Wie ich mein Kind einmal fast an durchreisende Schlawiner verkauft hätte

Es begab sich zu einer Zeit, als ein Kind namens Hübilein sich sehr widerspenstig benahm. In dieser Zeit verging kaum ein Tag, da die Mutter des schreienden, tretenden, schlagenden, beißenden oder verzweifelt weinenden Kleinkindes sich nicht mit Überlegungen trug, das zappelnde Wesen einfach an durchreisende Schlawiner zu verkaufen. Denn die zahlen, wie wir wissen, immer noch die besten Preise für Kinder. Dass die Mutter es dann doch nicht tat, lag wohl in ihrem weichen Mutterherz begründet. Ein sanftes Lächeln des Kindes und das Mutterherz schmolz dahin. Bis zum nächsten Wutanfall. Oh, es klingelt an der Tür! Ob das die Schlawiner sind?

Manchmal bleibt keine andere Möglichkeit, als die kleinkindlichen Wutanfälle und Verzweiflungsattacken mit einer guten Portion schwarzem Humor zu betrachten. Ich bin den Humoristen Eilert, Gernhardt und Knorr sehr dankbar für ihre Erfindung der durchreisenden Schlawiner. Die Geschichte des Ehepaars, das in einem Streit ganz nebenbei den Verkauf ihres Sohnes Hansel an durchreisende Schlawiner thematisiert, gehörte schon immer zu meinen Lieblingsgeschichten. Wenn mein Sohn nun einen seiner täglichen Ausraster hat, bringt ein kleiner Gedanke an die Schlawiner mich zum Schmunzeln und schon ist alles nur noch halb so wild. Zumindest fast.

Denn mal ehrlich: Kleinkinder in der Autonomiephase sind so ziemlich das anstrengendste, das man sich vorstellen kann. Ich habe es mir nicht im Ansatz so anstrengend vorgestellt. Und es gehört wohl zur Natur der Sache, dass nur die zum jeweiligen Kind gehörenden Eltern das ganze Ausmaß der Katastrophe kennen.

Wenn meine Mutter, was Hübis Oma ist, mir noch ein einziges Mal erzählt, unser Sohn sei ja immer so brav, wenn er bei ihnen ist, möchte ich meinen Kopf gegen eine sehr harte Wand schlagen, und zwar ohne Helm. Wenn Freunde von mir betonen, unser Sohn sei im Gegensatz zu anderen Kindern, die sie kennen, ja so ein nettes und sympathisches Kind, dann freue ich mich und hoffe heimlich, dass wir uns nun sehr lange nicht mehr wiedersehen – zumindest so lange, bis unser Kind ein kleines bisschen Vernunft, Empathie und Rücksichtnahme gelernt hat. Denn wenn andere Menschen unseren kleinen Krawallo gerade als unauffällig erleben, dann ist das ehrlich gesagt schlichter Zufall und natürlich der Tatsache geschuldet, dass Kinder sich im Kontakt mit anderen immer anders verhalten als Zuhause.

Es schreit, kreischt, plärrt, tritt, beißt, schlägt und befiehlt

Die Wahrheit sieht gerade so aus: Unser Hübchen schreit, kreischt, plärrt, tritt, beißt, schlägt und befiehlt. In seiner Welt gibt es gerade nur einen Gedanken: Ich. Will. Alles. Sofort!!! Die gute Nachricht ist: Das ist normal. Man nennt das „Autonomiephase“. Die schlechte Nachricht ist: Wir müssen da durch. Und es dauert noch an.

Es gibt die guten Tage, da habe ich einen kleinen ausgeglichenen Sonnenschein, der beim Windeln wechseln in aller Seelenruhe ein Buch liest, eine halbe Stunde lang alleine Duplotürme baut, mit seinen Buntstiften malt oder mir beim Kochen und Wäsche aufhängen hilft. Nach einem solchen Tag frage ich mich immer, warum ich sonst so oft abends völlig fertig und erschöpft bin. Am nächsten Tag weiß ich es dann wieder. Dann nämlich, wenn der kleinste Grund ausreicht um meinen Sohn ausrasten zu lassen. Wenn er beim Pfannkuchenteig rühren nicht alle zehn Eier aus der Packung in die Schüssel schlagen darf. Wenn er nur einen und nicht fünf Kekse kriegt. Wenn sein Duploturm umkippt. Dann gibt es kein Halten mehr. Zum Abreagieren schreit und kreischt er oder schlägt mit Vorliebe auf seine arme Mutter ein. Die dann nach den durchreisenden Schlawinern ruft.

Es fällt mir wirklich oft sehr schwer, ruhig zu bleiben. Ich habe schon zurückgeschrien. Ich habe auch schon die Küchentür abgeschlossen und drei Mal sehr tief durchgeatmet, bevor ich mich dem kleinen Wüterich wieder stellen konnte. Mein Kind bringt mich im Moment täglich an die Grenzen des Erträglichen.

