Und die schwarze Null steht

Psst, hier gibt es ein Geheimnis zu lüften: Wir schauen uns wieder Wohnungen an! Denn, ja, wir wollen zurück ins Ruhrgebiet. Düsseldorf ist nicht unser Fall – ich hatte es ja geahnt. Und jetzt, wo mich kein Job mehr hier hält, hauen wir lieber ab. Und hoffen, dass alles schnell klappt und wir auch einen Kitaplatz finden. Denn die sind im Ruhrgebiet noch rarer gesät als in vielen anderen Teilen Deutschlands. Und erst recht als in Düsseldorf. Denn die Landeshauptstadt von NRW ist ein kleiner Musterschüler, was die Organisation der Kinderbetreuung angeht. Obendrein ist die Betreuung dort ab dem 3. Lebensjahr sogar kostenlos. In Essen werden wir dagegen weiterhin zahlen müssen.

Genau darüber sprach ich heute mit meinem Papa. Der zeigte sich zurecht ziemlich empört über die Tatsache, dass jede Stadt nach eigenem Gutdünken die Beiträge für Kinderbetreuung festsetzen kann. Ja, das hört sich blöd an, ist aber so: Arme Städte bürden ihren Bürgern oft besonders hohe Gebühren auf – so kommt eben überhaupt irgendwie Geld in die Kassen. Reiche Städte wie Düsseldorf können es sich erlauben, geringere Beiträge zu nehmen oder sogar kostenfreie Kinderbetreuung anzubieten.

Das Ruhrgebiet ist arm. Zum Glück sieht man das nicht mehr an allen Stellen – wirklich, es gibt herrliche Ecken im Pott, viele tolle Veranstaltungen und mittlerweile sogar richtige Hippster-Viertel (für alle, die drauf stehen). Trotzdem fehlt immer Geld für die wichtigen Dinge: Schulen verfallen, Schwimmbäder werden dicht gemacht, Kitaplätze fehlen. Und die Kosten für die Kinderbetreuung wollen die Städte eben nicht allein tragen. Deswegen müssen wir zahlen.

Ungerechte Kitagebühren

Mein Papa findet das natürlich ungerecht – genau wie ich. Als Familie fühlt man sich ohnehin ziemlich oft wie der Arsch der Gesellschaft, wenn ich das mal so sagen darf. Eine Belohnung dafür, dass wir ihn mit unverbrauchten Steuerzahlern versorgen, dürfen wir von unserem Staat nicht erwarten. Stattdessen dürfen wir noch Geld für die Kinderbetreuung zahlen.

Mein Papa findet das gemein. Sein Rat an mich lautet: „Dann beschwer dich doch!“. Denn wo kein Kläger, da kein Richter. Ich solle halt einen Brief schreiben, an die Politiker, an den Bürgermeister. Mich empören. Denen mal so richtig Bescheid geben. Ist das nicht eine süße Idee? Ich kann mir schon genau vorstellen, wie der Essener Oberbürgermeister meinen Brief liest und sofort beschließt: „Wir schaffen die Kitagebühren ab! Mit sofortiger Wirkung!“

Nee, Papa, ich glaube, so einfach ist das leider nicht. Ich glaube außerdem, die Politiker wissen schon ziemlich genau, dass der Großteil der Bürger die Betreuungskosten gerne abgeschafft hätte. Sie tun es aber trotzdem nicht. Und sie würden es selbst nach 500 gelesenen Briefen von wütenden Eltern kaum tun.

Wer keine Lobby hat, verliert

Was ich nämlich in den letzten Jahren gelernt habe, ist: Wer keine Lobby hat, verliert. Wer keine Macht hat, kann seine Belange vergessen. Da können die Familien sich direkt mal verbünden mit den Alleinerziehenden oder den Hebammen. Alles so Fälle, die zeigen: Deren Interessen gehen der Politik am Allerwertesten vorbei.

Briefe schreiben oder eine Demo veranstalten – nett. Den Politikern entlockt das höchstens ein mattes Lächeln. Das Problem, das wir Familien, die Alleinerziehenden oder auch die Hebammen haben, ist doch: Wo zum Teufel sollen wir die Zeit und auch das Geld hernehmen, um uns Macht zu beschaffen?

Unser tägliches Familienleben bringt uns auch so schon oft an den Rand unserer Kräfte. Wer soll es da noch schaffen, einen gesellschaftlichen Protest – aber einen richtigen! – auf die Beine zu stellen? Wer liest Studien und sammelt Belege, die für diese und jene familienpolitische Neuerung sprechen würden? Wer schafft Geld für Lobbyisten ran? Wer traut sich in den politischen Ring?

Familien können nicht an allen Fronten kämpfen

Klar, es gibt einige Menschen, die das tun. Es gibt sicher auch Politiker*innen, die sich für Familien- und Bildungspolitik einsetzen. Die große Masse der Familien aber hält die Füße still. Der Leidensdruck ist sicher oftmals auch nicht groß genug. Auch wir stemmen bisher jeden Monat mehr als 300 Euro Kitagebühren. Es geht schon, irgendwie. Unseren Sommerurlaub können wir uns trotzdem noch leisten. Vor allem aber haben wir wie die meisten anderen Familien keine Kraft, auch noch politisch aktiv zu werden. Und ich persönlich habe da auch keine große Lust zu – Politiker sind nicht so mein Lieblingstyp Mensch.

Klar kann ich stattdessen abends nach einem anstrengenden Tag mit Job und Kind noch einen Brief an den Bürgermeister schreiben. Aber was soll das schon bringen? Ich glaube, meinen Fatalismus teile ich mit einer großen Mehrheit aller deutschen Bürger mit Kind. Irgendwie haben wir alle die Hoffnung ja schon aufgegeben, dass irgendein Politiker in diesem Land sich mal für die Renovierung unserer Schulen aussprechen würde. Oder für kleinere Klassen. Oder für einen besseren Betreuungsschlüssel in Kitas. Oder für eine bessere Bezahlung unserer Erzieherinnen. Oder für kostenlose Kinderbetreuung.

Aber Hauptsache die schwarze Null steht, gell, Herr Schäuble?

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Ein Kommentar zu „Und die schwarze Null steht

  1. Miriam

    Mensch, du sprichst mir aus der Seele!!!
    Wir wohnen in Eurer Nachbarschaft im Ruhrgebiet und ich bin gerade auf der Suche nach der digitalen Empörung über die Ungerechtigkeit bei den Betreuungskosten und der Verteilung der Betreuungsplätze – und finde: fast NICHTS. Unglaublich!
    Aber ich will trotzdem an den Bürgermeister schreiben. In unserer Stadt und die ganzen anderen am liebsten auch. Vielleicht fangen Sie beim 501 Brief dann vielleicht doch einmal mit dem Nachdenken an, wie das so ist mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
    Toll geschrieben im übrigen 🙂

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