Vom Orang zur Topfpflanze

Nachdem ich schon keine besonders glückliche Schwangere gewesen war, gab es gegen Ende meiner Schwangerschaft zwei Gründe, warum ich wollte, dass dieses Baby endlich aus mir rausfällt: Der eine, durchaus ehrenwerte war, dass ich endlich wissen wollte, wer mein kleines Baby eigentlich ist, wie es aussieht, wie es riecht, wie es mich anschaut. Der zweite, ehrlich gesagt deutlich mehr ins Gewicht fallende war: Es ging mir nur noch furchtbar!

Mittlerweile fühlte ich mich nämlich nicht mehr nur wie Dr. Ellen Ripley, sondern eher wie ein Walross in Sigourney-Weaver-Gestalt, das sich kaum mehr vorwärts bewegen oder auch nur schlafen konnte, da der einheimische Orang sich zu den ungünstigsten Zeitpunkten auf einen Nerv legte, der mein gesamtes Bein betäubte. Oder weil mich Rückenschmerzen plagten. Oder weil mich Tritte wach hielten. Und diese Tritte waren nicht mehr die lustigen Hopser, die mich ungläubig lachen ließen, sondern glichen schon eher dem gewaltigen Aufbäumen eines riesigen Alien-Babys, dass sich bald seinen Weg nach draußen bahnen würde. Und hoffentlich würde es hier den richtigen Ausgang finden! Nein, ich übertreibe hier nicht! Es! War! Schmerzhaft!

Zum Glück wurde ich mit einer wunderbaren, schnellen Hausgeburt für die durchaus schrecklichen letzten Wochen belohnt, daher will ich mich nicht beklagen. Und dann ist da dieser Moment, in dem das Baby aus mir rausfällt (Ich rufe: „Fangt es auf!“ – und die zwei Hebammen hatten in der Tat Mühe, mein süßes 4700-Gramm-Klops-Baby zu erwischen, denn von der äußeren Beschaffenheit unterscheidet sich ein Neugeborenes nicht merklich von einem schleimüberzogenen Alien-Baby). Und danach halte ich es in den Armen und ich mustere das Baby und das Baby mustert mich und so richtig wissen wir noch nicht, wer das jetzt eigentlich ist und was das Ganze hier eigentlich soll.

Neugeborene Babys sind ein bisschen wie unzufriedene Topfpflanzen

Wenn wir alle mal ehrlich sind, gleicht ein neugeborenes Baby doch eher einer Topfpflanze. Es ist zwar weniger grün, es kann aber zunächst ungefähr genauso viel, bzw. wenig wie ein Pflänzchen. Und es kommt noch schlimmer: Das neugeborene Baby ist eine unzufriedene Topfpflanze.

Denn dieses zarte Pflänzchen hat die letzten 9 Monate in einem wunderbaren feucht-warmen Gewächshaus verbracht und dann wird es unter einer gewaltigen Kraftanstrengung raus geschubst (denn ja, eine Geburt ist auch für das Baby ungeheuer anstrengend!) um von da an auf dem Trockenen zu sitzen – und das sogar in mehrerlei Hinsicht: Erst mal ist die Luft trocken und kalt und dann gibt es auch noch keine Milch, oder zumindest kaum. Und sieht ein 4700-Gramm-Baby vielleicht so aus als würde es gerne Hunger leiden?!

Meine Hebammen fanden es ungeheuer lustig, dass mein Baby schon unzufrieden krähte, als außer seinem Kopf noch gar nichts geboren war. Mir war jedoch während der ersten Lebenstage meines Topfflänzchens oftmals gar nicht zum Lachen zumute. Angeblich schlafen Neugeborene ja fast durchgehend. Meines war oft wach und dann hatte es Hunger, aber da kam noch zu wenig Milch. In der Konsequenz schrie es. Außerdem wollte es durchgehenden Körperkontakt, und das natürlich auch nachts und so plagten mich verrückte Sorgen, wie ob ich mein Baby vielleicht des nachts platt liegen könnte, würde ich doch mal tief einschlafen und mich falsch drehen. Oder eben, dass ich ein Wasserglas auf den Kopf meines Babys fallen lassen könnte und andere Merkwürdigkeiten.

Die ersten Wochen mit Baby sind verunsichernd

In den Vorstellungen der gesamten Menschheit gibt es nichts glücklicheres und zufriedeneres als ein junges Paar mit einem neugeborenen Baby. Die Wahrheit ist jedoch: Die ersten Wochen mit Baby sind voller Unsicherheiten, Ängste und verrückter Ideen. Das neue Baby ist ein fremder Mensch, der zudem noch nichts von dem kann, was ein Mensch doch eigentlich können sollte!

Man kann versuchen, es zu knuddeln, aber es knuddelt nicht zurück. Man kann versuchen, es anzulächeln, aber es lächelt höchstens aus Versehen mal im Schlaf. Man kann versuchen, lustige Lieder zu singen, aber es mag am liebsten dem Staubsauger zuhören oder ein Nickerchen vor der laufenden Spülmaschine machen. So ist das eben: Ein neugeborener Mensch ist noch gar kein richtiger Mensch, er interagiert kaum, er sieht auch meist noch ein bisschen komisch aus.

Aber mit jedem Tag wächst die Sicherheit – und die Liebe!

Aber das Tolle ist: Das macht nichts. Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn man sein kleines Baby am Anfang erst mal kennen lernen muss. Und es macht auch nichts, wenn man sich am Anfang schon mal ein bisschen langweilt oder häufig genervt ist, weil dieses undankbare kleine Ding einfach immer nur trinken, kacken und schlafen will und wirklich gar keine Lust auf Kuscheln und „Wo ist das Schäfchen?“ hat. Das macht alles nichts, weil das Baby mit jedem Tag größer wird.

Seit der Geburt meines Sohnes denke ich in der Tat täglich: Ich habe ihn jeden Tag noch ein bisschen mehr lieb! Und das scheint niemals aufzuhören. Mal sehen wie das aussieht, wenn er mir mit 14 das erste Mal in den Hausflur kotzt. Aber bis dahin werde ich wohl mit jedem neuen Detail und jeder neu erlernten Fähigkeit, die meinem Baby nach und nach eine eigene Persönlichkeit verleiht, denken: Du gutes Kind! Du warst eine Topfpflanze, aber jetzt bist du der tollste kleine Mensch, den ich überhaupt kenne!

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