Pudding ohne Soße

„Was gibt’s zu essen?“ – „Keinen Pudding!“ – „Gut, für mich bitte ohne Soße!“. Kommt euch das bekannt vor? Bevor das Kind überhaupt weiß, was es gibt, schreit es schon „Ihhhh! Bähhhh! Ekeeeliiig!“ oder fängt sofort an, auf dem Teller zu sortieren. Angeblich soll das ja normal sein. Trotzdem kann es uns in den Wahnsinn treiben. Oder?

Wissenschaftlich gesehen ist das „problematische“ Essverhalten unserer Kinder sogar sinnvoll, denn offenbar wollen diese sich evolutionär gesehen durch ihr mäkeliges Essverhalten vor Gefahren schützen. Ich würde euch jetzt gerne mit schlauen Links oder Literaturtipps versorgen, aber wie so oft habe ich nur eine Erinnerung daran, dies mal in einer verlässlichen Quelle gelesen zu haben.

Es klingt jedenfalls sehr sinnvoll: Im fortgeschritten Kleinkindalter und erst recht im Schulkindalter werden unsere Kinder immer selbstständiger. Das Steinzeitkind ging also vielleicht schon allein auf Streifzüge durch die Wildnis und wenn es da eine hübsche Beere sah, dann dachte es sich: „Uäähhh, eine Beere! Die sieht mir eh viel zu gesund aus. Diese Beere ess ich nicht!“. Und das war vielleicht seine Rettung. Denn auch die hübschesten Äpfel, äh Beeren, können manchmal giftig sein. Fragt mal Schneewittchen.

Nun wissen wir, dass dieses ganze biologisch höchst korrekte Grünzeug, das wir teuer auf regionalen Wochenmärkten in liebevoll-achtsamen Wellness-Einkäufen erstehen (mit Nieselregen von oben, drückenden Schuhen von unten und quengelndem Kind an der Hand) mit ziemlicher Sicherheit so überhaupt gar nicht giftig ist. Aber erzähle das mal einer unseren Kindern!

Wofür koche ich überhaupt?!

Zuletzt habe ich lachend den Blogpost „Kinder kommt nörgeln, das Essen ist fertig!“ gelesen und wahrlich mitgelitten. Ist doch auch einfach scheiße, wenn Mutter sich mit Liebe und aufopferungsvoller Hingabe in die Küche stellt und die lieben Kleinen aus lauter Dankbarkeit täglich sagen „Mama, die Mühe hättest du dir wirklich nicht machen brauchen.“ Kleiner Scherz, es wäre ja schön, wenn sie so etwas sagen würden. Stattdessen sagen sie: „Würg. Bäh. Kotz“.

Können wir also irgendwas tun, damit das besser wird? Oder gar nicht erst eintritt? In Reaktion auf obigen Artikel (bzw. wohl eher in Reaktion auf Facebook-Diskussionen, die zu dem Thema aufbrandeten) nennt ein anderer Text mal wieder die üblichen (angeblichen) Fehler: Kinder beim Kochen nicht miteinbeziehen, Art der Nahrung und Menge diktieren,  mit Sanktionen drohen („kein Nachtisch“). Klar, das sind mit Sicherheit alles blöde Fehler, die viele Eltern machen. Andersrum: Wird es automatisch besser, wenn man diese Fehler nicht macht? Sind also wie immer nur die doofen Eltern schuld, die einfach viel zu machtversessen und autoritär die Nahrungsaufnahme ihrer Kinder steuern oder gar bis ins letzte Detail bestimmen wollen?

Demgegenüber stehen die Erfahrungen zahlreicher Mehrfach-Eltern und Bloggerinnen (sorry auch hier würde ich euch gerne einen Link geben. Ich verspreche aber, tatsächlich davon gelesen zu haben!). Da ist von Drittgeborenen die Rede, die super mäkelige Esser sind, obwohl die ersten zwei Kinder immer alles gegessen haben. Oder andersrum präsentiert sich das Erstgeborene als Gemüsehasser, während das jüngere Kind mit Begeisterung sämtliches Grünzeug verputzt – und das ganz ohne positives Geschwisterbeispiel!

