Vereinbarkeit: Wider die Mythen

Sie sind emotional, sie arten schnell aus und manchmal sind am Ende alle beleidigt: Bei Diskussionen um das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht es oft hoch her. Im Freundeskreis, unter Kollegen und ganz besonders auf den Social Media Plattformen dürfen sich Vollzeitmütter anhören, sie seien Glucken, wird „Karrierefrauen“ vorgeworfen, sich zum Schaden ihrer Kinder selbst zu verwirklichen und alle Frauen, die ein Leben dazwischen führen, müssen sich ruckzuck eine Schublade aussuchen, in die sie einsortiert werden. Schwarz-Weiß-Denken at its best.

Für uns berufstätige Mütter geht es hier um unser Innerstes: Wie wichtig ist uns unsere Arbeit, unsere Selbstverwirklichung, unsere persönliche Zufriedenheit? Was sind wir bereit, für unsere Kinder aufzugeben? Und müssen wir das überhaupt? In den Diskussionen wird oft mit harten Bandagen gekämpft. Da heißt es, Kinder und Vollzeitjob: unmöglich! Da werden Kinder bemitleidet und Frauen verurteilt – meistens ohne die individuelle Situation, die Lebenslage der jeweiligen Familie oder den Charakter des betreffenden Kindes zu kennen. Solche Urteile machen mürbe. Regelmäßige Vorwürfe, seinem eigenen Kind aufgrund der Berufstätigkeit nicht gerecht werden zu können, bahnen sich irgendwann ihren Weg ins mütterliche Gewissen und stellen sich im schlimmsten Fall zwischen den Beruf und die Frau, die doch eigentlich ihre Arbeit liebt.

Doch woher kommen eigentlich diese Urteile und diese Meinungen, die berufstätige Mütter nach wie vor zu oft als Rabenmütter darstellen und ihnen weismachen wollen, dass ihre Kinder davon Schaden nehmen? Und können wir diese Urteile, die rund ums Thema Vereinbarkeit kreisen, nicht allzu schnell als Vorurteile entlarven, die viel mehr ins Reich der Mythen und Legenden gehören? Schauen wir sie uns an, die gängigen (Vor-) Urteile, die sicher jede berufstätige Mutter schon gehört hat:

1. Wenig Zeit = wenig Bindung

Klar, insbesondere kleine Kinder sind am liebsten bei ihrer Mutter oder bei ihrem Vater. Trotzdem können Kinder hervorragend weitere Beziehungen zu anderen Menschen eingehen – sei es die Tagesmutter, Erzieherin, Oma oder Patentante. Und zum Glück bedeutet ein Weniger an Zeit, die man als Mutter mit seinem Kind verbringt, auf keinen Fall ein Weniger an Bindung. Ganz im Gegenteil ist es viel wichtiger, wie man diese Zeit verbringt und ob man es im Allgemeinen schafft, eine enge Bindung zu seinem Kind einzugehen. Sensible und bewusste Erziehungsstile, wie das unter dem Begriff Attachement Parenting bekannte Modell, die Bedürfnisse seines Kindes stets zu achten, können berufstätige Eltern genauso praktizieren wie nichtberufstätige. Ein verlässlicher und achtsamer Umgang oder auch gemeinsames Schlafen im elterlichen Bett – alles möglich, auch wenn man sein Kind keine 12 wachen Stunden am Tag sieht, sondern unter der Woche vielleicht nur vier Stunden.

Aha! Eine enge Bindung ist keine Frage der Quantität, sondern der Qualität.

2. Fremdbetreuung ist zu instabil und somit schädlich für kleine Kinder

Was genau soll denn diese „Fremdbetreuung“ eigentlich sein? Oder noch besser: Warum zur Hölle sollte irgendein Kind „fremdbetreut“ werden? Unsere Kinder gehen zu ihren Tagesmüttern oder zu ihren Erzieherinnen, die sie schnell gut kennen lernen und bald sehr gern haben. Sie werden täglich von denselben Bezugspersonen betreut, treffen täglich dieselben Kinder und spielen mit denselben Spielsachen bei stets ähnlichem Tagesablauf. Geht es überhaupt noch verlässlicher?


Aha! Unsere Kinder werden nicht „fremdbetreut“. Sie verbringen einfach einen Teil ihres Tages mit anderen Bezugspersonen als den eigenen Eltern. Das kann man schlimm finden. Oder bereichernd.

