Warum Hebammen so wichtig sind

Gerade wenn Frauen zum ersten Mal schwanger sind, ist eine kompetente Unterstützung und Begleitung von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett geradezu unerlässlich. Ich spreche da aus Erfahrung, denn meine Hebammen haben mir Schwangerschaft und Geburt nicht nur erleichtert, sondern vielleicht sogar überhaupt erst möglich und erträglich gemacht. Wie wichtig Hebammen sind, wissen die wenigsten Frauen, wenn sie noch keine Kinder bekommen haben. So ging es auch mir. Deswegen finde ich es so wichtig, allen Frauen (und natürlich auch Männern) deutlich zu sagen: Wir brauchen Hebammen! Und wir müssen dafür sorgen, dass deren Wichtigkeit in unserer Gesellschaft und auch in der Politik endlich erkannt wird!

Ein toller Vorteil als Nicht-mehr-Studentin und völlig freier Blog-Autorin ist: Endlich darf ich Wikipedia zitieren! Was also ist eine Hebamme?

Hebamme (von althochdeutsch Hev(i)anna: „Ahnin/Großmutter, die das Neugeborene aufhebt/hält“; Silbentrennung: Heb-amme / Aussprache: ˈheːp-amə, ˈheːbamə), ist die Berufsbezeichnung für Frauen, die das Geburtsgeschehen während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett betreuen.

Hebammen sind dabei keine netten, alten Frauen, die hin und wieder Räucherstäbchen anzünden oder mal die Hand auflegen, sondern medizinisch geschultes Fachpersonal für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, also für die Zeit vor, während und nach der Geburt. Die meisten Hebammenschülerinnen absolvieren heute sogar ein Hebammenstudium. In Deutschland ist es momentan (noch) so geregelt, dass eine Hebamme durchaus allein eine Geburt betreuen darf, ein Arzt jedoch nicht. Sprich: Bei jeder Geburt muss eine Hebamme zugegen sein. Das macht Sinn, denn Hebammen sind die wahren Expertinnen in der Geburtshilfe und im Idealfall daran interessiert, dass die Frau sicher, selbstbestimmt, auf natürlichem Wege und ohne Verletzungen ein gesundes Baby zur Welt bringt.

Und das klappt natürlich dann am besten, wenn die Hebamme die werdende Mutter intensiv betreuen kann. Dazu zählt im besten Fall auch schon die Vorsorge, während der die Hebamme die Schwangere bereits kennen lernen und untersuchen kann und so auch ihre Wünsche und Ängste bezüglich der Geburt erfährt. Am wichtigsten ist aber die 1:1-Betreuung während der Geburt, bei der die Hebamme die Frau beim Gebären ihres Kindes durchgängig unterstützt und auch eingreifen kann, sollte sich eine Komplikation ergeben.

Für Erstgebärende unersetzlich: Die Hebamme

Ich wollte mir diese 1:1-Betreuung unbedingt leisten, denn ich wusste ja absolut nicht, was bei so einer Geburt auf mich zukommen würde. Für die Rufbereitschaftspauschale in Höhe von einigen Hundert Euro muss man dann in der Regel selbst aufkommen, da die Krankenkassen dies nicht übernehmen. Ich war etwa in der 14. Schwangerschaftswoche, als ich mit verschiedenen Hebammenpraxen telefonierte, die mir allesamt sagten: Zu spät, wir sind schon ausgebucht! Rufen Sie doch beim nächsten Mal am besten gleich an, nachdem der Test positiv angezeigt hat!

Dass es so schwer ist, eine Hebamme für die Geburtsbegleitung zu finden, war mir nicht bewusst, aber in meiner Naivität hatte ich Glück und fand ein Hebammenzentrum, das noch einen Platz frei hatte. Hier wurde ich nun also rundumbetreut: Die Vorsorge enthielt wie beim Arzt einen Urin-Check und wenn gewünscht auch eine CTG-Kontrolle. Außerdem nahmen sich die Hebammen viel mehr Zeit als mein Arzt und konnten mir allein durchs Abtasten meines Bauches routiniert sagen, wie mein Kind liegt. Was mir aber vor allem gut tat, war, dass der Fokus stets auf der Natürlichkeit einer Schwangerschaft und Geburt lag – hier wurde ich nicht ob möglicher Risiken verrückt gemacht, sondern darin bestärkt, auf meinen Körper und seine Leistungsfähigkeit zu vertrauen.

