„Sie werden so schnell groß“? – Ja, sollen sie doch!

Obwohl ich ja überhaupt nicht besonders Instagram-affin bin und da mehr so alle Jubeljahre mal ein Bild poste, gestehe ich: Auch ich habe ihn schon benutzt, sogar mehrfach. Den Hashtag #Siewerdensoschnellgross. Er bietet sich halt einfach oft an: Hübchen lernt Fahrrad fahren. Hübchen saugt die Wohnung. Hübchen bleibt zum ersten Mal ein ganzes Wochenende bei den Großellis. Und das Hübchen wird ja tatsächlich so schnell groß! Nur wenn ich ehrlich bin, mischt sich in diesen Ausruf bei mir überhaupt keine Sentimentalität. Denn hin und wieder kann es mir sogar gar nicht schnell genug gehen.

Schon als das Hübchen noch ein Baby war, habe ich den Honigmann auf unserem Wochenmarkt nicht verstanden, der mich bei jeder Begegnung darauf hinwies, es doch bitte „zu genießen“. Denn: „Sie werden so schnell groß!“. Mehr als einmal fragte ich mich, was ich denn da eigentlich genießen sollte. Die schlaflosen Nächte? Die wunden Brustwarzen? Das ständige verfügbar-sein-müssen? Den Mangel an selbstbestimmter und freier Zeit?

Klar bleibt es nicht aus, dass ich heute manchmal wehmütig die Babyfotos von damals betrachte. War schon schön, oder? Und ging ziemlich schnell vorbei! Meistens denke ich aber direkt danach: Zum Glück! Denn wenn ich ehrlich bin, hätte ich die meisten anstrengenden Phasen auch wirklich nicht viel länger ertragen, als sie letztlich dauerten. Und ich vermute, dieses Schema wird sich weiter durchziehen.

Kein Grund für Sentimentalität

Jeder neue Entwicklungsschritt war für mich ein Grund zum Jubeln – und kein Grund für sentimentales „Das geht mir jetzt aber alles viel zu schnell“. Mit knapp 9 Monaten zum Beispiel lernte das Hübchen sitzen – und konnte sich endlich viel besser selbst mit Spielzeug beschäftigen. Mit 10 Monaten folgte das Krabbeln – und mein Kind war von heute auf morgen viel zufriedener. Das Laufenlernen mit 14 Monaten war auch deswegen eine Erleichterung, weil ein Krabbelkind mitten im Winter so seine Nachteile hat.

Zuletzt durfte ich mich darüber freuen, das Töpfchen in den Schrank zu verbannen, wo es nun auf seinen ersten Einsatz für das neue Baby wartet. Das Hübchen geht nämlich seit kurzem ausnahmslos aufs große Klo und ich mache drei Kreuze, weil ich den kleinkindlichen Exkrementen ab sofort nicht mehr ins Gesicht sehen muss. Überhaupt war es für mich eine wahnsinnige Erleichterung, als das Hübchen ab dem Alter von zweieinhalb so langsam keine Windeln mehr brauchte. Und ehrlich: Ich sehne mich nicht besonders danach, dass die ganze Chose mit Baby Nummer zwei bald wieder von vorne losgeht.

Menschenkinder entwickeln sich schneckenlangsam

Denn ganz im Ernst: Wenn wir mal ehrlich sind, werden Menschenkinder so absolut gar nicht schnell groß! In Wahrheit sind Mütter und Väter gezwungen, verdammt viel Energie in die fast zwei Jahrzehnte dauernde Aufzucht der lieben Kleinen zu stecken. Menschen entwickeln sich doch wirklich im Schneckentempo! Es dauert ja allein schon ewig, ehe so ein Kind zum Beispiel versteht, dass auch andere Menschen Gefühle haben, auf die es besser mal Rücksicht nehmen sollte (großes Thema gerade hier bei uns). Ganz zu schweigen von so wichtigen Dingen wie alleine ein Käsebrot schmieren, den eigenen Namen schreiben oder eine simple Schleife binden.

Klar hat das alles seinen Sinn – ich bin die Letzte, die der Evolution da irgendwie ans Bein pinkeln will! Nur bin ich mir des Fakts der langsamen menschlichen Entwicklung ziemlich oft ziemlich deutlich bewusst. Weil ich die Anstrengung, die deren liebevolle Begleitung bedarf, täglich am eigenen Leib spüre.

Jedes Alter ist das schönste Alter!

Ich halte es daher eher mit den Pragmatikern unter den Eltern, die im Gegensatz zur „Sie-werden-so-schnell-groß“-Fraktion lieber schon mal sagen: „Jedes Alter ist das schönste Alter!“. Was ja gleichzeitig auch heißen kann: Jedes Alter ist das blödeste Alter. Weil: Irgendwas ist eh immer. Und das ist manchmal wunderschön und manchmal saublöd. Und oft ist es dann auch einfach gut, wenn es wieder vorbei ist.

