“Spitzenvater des Jahres” – Warum „Rückenfreihalten“ niemandem nützt

Ein Aufreger geistert derzeit durch Presse und soziale Medien: Der Pumpernickel-Hersteller Mestemacher hat einen mit 5.000 Euro dotierten Preis für den „Spitzenvater des Jahres“ ausgelobt. Journalistinnen (z.B. Elisabeth Rank bei Zeit Online) und Bloggerinnen (z.B. Das Nuf oder Juramama) üben derzeit Kritik an diesem Preis. Aber was genau steckt hinter ihm und warum ist er so falsch?

Gewonnen haben den Preis zwei Männer, die anderen Männern als Vorbild dienen sollen – weil sie ihren berufstätigen Frauen den „Rücken freihalten“, sich also vom Zeitaufwand her mehr als die Mutter um die gemeinsamen Kinder kümmern. Beide Väter stecken laut Mestemacher beruflich zurück, damit ihre Frauen ihrem Beruf nachgehen können. Dafür gewinnen sie nun einen Preis.

Schirmherrin ist unsere Familienministerin Manuela Schwesig, die gerade selbst mit ihrer zweiten Tochter im Wochenbett liegt und angekündigt hat, gleich nach dem Mutterschutz, also acht Wochen nach der Geburt, wieder arbeiten gehen zu wollen. Ab dann wird sich ihr Mann ums Baby kümmern. Auch er könnte also für den nächsten „Spitzenvater des Jahres“-Preis vorgeschlagen werden.

Belohnung für eine Selbstverständlichkeit

Viele Menschen, mich eingeschlossen, finden diesen Preis vor allem deswegen so obszön, weil er ein paar einzelne Ausnahme-Männer für etwas belohnt, was die Mehrheit aller Frauen tagtäglich völlig selbstverständlich tut. Und nur, weil teilzeitarbeitende und das Baby wickelnde Männer immer noch eine Seltenheit sind, bekommen sie nun einen Preis verliehen.

Millionen von teilzeitarbeitenden Frauen dürfen den beiden Jungs nun zugucken, wie sie 5.000 Euro für etwas einheimsen, von dem sie selbst immer dachten, es wäre doch gar nichts Besonderes. Spitzenvater Patrick Neumann gibt dann im Spiegelinterview auch selbst zu, dass der verliehene Preis ihm etwas peinlich sei, er würde ihn schließlich für etwas bekommen, was eigentlich etwas „Selbstverständliches“ sei.

Familie funktioniert scheinbar nur mit „Rückenfreihalter“

Und vielleicht kommen wir hier dem eigentlichen Skandal auf die Spur. Denn auch wenn es wahnsinnig unmodern klingt, ist eines nach wie vor Fakt: Familie funktioniert in Deutschland bis heute am besten, wenn einer dem anderen „den Rücken freihält“ – so ist es „normal“ oder eben „selbstverständlich“. Völlige Gleichberechtigung klappt in unserem Land leider nur mit sehr viel Idealismus, einem starken Willen und gut bezahlten Jobs.

Denn das Modell von zwei Vollzeitjobs in Kombination mit Kindern und Haushalt benötigt meist etliche und oft teure Unterstützung (Tagesmutter, Kita, Putzhilfe, Babysitter). Wohingegen zwei Teilzeitjobs für die meisten Eltern nicht genug Geld in die Familienkasse bringen oder die Karriereaussichten bremsen – und als Option so oft von Vornherein ausscheiden. Ohne „Rückenfreihalter“ geht es bei uns nicht.

Damit Familie in Deutschland funktioniert, müssen Preise wie der zum „Spitzenvater des Jahres“ also Männer dazu motivieren, das alte Rollenmodell einfach mal umzukehren. Anstatt der ewigen Hausfrau und Mutter soll es nun hin und wieder auch mal Hausmänner und Väter geben. Damit die Frauen auch mal Karriere machen können. Gebraucht werden die ja jetzt so dringend, weil es schließlich neue Quoten gibt – zunächst in den Aufsichtsräten, aber hoffentlich ja bald auch überall sonst. Wenn die Frauen aber weiterhin Zuhause bei den Kindern bleiben, weil es nun mal anders kaum funktioniert, solange der Partner Vollzeit arbeitet, fehlt es in der Berufswelt gewaltig an Frauen.

Die Umkehrung der Rollen hilft in Wahrheit niemandem

Die Lösung unseres Familienministeriums und der Pumpernickel-Industrie ist so einfach wie genial: Schickt die Frauen arbeiten! Sollen eben die Männer Zuhause bleiben! Dass damit keinem so richtig geholfen ist, scheint den Entscheidern irgendwie egal zu sein. Liest man Studien, wird immer wieder klar: Eltern wünschen sich am ehesten, beide gleich viel für ihre Kinder da sein zu können. Ideal wäre also eine Welt, in der sowohl Mutter als auch Vater weniger arbeiten könnten, um tatsächlich gleichberechtigt für Kinder und Haushalt da sein zu können.

