Von wegen Maternal Gate Keeping!

Mütter lassen die Väter nicht mitmachen bei Kindererziehung und Co.? Ich nehme ein völlig gegenläufiges Phänomen war: Mir scheint es, als würde die moderne Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau manchmal sogar derart falsch interpretiert, dass Frauen viel zu viele ihrer Entscheidungen von der Meinung ihrer Männer abhängig machen. Treibt uns die Pseudo-Gleichberechtigung etwa zurück in die 1950er Jahre?

Kennt ihr den Begriff des „Maternal Gate Keeping„? Er soll das Phänomen beschreiben, dass Mütter die ganze Care Arbeit, inklusive der Kindererziehung, an sich reißen. Durch dieses Verhalten halten sie dann angeblich die Väter davon ab, sich mehr einzubringen. Besonders bei Männern ist dieser Begriff beliebt, dient er doch oft als einfache Ausrede, warum „mann“ sich gar nicht mehr engagieren kann: Die Väter würden ja so gerne – die übermotivierten Mütter lassen sie bloß nicht!

Mir erscheint dieser ganze Vorwurf extrem weit hergeholt. Nicht zuletzt, weil ich in meinem Umfeld ein völlig gegenläufiges Phänomen beobachte. Ich nehme nämlich wahr, dass es in der Realität häufig genau anders rum ist: Frauen legen oft extrem viel Wert auf Meinung und Aktivität ihrer Männer. Selbst dann, wenn es ihnen dadurch überhaupt nicht gut geht.

Absprachen sind super! Nur nicht immer…

An sich finde ich Absprachen im familiären Umfeld super. Gerade wenn man es sich als Partner auf die Fahnen geschrieben hat, möglichst gleichberechtigt zu agieren, sind Absprachen oft unerlässlich. Auch ich entscheide wichtige Dinge ungern über den Kopf des Mannes hinweg, und er hält es ebenso.

Dinge, die unsere Familie betreffen, werden auch gemeinsam besprochen und manchmal auch stunden- oder tagelang diskutiert: Wer geht wie lange in Elternzeit? Welche Kita besucht unser Kind? Welche Freizeitgestaltung ist für einen Dreijährigen angemessen? Oder auch so simple Dinge wie: Wer geht wie viele Stunden pro Woche seinen Hobbys nach? Was gibt’s zum Abendessen? Wohin geht der nächste Urlaub?

Grundsätzlich halte ich Reden also für eine gute Idee. Reden, diskutieren, sich einigen. Manchmal steht am Ende einer innerfamiliären Diskussion aber auch folgender Punkt: Ich setze mich durch. Oder der Mann setzt sich durch. Denn manche Entscheidungen werden, wie ich finde, auch mal besser nur von einer Person getroffen. Nämlich von der, die es am meisten betrifft.

Der Mann bestimmt den Geburtsort? Was zur Hölle?!

Und deswegen kriege ich in letzter Zeit häufiger Schnappatmung, wenn ich höre, wie stark manche Frauen verschiedene Umstände oder Entscheidungen von den Meinungen ihrer Männer abhängig machen. Der Klassiker:

„Ich würde unser zweites Kind gerne Zuhause kriegen. Im Krankenhaus hab ich mich damals gar nicht wohl gefühlt. Aber mein Mann ist strikt dagegen. Er findet das zu gefährlich.“

Oder auch:

„Lange Haare bei Jungs finde ich richtig schön. Und beim Kinderfriseur gibt’s jedes Mal Geschrei! Aber mein Mann sagt, ein Junge trägt kurze Haare.“

Ich frage mich dann immer: Wer bekommt denn hier bitteschön das Kind? Und wer tut sich das regelmäßige Friseur-Theater an? Richtig: Die Frau! Warum zur Hölle darf dann in diesen Fällen der Mann entscheiden, was gemacht und getan wird? Warum sind so viele Frauen bereit, ihre Präferenzen hinten anzustellen und ihren Männern den Gefallen zu tun, sich deren Ansichten unterzuordnen?

My Business, my rules!

My Business, my rules!, möchte ich laut brüllen. Und es ist ja nicht so, dass der Mann es nicht ebenso hält. Wenn er das Hübchen kitafertig macht, bestimmt er, was das Kind anzieht. Er bestimmt dann auch, was in die Brotdose kommt und ob er mit dem Rad, dem Auto oder der Straßenbahn zur Kita fährt.

