Wenn das Kind seine Großeltern nicht kennt

Das Hübchen ist ein ziemlich pfiffiges Kind. Klar denken das vermutlich alle Eltern über ihre Kinder. Aber gerade weil ich persönlich im Allgemeinen nicht viel Ahnung von anderen Kindern habe, bin ich vielleicht besonders oft erstaunt darüber, was der dreijährige Sohn schon alles versteht. Zuletzt betraf das die Verwandtschaftsbeziehungen.

Das Hübchen hat eine sehr enge Bindung zu seinen Großeltern, was meine Eltern sind. Er verbringt mindestens einen Nachmittag pro Woche bei den beiden. Meist ist das der Freitag und am Abend gibt es dann Geschrei, wenn wir ihn abholen wollen: Das Kind will bei den Großellis übernachten! Zuhause ist es doof! Opa und Oma sind viel cooler! Manchmal kriegt er seinen Willen – und wir haben den Rest des Wochenendes Probleme, das Hübchen wieder daran zu gewöhnen, dass er nicht alles kriegt, was er will. Bei den Großeltern herrschen nun mal andere (sprich: mehrheitlich keine) Regeln. Aber so soll es sein und es sei dem Kind gegönnt.

Jedenfalls hat das Hübchen zwei ihn sehr liebende Großeltern, was vor allem für ihn selbst sehr schön ist – und natürlich auch für uns, weil meine Eltern uns wirklich sehr entlasten. Vor allem finde ich schön, dass mein Kind in einem etwas erweiterten familiären Kontext aufwachsen kann. Bei uns gibt es nicht nur Mama-Papa-Kind, sondern auch noch Oma und Opa, einen Onkel und die Patentante.

Und seit neuestem rezitiert das Hübchen gerne die Verwandtschaftsverhältnisse. „Oma B. ist deine Mama“, sagt das Hübchen zu mir. „Und Opa G. ist dein Papa!“. Ich bin beeindruckt und staune nicht schlecht, als das Kind mir anschließend noch die Geburtsmonate aller Familienmitglieder aufzählt – sogar in der richtigen Reihenfolge. Das Hübchen weiß, dass wir als nächstes Omas Geburtstag feiern, und danach meinen – und dass er erst fast zum Schluss wieder dran ist. Was ihn nicht daran hindert, seine Geburtstagsparty schon mal gründlich zu planen.

„Wer ist eigentlich dein Papa?“

Und während das Hübchen noch dabei ist, über Geburtstage und Familienmitglieder zu schwadronieren, hält er plötzlich inne, guckt seinen Papa an und fragt: „Wer ist eigentlich dein Papa?“. Und der Mann und ich gucken uns etwas ratlos an. Was sagen wir nun unserem schlauen Dreijährigen? Das Hübchen wartet nicht auf Antwort, sondern rät einfach selbst drauflos: Vielleicht Onkel M. (mein Bruder)? Oder Stefan (ein Freund)? Wir müssen lachen und der Mann sagt: „Meinen Papa kennst du nicht. Aber das ist nicht schlimm.“

Das Hübchen kennt in der Tat nur die eine Seite der Familie, weil wir zu der anderen Seite keinen Kontakt haben. Die Gründe dafür sind vielschichtig und privat und haben auf einem Blog nichts verloren. Die Tatsache aber bleibt: Das Hübchen hat verstanden, dass jedes Kind eine Mama und einen Papa hat – und dass er nur meine Eltern kennt, nicht aber die des Mannes.

Also stehen wir nun vor der Aufgabe, unserem Sohn zu erklären, dass der Papa zwar Eltern hat, dass diese jedoch keine Rolle in seinem Leben spielen. Aktuell ist das noch ziemlich leicht. Das Hübchen nimmt die Information auf und sieht sie als selbstverständlich an. Ich bin jedoch gespannt, was wir später alles erklären müssen.

Familie ist eben nicht immer cool. Aber das hat vermutlich auch nie einer behauptet. Manchmal lernt man eine funktionierende, liebevolle und tolerante Familie erst richtig zu schätzen, wenn man auch negative Erfahrungen machen musste. Ich bin heute umso glücklicher über meine großartige Familie. Und damit meine ich natürlich den Mann und das Hübchen, aber auch meine Eltern und alle, die außerdem Familie für mich bedeuten. Verständnis zu haben, immer füreinander da zu sein und auch andere Meinungen, Gefühle und Lebensmodelle auszuhalten als die eigenen: Das klappt bei uns eigentlich ganz gut. Und das macht mich sehr glücklich. Muss doch auch mal gesagt werden, so kurz vor Weihnachten.

Schöne Feiertage!

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