Mein Kind ist weder ruhig noch unkompliziert

Dabei hatte ich schon geahnt, dass die Autonomiephase meines Sohnes keine von den unauffällig verlaufenden werden würde. Von Hausgeburtsbabys sagt man ja sonst immer, sie seien so ruhig und unkompliziert. Unser Baby schrie die erste Stunde seines Lebens erst mal durch, völlig empört darüber, sein heimeliges Zuhause in Mamas Bauch verlassen haben zu müssen. Im gesamten ersten Lebensjahr war unser Hübchen nicht unbedingt das, was man ein „einfaches“ Baby nennt, aber insgesamt arrangierten wir uns ziemlich gut mit unserem anspruchsvollen Kind.

Wir durften unser Baby nur selten irgendwo hinlegen. Kochen, staubsaugen, Wäsche aufhängen – alles musste mit Kind im Tragetuch gehen. Das Babybett wurde kaum genutzt. Bis heute schlafen wir zu dritt in einem Bett und gerade weil ich durch meinen Job viele Stunden am Tag ohne mein Kind verbringe, genieße ich die nächtliche Nähe sehr. Mittlerweile bin ich tatsächlich dankbar für mein anspruchsvolles Kind. Ich weiß, dass ich meinem Sohn vermutlich deutlich weniger Nähe gegeben hätte, wenn er diese Nähe nicht so eindrücklich eingefordert hätte. Wäre mein Hübchen ein „einfacheres“ Kind gewesen, ich hätte es wohl allein in seinem Zimmer schlafen lassen, ich hätte es weniger getragen, weniger Körperkontakt zugelassen, mich insgesamt weniger mit ihm beschäftigt.

Wie machen die anderen Mütter das nur?

Trotzdem kann ich mich manchmal nicht von Neid freimachen. Wenn ich andere Mütter mit ihren wahnsinnig braven Kindern in Cafés sitzen sehe, die stundenlang Kaffee trinken und mit Freundinnen quatschen, während die lieben Kleinen verträumt auf Mamas Schoß sitzen oder sogar im Buggy Nickerchen machen, fühle ich mich manchmal isoliert. Wenn mein Sohn irgendwo dabei ist, kann ich mich meistens keine fünf Minuten auf andere Menschen oder andere Dinge konzentrieren.

Nicht mal ein normaler Einkauf ist möglich. Der letzte Besuch im Supermarkt endete in einem totalen Fiasko, nach dem ich mir schwor, nie, nie, nie wieder mit Kind einkaufen zu gehen. Mein Sohn sitzt nicht brav im Einkaufswagen, sondern klettert sofort raus und bringt sich in Lebensgefahr. Dann spielt er Verstecken hinter all den hohen Regalen oder baut Pyramiden aus Weinflaschen. Ich bin eine von diesen Müttern, über die ich früher gedacht hätte „Mein Gott, die Alte hat ihr Blag echt nicht im Griff“. Und genauso gucken die Leute mich auch an.

Ich habe mein Kind nicht im Griff

Und es stimmt: Ich habe mein Kind echt nicht im Griff. Aber mittlerweile habe ich verstanden, dass das auch einfach nicht geht. Egal, wie streng ich bin, welche Bestechungsmittel ich ausprobiere oder wie einfühlsam ich meinem Sohn zu erklären versuche, dass sein Verhalten gerade indiskutabel ist: Es funktioniert nicht. Sein Kleinkindgehirn funktioniert einfach noch nicht so, wie unsere Erwachsenengehirne. Und seine Gene haben ihm offenbar einen sehr starken Willen und ziemlich viel Durchsetzungskraft mitgegeben.

Ja, es gibt sie wohl, diese Kinder, die sich leichter fügen und einen weniger starken Willen haben. Und ehrlich gesagt wünsche ich mir manchmal so ein Kind, wenn meines mich mit seinem Dickkopf mal wieder in den Wahnsinn treibt. Aber so ist er eben, mein kleiner Krawallo, so war er schon immer und so liebe ich ihn.

Mit der Zeit wird er lernen, seine Gefühle in geregeltere Bahnen zu lenken. Er wird verstehen, dass er sich im Straßenverkehr an Regeln halten muss, weil er sich sonst in Gefahr bringt. Er wird Empathie entwickeln und begreifen, dass es mir weh tut, wenn er mich haut oder dass ich mir Sorgen mache, wenn er einfach wegläuft. Die Zeit wird kommen und mein Hübilein wird ein vernunftbegabtes Kind werden, da bin ich mir sicher. Und solange tröste ich mich mit dem Gedanken, dass durchreisende Schlawiner immer noch die besten Preise für Kinder zahlen.

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Ein Kommentar zu „Wie ich mein Kind einmal fast an durchreisende Schlawiner verkauft hätte

  1. Doreen

    Hi, nach der Mail vorhin noch 1 Kommentar: OH JA. Ich sehe mich da sehr. Unser Kleiner als winziges Baby ganz harmlos am schlafen entwickelt sich immer mehr zu einem kleinen Wüterich, jetzt ist das schlimmste überstanden hab ich das Gefühl, das Gebrüll ist nicht mehr ganz sooft und manchmal bringt er mir einfach so ein Kissen für meinen Schwangerenbauch, Das verbuche ich mal unter Empathie. Alles Gute aus der Provinz D.

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