Hilfe in schwierigen Situationen

Trotzdem wurde mir auch in risikoreichen Situationen geholfen: Während der Phase, in der eine Frühgeburt drohte, war meine Hebamme, die ich mir inzwischen für die Nachsorge im Wochenbett ausgesucht hatte, eine wichtige Ansprechpartnerin für mich. Und auch während der ungeplanten Hausgeburt gaben die beiden Hebammen, die mich dabei begleiteten, mir Tipps und halfen mit kleinen Handgriffen dabei, meinen Sohn gesund und ohne Verletzungen zur Welt zu bringen. Im Wochenbett war meine Hebamme meine wichtigste Ansprechpartnerin und gerade in den ersten Tagen der Fixpunkt, auf den ich meine Konzentration richtete, um nicht komplett vor Sorge und Unsicherheit durchzudrehen. Nachdem sie wieder gegangen war, waren meine Ängste wie weggefegt und die ganze neue kleine Familie wieder glücklich und entspannt.

Konnte diese Frau also zaubern? Nö, sie machte einfach nur ihren Job, der darin bestand, mir alle möglichen Dinge zu erklären, die mit Schwangerschaft, Geburt und kleinen Babys zu tun haben und mir vor allem immer wieder zu sagen, was alles völlig normal und unbedenklich ist. Das denkt man ja am Anfang nicht, dass so ein Babybauchnabel wirklich so eklig aussehen kann! Oder wie schwierig Stillen zu Beginn ist! Oder was für komische Geräusche so ein Baby manchmal macht!

Die Hebamme hilft, wenn der Arzt längst Feierabend hat

Ohne Hebamme hätte ich vermutlich jeden zweiten Tag beim Arzt gesessen, weil ich mir ganz sicher gewesen wäre, dass da irgendetwas nicht stimmt. Oder weil tatsächlich etwas nicht stimmte (Milchstau), was aber mit ein bisschen Kühlen und Geduld unter Beobachtung meiner Hebamme auch zuhause wieder gut wurde. Ständige Arztbesuche kurz nach einer Geburt sind weder für die Gesundheit von Mutter und Kind, noch für den Geldbeutel der Krankenkassen sinnvoll. Hebammen sind also in jeder Hinsicht nützlich – und das Beste: Sie kommen im Notfall auch dann, wenn jeder Arzt längst Feierabend oder Wochenende hat!

Meine Hebamme war wichtig für mich und meine Familie. Sie hat mir Sicherheit gegeben, mich kompetent beraten und auch medizinisch betreut. Für mich ist es daher ein Schreckens-Szenario, dass diese Berufsgruppe mittlerweile stark bedroht ist. Es gibt immer weniger und weniger praktizierende Hebammen. Durch die hohen Beiträge, die die Haftpflichtversicherung mittlerweile von den Hebammen verlangt, lohnt es sich für immer weniger Hebammen, diesen Beruf noch zu 100% auszuführen. Daher ziehen sich immer mehr Hebammen aus diesem Beruf zurück.

Auch meine Hebammen haben kurz nach der Geburt meines Sohnes beschlossen, keine Krankenhausgeburten mehr zu betreuen. Hausgeburten machen sie quasi noch aufgrund ihrer persönlichen Ideale, aber die freie Geburtshilfe lohnt sich finanziell eigentlich nicht mehr für sie. Auch meine Hebammen haben mittlerweile beschlossen, keine Geburtshilfe mehr zu leisten. Ab Seit Juli 2015 betreuen sie auch keine Hausgeburten mehr, sondern beschränken sich auf Vor- und Nachsorge und bieten all diese Wohlfühlkurse à la Schwangerschaftsyoga an, mit denen sich im Gegensatz zur Geburtshilfe noch Geld verdienen lässt.

Eine Geburtshilfe ohne Hebammen ist eine schlechte Geburtshilfe

Ich finde das absurd: Hebammen sind Expertinnen der Geburtshilfe, führen ihren eigentlichen Beruf nun aber mehrheitlich kaum mehr aus. Nur für in Kliniken angestellte Hebammen lohnt sich die Geburtshilfe finanziell noch halbwegs – wenn auch diese prinzipiell unterbezahlt sind. Für diese Hebammen zeigt sich aber ein anderes Dilemma: Eine 1:1-Betreuung ist in Krankenhäusern, die vornehmlich wirtschaftlich kalkulieren, kaum mehr möglich. Hier bestimmt der Dienstplan, wie viele Hebammen für die werdenden Mütter da sein können. Zu Baby-Rush-Hours können da also einige Frauen auf eine einzige Hebamme kommen.

