Solidarität, Girls!

Wer hier regelmäßig liest, weiß, dass mir der Kampf für eine bessere Geburtshilfe sehr am Herzen liegt. Auf diesem Feld betrat ich nun kürzlich Neuland, denn als regelrechter Twitter-Neuling lieferte ich mir gleich mal ein Battle mit dem Pressesprecher des Gesetzlichen Krankenkassenverbundes (GKV). Kurz danach reagierte eine Bloggerin auf die Auseinandersetzung. Sie war ebenso wie der GKV-Mann der festen Meinung, in der Geburtshilfe gäbe es doch gar keine Probleme. Und schlimmer noch: Sie, eine Frau im gebärfähigen Alter, warf uns anderen Frauen vor, die Lage zu dramatisieren. Und ich frage mich: Wie kann eine Frau nur so denken?

Auch wenn ich selbst in einem Twitter-Battle versuchen wollte, ruhig und souverän zu bleiben, fiel mir das gar nicht so leicht. Wenn Hebammen als “esoterisch” verunglimpft werden und Unkenntnis sich mit Provokation paart, werde ich schon mal ungehalten. Nun wurde mir von oben erwähnter Bloggerin gewissermaßen ein Blogeintrag “gewidmet”, in dem die Frau blindlings behauptet, dass sich der Elternprotest für eine bessere Hebammenversorgung nur auf Hausgeburten beziehen würde. Die Bloggerin wirft den protestierenden Eltern vor, die ganze Situation einfach nur total zu dramatisieren. 

Nun wäre es vermutlich das Einfachste und vielleicht auch das Beste, wenn ich mir denken würde: “Lass die Unwissenden unwissend sein” und einfach nicht auf alberne Provokationen reagieren würde. Allerdings habe ich den Verdacht, dass es viele Frauen gibt, die ähnlich ahnungslos sind wie diese Bloggerin und die uns Elternprotestler darum allzu schnell als Esoterik-Mamis und -Papis abstempeln, denen es nur um ein Romantik-Geburtserlebnis bei Kerzenschein geht (Ach so: Das Beitragsbild ist übrigens mit einem Augenzwinkern zu verstehen). Und deswegen schreibe ich es noch einmal auf: Nein, darum geht es uns protestierenden Eltern nicht! Wir wollen so viel mehr! Und wir kämpfen für die Rechte aller Frauen, also sogar für diejenigen, die den Sinn darin (noch) nicht erkannt haben.

Ist das „Hebammensterben“ etwa nur ein Gerücht?

Oben erwähnte Bloggerin behauptet einfach mal:

“[Es] wird […] erst mal kein ‘Hebammensterben’ geben, wenn du diese Petition NICHT unterschreibst […]. Hiermit möchte ich den Eltern erst mal die Angst nehmen, bald ohne Hebamme darstehen zu müssen.”

Wahr ist: Das Unterschreiben einer Online-Petition hat in der Tat keine direkten Auswirkungen auf Hebammen. Keine Hebamme wird nach geleisteter Unterschrift tot umfallen oder das Elixier des Lebens frei Haus geliefert bekommen. Wahr ist jedoch auch: Das Hebammensterben gibt es bereits, auch wenn dabei natürlich keine Hebamme “in echt” stirbt, denn der Begriff hat sich natürlich nur als Beschreibung des Zustandes etabliert, dass immer mehr Hebammen ihren Beruf, oder zumindest ihre Tätigkeit in der Geburtshilfe, aufgeben.

Es ist mittlerweile an vielen Orten in Deutschland so gut wie unmöglich geworden, eine Hebamme zu finden, die einen vor, während und nach der Geburt in einem Vertrauensverhältnis und 1:1 betreut. Und deswegen ist es wichtig, dass wir als Eltern (und insbesondere als Frauen) unsere Stimme erheben. Weil die Versorgung mit Hebammen wichtig ist, weil sie sichere Geburten und gesunde Frauen und Kinder ermöglicht. Weil sie uns Frauen Würde gibt – in einem natürlichen Verlauf, der zu den würdevollsten und großartigsten Erfahrungen gehören sollte, die eine Frau in ihrem Leben machen kann. Ich finde nicht, dass uns Frauen dieses einmalige Erlebnis genommen werden sollte. Ich finde, keine Frau sollte sagen müssen: “Ich hätte mir Unterstützung durch eine Fachkraft, durch eine Vertrauensperson gewünscht, aber ich habe keine gefunden.”

Wir Frauen müssen zusammenstehen!

Und deswegen bin ich der Meinung, dass insbesondere wir Frauen zusammenstehen müssen und weiter fordern müssen: Gebt uns das Recht, unsere Kinder mit Hebammenbegleitung auf natürliche Weise und selbstbestimmt zur Welt zu bringen!

