Worüber man noch schreiben darf

Neulich habe ich mir hier im Blog einen Kommentar eingefangen, über den ich ziemlich grinsen musste: Ich solle doch bitte mal aufhören mit diesen doofen Berichten à la „Unser neues Baby ist sooo süß“. OK, dachte ich, natürlich kann ich es nicht allen recht machen. Den einen jammere ich zu viel, die anderen sind genervt, wenn ich davon schreibe, wie gut es uns gerade geht. Wie man’s macht, macht man’s falsch!

Jetzt könnte man sagen: Da spricht ja bloß der Neid! Und ja, ehrlich gesagt war das auch mein erster Gedanke. Ich erzähle im Blog, wie toll mein neues Baby ist und handle mir gleich einen frechen Kommentar ein. Da ist wohl jemand neidisch! Bloß ist Neid eben nicht der einzige Faktor, der für kritische Kommentare sorgt. Viel kniffliger wird es nämlich dann, wenn nicht nur Neid eine Rolle spielt, sondern auch Verletzungen, Sorgen oder ein schlechtes Gewissen.

Und vielleicht geht es auch oben zitierter Leserin einfach schlecht: Ihr Baby ist nicht so pflegeleicht wie mein Räupchen, schreit vielleicht viel, kommt ihr anstrengend vor. Und ehrlich: I feel you sister! Mir liegt es ja fern, zu behaupten, mit Baby wäre alles immer super easy. Da reicht es ja, einen Blick in meine vielen anderen Blogposts zu werfen, in denen ich zum Beispiel über das Baby-Hübchen oder Kleinkind-Hübchen schreibe, das ein durchaus fordernderes Gemüt hatte und hat, als unser Räupchen es bisher zeigt.

Die eigene Unzulänglichkeit vor Augen

Also ja, blöde Kommentare entstehen sicher oft aus eigener Frustriertheit. Und ich kenne viele Frustrationen selbst und kann das in dieser Hinsicht also bis zu einem gewissen Punkt durchaus nachvollziehen. Was meint ihr, wie ungern ich die Feel-good-Artikel der einschlägigen Attachement-Parenting-Muttis lese, die ja augenscheinlich nie auch nur irgendetwas falsch machen. Diese Texte halten mir meine eigene Unzulänglichkeit vor Augen und das macht mich nicht gerade glücklich.

Trotzdem ist es OK, dass diese Texte geschrieben werden. Und sogar wichtig. Weil es ja kein Grund sein kann, Fakten nicht zu benennen, nur weil irgendeine Frau da draußen sich deswegen schlecht fühlen könnte. Stark betroffene Themenfelder sind in diesem Zusammenhang ja auch die Geburt und das Stillen.  Sobald ich oder jemand anderes irgendetwas positives über natürliche Geburten oder das Stillen schreibt, kann man langsam von 10 rückwärts zählen, bis der erste beleidigte Kommentar kommt.

Irgendwer fühlt sich immer angegriffen

Zuletzt hatte ich den Fall, als ich auf meiner Facebook-Seite einen Artikel über die gesundheitlichen Vorteile des Stillens geteilt hatte. Es ist schließlich wissenschaftlicher Fakt, dass Muttermilch viele wichtige Immunstoffe enthält und z.B. ihre Zusammensetzung ändert, sobald das Baby krank wird. Ein wahres Wundermittel! Prompt fühlte sich jedoch eine Mutter angegriffen, die ihre Kinder nicht gestillt hatte. Das sei ja alles Quatsch und ihre nicht gestillten Kinder seien auch nie krank gewesen!

OK, denke ich. Ist doch schön! Aber was genau hat das jetzt mit den Vorteilen des Stillens zu tun? Nur weil der Artikel sagt, dass gestillte Kinder viele gesundheitliche Vorteile genießen, behauptet er ja nicht, dass alle nicht gestillten Kinder automatisch die komplette gesundheitliche Arschkarte haben.

Nur weil ich positiv über das eine schreibe, verurteile ich damit nicht das andere!

Dasselbe Problem gibt es oft beim Thema Geburt. Kaum schreibt jemand über die Schönheit einer natürlichen Geburt, gehen die Kaiserschnittmütter auf die Barrikaden: Ihre Geburten seien auch schön gewesen und sowieso und überhaupt fühlten sie sich diskriminiert. Ein feministisches Magazin hat in der Vergangenheit sogar mal einen Gastartikel von mir abgelehnt, weil es den Begriff „natürliche Geburt“ darin nicht lesen wollte – er würde vaginale Geburten (das war der favorisierte Begriff der zuständigen Redakteurin) glorifizieren und außerdem Kaiserschnitte diskreditieren.

