Was sorgt für gewaltvolle Geburtserfahrungen?

Heute ist der 25. November und das bedeutet auch: Heute ist Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. An diesem Tag findet auch die Roses Revolution statt: Dabei legen Frauen weltweit Rosen an den Orten nieder, an denen sie unter der Geburt Gewalt erfahren haben. Ich habe diesen Tag zum Anlass genommen, gemeinsam mit meinen Leserinnen zu überlegen, aus welchen Gründen Geburten als gewaltvoll empfunden werden. Hier kommt das Ergebnis:

Vor einer Woche habe ich euch dazu aufgerufen, eure Geburtserfahrungen mit mir zu teilen. Ich selbst habe erst eine Geburt erlebt, die ich glücklicherweise als sehr schön in Erinnerung habe. Die Frage, die ich mir schon lange stelle, ist: Warum sind manche Geburten schön, selbstbestimmt und gewaltfrei, während andere Frauen traumatische und gewaltvolle Erfahrungen machen müssen? Ist das immer Zufall? Oder lassen sich bestimmte Muster entdecken, die eine „gute“ Geburt fördern, wohingegen andere Muster dazu führen, dass eine Geburt einen falschen Weg nimmt und für die Frau zu einer schlechten Erfahrung wird?

Ich habe viele, viele Geburtsberichte von euch bekommen und sage an dieser Stelle schon mal: Danke für euer Vertrauen und eure ehrlichen und ungeschönten Erzählungen! Vieles – ob gute oder schlechte Erfahrung – hat mich sehr berührt. Da heute der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen ist, möchte ich nun zunächst euren negativen Erfahrungen Raum geben. In einem späteren Artikel werde ich dann auch eure positiven Berichte verarbeiten und mal genau schauen, was eine gute Geburtserfahrung ausmacht.

Nun aber zur Sache: Welche Gründe und äußeren Bedingungen lassen sich finden, die für „weniger schöne“ bis traumatische Geburtserfahrungen sorgen? Ich habe alle eure Berichte gelesen und konnte folgende Muster herausarbeiten:

1. Zeit- und Personalmangel in den Kliniken

Weit über 90% aller werdenden Mütter gehen zur Geburt in eine Klinik. Der Nachteil dort ist jedoch, dass frau nur selten mit einer 1:1-Betreuung rechnen kann. Viele Kliniken sind überlastet, eine einzelne Hebamme muss sich um mehrere Frauen gleichzeitig kümmern und auch noch den ganzen Papierkram übernehmen. Oftmals beginnt der Spießrutenlauf schon beim Eintreffen in die Klinik:

Tine:
„In einem Abstellraum mussten wir warten bis ich auf das Zimmer kam.“

 

Teresa:
„Um 17 Uhr kamen wir in der Klinik an. An dem Tag war ein hoher Andrang im Kreißsaal und wir mussten erst mal warten. […] Dann wurde ich auch noch sanft darauf vorbereitet, dass ich unter Umständen auf der Liege im fensterlosen Raum meine Tochter zur Welt bringen muss, da alle Kreißsäle besetzt seien.“

Und selbst wenn die Geburt schon deutlich voranschreitet, werden viele Frauen im Kreißsaal allein gelassen – inklusive ihrer Sorgen und Ängste.

Rubbelbatz:
„Eine Wehe folgt der anderen, während die eine abklingt, bahnt sich schon die nächste an. Mein Mann sitzt verzweifelt daneben, während ich schreie und mich winde, und tut sein bestes. Leider ist er kein Geburtshelfer. Die Hebamme sieht hin und wieder nach uns.“

 

Teresa:
„Da sehr viel los war, konnte keine Hebamme bei uns bleiben, ich hätte aber etwas Unterstützung beim Veratmen gebraucht. […] Meine Mann wurde noch schnell zur Anmeldung geschickt, die Hebamme ging aus dem Zimmer und ich war alleine – der schrecklichste Moment der Geburt.“

Werden Frauen unter der Geburt allein gelassen, sorgt das nicht nur für Ängste bei den Frauen, sondern unter Umständen auch zu richtig gefährlichen Situationen, weil Komplikationen nicht oder zu spät erkannt werden:

Kathrin:
„Sie [die Hebamme] ließ mir ein viel zu heißes Bad ein und ließ mich alleine, um die Übergabe zu machen. Mein Kreislauf ging den Bach hinunter und die Klingel war außer Reichweite.“

 

Tine:
„Die Geburt wurde eingeleitet, volle Dosis, das dauerte einen ganzen Tag und dann kam der Wehensturm. Die blöde Hebamme war dauernd weg, der Kreißsaal war voll und ich schrie mir die Kehle aus dem Hals. […] Geburtsstillstand, Kristeller.“

