Vom Umtausch ausgeschlossen

„Das hat er nicht von mir! Woher hat er das nur? Warum jetzt schon wieder? Ich will das nicht mehr! Ich will meine Ruhe! Ruhe! Ruhe!! Lass mich in Ruhe! Hör auf! Sei leise!“ – All das sind Sätze und Satzfetzen, die ich in den letzten Wochen mehrmals täglich dachte – und zugegebenermaßen auch schon mal ausgesprochen habe. Umzug, ziemlich viel Arbeit und tägliche Verpflichtungen waren an sich schon viel. Aber dann kam da noch ein Kind dazu, das Autonomiephase hat. Und zwar schönsten Ausmaßes. Das ist gut fürs Gehirn des Kindes. Und schlecht für die Nerven der Eltern.

Ich war am Ende. Soweit, dass ich sogar eine Erziehungsberatung in Anspruch nehmen wollte. Nur fehlte mir dazu die Zeit. Eine Stunde Telefongespräch? War akut nicht drin. Vielleicht nach diesem Projekt. Vielleicht nach dem Umzug. Und an dem Tag, an dem ich dachte „Ich tausch es um!“, an dem ich das Hübchen angeschrien und seinen Arm gepackt hatte, um ihn endlich, endlich in die Richtung zu bekommen, in die ich ihn schon seit Minuten zu steuern versuchte, in diesem Moment macht es „klick“.

Ich rief den Mann. Er musste den Sohn zur Tagesmutter bringen. Und ich legte mich für eine Stunde ins Bett. Ich fühlte mich elend. So ging das doch nicht! Wollte ich so eine Mutter sein? Hatte ich mir das so vorgestellt? Und was wäre die Alternative?

„Zurück“ gibt’s nicht

Umtauschen geht ja nicht. Wenn das Kind da ist, dann ist es da. Und diese Unumkehrbarkeit ist schon ein ziemlicher Wahnsinn, wenn wir mal ehrlich sind. Wer ahnt das am Anfang schon so genau? Ein Kind haben, das ist schlimmer als Steuern zahlen und Altersvorsorge betreiben und tausendmal schlimmer als für den eigenen Urlaub sparen, obwohl man sich andauernd ein paar neue Schuhe kaufen will.

Ein Kind, das kommt und bleibt. Und schlimmstenfalls ist es klug genug für die Uni, dann muss man auch noch Unterhalt zahlen, wenn es in einer Chaos-WG wohnt und sich von Muttis Geld jedes Wochenende die Glummsummse volllaufen lässt.

Aber irgendwie ist diese Kompromisslosigkeit auch ziemlich wohltuend. Meine Verantwortung dackelt mir hinterher, hängt sich an mich, klebt an mir fest, ganz egal wie sehr ich manchmal versuche, sie abzuschütteln. Und da bin ich ihr sehr dankbar, dieser Verantwortung. Denn wenn ich ehrlich bin, dann würde ich mein Hübchen doch in Wahrheit niemals umtauschen würden. Es ist doch geradezu ein perfektes Kind für mich.

Das Kind kommt und bleibt

Und wenn eines gestressten Tages eine gute Fee vor mir stünde und sagen würde: „Ich hexe dich in ein Junggesellenleben zurück. Soll sich jemand anderes mit diesem pausbäckigen kleinen Gesellen herumschlagen!“ – ich würde freundlich ablehnen und mir stattdessen eine Falafeltasche wünschen. Weil ein gutes Essen, das man nicht selber kochen muss, manchmal schon Erleichterung genug ist.

Das Hübchen ist in meinem Leben, und da wird es bleiben. Umtauschen is’ nich’. Und seit ich wieder mehr auf mich selbst achte, ruhig bleibe, in manchmal geradezu absurder Form geduldig bin und versuche, dem Hübchen ein Vorbild zu sein, klappt eigentlich auch alles schon wieder ziemlich zufriedenstellend.

Autonomiephase hat das Hübchen immer noch. Aber unerträglich wird es immer nur dann, wenn der Rahmen unerträglich wird. Und den zu verändern, tja, das ist dann wohl meine Verantwortung. Ich habe da an ein paar Stellschrauben gedreht und nun passt der Rahmen wieder. Zumindest für den Moment.

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