Für mich ist das ein Grund, niemals im Krankenhaus gebären zu wollen. Ich habe schlimme Wehen oder das Baby will gerade kommen und keine Hebamme hat für mich Zeit – ein Alptraum, der in deutschen Krankenhäusern schon allzu oft Realität ist! (Über die Traumata, die aufgrund schlechter Geburtsbegleitung entstehen können, schrieb kürzlich auch Spiegel Online). Doch nicht nur für eine 1:1-Betreuung während der Geburt, sondern selbst für die Nachsorge im Wochenbett wird es in manchen Städten oder insbesondere in ländlichen Regionen schwierig, noch eine Hebamme zu finden.

Hebammensterben – und keinen interessiert’s?

Mein Eindruck ist: Hebammen haben in unserer Gesellschaft und erst recht in der Politik keine Lobby! Die Wichtigkeit dieses Berufsstands ist einfach zu wenigen Menschen bewusst. Vielleicht liegt das daran, dass die Existenz von Hebammen eben so lange für uns völlig selbstverständlich war. Denn zum Glück haben Frauen in Deutschland nach wie vor immer noch einen Anspruch auf Hebammenbetreuung, den sie bei ihrer Krankenkasse geltend machen können.

Wie aber wird dieser Anspruch erfüllt, wenn es bald kaum mehr Hebammen gibt, die sich ihren Beruf noch leisten können? Deswegen müssen wir alle wieder mehr über Hebammen sprechen, ihre Wichtigkeit betonen und uns zu jeder Zeit bewusst machen, dass sie für ein funktionierendes Gesundheitssystem unerlässlich sind. Die Arbeit von Hebammen muss wieder in den Fokus des Interesses gerückt werden. Auch Frauen oder Männer, die erst in zig Jahren vorhaben, Kinder zu bekommen, müssen sich jetzt engagieren, damit es dann überhaupt noch genug Frauen gibt, die Expertinnen für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind.

Dass es schon jetzt richtig brenzlig aussieht, zeigt die „Landkarte der Unterversorgung„, die der Hebammenverband auf seiner Webseite eingerichtet hat. Hier können Frauen dem Verband melden, wenn sie in ihrer Stadt oder Region keine Hebamme mehr gefunden haben und somit darauf aufmerksam machen, dass es schon heute nicht mehr genug Hebammen für alle werdenden Mütter gibt – obwohl die Mütter diese Betreuung wünschen!

Ein Klinik-Fragebogen soll außerdem Krankenhäuser dazu „motivieren“, wieder für eine bessere Betreuung während der Geburten zu sorgen. Eine gute Kampagne, die unbedingt unterstützt werden sollte – von Frauen, die schon Mütter sind und erst recht von solchen, die es noch vorhaben, genauso wie von deren Männern, Eltern, Freunden. Denn wer von uns ist ohne Hebammenhilfe geboren worden? Und wer würde sich nicht wünschen, dass jedes Kind mit der Hilfe einer Hebamme zur Welt kommen kann und jede Mutter alle nur erdenkliche Hilfe in der Ausnahmesituation rund um die Geburt eines Kindes erfährt?

Wir (zukünftige) Eltern müssen Forderungen stellen

Unter dem Schlagwort Hebammenunterstützung In dem Verein Mother Hood formieren sich Eltern im Widerstand gegen die schleichende Abschaffung einer ganzen Berufsgruppe. Hier kann man nachschauen, bei welchen Aktionen man vor Ort mitmachen kann und sich einer der zahlreichen regionalen (Facebook-) Gruppen anschließen, die für die Interessen der Hebammen eintreten.

Am wichtigsten finde ich aber nach wie vor: Sprecht mit anderen über das Thema! Nur zu häufig ist mir aufgefallen, mit welcher Gleichgültigkeit selbst werdende Mütter mit dem Hebammen-Engpass umgehen. Wenn uns allen bewusst wäre, wie wichtig Hebammen für Familien sind, hätte es schon längst einen viel lauteren Aufschrei gegeben! Reden wir endlich darüber!

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