2. Psychische Gewalt durch das medizinische Personal

Leider bedeutet anwesendes Personal jedoch nicht immer Gutes. Denn allzuoft kommt es vor, dass Hebammen oder Ärzt*innen unempathisch handeln, Druck ausüben, den Aussagen der gebärenden Frau keinen Glauben schenken, ihre Wünsche nicht beachten oder diese sogar komplett ignorieren:

Kathrin:
„Die diensthabende Hebamme fand ich am Nachmittag schon doof und ich behielt recht. Da ich keine Wehen auf dem CTG hatte, hatte ich auch keine Wehen.“

 

Tine:
„Wenig Schlaf, sich widersprechende Ärzte – besonders eine junge, die die Augen verdreht hat, als ich vor einer Einleitung um Homöopathie gebeten hatte. Mir wurde nicht geglaubt, dass ich leicht Fruchtwasser verliere, weil der Testbericht negativ war, aber ich merk ja wohl, wann ich einpinkle und wann nicht.“

 

VBAC-Mum:
„Der Oberarzt redet nur von Einleitung. Ich mache klar, dass ich nicht einleiten werde. Trotzdem wird mir abends mitgeteilt: Morgen um 7 wird eingeleitet. Fühle mich sehr übergangen.“

 

Motherbirthblog:
„Keiner kümmerte sich um mich, nur geschäftiges Treiben. Mein Körper war die störende Hülle, die den Ärzten den ungehinderten Zugriff auf mein Kind verwehrte. Etwa 15 Menschen um mich herum, keiner war für MICH da, keiner sah meine existenzielle Panik, keiner nahm meine Angst wahr.“

 

Katharina, Bericht vom Motherbirthblog:
„Ein Assistenzarzt kam herein, er hieß genauso, wie wir unser Sohn nennen wollten. Als ich ihm sagte: „Unser Sohn heißt auch so!“, kam als Antwort zurück: „Das werden wir noch sehen.“

 

Aisha:
„Der Oberarzt, der dann meinen kleinen Dammriss nähen kam, motzte erstmal die Hebamme an, fing dann an zu nähen und stellte sich erst mitten drin vor. Außerdem hat er mich nicht ausreichend betäubt, was sehr schmerzhaft war. Mein lautes Schreien hat er abgetan, ich solle mich nicht so anstellen.“

 

Kimberly, Bericht vom Motherbirthblog
„Ich hatte schlimme Schmerzen. Sitzen oder Laufen waren die reinste Qual, aber das gehöre dazu und ich sei wohl etwas schmerzempfindlicher. […] Sonntagmorgen wurden wir entlassen, Mittwoch sah meine Hebamme uns zum ersten Mal nach der Geburt. Als sie mich untenrum anschaute, war sie regelrecht entsetzt. So einen Pfusch hatte sie in ihren zwanzig Jahren als Hebamme noch kein einziges Mal erlebt.

3. Übergriffige oder störende Untersuchungen und Interventionen

Sehr häufig berichten Frauen auch von Untersuchungen und medizinischen Eingriffen, die den Geburtsverlauf negativ beeinflusst, Ängste und Sorgen geschürt oder im schlimmsten Fall sogar zu Todesängsten geführt hätten. Häufig führen diese Eingriffe auch dazu, dass die Frauen sich nicht mehr als den aktiven, gebärenden Part empfinden, sondern sich passiv ausgeliefert fühlen: Das Kind wird aus ihnen „entbunden“, anstatt dass man sie es gebären lässt.

VBAC-Mum
„Bei der 1. Geburt wurde ich schon mit den Worten begrüßt: „Sie bekommen gleich was gegen die Schmerzen und später dann eine PDA.“ Das gab mir gleich das Gefühl etwas unschaffbares, pathologisches liegt vor mir.“

 

Teresa:
„Dann wurde ich ans CTG angeschlossen und ab da wurde es echt anstrengend. Die Wehen waren sehr stark, das merkten alle, trotzdem musste ich auf dieser blöden Liege liegen und konnte mich nicht viel bewegen. Ab da fühlte ich mich ziemlich fremdbestimmt.“

 

Charly:
„Ständig wurde in mir rum gewühlt. […] Schlussendlich folgte ein Wehensturm, 2 Stunden Presswehen, Powerpressen, bis mein Sohn mit dem Kristellergriff „entbunden“ wurde.“

 

Antje:
„Ständig musste ich mich gegen die verschiedensten Interventionen wehren, Panikattacke, Verwehrung der selbstgewählten Geburtsposition. Also doof. Diese Geburt hat viel länger gedauert und das „Sternenguckerkind“ hätte sich vielleicht viel besser reingesetzt, wenn dieser blöde äußere Stress nicht gewesen wäre.“