Ich habe den Text dann freiwillig zurückgezogen. Weil ich mir Sprache nicht vorschreiben lasse. Und weil ich nach wie vor der Überzeugung bin: Nur weil ich positiv über das eine schreibe, verurteile ich damit doch nicht das andere! Nur weil meine Lieblingsfarbe Grün ist, sage ich damit doch nicht, dass ich Rot hasse! Nur weil ich Katzen lieber mag, verpasse ich Hunden damit doch nicht automatisch einen verbalen Tritt!

Und beim Thema Geburt kommt hinzu: Eine natürliche Geburt ist nun mal eine natürliche Geburt, da die Natur das eben so für uns Menschen, genauso wie für die Tiere, vorgesehen hat. Was ja übrigens nicht heißt, dass es immer die positivste Variante ist. Die Natur kann schließlich grausam sein: Viele Frauen und Kinder, die heute durch einen Kaiserschnitt gerettet werden, wären früher einfach gestorben. Natürlichkeit ist ja nicht immer und unbedingt die beste Wahl.

Begründete Vorteile gehören auch benannt

Trotzdem finde ich, dass die Vorteile einer natürlichen Geburt oder auch des Stillens benannt gehören. Immerhin geht es dabei nicht um irgendeine esoterische Natürlichkeitsdebatte, sondern um medizinische Fakten. Ich selbst, als nicht gestilltes Kaiserschnittkind, meine mit meinem nervösen Verdauungstrakt und einem nicht allzu widerstandsfähigen Immunsystem die Folgen bis heute zu spüren. Und die Studien zeigen, dass das wohl keine ausschließlich subjektive Wahrnehmung ist, sondern dass es da tatsächlich medizinisch-emprirische Zusammenhänge gibt.

Klar kann ich verstehen, dass solche Fakten schmerzen, wenn man dadurch z.B. feststellt, seinen Kindern nicht den besten Start ins Leben ermöglicht zu haben. Meine Mutter ist bis heute nicht glücklich darüber, zwei Kaiserschnitte gehabt und ihre Kinder nur sehr kurz gestillt zu haben. Aber sollte sie sich deswegen davon angegriffen fühlen, dass andere Mütter über ihre positiven Erfahrungen mit natürlichen Geburten und Stillen berichten?

Sicher nicht! Denn kaum eine Mutter, kaum ein Mediziner oder eine Wissenschaftlerin, die die positiven Aspekte von natürlichen Geburten oder dem Stillen betonen, würde gleichzeitig das Urteilsbeil über jenen Frauen schwenken, die ihre Kinder nicht natürlich geboren oder nicht gestillt haben. Zumal es gerade in diesem Bereich meiner Meinung nach sowieso keine Schulddebatte geben darf, da die wenigsten Frauen sich freiwillig für diese Wege entschieden haben. Schuld haben meist unglückliche Umstände gepaart mit einer mangelhaften Unterstützung.

Toleranz hilft

Urteile zu fällen liegt auch mir also enorm fern. Eine der besonders positiven Nebenwirkungen der Mutterschaft ist für mich nämlich das wahnsinnig gesteigerte Maß an Toleranz. Ja, ich bin mit den Jahren tatsächlich immer toleranter gegenüber anderen Lebensstilen, Einstellungen und Wünschen geworden. Weil das Leben mit Kindern nun mal für jede Familie anders ist und in allen Fällen große Herausforderungen bereithält.

Da fühlt die eine sich bereit, nach einigen Monaten mit Baby schon wieder ihrem Beruf nachzugehen. Die andere bleibt drei Jahre Zuhause und kriegt dann gleich das nächste Baby hinterher. Erstere bin in diesem Fall ich, zweitere ist eine meiner Freundinnen. Und beides ist total OK, weil es uns und unsere Familien zufrieden macht.

Mit meiner Freundin kann ich darüber sprechen, wie gut es mir tut, schnell wieder zu arbeiten. Ich erzähle ihr von unserer Suche nach einer guten Kinderbetreuung und meiner Überforderung, ganze Nachmittage mit zwei Kindern gestalten zu müssen. Weder fühlt sie sich dadurch in ihrer selbstgewählten Vollzeitmutter-Rolle angegriffen, noch verurteilt sie mich dafür, meine Kinder schon früh betreuen lassen zu wollen. Aber gut, vielleicht verzeihen wir uns gegenseitig auch nur so schnell, weil uns der Fakt verbindet, dass wir beide Hausgeburten hatten. 😉

Nein, glücklicherweise ist letzteres natürlich Quatsch. Und ich bin froh drum, weil ich es so wichtig finde, positive Dinge teilen zu können, auch wenn die oder der andere sie vielleicht gänzlich anders erlebt. Ich werde hier also sicher nach wie vor auch über die positiven Seiten unseres Familienlebens berichten und auch nicht aufhören, für sichere natürliche Geburten zu kämpfen oder über die Vorteile des Stillens zu schreiben. Sicher ist nämlich: Angreifen oder diskreditieren will ich damit niemanden!

