Windelfrei – Ein Erfahrungsbericht

„Abhalten? Wovon denn?“, fragte sich Gastautorin Julia, bevor sie von Windelfrei gehört hatte. Mittlerweile gehört sie selbst zu den Eltern, die ihre Babys regelmäßig über einem Töpfchen „abhalten“, anstatt sie in die Windel machen zu lassen. Hier erzählt sie euch von ihrer Erfahrung mit der wohl natürlichsten Art der Sauberkeitserziehung. Wenn euch außerdem interessiert, wie „trocken werden“ so geht, wenn die Kinder bisher nur an Windeln gewöhnt waren, dann könnt ihr hier nachlesen, wie das zweijährige Hübchen sich mit Töpfchen und Toilette so anstellt.

Windelfrei – Ein Erfahrungsbericht von Gastautorin Julia

„Was, der trägt gar keine Windeln?!“ Ich schaue ungläubig auf ein 4 Monate junges Baby, welches nur mit Body und Stulpen bekleidet ist. Dann wieder zu seiner entspannten Mutter, dann wieder zum Baby. „Ich muss den Jonas schnell abhalten, der muss schon wieder.“ Abhalten? Von was denn? Spinnt die?

Meine erste Begegnung mit Windelfrei war alles andere als positiv. Das ist ja mega anstrengend! Und da geht bestimmt super viel daneben! Oder? Ich brauchte ein paar Anläufe, um mich mit dem Konzept anzufreunden. Drei Monate vor Geburt machte ich mir nicht viel Gedanken übers Wickeln. Aber ganz ohne Windeln? Auf der Straße sprachen mich enthusiastische Mütter an und erzählten einfach so von ihren entspannten, windelfreien Babys. Sollte da wirklich was dran sein?

Babys signalisieren, wenn sie müssen

Ich begann, viel über das Thema zu lesen und war begeistert! Das Konzept klang einfach: Babys geben Signale von sich, wenn sie mal müssen. Auch schon die ganz Kleinen. Eigentlich wollen sie gar nicht in die Windel machen, doch da wir es ihnen so beibringen, verlieren sie irgendwann ihre Signale. Das klang alles plausibel. In vielen Ländern der Welt ist es nämlich selbstverständlich, dass Babys keine Windeln tragen.

Doch was ich noch viel besser fand: Bei Windelfrei dreht es sich nicht um verfrühte Sauberkeitserziehung. Es geht vielmehr um die Kommunikation mit dem Baby. Wir nehmen die Bedürfnisse des Babys wahr, geben ihm die Möglichkeit, sich zu entleeren, und dafür ist es entspannt und zufrieden. Von Unmengen an Müll, die Plastikwindeln produzieren, ganz zu schweigen. Mein Mann und ich waren jedenfalls super motiviert. Wir besuchten einen dreistündigen Windelfrei-Workshop und lernten alles Wichtige: die verschiedenen Signale, die beste Windelfrei Ausstattung, geeignete Kleidung, und und und…

Unser Windelfrei-Start

Nun waren wir topfit, um mit Windelfrei zu beginnen. Gleich nach der Geburt fingen wir an, unsere Tochter Frida abzuhalten. Und zwar über ein kleines Töpfchen, das aussieht wie ein umgedrehter Zylinder, das sogenannte „Asia Töpfchen“ – und DAS Must Have im Windelfrei-Alltag. Mein Mann Robert übernahm das Abhalten zu Beginn. Die kleine Frida war noch so zerbrechlich, dass ich gar nicht wusste, wie ich sie beim Abhalten anfassen sollte. Am Anfang hielten wir sie immer beim Wickeln und nach dem Aufwachen ab. Irgendwie merkte man ihr es wirklich schon an. Sie wurde unruhig, irgendwie unentspannt… und oh Wunder, es klappte tatsächlich! Jedes Pipi, das wir auffingen, war wie ein kleiner Triumph.

Meistens zumindest. Mit den Wochen änderten sich auch ihre Signale. Manchmal lachte sie, wenn sie musste. Manchmal meckerte sie. Manchmal ließ sie sich auch gar nichts anmerken. Beim Stillen, nach dem Aufwachen und im Tragetuch zeigte sie jedoch stets zuverlässig an.

