Warum Kinderbetreuung kostenfrei sein sollte – und die Herdprämie ungerecht ist

In Bayern wird das Betreuungsgeld wieder eingeführt – wenn das keine Neuigkeit ist! Nicht. Denn ehrlich gesagt war das ja keine besondere Überraschung. Angekündigt hatte der Freistaat es ja bereits, und mit Kitaplätzen für unter dreijährige Kinder sieht es in dem schwärzesten aller Bundesländer ohnehin eher schlecht aus. Was gibt es da klügeres, als erneut ein Betreuungsgeld anzubieten? Kitaplätze für kleine Kinder sind doch Quatsch! Bayern zahlt den Müttern einfach eine Prämie, damit sie Zuhause bleiben.

Klar, mehr Betreuungsplätze einzurichten kostet Geld, Erzieherinnen sind schwer aufzutreiben und überhaupt gehören Mütter doch zu ihren Kindern (findet zumindest der durchschnittliche CSU-Politiker, nehme ich jetzt einfach mal an). Das Betreuungsgeld ist da ein prima Köder, insbesondere schlecht verdienende Mütter zum längeren Zuhausebleiben zu überreden. Die 150 Kröten pro Monat zahlt das reiche Bundesland ja quasi aus der Portokasse – und muss ja dafür dann nicht mal mehr in einen Ausbau der Kitaplätze investieren (also müssen müsste es schon, aber wen schert’s?).

Mal davon abgesehen, wie falsch ich dieses billige „sich aus der Affäre ziehen“ finde, sehe ich da einfach noch eine andere Ungerechtigkeit: Bayerischen Eltern, die aus den verschiedensten Gründen noch vor dem vollendeten dritten Lebensjahr ihres Kindes wieder arbeiten wollen oder müssen, kommt, ganz im Gegensatz zu den Zuhausebleibern, keine finanzielle Erleichterung zugute. Die Gebühren für Kinderbetreuung bleiben nämlich gleich hoch. Auch in bayerischen Städten zahlen Familien mit mittlerem Einkommen schnell über 400 € an monatlichen Betreuungskosten. Und die teure Miete muss trotzdem noch bezahlt werden.

Keine finanzielle Erleichterung für berufstätige Eltern

Über 150 € „Betreuungsgeld“ würden sich auch diese Eltern ganz schön freuen, nehme ich an. Schließlich geben sie ihre Kinder nicht zum persönlichen Vergnügen in eine Betreuungseinrichtung, sondern um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ja, vielleicht auch, um sich einen Urlaub leisten zu können oder einen neuen Fernseher. Oft aber auch einfach, weil die Lebenshaltungskosten nicht von einem Gehalt allein bestritten werden können. Und nebenbei: Wer arbeiten geht, zahlt auch ziemlich viele Steuern, die nun mal unsere ganze Gesellschaft finanzieren.

Und deswegen bin ich immer ein bisschen erschrocken über die typischen Kommentare in den sozialen Netzwerken, die sofort aufploppen, wenn es um dieses Thema geht. Wer gegen das Betreuungsgeld argumentiert, darf sich schnell den Neid-Vorwurf anhören. Die paar Kröten solle man den armen Hausmütterchen doch gönnen. Dabei geht es doch gar nicht um Neid, sondern schlicht und einfach um Gerechtigkeit! Ich wäre sofort für ein Betreuungsgeld, das Sorgearbeit auch finanziell honoriert, solange eben auch die Berufstätigkeit nichts kostet. Dass ich arbeiten kann, kostet uns aber derzeit jeden Monat gute 400 Euro – und der Mann und ich verdienen im Verhältnis zu dem teuren Leben in der Großstadt wirklich völlig durchschnittlich. Kostenfreie Kinderbetreuung fände ich daher mehr als gerecht!

Die Zuhause-Eltern (naja, eigentlich sind es immer Mütter) argumentieren dann gerne: So ein Kitaplatz sei eben teuer und würde doch bereits mit Wahnsinnssummen subventioniert. Die paar Hundert Euro monatlich würden die Kosten für einen ganzen Betreuungsplatz doch nicht im geringsten decken. Wir berufstätigen Eltern würden also wahrlich reichlich unterstützt!

Kein Geld für Bildungs- und Familienpolitik? Voll normal!