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12 Kommentare zu „Worüber man noch schreiben darf

  1. Sandra

    Super geschrieben, und wie Recht du hast!!!
    Also deinem Blog kann man ja nun wirklich nicht vorwerfen, dass er nur über die positiven Aspekte des Kinder-Habens geht 😉 „Negative“ bzw. einfach realistische Beispiele finden sich ja auch genug…C’est la vie!
    Ich freue mich jedenfalls mit dir, dass das Räupchen so pflegeleicht ist und freue mich über weitere positive Artikel! Das macht mir Mut für unsere Kleine, die im Januar kommen wird und hoffentlich ähnlich wird 🙂 🙂
    Am besten solch doofe Kommentare einfach ignorieren und weitermachen wie bisher, ich freue mich über jeden neuen Artikel von dir!

    • Ich warte ja ehrlich gesagt auf den Tag, an dem mir vorgeworfen wird, immer nur übers Räupchen positiv zu berichten und das Hübchen schlecht wegkommen zu lassen. 😉 Aber da muss ich wohl nur sagen: Wartet ab, bis auch da die Autonomiephase zuschlägt. 😀 Hier wird’s also sicher nicht langweilig!

  2. Melanie

    Leben und leben lassen :-*
    Ich ertappe mich ja selbst oft dabei, Dinge einfach ohne Wertung zu betrachten.
    Gut geschrieben.

  3. Katharina

    Warum solltest du jammern wenn du was positives zu berichten hast? Das ist ja nunmal so im Leben, manches läuft toll, anderes nicht so sehr. Ich habe besagten Kommentar auch gelesen und gehofft es sei Sarkasmus, so verbittert kann man doch nicht sein?
    Ich lese jedenfalls alle deine Berichte gern, finde mich auch seeeehr oft darin wieder. Also mach weiter so 🙂

  4. Doreen

    Du hast das ein wenig falsch verstanden, meine Liebe.
    Ich kommentierte deinen zwanzigsten Eiapopeia-süßes-Baby-Post nicht, weil ich frustriert bin (meine Kinder sind längst aus dem „Gröbsten raus“), sondern weil ich von dir endlich wieder qualitativ hochwertige Beiträge erwartete und nicht am laufenden Band Babygesäusel. Aber es wird ja.

    • Es freut mich, dass dir mein kostenloses Unterhaltungsangebot offenbar zumindest in Teilen zusagt. Offen gesagt ist es mir aber pupsegal, ob ich mit meinen Texten deine Erwartungen erfülle. Das hier ist nämlich ein vergnüglicher Blog, den ich in meiner Freizeit befülle. Du willst Qualität? Kauf ein Buch! Aber naja, immerhin ist meine Rechtschreibung einwandfrei.

      • Doreen

        Was du mit der Anspielung auf die Rechtschreibung andeuten willst, ist mir ein wenig schleierhaft.
        Und ja, einen Großteil deiner Artikel halte ich für qualitativ hochwertig und lesenswert, sonst hätte ich nicht kommentiert.
        Dass dir die Meinung deiner Leser „pupsegal“ ist, ist wiederum mir relativ egal – jedenfalls wird es mich nicht davon abhalten, Kritik o.ä. loszuwerden.

        • Na dann, ich freu mich schon. Mit der Rechtschreibung meinte ich nur, dass ich hier immerhin allerhöchste Qualitätsanforderungen erfülle, wie ich finde. Und wenn manche Leser*innen das nicht für Inhalte unterschreiben können, nun, dann ist das eben so. Und nein, mir ist die Meinung meiner Leserinnen sicher nicht egal, denn genau um den Austausch geht es mir ja beim Bloggen. Mir ist es jedoch egal, wenn ich wegen angeblich mangelnder Qualität schief angemacht werde. Weil das hier eben immer noch ein Hobby-Blog ist, mit dem ich kein Geld verdiene und den ich vor allem zu meinem privaten Vergnügen betreibe. Wenn einzelne Leserinnen dann der Meinung sind, die Latte höher hängen zu müssen – bitteschön, aber daran werde ich mich nicht messen. Insofern: pupsegal!

  5. Nicole

    Hallo Sophie.Ich habe dich und dein Räupchen und das Hübchen erst vor kurzem gefunden und bin darüber sehr glücklich!!
    Wenn ich etwas in der Schwangerschaft oder auch jetzt mit Kleinkind gelernt habe,dann dass die Mütter-Mafia echt überall ist…nie zuvor wurden mir so viele Fragen beantwortet,die ich gar nie gestellt hatte…und auf meinem Schlingerkurs zwischen Wunscherziehung und der harten Realität mit Kleinkind in der Autonomiephase (TrotzPhase darf man ja nicht mehr sagen…selbst,wenn es sich so anfühlt…)freue ich mich über jeden deiner Beiträge!!Die „realitätsnahen“ geben mir ein Gefühl von Verständnis, die „positiven“ lassen mich hoffen!😉😘
    Mach weiter so!!!

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