Weihnachtsfeier der Kulturen

Vorweihnachtszeit bedeutet für viele Familien vor allem auch eins: Terminstress. Je mehr Familienmitglieder, desto mehr Weihnachtsfeiern, Weihnachtsmarktbesuche mit Kollegen und Verpflichtungen im weiteren familiären Kreis. Wir sind bisher nur zu dritt, da geht das Ganze noch. Und für die Weihnachtsfeier bei unserer Tagesmutter halten wir uns gerne einen Termin im Kalender frei. Denn das wird bestimmt ein sehr schöner Nachmittag – mit vielen Kindern, Eltern, Großeltern, Kulturen und Sprachen. Denn unser Hübchen ist das einzige Kind in seiner Gruppe, das nur eine einzige Sprache spricht!

Wobei ich manchmal vermute, dass das gar nicht stimmt, denn manchmal spricht mein Sohn auch Zuhause in fremden Zungen. Seine Oma hat er schon an den Rand des Wahnsinns getrieben, als er ausdauernd und mit steigender Verzweiflung einen „Dodut!!“ forderte. Dass hier ein „Joghurt“ gemeint ist, können nur die Eltern wissen (und seine Tagesmutter). Auch das „Beit“, bzw. im Plural die „Beiten“ waren lange Grund zur Verwunderung. Gemeint waren „Pferde“ – und aussprachetechnisch hat sich hier in den letzten Monaten ziemlich was getan. Seit dem letzten Elternabend bei unserer Tagesmutter muss ich aber immer auch eine andere Option in Erwägung ziehen, wenn ich meinen Sohn einmal nicht verstehe: Es kann nämlich sein, dass er zum Beispiel Arabisch spricht!

Denn die Kinder in der Gruppe seiner Tagesmutter sprechen die unterschiedlichsten Sprachen und das Hübchen ist tatsächlich das einzige Kind, das Zuhause mit nur einer einzigen Sprache aufwächst. Neben Arabisch, Türkisch und Urdu (das spricht man in Pakistan) kommt nun noch Französisch oben drauf, denn die Vertretungskraft der Tagesmutter kommt gebürtig aus Frankreich, hat aber, wie unsere Tagesmutter, einen muslimischen Hintergrund. Die Tochter unserer Tagesmutter wächst zweisprachig mit Arabisch und Deutsch auf und auch ein anderes Tageskind spricht fließend Arabisch.

Mehrsprachigkeit ohne babylonisches Chaos

Und so kommt es vor, dass auch die anderen Kinder nützliche Wörter und Sätze aus der arabischen Sprache aufschnappen und wiederholen. Für die Kinder ist das ganz normal und ich bin völlig fasziniert davon, wie leicht kleine Kinder auch mehrere Sprachen wie von allein lernen. Die Mutter des Kindes, das mit seinem pakistanischen Vater Urdu spricht, erzählte mir dann auch, dass ihr Sohn ganz selbstverständlich filtert, mit wem er welche Sprache spricht. Er kommt gar nicht auf die Idee, mit seiner Mutter Urdu zu sprechen – die würde ihn ja eh nicht verstehen! Kinder filtern wahnsinnig lebensklug die Situationen und Gesprächspartner für unterschiedliche Sprachen und zu einem babylonischen Chaos kommt es so ganz sicher nicht.

Daher muss ich wohl kaum Angst haben, dass das Hübchen mich nun Zuhause absichtlich mit arabischem Vokabular verwirrt und sein Kauderwelsch ist vermutlich einfach nur das übliche Gebrabbel eines Zweijährigen, der gerade erst lernt, ganze Sätze zu formen. Denn natürlich spricht er nur mit denjenigen Arabisch, die es auch verstehen!

Eine Weihnachtsfeier mit Christen, Muslimen, Agnostikern und Atheisten

Auf der Weihnachtsfeier werden wir also ein buntes Trüppchen aus Erwachsenen und Kindern mit unterschiedlichen Muttersprachen und kulturellen Hintergründen sein. Ich habe fast die Vermutung, Hübis Oma wird die einzige anwesende praktizierende Katholikin sein. Ich selbst bin aus der Kirche ausgetreten, Mann und Hübi nicht mal getauft. Weihnachten feiern wir trotzdem, weil es ein schönes Familienfest ist. Auf der Weihnachtsfeier treffen sich also Agnostiker, Atheisten, gläubige Christen, nicht praktizierende Muslime und gläubige Muslime mit und ohne Kopftuch und freuen sich über die Traditionen eines christlichen Festes.

Und ich frage mich: Warum kann es nicht immer so einfach sein? Unsere Tagesmutter erzählt, dass sie seit den neuesten Terroranschlägen vermehrt das Gefühl hat, sich als Muslimin rechtfertigen zu müssen. Dabei trägt sie noch nicht mal ein Kopftuch und ist auch ansonsten ein Beispiel für eine Art von „modernem Islam“, der doch immer überall gefordert wird. Und auch wenn sie ein Kopftuch tragen würde, wäre es nicht ihre Aufgabe sich dafür zu rechtfertigen! Wenn wir nun gesellschaftlich in eine Richtung gehen, in der jede/r unter Generalverdacht steht, nur weil er oder sie eine bestimmte Religion hat, den Bart in einer bestimmten Form trägt oder sonst wie „auffällig“ ist, dann macht mir das große Angst, denn in einer solchen Gesellschaft will ich nicht leben!

Niemand muss sich für seine Religion rechtfertigen!

Ich will nicht, dass unsere Tagesmutter meint, sich verteidigen zu müssen. Sie muss mir sicher nicht beweisen, dass sie keine Terroristin ist. Religion wird seit Menschengedenken missbraucht, um Angst und Schrecken zu verbreiten, Machtgefälle zu installieren und Menschen zu unterdrücken. Aber unsere Tagesmutter ist keiner von diesen Menschen, die ihre Religion so missinterpretieren. Für mich ist Religion Privatsache und niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen.

Auf unserer Weihnachtsfeier werden wir bestimmt über unsere Religionen, Traditionen und Kulturen sprechen. Und wir werden es ganz normal finden, verschieden zu sein, andere Feste zu feiern und an unterschiedliche Dinge zu glauben (oder auch nicht zu glauben). Wir werden es auch ganz normal finden, trotzdem die schöne Tradition einer Weihnachtsfeier zu teilen und Unmengen Dominosteine und Printen zu vertilgen.

Was die verschiedenen Religionen und religiösen Konflikte betrifft, denke ich heute einfach immer noch wie ein Kind: Ich verstehe sie nicht. Ich verstehe einfach nicht, warum Menschen andere Menschen nicht tolerieren oder sie sogar aktiv und brutal bekämpfen, nur aufgrund ihrer Religion. Kein Kind der Welt würde das verstehen! Und auch ich stelle mich da ganz dumm. Sicher ist jedenfalls: an unserer multikulturellen Weihnachtsfeier wird das auch niemand verstehen.

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