Gerade beim Thema Geburt macht mich die Pseudo-Gleichberechtigung rasend. Denn ja, jene Frauen, die ihre Männer den Geburtsort bestimmen lassen, rechtfertigen das fast immer mit Gleichberechtigung.

„Wir müssen uns ja beide bei der Geburt wohl fühlen.“

Genau diesen Satz habe ich schon häufiger gehört. Und ich verstehe ihn einfach nicht! Warum genau muss der Mann sich bei der Geburt wohl fühlen? Etwa weil er für den historischen Missstand entschädigt gehört, dass seine Vorfahren jahrhundertelang gar nicht bei der Geburt anwesend sein durften, weil Gebären eben immer Frauensache war? Ich halte es für maßgeblich falsch, die Umstände einer Geburt von Männermeinungen abhängig zu machen.

Gebären ist Frauensache

Denn ja: Gebären ist leider, leider nach wie vor Frauensache! Die Anstrengung, den Schmerz und auch das pure Glück und den Stolz danach kann uns kein Mann abnehmen und (sorry Jungs) vermutlich auch nicht nachempfinden. Und deshalb ist es wichtig, dass die Frau sich in der jeweiligen Situation zu 100% wohl fühlt. Kompromisse darf es da eigentlich keine geben!

Klar fallen Dinge wie Haareschneiden oder ähnliche eher triviale Entscheidungen in eine deutlich seichtere Kategorie. Trotzdem denke ich mir: Wenn ein Mann die langen Haare beim Sohnemann nicht mag, soll er sich eben selbst drum kümmern, dass die Matte abkommt!

Woher kommt das „es allen recht machen wollen“?

Ich habe mich oft gefragt, woher es rührt, dass Frauen oft so wahnsinnig bemüht sind, es ihren Männern recht zu machen. Sind das etwa immer noch die Traditionen, alte Ideale aus den 1950er Jahren, aus einer Zeit, in der Frauen ihre Männer noch fragen mussten, ob sie vielleicht auch ein kleines bisschen berufstätig sein dürfen? Mir macht es heute manchmal Angst, wie sehr manche Frauen sich immer noch den Meinungen ihrer Männer unterordnen – und das noch nicht mal so empfinden.

Schließlich geschieht das alles im Namen der Gleichberechtigung. Besser, der Mann bestimmt, als sich dem Vorwurf des „Maternal Gate Keeping“ verdächtig zu machen? Ich empfinde Gleichberechtigung irgendwie anders. Für mich bedeutet sie eben nicht, dass immer alle mit allem einverstanden sein müssen. Für mich bedeutet Gleichberechtigung auch, dass man sich gegenseitig eigene Entscheidungen treffen lässt. Nämlich immer dann, wenn die Kompetenzen oder Befindlichkeiten klar auf einer bestimmten Seite liegen.

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4 Kommentare zu „Von wegen Maternal Gate Keeping!

  1. Romi

    Naja, wir entscheiden alles, was im voraus entscheiden werden kann gemeinsam, ansonsten bekommt mein Mann aber auch die Info im sinne von ich fand es ok so oder so zu handeln. Ich finde es wichtig, dass er weiß, was ich unserem kind erlaube und was nicht, damit wir auch wirklich in Erziehungsfragen an einem Strang ziehen können…
    Beim Geburtsort muss man es auch glaube ich so sehen, dass ein emanzipierter Mann sich sehr hilflos fühlen kann, wenn es um die Entbindung geht und keinerlei Einfluss auf das wohlergehen auch seines kindes hat. Mein Mann wollte, dass es mir gut geht und ich mich wohl fühle, hat mir vertraut, dass ich es hinbekomme. Was blieb ihm auch anderes übrig, aber ich glaube auch, dass wir keinen Geburtsort gewählt hätten, in dem sich einer von uns nicht gut gefühlt hätte…
    Unsere Hebamme hat sich übrigens auch immer mit um den Papa gekümmert. Ihn ausruhen und Stärken geschickt vor der Entbindung und anschließend immer, auch in seiner Abwesenheit gefragt, wie es ihm ginge. Ich finde, zumindest bei uns, gehört das dazu. Kann der Mann ja nichts für, dass er keine Kinder kriegen kann 😉
    Bei den Kitas ist es bislang anders, ich habe alleine vorangemeldet, weil es zeitlich nicht anders ging, aber wenn dann mehr als eine Zusage kommt, gehen wir vor der Anmeldung nochmal gemeinsam gucken und entscheiden dann.

