rund um die Uhr im Aggressionsmodus. Ich hasse das!

      Wir haben schon bevor ich schwanger wurde Urlaub fürs nächste Jahr gebucht. Allgäu, Berge und totale Ruhe. Der Haken: Das neue Baby wäre dann erst 2 oder 3 Wochen alt. Wir wollen es uns trotzdem offen halten. Vielleicht ist genau so ein Urlaub das richtige um anzukommen. Und ich könnte ja auch mit der Bahn runterfahren.

  2. Liebe Sophie,
    die Gedanken, die du dir machst, hatte ich auch in meiner zweiten Schwangerschaft. Natürlich ist es beim zweiten Kind anders, man kann sich nicht mehr so komplett und ausschließlich dem Baby widmen, einfach weil das erste Kind auch Aufmerksamkeit einfordert (sein gutes Recht). Aber selbst wenn es anstrengender ist: es ist nicht weniger schön, sondern nur anders. Meine „Große“ war gerade mal 20 Monate alt, als sie im Mai große Schwester geworden ist, also noch nicht in dem Alter, dass man es ihr erklären konnte. Aber sie hat ihre kleine Schwester vom ersten Tag an geliebt und umsorgt (nicht immer sanft, aber Babys sind robuster als sie aussehen) und es gibt nichts Schöneres und Stärkeres als Geschwisterliebe! Zumindest wenn sie noch zu klein sind, um sich zu streiten. 😉 Auch ich habe mal einen schlechten Tag, an dem meine Große und ich anecken und die Geduld nicht weit reicht, aber reden hilft und erklären, warum Mama heute mal etwas motziger ist. Und so kann man auch beim zweiten Kind unbeschwert sein. Lass es einfach auf dich zukommen, sprich mit dem Hübchen darüber, binde ihn in die Babypflege mit ein… und davon abgesehen: Sorgen sind der Unbeschwertheit abträglich 😀 Liebe Grüße Janine

    • Oh ja, ich freue mich auch schon sehr darauf, das Hübchen als großen Bruder zu erleben. Mit dem Baby von Freunden ist er sehr liebevoll und es ist so schön, dass er schon richtig gut begreift, dass wir ein neues Baby kriegen und dass es in meinem Bauch wächst.

  3. Liebe Sophie,

    ich kann deine Sorgen im Vorfeld verstehen, aber du malst dir deine Zukunft mit zwei Kindern so negativ aus, obwohl du noch gar nicht weißt, ob du nicht auch positiv überrascht wirst.
    Vielleicht wie ich durch mehr Gelassenheit, innerer Ruhe und Routiniertheit.
    Es wird anders werden als beim ersten Kind. Vielleicht auch anstrengender, weil man ja seine Aufmerksamkeit teilen muss. Das stimmt. Aber es muss nicht zwangsläufig schlechter werden.
    Und ich darf dir verraten: wenn es so schlimm geworden wäre damals, dann wäre ich bestimmt nicht zum dritten Mal schwanger 😉 ….

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    • Ach, ich bin einfach ein bisschen traurig, dass die Zeit damals eben nicht zurück kommt. Aber ich hab durchaus die Hoffnung, dass es zwar anders, aber genauso schön wird. 🙂

      Mein Text ist natürlich stark durch die aktuelle Situation geprägt: Winter, Dunkelheit, Kälte, ein unausgelastetes und großteils tobendes Hübchen.

      Haha, wenn ich irgendeinen Schluss aus meinen Gedanken ziehen muss, dann ist es wohl echt dieser: Gepriesen sei dieser Geburtstermin im Juli! Das wird ganz sicher alles so viel leichter machen.

      Danke für deine Worte!

      • Also mit dem Sommer magst du ja recht haben… alle meine Kinder sind Sommerkinder 😉 …

  4. Interessant… ich verstehe deine Gedanken, habe aber komplett entgegengesetzte! Wir basteln gerade am zweiten Baby, und ich stelle mir die Babyzeit mit einem zweiten Kind so viel einfacher und unbeschwerter vor. Beim ersten war ich sehr angespannt, teilweise verzweifelt, und es kam mir vor, als würde diese enervierende Langeweile, gepaart mit Anstrengung, nie ein Ende nehmen. Jetzt weiß ich ja: es wird alles sehr schnell anders, und ich weiß inzwischen besser, wie der Hase läuft. Ich werde das ganz anders genießen können. Anders als du finde ich es aber auch extrem prima, wenn sie anfangen herumlaufen und den ganzen Tag „NEIN“ schreien. Kann ich sehr viel besser verknusen als herumkriechen, Baby schleppen und wortloses Gebrülle…
    Es liegt aber wahrscheinlich immer an den individuellen Erfahrungen beim ersten Kind. Ich hatte nie Probleme mit Vereinbarkeit, sowohl der Vater vom ersten Kind als auch der potentielle vom zweiten Kind arbeiten Teilzeit, meine Beziehung damals war sehr schwierig und jetzt ist es deutlich besser. Ich kann also nur gewinnen…

    • Ja, da ist auch was dran. Langeweile war in der Babyzeit bei mir auch ein Thema. Deswegen habe ich auch wieder gearbeitet als das Hübchen 6 Monate alt war. Langeweile werde ich mit zwei Kindern wohl kaum haben, das sehe ich echt positiv!

      Und genau wie du bin ich ja auch eigentlich mehr für die größeren Kinder, darüber hatte ich auch schon mal gebloggt: http://kinderhaben.de/die-liebe-fuer-das-grosse-kind/

      Ich glaube, es ist auch einfach diese extreeeem anstrengende Phase, die das Hübchen gerade hat, die mir dann auch in Gedanken an das neue Baby Sorgen bereitet. Aber ich habe gestern Abend schon mit dem Mann überlegt: Eigentlich ist es gut, dass die Phase jetzt so schlimm ist. In einem halben Jahr ist es dann bestimmt wieder leichter.

      Euch viel Erfolg bei der Produktionsphase zweites Kind. 😉

      • Danke. Und aus der Perspektive einer Mutter mit 3,75jährigem Kind: es wird sehr viel besser. Ein reiner Spaziergang ist das inzwischen, wenn man es mit der akuten Trotz/Autonomiephase vergleicht, und das meine ich ganz unironisch. Hast du aber wahrscheinlich schon öfter gehört 🙂

  5. Lena

    Schöner Blog!
    Jetzt mit dem zwei Monate alten zweiten Kind im Arm: es ist für mich die Wahnsinns Herausforderung- doppelt so anstrengend und doppelt so schön.
    Ich muss doppelt so geduldig sein, doppelt so organisiert…
    Und es klappt, jeden Tag ein bisschen besser. Ich wachse über mich hinaus, werde immer ein bisschen geduldiger und organisierter, wir kommen langsam an in einem ganz neuen Alltag.
    Ich hatte in der Schwangerschaft Angst, dass man nicht zwei kleine Menschen so sehr lieben kann, wie diesen ersten kleinen Lieblingsmenschen – und man kann. Die Liebe zu den beiden beeinflusst sich nicht gegenseitig. Es sind unterschiedliche Kinder, die ich jedes für sich liebe. Dieses unglaubliche Glück ZWEI so wunderbare Kinder zu haben ist überwältigend und dafür lohnt es sich. Ganz nebenbei bin ich an Abenden von guten Tagen immer ein ganz klein wenig stolz auf mich 😉

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