„Und, wann nimmst du deine Vätermonate?“

Unsere Familienministerin Manuela Schwesig ist schwanger und bekommt im nächsten Jahr ihr zweites Kind. Toll! Herzlichen Glückwunsch! Und herzlichen Glückwunsch auch zu der mutigen Entscheidung, nach dem achtwöchigen Mutterschutz gleich wieder zurück an die Arbeit im Ministerium zu gehen und den Vater in Elternzeit gehen zu lassen. Aber Moment! Warum eigentlich „mutige Entscheidung“? Zumindest dem Medienecho zufolge scheint der Entschluss der Ministerin jedenfalls extrem mutig und besonders zu sein. Alle großen Medien (und sicher auch die kleinen) berichteten in dieser Woche ziemlich aufgeregt über die Elternzeitaufteilung des ministerlichen Ehepaars, was zumindest den Eindruck erweckt, dass es sich um eine Besonderheit, etwas ganz spezielles, ja berichtenswertes handelt.

Die Süddeutsche Zeitung, die auch zunächst über die außergewöhnlichen Pläne der Ministerin berichtet hatte, geht dann in einem Folgeartikel selbst mit sich ins Gericht und schreibt:

Wäre uns diese Nachricht im umkehrten Fall (Minister kriegt Kind, Partnerin übernimmt Elternzeit) eine müde Zeile wert? Wahrscheinlich nicht, wir würden höchstens die Geburt des Kindes vermelden.

Das ist übrigens nicht nur im Kreis der Politiker und sonstigen Prominenz so. Auch im privaten Umfeld ist es doch eher selten, dass Männer einen Großteil oder zumindest die Hälfte der Elternzeit übernehmen. Und daher taugt ein Vater, der sich mehrere Monate von seinem Job verabschiedet um stattdessen ein Baby zu betreuen, auch eher zum gelungenen Partygespräch als eine Mutter, die sich auf derselben Party vermutlich von zehn anderen Müttern umringt sieht, die genau wie sie ein Jahr oder länger in Elternzeit waren. Langweilig, diese Mütter. Spannend, diese Väter!

Die Frage nach den „zwei Vätermonaten“ kommt auf jeder Party

Mein Mann ist ja ein ziemlich spezieller Mann, der sich, sicher auch inspiriert durch mich, gerne mit gesellschaftlichen Debatten rund um die Themen Schwangerschaft, Geburt, Kindererziehung oder auch Elternzeit auseinandersetzt und gerne darüber spricht. Es kann schon mal vorkommen, dass er frischgebackene Väter auf Partys danach fragt, wie denn so die Geburt gewesen sei. Kommt nicht immer gut an, so zwischen Mettigel und Käsehäppchen.

Beim Thema Elternzeit ist das jedoch anders. Da kann es sogar vorkommen, dass ein anderer Mann meinen Mann fragt, wann er denn in Elternzeit gegangen sei. Was der andere Mann damit meistens meint, ist folgendes: Wann denn mein Mann seine „zwei Vätermonate“ genommen hätte? Gleich am Anfang, direkt nach der Geburt, oder doch am Ende, wenn das Baby schon fast kein Baby mehr ist? Oder, ganz verrückte Idee, etwa irgendwann mittendrin?

Elternzeitaufteilung geht auch anders

Das Problem ist: Mit hoher Wahrscheinlichkeit versteht der Mann dann nicht so richtig, wovon der andere Mann da eigentlich gerade spricht. Als wir nämlich damals über die Aufteilung unserer Elternzeiten gesprochen haben, war klar, dass der Mann seine Elternzeit so nimmt, dass ich in der Zeit mein Abschlusspraktikum machen und meine Masterarbeit schreiben kann. Ich war so eine Art Manuela-Schwesig-light. Ich musste zwar kein Ministerium führen, aber immerhin mein Studium beenden. Dazu musste irgendjemand auf mein Kind aufpassen.

Der Vater hatte Lust, eine Vollzeit-Tagesmutter kam aus unserer Sicht für unseren gerade 6 Monate alten Säugling nicht in Frage – da fiel die Entscheidung leicht. Der Mann hatte schließlich auch rechtlich gesehen Anspruch auf Elternzeit. Für seinen Chef war das natürlich doof, denn die Agentur ist eher klein und ein Ersatz war nicht in Sicht. Die beiden fanden aber eine gute Lösung: Der Mann arbeitete 10 Stunden die Woche weiter für die Agentur. Wir fanden eine tolle Tagesmutter, die diese 10 Stunden für uns überbrückte, ich konnte Vollzeit arbeiten, nach Ende des Praktikums meine Masterarbeit schreiben, der Mann hatte seine wichtigen Agenturkunden im Blick und alle waren glücklich.