    • Danke für deinen Kommentar! Ich finde jedoch, du widersprichst dir selbst: Wenn dein Mann wollte, dass du dich während der Geburt wohl fühlst, hätte er im Zweifel auch damit leben müssen, wenn du einen Ort gewählt hättest, an dem er sich nicht so wohl fühlt. Insofern passt die Aussage ja irgendwie nicht, dass ihr keine Geburtsort gewählt hättet, an dem einer sich nicht wohl gefühlt hätte. Man kann es eben nicht immer allen recht machen, oder?

      Und den Satz „Kann der Mann ja nichts dafür dass er keine Kinder kriegen kann“ würde ich lieber umdrehen in: „Kann die Frau ja nichts dafür, dass sie die Kinder kriegen MUSS!“. Da sollte MANN zumindest alles tun, um die Wünsche der armen geplagten Frau zu erfüllen, oder etwa nicht? 😉

  2. Kristina

    Guter Text und sehr wahr! Zu dem „Woher kommt das?“ habe ich ja eine Vermutung, die ich beobachte, seitdem ich Töchter habe. Unsere Generation der Mädchen wurde nämlich so erzogen (und bei der kommenden wird das immer noch versucht): Sei lieb, fall nicht unangenehm auf, sei nicht wild, nervig oder frech, sei keine Zicke und keine Dramaqueen und zieh dich hübsch an, also zusammengefasst: Sei bitte anderen gefällig! Das rächt sich natürlich genau jetzt, wenn „Feministin“ plötzlich ein Schimpfwort ist, das sehr gerne Frauen anderen Frauen an den Kopf werfen. Und das beinhaltet natürlich auch, dass die Meinung des Mannes vermeintlich auf die gleiche Stufe gestellt wird, aber dadurch, dass Männer Dinge viel stärker und selbstbewusster einfordern, ist da von Gleichberechtigung meist keine Spur. Ich beobachte das ebenso häufig wie du. Und ich finde das super traurig, wie lange müssen Frauen noch als die schlechtere, unwichtigere Art Mensch gelten? Gleichberechtigung bedeutet doch nicht, dass ALLE IMMER gleich sind, sondern dass Frauen genauso wertvoll sind wie Männer und das auch, wenn sie manches nicht so machen oder können wie Männer. Puh, regt mich das auf!
    Wir sind ein sehr gleichberechtigtes Paar und trotzdem entscheide ich viele Kinderdinge allein. Aber (und das ist mir wichtig!) ich bekomme dafür die verdiente Anerkennung und er macht dafür andere Dinge, die mir unangenehm sind. Und keins davon ist weniger wichtig als anderes. Und jede Meinung zählt zwar, aber der (oder die) mit der meisten Erfahrung in dem Bereich hat einfach mehr Stimmrecht. Und das Vertrauen des Anderen muss dann einfach da sein.
    So, Ende des Romans, man merkt glaub ich, wie wichtig mir dieses Thema ist 😉
    Danke, dass du es ansprichst!

    • Danke für deinen Kommentar! Ich sehe da vieles genauso wie du! Bei uns heißt Gleichberechtigung auch oft, dass jeder das macht, was er besser kann. Das ist bei uns dann manchmal ganz schön klischeebelastet. 😀 Ich koche zum Beispiel so gut wie immer, der Mann kümmert sich um alles, was mit dem Auto zusammenhängt.

      Das mit dem Gefällig-sein nehme ich auch sehr stark war. Bloß keine Konfrontation! So scheinen leider noch viele Frauen zu denken. Wenn Männer Kinder gebären würden, würden sie sich sicher von keiner Frau vorschreiben lassen, wo sie das zu tun haben. Ich erinnere mich auch mal an so ein nett gemachtes Video, das das Gedankenspiel spielte, wie es aussähe, wenn Männer Baby stillen würden: Überall Still-Lounges, die Männer wären super stolz auf ihre Fähigkeit, kein stillender Mann müsste sich auf öffentlichen Toiletten verstecken. Männer fordern eben eher ein. Frauen ordnen sich unter. Leider, leider immer noch. 🙁

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