3. Kinder unter drei Jahren können mit wechselnden Bezugspersonen noch nicht umgehen

Ach, und gilt das wirklich für alle Kinder? Wäre es nicht viel richtiger, zu sagen: Manche Kinder unter drei Jahren können mit wechselnden Bezugspersonen noch nicht umgehen? Manche Kinder binden sich gerne nur an eine oder zwei Personen und lernen erst langsam, sich von den Eltern abzunabeln. Es gibt jedoch auch jene Kinder, die sich schnell auf andere Menschen einlassen oder den Kontakt zu anderen Kindern und Erwachsenen geradezu brauchen und einfordern. Keine Frage, dass eine Familie das für sie passende Betreuungskonzept vor allem am jeweiligen Charakter des eigenen Kindes festmachen sollte. Ein schüchternes Kind bleibt vielleicht lieber ein Jahr länger Zuhause. Ein abenteuerlustiges Kleinkind fühlt sich bei einer Tagesmutter oder in einer Kita aber vielleicht pudelwohl.

Aha! Kinder sind unterschiedlich. Eine Betreuungsform kann für das eine Kind bereichernd sein, während das andere lieber zurück zu Mama will.

4. Wohin soll denn das führen? Bald stecken diese berufstätigen Eltern ihre Kinder noch in Ganztagskitas!

Diskussionen um längere Kitaöffnungszeiten oder gar um 24-Stunden-Kitas werden schnell frustrierend für alle Beteiligten, weil oftmals ein Missverständnis zwischen den Parteien steht: Bei längeren Kita-Öffnungszeiten geht es den Fordernden nämlich im seltensten Fall um eine tatsächlich längere Betreuungszeit, als vielmehr um flexiblere Möglichkeiten. Wenn die Kitas länger aufhätten, könnten wir unsere Kinder an manchen Tagen auch mal später bringen und später abholen. Die üblichen Betreuungszeiten von 7.30 Uhr bis höchstens 16.30 Uhr gehen doch völlig an den beruflichen Realitäten der meisten von uns vorbei!

Aha! Niemand hat vor, seine Kinder 10, 12 oder gleich 24 Stunden am Stück betreuen zu lassen. Es wäre für viele Eltern lediglich schön, wenn die Kitas sich besser an die realen Arbeitszeiten vollzeitberufstätiger Eltern anpassen würden.

5. Vereinbarkeit ist ein privates Problem. Wer das nicht schafft, muss eben den Job wechseln.

Es wäre schön, wenn das so einfach wäre. Wenn jede von uns immer aus einer Masse an attraktiven Jobs auswählen könnte, die zudem zu den gängigen Kitazeiten passen. Aber müssen wir wirklich noch irgendwem erklären, dass die Realitäten leider anders aussehen? Es kann wahnsinnig schwer sein, einen Job zu finden, der sich mit Kindern und Familie vereinbaren lässt. Manche von uns sind alleinerziehend oder haben schlecht bezahlte Berufe, die beide Elternteile zwingen, Vollzeit zu arbeiten. Manche von uns sind in der Ausbildung und unser Partner muss unser Ausbildungs- mit seinem Vollzeitgehalt ausgleichen. Manche von uns sind Studentinnen und das Bafög reicht hinten und vorne nicht, weshalb wir zusätzlich zum Studium noch arbeiten müssen. Manche von uns arbeiten an der Uni und hangeln sich von befristeter Stelle zu befristeter Stelle. Manche von uns wollen vielleicht auch einfach mit einer Teilzeitstelle die Karriere nicht aufs Spiel setzen. Und manche von uns würden in Teilzeit erst gar keinen Job finden, weil das ab einer bestimmten Qualifikation und in manchen Branchen nach wie vor kaum möglich ist.

Aha! Nicht alle Eltern haben immer die Wahl. Wenn Frauen in komplizierten Lebens- und Jobsituationen sich anhören müssen, sie sollen sich halt einen anderen Job suchen oder sie hätten eben kein Kind kriegen dürfen, dann ist das blanker Hohn.

Höhnische und anmaßende Urteile sollten in der Debatte um Vereinbarkeit aber eigentlich gar nicht vorkommen. Stattdessen sollten wir besser versuchen, dieses emotionale Thema einfach mal etwas weniger emotional und mit deutlich mehr Empathie anzugehen. Jede Mutter (und jeder Vater) sollte die Möglichkeit haben, so viel zu arbeiten wie er oder sie es gerade will oder muss. Und keiner von uns sollte für seine Entscheidung verurteilt werden.

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