Die meiste Zeit sah Frida aus, wie ein typisches Windelfrei Baby. Unten ohne und mit Stulpen bekleidet. So hatten wir den besten Überblick, wie oft sie am Tag macht – und das war in den ersten Monaten sehr, sehr oft. Unsere Wohnung glich einer Maler Baustelle – wir hatten alles mit wasserdichten Unterlagen ausgelegt. Unfälle passierten dann trotzdem meistens genau da, wo keine Unterlage lag – am liebsten auf der Couch, im Bett oder auf unseren Körpern.

Windelfrei nachts – nicht ganz so einfach

Unterwegs, bei Besuch und nachts trug sie jedoch immer Stoffwindeln -der Bequemlichkeit halber. Merkten wir ihr trotzdem an, dass sie muss, zogen wir ihr die Windel aus und hielten sie ab. Das erste Mal nachts ohne Windel wagten wir, als Frida 2 Monate alt war – viel zu früh. Im Schlaf zeigte Frida rein gar nichts an und lies es einfach vor sich hin laufen. Ergebnis: Eine ziemlich voll gepullerte Matratze und übermüdete Eltern am nächsten Tag. Das ließen wir ganz schnell wieder sein. Nach drei Monaten hielten wir sie erfolgreich bei jedem großen Geschäft ab. Ab und zu passierten noch Ausrutscher – aber insgesamt wir hatten fast keine Kacka-Windeln mehr. Frida wusste, was wir von ihr wollten, und grinste jedes Mal, wenn wir ihre Signale richtig deuteten. Sie fing sogar richtig an zu meckern, wenn sie musste.

Nach 5 Monaten entwickelte sich so etwas wie ein Rhythmus: Frida verrichtete ihr großes Geschäft jeden Tag zur gleichen Zeit. Pipi zeigte sie uns so zuverlässig an, dass wir ihr keine Windeln mehr anzogen, sondern kleine Schlüppis. Wir rasteten fast aus vor Freude. War sie jetzt etwa schon trocken? Wir wagten einen neuen Versuch nachts. Und siehe da: Es klappte. Sie musste nur 2 bis 3 Mal, wurde unruhig, wir hielten sie ab und dabei schlief sie schon über dem Asia Töpfchen wieder selig ein. Die Freude hielt jedoch nur eine Woche an.

Der Windelfrei-Streik

Es folgte der Windelfrei-Streik. Ob es an einem Wachstumsschub lag oder den Zähnen – wir wissen es nicht. Frida wollte jedenfalls partout nicht mehr abgehalten werden – obwohl wir wussten, dass sie muss. Über dem Asia Töpfchen schrie sie und machte sich steif. Legten wir sie hin, ließ sie es freudig laufen. Also zogen wir ihr wieder Stoffwindeln an. Das Geschrei war groß. Beine wurden zusammen gekniffen und gemeckert, was das Zeug hält. Sie hatte sich so an die Freiheit unten rum gewöhnt, dass sie einfach keine Windel tragen wollte. Aber sie ließ sich auch nicht abhalten. Ein Teufelskreis…

Jetzt ist Frida 7 Monate alt. Im Tragetuch ziehen wir ihr grundsätzlich keine Windel an, da zeigt sie alles deutlich an. Tagsüber trägt sie Stoffwindeln. Krabbeln und die Welt entdecken ist nun mal viel interessanter, als sich auf seine Ausscheidungen zu konzentrieren. Nachts halten wir gerade nicht ab. Da streikt sie und möchte lieber schlafen und laufen lassen, als von uns aus dem Schlaf gerissen zu werden. Kacka Windeln haben wir schon seit ein paar Monaten nicht mehr…

Windelfrei macht Spaß!

Mein Fazit: Windelfrei macht Spaß. Klar, es ist etwas aufwendig: Wir müssen Frida stets genau beobachten und ihre Signale richtig deuten. Aber wir merken ihr an, wie glücklich und entspannt sie ist. Am liebsten mag sie es sowieso ganz nackig. Und letztens bei einer Bekannten erlebte ich ein lustiges Déjà-Vu: Beim Ausziehen merke ich, dass Fridas Stoffwindel noch trocken war und sagte: „Ich muss die Frida schnell abhalten, die muss mal.“ Meine Bekannte entgegnete verwirrt: „Abhalten? Von was denn?“

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