Im Moment stelle ich es mir jedenfalls sehr schön vor, das zweite Baby vielleicht ein bisschen entspannter beim Aufwachsen zu begleiten. Ich habe jedenfalls keine Angst davor, dass es diesmal „noch schneller“ geht, dass ich irgendwas „verpassen“ könnte oder die Babyzeit nicht richtig „genießen“. Ich glaube viel eher, dass ich mein Baby sogar mehr genießen kann, wenn es vielleicht auch mal einfach nur ein bisschen nebenher läuft, weil sich nicht das gesamte Familienuniversum allein um dieses Baby dreht.

„Sie werden so schnell groß“ bleibt für mich vor allem ein nützlicher Hashtag, mit dem ich mein Erstaunen über die dann ja doch immer recht plötzlich stattfindenden Entwicklungssprünge ausdrücken kann. Erstaunen, Freude, manchmal auch Erleichterung. Aber niemals, niemals, niemals Trauer darüber, dass mein Kind jetzt nicht mehr so klein und hilfsbedürftig ist, wie noch kurz zuvor.

Ist doch super, wenn sie groß werden! Was wäre sonst das Ziel?

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6 Kommentare zu „„Sie werden so schnell groß“? – Ja, sollen sie doch!

  1. Kathrin

    Einen schönen guten Morgen 😄 Ja, genießen ihn. Warum? Es gibt nich viele und morgen ist schon Freitag…
    Was wäre, wenn du wüsstest, es ist dein letzter? Du würdest jede Sekunde davon aufsaugen, den Moment auskosten und die Uhr anflehen, stehen zu bleiben 😃

    Bei meinem ersten Kind war ich total relaxed. Alles lief und ich habe jeden Schub herbeigesehnt. Nr. 2 war auch so.
    Beim 3. war klar, jetzt ist erstmal Schluss. Sie hat mit 5 Monaten frei gesessen 😯 Mit 8 Monaten lief sie und mit 2 Jahren fuhr sie allein Rad. Zur Einschulung habe ich Rotz und Wasser geheult!
    10 Tage vor ihrer Jugendweihe kam Nr.4 auf die Welt und ich habe diesen Tag genossen, wie bei ihren Schwestern auch. Ohne eine Träne.

    Es klingt vielleicht wenig selbstlos, aber ich brauche es wohl, gebraucht zu werden ☺ jeder hat so seine Schwäche 😄

    Da ich mir die Möglichkeit eines weiteren Kindes offen halte (ob es nochmal was wird, wer weiß ) geht es mir sehr gut, mit meinem schnell wachsenden Kind und ich schaue positiv auf die nächsten Jahre und vllt werde ich ja auch irgendwann Oma 😂

    • Wer weiß, vielleicht schreibe ich in einem Jahr noch mal einen Artikel, in dem das genaue Gegenteil steht, weil das neue Baby einfach viel zu schnell kein Baby mehr war. 😉

      Genießen tue ich ja jede Zeit. Mir geht nur eben dieser sentimentale Blick auf die Dinge total ab. Ich finde es eben eher immer schön, wenn sich was verändert. Aber vielleicht liegt das auch in meinem Naturell. Stillstand fand ich schon immer blöd und Veränderungen spannender. 🙂

  2. Mir geht es da wie dir. Ich freue mich über alles was die Mäuse so lernen und plötzlich können. Ich mag auch jedes Alter. Jedes Alter hat seine schönen und anstrengenden Seiten. Ich fand es auch nicht schlimm abzustillen. Es war eine innige und schöne Zeit, aber das war dann auch einfach mal vorbei. Der Stolz und die Freude, dass danach etwas anders kam und sich die Kinder prima weiter entwickelten überwog eindeutig.
    Ich freue mich zwar über Fotos der Kinder, als sie noch ganz klein waren und finde sie unglaublich süß, aber sehe es nicht mit Sentimentalität.

    Und das geht mir bisher bei allen dreien so.

    🙂

    • Gut zu hören, dass es auch beim 2. und 3. nicht unbedingt plötzlich anders wird. 😉 Ich finde auch, alles hat seine Zeit. Und der Mann hat jetzt vor Baby Nr. 2 extra eine neue Kamera gekauft. Für viele schöne Fotos zur Erinnerung ist also gesorgt! 🙂

  3. Anja

    Du sprichst mir aus dem Seele!!! Mein Sohn ist 13 Wochen alt und von wegen die werden so schnell groß…🙄 Die ersten 3 Wochen floss die Zeit so zäh wie Kindspech… Und auch jetzt noch freue ich mich auf jede U-Untersuchung und auf jede neue Kleidergröße, weil es mir zeigt, dass es weiter geht. 😁

    • Mir ging es damals genauso. Mit kleinem Baby habe ich mich einfach waaaahhhnsinnig gelangweilt (darf man ja eigentlich nicht so laut sagen 😉 ). Zum Glück kam das Hübchen mit seinen 4700 Gramm schon ziemlich fertig raus, konnte super schnell z.B. den Kopf alleine halten und war bald ein ziemlich cooles Baby, mit dem man Quatsch machen konnte. Aber diese kleinen Topfpflanzen, die erst mal drei Monate nur rumliegen, sind auch nicht so mein Fall. 😉 Es wird aber schnell spannender, das verspreche ich dir! 🙂

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