Rettet die Geburtshilfe, ihr Waschlappen!

Geburtshilfe in Deutschland, das ist so eine Geschichte für sich. So rein theoretisch wäre es prima, wenn gebärende Frauen über die gesamte Zeit einer Geburt (und das kann schon mal eine seeeehhhhr lange Zeit sein) vernünftig betreut würden. Von Fachpersonal. Das sind in erster Linie Hebammen. Und in zweiter Linie auch Ärzte*innen, die eingreifen, wenn es zu Komplikationen kommt. So weit die Theorie. In der Praxis ist so eine umfassende Betreuung den Kliniken aber viel zu teuer. Weil die Krankenkassen das nicht bezahlen. Also ersetzen mittlerweile Maschinen das teure Personal. Und jetzt haben die Krankenhäuser sogar noch eine tolle neue Idee, wie man aktiv Personalkosten einsparen kann: Die werdenden Väter sollen endlich eine aktivere Rolle einnehmen!

Haben sie ja auch Recht! Die Männer haben lange genug nutzlos in der Ecke gestanden! Schluss damit, dass diese Waschlappen ohnmächtig umfallen, wenn sie doch eigentlich ihren Frauen beistehen sollen. Denn:

„[I]n Zeiten, in denen Hebammen in der Regel mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen, [sind] oftmals die Partner die wichtigste emotionale und körperliche Stütze der Frauen.“

So steht es laut news aktuell im aktuellen Apothekenmagazin „Baby und Familie“. Und recht haben die Autoren! Der Kölner Soziologe Rainer Neutzling fügt im Artikel hinzu:

„Wer seine Rolle während der Geburt kennt und weiß, was gerade geschieht, ist am besten vor übermäßigem Stress, Ohnmachtsgefühlen und Überforderungen geschützt.“

Und Stress, Ohnmachtsgefühle und Überforderungen sind eben an der Tagesordnung in deutschen Kreißsälen. Auf dieses chaotische Kreißsaal-Geschehen sollen die Männer laut Apothekenmagazin nun „vorbereitet werden“ – und zwar nicht nur, damit sie selbst es besser aushalten, sondern eben auch, um ihren Frauen in einem geburtshilflichen System beistehen zu können, welches die Frauen systematisch im Stich lässt.

Hier werden nur Symptome bekämpft

Ein kluger Zeitgenosse könnte sich nun fragen: Wäre es nicht viel sinnvoller, etwas am System zu verändern? Aber diese Schiene verfolgt unser Gesundheitssystem schon lange nicht mehr. Hier werden Symptome bekämpft. Und das möglichst billig. Und billiger, als werdende Väter als Ersatz für geburtshilfliches Personal zu missbrauchen, geht es wohl nicht.

Die Ironie der ganzen Angelegenheit wird einem aber erst so richtig bewusst, wenn man bedenkt, dass eine aktivere Rolle der werdenden Väter nicht nur nötig ist, um Personalmangel in Kreißsälen auszugleichen, sondern oftmals sogar einer Schutzfunktion gleichkommt. Denn viele Frauen erleben ihre Geburten in deutschen Krankenhäusern heutzutage als gewalttätige Eingriffe. Und diese Frauen äußern nach den Geburten oft den Wunsch, ihre Partner hätten aktiver eingegriffen und sie quasi vor dem medizinischen Personal beschützt und verteidigt.

Und an dieser Stelle können wir vielleicht sogar einen positiven Aspekt in dieser ganzen Schwachsinns-Idee sehen: Wenn die werdenden Väter im Vorfeld für den gesamten Geburtsprozess sensibilisiert werden, dann achten sie eventuell während der Geburt auch mehr auf die Unversehrtheit und Würde ihrer Frau. Und dann kommt bei den Medizinern und Krankenkassen vielleicht doch endlich mal an, dass die momentan geleistete Geburtshilfe oftmals weit entfernt von echter Hilfe ist.

Naja, man wird ja zumindest noch träumen dürfen.

Bessere Geburtsvorbereitung für Männer: Das finde ich super. Aber eben nur dann, wenn es wirklich nur darum geht, dass die werdenden Väter ihre Frauen behutsam begleiten können. Niemand sollte von den armen Kerlen verlangen, Fehler im System auszugleichen. Weil dann steht am Ende nämlich wieder genau jene Überforderung, der man doch eigentlich entgegenwirken wollte.

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