Ich verstehe nicht, warum einige Frauen sich nun vom Elternprotest angegriffen fühlen oder sogar wie die oben zitierte Dame behaupten, die Versorgung mit Hebammen wäre nach wie vor gesichert und es würde sich ja nur um die paar Hausgeburten handeln, die dann eben nicht mehr betreut würden. Leider ist die Sache nicht so einfach und leider sind es auch nicht nur ein paar verrückte esoterische Muttis in Walle-Walle-Kleidchen, die ihre Geburt eben lieber bei Kerzenschein und Räucherstäbchen abhalten wollen.

Es geht um unsere Sicherheit – und um die unserer Kinder

Nein, hier geht es um viel mehr. Es geht um unsere Sicherheit, um die Sicherheit unserer Kinder und um unser Recht auf Selbstbestimmung. Und deswegen möchte ich solche Beiträge wie den oben zitierten am liebsten nie wieder lesen müssen. Wir sind doch alle Frauen, die während einer der sensibelsten Phasen unseres Lebens gut umsorgt und sicher und mit Fachkenntnis betreut werden wollen.

Und daher sage ich: Solidarität, Girls!

Egal, ob ihr schon fünf Kinder habt und bloß nicht noch eins wollt, egal ob ihr schon 80 seid und schon 6 Enkel habt, ob ihr erst 18 seid und ganz sicher erst in 20 Jahren mit der Kinderplanung beginnen wollt: Stellt euch auf die Seite der Frauen, weil ihr doch auch Frauen seid! Lasst euch nicht mit Halbwahrheiten abspeisen, sondern hinterfragt die Regeln von Krankenkassen, Ärzten und Kliniken danach, ob sie wirklich der Sicherheit eures Körpers und eurer (zukünftigen) Kinder dienen oder vielleicht doch nur aus Angst oder gar aus wirtschaftlichen Gründen passieren. Wir müssen für unsere Rechte eintreten, damit wir, unsere Töchter und deren Töchter auch in der Zukunft eine Schwangerschaft und Geburt erleben können, die natürlich, selbstbestimmt, würdevoll und möglichst verletzungsfrei bleibt!

Meine Antwort an die ignorante Bloggerin

Abschließend hier noch meine Antwort auf den Blogeintrag der oben zitierten Dame, deren Vorname laut Impressum Anja lautet. Ich verlinke den Blog hier bewusst nicht, weil ich den teils sehr schrägen Inhalten keine Plattform bieten möchte.

Liebe Anja,

 

leider verstehe ich wirklich nicht so recht, warum dich der Elternprotest so zu stören scheint. Was genau stört dich daran, dass Eltern für eine gute Versorgung vor, während und nach der Geburt durch Hebammen kämpfen?

 

Es geht nämlich eben nicht allein um die Hausgeburten, wie du vermutest. Der Vollständigkeit halber daher hier noch mal meine Antwort im Twitter-Gespräch, die freie Wahl des Geburtsortes betreffend:

 

Kinder haben @kinderhabenblog  21. Mai
„@k[…] Sie haben das Prinzip nicht verstanden. Wahlfreiheit steht ALLEN zu. Es geht nicht um Prozente.“

 

Es geht nämlich darum, dass wir uns unsere Rechte nicht nehmen lassen wollen. Wir wollen eine Versorgung durch Hebammen. Das bedeutet eben auch, dass ich eine 1:1-Betreuung durch eine von mir gewählte Hebamme haben kann, wenn ich diese wünsche. Diese Hebammen, die sich vor, während und nach der Geburt um mich kümmern, sind in der Regel freiberuflich arbeitende Hebammen. Das sind übrigens auch die, die Frauen in eine Klinik begleiten, wenn diese sich eine 1:1-Betreuung während der Geburt wünschen.

 

Die Freiberuflerinnen können sich die Geburtshilfe jedoch wegen der steigenden Versicherungsbeiträge kaum noch leisten. Das ist schlecht, insbesondere auch, weil damit die Hebammenversorgung in Kliniken mit abnimmt, weil die festangestellten Hebammen dort dann die Arbeit der Freiberuflerinnen mit übernehmen müssen.

 

In Bayern sind teilweise bis zu 50% der Hebammen in Kliniken Freiberuflerinnen. Diese fallen fast alle weg, wenn die Versicherung in diesem Jahr ganz endet. Und wer betreut dann die vielen Frauen, die in Krankenhäusern ihre Kinder bekommen wollen? Ohne 1:1-Betreuung fehlt es leider auch an Sicherheit!