Diese Argumentation lässt mich dann immer sehr sehr ratlos zurück. Denn sie zeigt, dass sich die deutsche Durchschnittsbürgerin mit einem Zustand schon lange abgefunden hat: In unserem Land gibt es eben kein Geld für Bildungs- oder Familienpolitik. Bankenrettung geht klar, hirnloses Versenken von Geldern in Flughäfen oder Philharmonien (wer sich für das gesamte Ausmaß auch aller kleineren Steuergeldkatastrophen interessiert, kann mal im Schwarzbuch schmökern) – alles kein Problem! Nur wenn es um den Ausbau von Kinderbetreuung geht, um das Renovieren von Schulen, um das Beschäftigen von mehr Sozialarbeiterinnen usw., dann ist irgendwie nie Geld da. Und das in einem der reichsten Länder der Welt?

Ich finde, es läuft gehörig was schief, wenn ganz durchschnittliche Menschen, die selbst Kinder haben, sagen: Kinderbetreuung ist eben teuer und deswegen müssen berufstätige Eltern zahlen. Das ist so falsch, dass ich laut schreien möchte! Familien bilden doch den Grundpfeiler unserer Gesellschaft! Und deswegen hätte ich an dieser Stelle gerne ein bisschen mehr Geld investiert. Ich weiß, dass ich da von ganz schön großen Summen spreche. Ich verlange aber von unserem Staat, diese Summen aufzutreiben. Komm schon, Deutschland, ich weiß, dass du das kannst!

Wir müssen hohe Forderungen stellen!

Ich finde es völlig richtig, hohe Forderungen zu stellen. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Kostenfreie Kinderbetreuung ab dem 1. Lebensjahr
  • Ein angemessenes Elterngeld über das 1. Lebensjahr hinaus (also durchaus eine Art „Betreuungsgeld“) für alle, die sich entschließen, ihre Kinder weiterhin Zuhause zu betreuen. Außerdem: vernünftige Anrechnung der Erziehungszeiten auf die Rente
  • Ausbau der Kinderbetreuung und Bildungseinrichtungen: Mehr und besser bezahltes pädagogisches Personal, Renovierung auseinanderfallender Schulen etc.
  • Eine gerechtere Besteuerung von Familien (Abschaffung des Ehegattensplittings zugunsten einer Besteuerung, die da entlastet, wo Kinder leben)

Ist das wirklich so abwegig? Ich naive Idealistin bin immer wieder aus Neue schockiert darüber, wie viele Menschen (in Diskussionen ums Betreuungsgeld vor allem Mütter) völlig durchdrungen vom neoliberalen Gedankengut sind. Deine Kinder? Dein Problem! Familie ist privates Glück oder privates Pech und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erst recht. Wie viel Unterstützung wollen diese berufstätigen Eltern eigentlich noch? Die kriegen auch den Hals wieder nicht voll!

Nö, ich krieg den Hals wirklich nicht voll. Weil die Mieten steigen, weil ein einzelnes Einkommen für eine Durchschnittsfamilie schon lange nicht mehr reicht, weil Frauen heute wahnsinnig gut ausgebildet sind, weil Gesellschaft und Politik mittlerweile doch auch von uns verlangen, dem Arbeitsmarkt möglichst früh nach Geburt unserer Kinder wieder zur Verfügung zu stehen. Und wenn man all diese Faktoren betrachtet, dann ist es doch wohl nicht zu viel verlangt, eine kostenfreie und qualitativ gute Kinderbetreuung zu verlangen?

Und wenn es die dann gibt, dann hab ich auch wirklich kein Problem mit der Herdprämie. Echt nicht.

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3 Kommentare zu „Warum Kinderbetreuung kostenfrei sein sollte – und die Herdprämie ungerecht ist

  1. Amira

    Für den Erhalt des Betreuungsgeldes ist es unerheblich, ob man als Elternteil arbeiten geht oder nicht, solange man die Einkommensgrenze von 250.000 € im Jahr nicht überschreitet (und das tun die wenigsten). Wenn ich in Bayern also arbeiten gehe und mein Kind beispielsweise von den Großeltern betreuen lasse, bekomme ich trotzdem das Betreuungsgeld. Es geht hier nur um die Betreuung in einer Kita.

    • Hey Amira! Ja klar, es geht in meinem Artikel ja auch um die Betreuung in Einrichtungen (Tagesmutter oder Kita). Familiäre Betreuung ist in meinem Umfeld der total Ausnahmefall und wenn, dann handelt es sich nur um stunden- oder tageweise Betreuung, die keine reguläre Arbeit zulässt.

      Sorry übrigens für das späte Freischalten deines Kommentars, irgendwas lief schief mit der E-Mail-Benachrichtigung.

  2. Pingback: #Vereinbarkeitsgeschichten Teil 2 - Vereinbarkeitsblog

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