 

Stella:
„Die Saugglocke wurde angesetzt, ich wurde geschnitten und riss zusätzlich an anderer Stelle und schlussendlich wurde mehrere Male durch den Arzt der Kristeller Handgriff angewendet. Jedes einzelne Mal davon so heftig, dass ich Angst hatte zu ersticken und dass alle Rippen brechen würden.“

 

Teresa:
„Dann kurzes Kuscheln und dann begann die Unruhe, da die Plazenta nicht kam, die im Krankenhaus innerhalb von 30 Minuten da sein muss. Baby zu Mann, noch mal pressen in der Hocke, Akupunktur, Katheter, zweite Ladung Oxytocin, nichts tat sich, sodass entschieden wurde, dass die Plazenta manuell entfernt wird. Da ich keine PDA hatte, blieb nur Vollnarkose. […] Als mir die Narkose gegeben wurde, merkte ich wieder ein Ziehen im Bauch, wollte mich noch melden, dass da was passiert, aber es war zu spät.“

4. Eingriffe ohne Ankündigung oder Erklärung

Eine Steigerung von störenden oder ungewollten Interventionen findet sich sogar auch: Interventionen, die ganz ohne vorherige Ankündigung oder Erklärung einfach durchgeführt werden – oft gegen den Willen der gebärenden Frau. Der Schock ist in der jeweiligen Situation schon groß, steigert sich aber manchmal noch im Nachhinein, wenn die Frau nachträglich erfährt, was da mit ihr ohne Vorwarnung gemacht wurde. Schmerzen zu erfahren, ohne zu wissen, warum, ist eine besonders gewaltvolle Erfahrung, die kein Mensch machen müssen sollte. Leider kommt das unter Geburten immer wieder vor:

Herzenskindno:
„Die Ärztin sagte, dass ich nach einer Woche einleiten könnte, wenn ich es möchte. Aufgeklärt über Risiken oder Folgen einer Einleitung wurde ich nicht.

 

Charly:
„Die diensthabende Hebamme schloss mich an ein CTG Gerät an, ich war über all verkabelt. Dann wollte sie nach meinem Muttermund gucken, plötzlich hatte ich dabei höllische Schmerzen. […] Sie tat mir unheimlich weh, ich bekam Angst, ich wollte eigentlich nur noch weg. Heute weiß ich, dass die Hebamme nicht nur den Muttermund kontrolliert hat, sondern wohl gedehnt.“

 

Charly:
„Ich bekam ungefragt Wehenmittel und ich war auch so benommen, dass ich absolut nicht mehr in der Lage war für irgendwas.“

 

Kimberly:
„Auf einmal ging alles so rasend schnell. Ich presste, obwohl ich keine Wehen mehr hatte und wurde gleich darauf an einen Wehentropf angeschlossen. Plötzlich spürte ich höllische Schmerzen, mein Mann guckte völlig entsetzt und mir war klar, ich wurde soeben geschnitten.“

 

Lange_mi:
„Zu jeder Wehe wurde ich in die Hocke gehoben. Das war noch in Ordnung. Da Stupsi aber unbedingt kommen sollte, wurde dann über den Bauch aufgedrückt. Im Nachhinein hätte ich dies verneint.“

5. Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt

Nach einer Geburt, egal wie gewaltfrei oder gewaltvoll sie gewesen sein mag, sollte Zeit fürs Bonding sein. Mutter und Kind müssen sich kennenlernen dürfen, denn die erste Stunde nach der Geburt ist besonders wichtig für die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Leider respektieren auch heute noch nicht alle Kliniken diesen wichtigen Aspekt und bemühen sich nicht genug, das Bonding auch in schwierigen Situationen zu ermöglichen:

Stella:
„Und dann kam das Schlimmste, was ich bis heute nicht verwunden habe, und was mir mehr in Erinnerung geblieben ist als alles andere. Meine Tochter wurde mir für die Nacht weggenommen, damit ich mich erholen könne. Ich hätte so eine anstrengende Geburt gehabt, ich solle mich jetzt ausruhen. Ich weiß bis heute nicht, warum ich nicht widersprochen und zugelassen habe, dass man sie mir wegnimmt, das würde mir auch kein zweites mal passieren.“

 

Katharina:
„Mit einem Ruck wurde das Atmen leichter und die Hebamme huschte mit einem kleinen, nicht schreienden Päckchen an mir vorbei. OHNE EIN WORT!“

 

Motherbirthblog:
„Unser Kind war nicht da. Weggebracht von Fremden auf die Kinderintensivstation – allein. Ich fühle einen tiefen unbändigen Schmerz in meiner Seele brennen, der mich fast zerreißt. […] Eine Frage, die ich bis heute nicht genau erklären konnte: Warum musste NotYet überhaupt auf die Kinderstation? Der Apgar-Test war mit 9/9/10 super.“

Puh, jetzt müssen wir uns erst mal Zeit zum durchatmen nehmen. Was diese Frauen unter der Geburt erleben mussten, ist furchtbar und macht sehr wütend. Gleichzeitig macht es mich stolz auf uns Frauen, darauf, dass wir in der Lage sind, das zu überstehen, zu verarbeiten und unsere Kinder trotzdem zu lieben.