 

In dem Leserbrief einer Ärztin heißt es im Deutschen Ärzteblatt:

 

“Ohne freiberuflich tätige Geburtshelferinnen hätten Schwangere schlichtweg keine freie Wahl des Geburtsortes mehr, sondern nur noch die Wahl der Geburtsklinik. Auf die Eins-zu-eins-Betreuung durch „ihre“ Hebamme, die die Schwangere und ihren Schwangerschaftsverlauf gut kennt und der die Schwangere vertraut, müssten sie darüber hinaus noch verzichten. Aus Gesprächen mit vielen Frauen weiß ich, wie „hebammenabhängig“ sie den Geburtsverlauf in einer Klinik erlebten. Es ist kein Geheimnis, dass unsere hohe Sectiorate unter anderem auch der Tatsache geschuldet ist, dass im klinischen Setting oft keine kontinuierliche Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme gewährleistet werden kann …“

 

Du siehst, es geht also nicht allein um Hausgeburten. Insgesamt ist es jedoch eine wichtige Sache, auch für die freie Wahl des Geburtsortes zu kämpfen. Die Vorhaben des Spitzenverbandes der Krankenkassen sehen vor, dass Schwangere, damit die Kassen die Kosten für die Hebamme übernehmen, ab errechnetem Geburtstermin (ET) +1 oder +3 Tage von einem Arzt ihre Hausgeburtsoption prüfen lassen müssen. Hierfür gibt es keine medizinischen Gründe, da eine Schwangerschaft, wie du ja sicher weißt, bis zu 42 Wochen dauern kann – das ist schlicht ganz normal.

 

Das Signal an die Frauen ist dann aber: Ab ET+1 oder +3 stimmt hier was nicht. Und kaum ein Arzt wird aus Angst vor möglichen Schadensfällen einer Hausgeburt zustimmen. Sollte doch mal etwas passieren, auch wenn das sehr selten ist (und in Kliniken mindestens genauso oft passiert), würde das auf den Arzt zurückfallen.

 

Ich möchte als Frau jedoch weiterhin das Recht haben, selbst zu entscheiden ob ich ein angebliches Risiko eingehe. Die meisten Kinder halten sich nicht an den errechneten Geburtstermin (und meist ist der ja auch ungenau berechnet).

 

Nun reicht es wiederum nicht, zu sagen: Dann sollen die Hausgeburts-Muttis die Kosten eben selber tragen. Denn diese werden gar keine Hebamme mehr finden, selbst wenn sie sie selbst bezahlen würden. Welche Hebammen leisten sich die Versicherung noch und gehen zudem das Risiko ein, im Schadensfall von der Versicherung verklagt zu werden, wenn ohnehin immer weniger Frauen die Geburt bezahlt bekommen und wenn immer mehr Angst verbreitet wird, eine Geburt sei bereits einige Tage nach ET gefährlich?

 

Es geht hier um viel viel mehr als um Hausgeburten: Es geht darum, dass wir darum kämpfen, wieder als normale Schwangere und normale Gebärende behandelt zu werden und nicht als „Risikopatienten” und als “womögliche Schadensfälle”.

 

Und nun, da du ja auch gerne Zahlen und Beweise haben möchtest, möchte ich dir einige Quellen nennen:

 

Die QUAG-Studie von 2011 zeigt, dass außerklinische Geburten (solange natürlich Risikoschwangerschaften oder auch Frühgeburten ausgeschlossen werden, aber das sollte ja klar sein), genauso sicher sind wie Klinikgeburten und sogar deutlich häufiger verletzungsfrei ausgehen.

 

Die Pressemitteilung des Spitzenverbandes der Krankenkassen von 2011 bestätigt diese Studienergebnisse.

 

Was genau das Problem mit den steigenden Versicherungskosten ist und warum es deshalb wirklich bald viel zu wenige Hebammen geben wird, kannst du z.B. hier nachlesen.

 

Wie Geburten leider oftmals aussehen können, wenn man sich darauf verlässt, dass es in einer Klinik ja bestimmt am sichersten zugehen wird, beschreibt eine andere Bloggerin eindrücklich in diesem Artikel.

 

Abschließend möchte ich sagen, dass es mir wirklich leid tut, dass du schlechte Erfahrungen mit Hebammen gemacht hast. Eigene Erfahrungen sollten dich jedoch trotzdem nicht dazu verleiten, von dir auf andere zu schließen. Insgesamt macht es mich ehrlich gesagt ziemlich ratlos, warum nun eine Frau hier gegen andere Frauen spricht – sollten wir uns nicht lieber solidarisch verhalten? Schließlich wollen wir doch alle sichere Schwangerschaften und Geburten von gesunden Kindern.

 

Wenn du das nächste Mal etwas über unseren Protest erfahren möchtest, dann frag uns doch am besten einfach direkt – und das am besten möglichst vorurteilsfrei. Wir erklären dir gerne ganz genau, wofür wir kämpfen. Provokationen sind einfach der falsche Weg und führen dann manchmal leider auch zu entsprechenden Antworten.

 

Herzlich
Sophie

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