Wir alle, inklusive Chef des Mannes, sprachen darüber. Wir alle fanden eine Lösung. Was in Gesprächen jedoch immer wieder auffällt, ist, dass viele Männer gar nicht erst über andere Lösungen nachdenken oder gar darüber sprechen. Da gibt es dann nur die zwei Vätermonate. Die werden besonders gerne gemeinsam mit der Frau genommen und womöglich für einen längeren Urlaub genutzt. Ich finde das gar nicht verwerflich. Ist doch schön, wenn man sich so etwas mal leisten kann und schweißt gerade eine neue Familie sicher toll zusammen.

Die Vorstellungskraft vieler Männer ist begrenzt

Ich finde es nur schade, dass in den Vorstellungen so vieler Männer gar keine anderen Möglichkeiten existieren. Zwei Monate gemeinsamer Urlaub und anschließend noch einige Monate väterliche Elternzeit wären schließlich genauso gut möglich. Viele Männer denken jedoch, ihre Chefs würden das ohnehin nicht akzeptieren. Viele meinen sogar, sie seien unabkömmlich und die ganze Abteilung würde im völligen Chaos versinken, wenn sie länger als zwei Monate fehlten. Manche wollen vielleicht ihren Frauen den Vortritt lassen, obwohl sie selbst sogar gerne mehr Zeit mit ihrem neuen Baby verbringen würden.

Es gibt sicher noch etliche andere Gründe, am Ende steht aber immer: Kaum ein Mann denkt ernsthaft über andere Modelle nach. Niemand spricht darüber. Die zwei „Vätermonate“ haben sich sogar schon im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert. Und alles, was über diese zwei Monate hinausgeht, klingt direkt total exotisch. Manuela Schwesigs Ehemann sieht aus, wie so ein Steuerfachbeamter so aussieht: Sympathisch, ein kleines bisschen langweilig vielleicht. Aber bestimmt nicht exotisch. Exotisch wird er jetzt nur durch seine lange Elternzeit. Mannomann, was für ein flotter Typ!

Wir brauchen mehr exotische Männer!

Wäre es nicht toll, wenn es mehr solcher exotischer Männer gäbe? Wenn die Leserinnen und Leser irgendwann nur noch gähnen würden, wenn die Medien über eine prominente Frau berichten, die acht Wochen nach der Geburt wieder arbeiten geht? Wenn Männer, die viele Monate in Elternzeit gehen, als völlig normal gelten würden? Dann würden Frauen vielleicht auch auf ihrem Berufsweg seltener dafür abgestraft, dass sie Frauen sind. Dann würden Arbeitgeber nämlich nicht nur bei Frauen denken „Stelle ich die ein? Die kriegt bestimmt bald ein Kind…“, sondern genauso bei Männern: „Oh, ein kinderloser Mann, wenn der erst loslegt, scheidet er bestimmt lange in Elternzeit aus“. Das wäre doch der Gipfel der Gleichberechtigung!

Arbeitgeber dieser Welt, nehmt euch in Acht vor all diesen exotischen Männern, die sich von nun an mehr und mehr dafür entscheiden werden, für längere Zeit ihre Kinder zu betreuen und dem Schreibtisch ihre Rücken kehren! Ich bin mir sicher, sie werden kommen! Bald…

Für den Mann und mich ist es jedenfalls so gut wie sicher, dass wir auch irgendwann beim zweiten Kind die Elternzeit etwa 50:50 aufteilen werden. Mein exotischer Mann möchte nämlich einerseits sehr gerne auch viel Zeit mit seinem neuen Baby verbringen. Und andererseits fällt mir nach einer gewissen Zeit als „Hausfrau und Mutter“ ganz einfach die Decke auf den Kopf und ich sehne mich nach einem beruflichen Alltag. Ich glaube, der Mann und ich, wir sind beide sehr froh, dass wir da ähnliche Vorstellungen haben. Gesprochen haben wir trotzdem drüber und viele verschiedene Modelle durchgesprochen. Nur die zwei Vätermonate, die kamen uns irgendwie immer eher exotisch vor.

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