Das zu ermöglichen wäre aber wohl ein gewaltiger Aufwand: Irgendwer müsste dafür sorgen, dass Karrieren im Falle von Teilzeitarbeit nicht mehr plötzlich versanden würden. Irgendwer müsste sich darum kümmern, dass Eltern auch mit Teilzeitarbeit genügend Geld verdienen, um Miete, Kinder und Altersversorgung stemmen zu können. Irgendwer müsste mal überlegen, ob so viele befristete Arbeitsverträge tatsächlich nötig sind. Und so weiter, und so fort.

Klingt nach einem Haufen Arbeit. Frau Schwesig geht lieber den einfachen Weg und schickt gemeinsam mit Mestemacher die Männer an den Herd. Und die Frauen, husch-husch, in die Wirtschaft. Auf dass sie eine Quote erfüllen. An der Lebensrealität der meisten Familien geht das natürlich völlig vorbei. Denn damit mehr Familien sich ein Vorbild an den beiden Spitzenvätern des Jahres nehmen, müssten zum Beispiel zunächst mal mehr Frauen in gut bezahlten Berufen sein, die einen Rollentausch auch lohnen. Bei der traditionell schlechten Bezahlung von „typischen Frauenberufen“ wie Erzieherin oder Krankenschwester, ist das wohl eher ein schöner Traum.

Ohne gesellschaftlich-politische Grundlagen nutzt jedes Vorbild nichts

Der Preis ist also nicht nur grober Unfug, weil er Väter für etwas belohnt, was Mütter seit Generationen auch ohne Belohnung selbstverständlich leisten. Er verhöhnt darüber hinaus alle Familien, für die es schlicht unmöglich ist, den ach-so-vorbildlichen Rollentausch überhaupt zu erwägen. Wenn die Politik eine buntere und variablere Gestaltung von Familie will, dann muss sie erst mal die Grundlagen dafür schaffen.

Familie ist nämlich nur bis zu einem bestimmten Punkt Privatsache. Ihr Politiker und Pumpernickels könnt uns also so viele tolle Vorbilder liefern, wie ihr wollt. Wenn ihr uns nicht die gesellschaftlichen Grundlagen gebt, diesen auch folgen zu können, ist jeder Spitzenvater-Preis rausgeschmissen Geld. Denkt da mal drüber nach.

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2 Kommentare zu „“Spitzenvater des Jahres” – Warum „Rückenfreihalten“ niemandem nützt

  1. Simone

    Toller Blog und noch tollerer Artikel! Ich bin Feministin und Mutter von zwei Söhnen. Mein Mann und ich haben uns die Elternzeit geteilt, Teilzeit arbeite nun jedoch aus finanziellen Gründen ich. Obwohl ich weiß, was das für mich und meine Karriere oder Rente bedeutet. Weil es aufgrund der Betreuungssituation nicht anders geht. Weil mein Mann mehr verdient und wir uns sonst unseren Lebensstandard nicht mehr leisten könnten. Weil wir möchten, dass unsere Kinder beides haben: Betreuung durch andere und durch uns. Dass wir es nicht gleichberechtigter hinbekommen, macht uns oft traurig, weil wir eigentlich beide gleich viel Zeit mit den Kindern verbringen möchten. Eine 30-Stunden-Woche für Mama und Papa stellen wir uns traumhaft vor. Immerhin verdiene ich als Akademikerin auch mit einem halbtags-Job soviel, dass ich etwas für später zurücklegen kann, andere Mütter können das nicht.
    Aber gut, nun ist es so wie es ist, ich bin glücklich mit meinen Kindern am nachmittag und noch glücklicher, wenn der Mann am frühen Abend nach Hause kommt! Einen Preis bekomme ich allerdings nicht dafür. Eher Vorwürfe. Von „Mit 9 Monaten schon in die Kita? Dass hätte ich nicht gekonnt!“ bis „Ihr könnt es euch doch leisten, warum bleibst du nicht zu Hause? Das kann nicht gut für dein Kind sein!“ Oder auch „Deine Kinder sind doch in Betreuung, warum arbeitest du nicht mehr Stunden?“
    5000 Euro sind übrigens gerade für die ganzen Alleinerziehenden in diesem Land, die wahnsinnig viel leisten, oft eine Menge Geld, nur so als Anregung!

    • Hallo Simone, schön dass du hergefunden hast und danke für das Lob! 🙂 In fast allem, was du schreibst, finde ich uns als Familie auch wieder. Bei uns kommt hinzu, dass ich einige Jährchen jünger bin als der Mann, heißt, er hatte auch deutlich mehr Zeit um sich in eine höhere Gehaltsklasse vorzuarbeiten. Kein Wunder also, dass ich deutlich schlechter verdiene. Ist vermutlich auch kein seltener Faktor, denn meist sind ja die Männer älter als die Frauen. Mir hilft oft der Gedanke an die Zukunft, denn wer weiß ob sich die Rollen irgendwann auch noch mal umkehren…?

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