Sind diese Probleme nicht lösbar?

Aber unterm Strich bleibt die Frage: Warum wird nicht mehr darauf geachtet, dass die Grenzen der Frau nicht übertreten werden? Viele der hier aufgedeckten Probleme sind lösbar: Mehr Personal in den Kreißsälen würde zu einer deutlich besseren Betreuung führen. In der Folge würde sich vielleicht auch die Interventionsrate senken lassen, weil eine gute Betreuung nachweislich zu problemloser verlaufenden Geburten führt.

Was mich besonders bestürzt, ist die Art und Weise, wie das medizinische Personal teilweise mit den Frauen umgeht. Hier trägt vielleicht auch die zu hohe Arbeitsbelastung zu einem rauen Ton bei. Ich finde jedoch, dass die Klinikleitung alles dafür tun sollte, dass ihr Personal respektvoll mit den Patienten umgeht – auch und gerade in der Geburtshilfe! Schulungen und Übungen wären da vielleicht an angemessener Weg.

Dafür muss aber zunächst mal ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass überhaupt etwas schief läuft. Gewaltvolle Erfahrungen unter der Geburt werden von vielen Menschen, auch dem medizinischen Personal, als „normal“ angesehen. „Hauptsache das Kind ist gesund“ – diesen Spruch haben zu viele traumatisierte Frauen schon hören müssen.

Deswegen bin ich euch allen so dankbar, dass ihr eure negativen Erfahrungen veröffentlicht. Mittlerweile erscheinen Zeitungsartikel zu dem Thema und in Podiumsdiskussionen und an Runden Tischen setzen sich auch Kliniken, Ärzt*innen und Hebammen mittlerweile damit auseinander, dass es da ein Problem gibt, das sie nicht mehr leugnen können.

Insofern heißt es: Weitermachen! Damit sich etwas am System ändert und zukünftig noch mehr Frauen schöne und selbstbestimmte Geburten erleben dürfen. Um diese geht es dann in meinem nächsten Artikel. Darin suche ich in euren Berichten nach Mustern, die am Ende ein schönes Geburtserlebnis ergeben. Denn aus den positiven Beispiel lässt sich bestimmt viel lernen!

Noch mehr zum Thema

Viele Lösungsansätze und noch mehr Hintergründe zum Thema findet ihr auch in dem Buch „Gewalt unter der Geburt“ von Christina Mundlos. Dieser Artikel ist Teil der Blogparade von Nora Imlau. Auf ihrer Webseite findet ihr viele weitere Blogartikel verlinkt, die sich mit Gewalt unter der Geburt auseinandersetzen.

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2 Kommentare zu „Was sorgt für gewaltvolle Geburtserfahrungen?

  1. Silke

    Liebe Sophie, du kennst das Sprichwort: „Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken“.
    Bei der Frage, ob die Probleme lösbar sind, gibt es meiner Ansicht nach noch Fakten, die angesprochen werden sollten. Zum einen geht die Klinikleitung so mit ihrem Personal um, wie es das Personal an die zu betreuenden Frauen weitergibt. Das ist ganz und gar keine Entschuldigung, jedoch ein Fakt.
    Und, in der Klinikleitung sitzen zu viele Betriebswirtschaftler. Ihnen sind Zahlen vertraut, keine Patienten. Die Abläufe in der Klinik und die damit verbundenen Sorgen und Hürden, sind ihnen nicht vertraut und wenn ja, können sie diese nicht nachvollziehen. Auch hier fehlt das Bewußtsein- am Führungskopf.
    Ich bin gespannt auf deine Analyse der „guten“ Geburten. Liebe Grüße, Silke von aberwehe.wordpress.com

    • Hey Silke, Danke für deine Ergänzung. 👍 Dass ich da an der Oberfläche kratze, war mir klar. Deswegen hab ich ja z.B. auch noch auf das Buch von Christina Mundlos verwiesen. Mir ging es hier vor allem darum, die Frauen zu Wort kommen zu lassen und ihre Erfahrungen einzuordnen.

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