Es muss nicht klappen, aber versucht mal diese 7 Tipps

Ich werde mich darum hüten, hier jetzt prahlerisch kundzutun, was man „einfach“ alles machen (oder anders machen) muss, damit das Kind ein Obst- und Gemüseliebhaber wird und sich jeden Mittag oder Abend freudestrahlend an Mamas Küchentisch setzt. Denn klappen muss das lange nicht. Manche Kinder sind vermutlich evolutionär einfach noch stärker gepolt als andere. Anders gesagt: Die Angst vor der giftigen Beere steckt manchen unserer Sprösslinge ärger in den Knochen als anderen. Und dann hilft wohl nur das gute alte Eltern-Mantra, das uns schon so manches Mal davor bewahrt hat, unser Kind an durchreisende Schlawiner zu verkaufen: Halte durch, es geht vorbei. Mein Mann zum Beispiel hat erst im zarten Alter von 30 Jahren angefangen, bestimmte Gemüsesorten zu essen, die ihm vorher höchst suspekt waren (u.a. Spargel, Rosenkohl, Auberginen).

Auch wenn ich also mehr als stark vermute, dass es nicht bei allen Kindern hilft, juckt es mich trotzdem in den Fingern, so ein paar klitzekleine Tipps aufzuschreiben, die vielleicht dafür sorgen können, dass auch kleine Kinder „besser“ essen. Ich nehme mir das heraus, weil ich im Vergleich gemerkt habe, dass das Hübchen bei uns Zuhause tatsächlich mehr gesunde Dinge isst, also woanders. Also los: Klugscheimodus an!

1. Kein Komponenten-Essen

Auch wenn ich gerne koche, bin ich vor allem eins: Eine faule Köchin. Deswegen gab und gibt es bei uns so gut wie nie Komponenten-Essen, für das ich mehr als zwei Töpfe bräuchte. Eintöpfe, Pfannengerichte, Aufläufe, Risotto oder auch mal Pizza oder Flammkuchen sind wunderbare „Alles-in-einem“-Gerichte. Wenn das Hübchen da picken und sortieren will, kann er es gerne tun, aber es ist für ihn mit Mühe verbunden. Wenn ich die Nudeln direkt mit der Gemüsesoße vermische, bin ich sicher, dass alle das gleiche essen. Wenn ich einen Topf mit Nudeln und einen mit Soße auf den Tisch stelle, schreit das Hübchen mit Sicherheit: „Ich will keine Soße!“. Deswegen einfach am besten niemals einzelne Komponenten anbieten. Das Hübchen kennt es bei uns nicht anders und meckert deswegen auch nicht. Daher macht auch Punkt 2 Sinn:

2. Früh übt sich

Ja, ich weiß, blöder Tipp, wenn das Kind erst mal zwei, drei oder älter ist. Aber für alle mit kleinen Kindern gilt: Fangt sofort an, so zu kochen, wie ihr eben kochen wollt. In Frankreich ist es z.B. total normal, einfach das Familienessen (und wenn das aus Entenbrust mit Erbsen und Pommes Frites besteht) durch den Mixer zu jagen und den zahnlosen Familienmitgliedern als Brei zu servieren. Klar habe ich dem Hübchen auch mal ein paar Kürbis-Pommes extra gemacht, als er gerade erst angefangen hat, nach seinem Essen zu greifen. Aber ansonsten gab es keine Extras.

3. Keine Extras

Womit wir beim nächsten Punkt wären: Keine Extras. Ich habe schon die absurdesten Situationen erlebt: Auf einem Familientreffen wird für die Erwachsenen ein „normales“ Essen gekocht, selbstverständlich mit beachtlichem Gemüseanteil. Für die Kinder gibt’s stattdessen: Nudeln mit Würstchen. Ohne Witz! Nudeln, schön fett in Butter gebraten und dazu diese fiesen Brühwürstchen aus der Dose. Ich war heilfroh, dass das Hübchen noch ein Baby war und mit meinen Brüsten bestens versorgt. (Ich muss wohl nicht erwähnen, dass es sich hier nicht um ein Familientreffen meiner eigenen Familie handelte – das hätte ich sonst zu verhindern versucht! 😉 ).

4. Wenig Fleisch (oder andere „Besonderheiten“)

Aber ich gebe zu, auch in meiner eigenen Familie ist es manchmal schwierig mit dem Essen. Das Hübchen verbringt ja wahnsinnig gern Zeit mit und bei seinen Großeltern – und genießt es auch, dort andere Dinge essen zu dürfen als bei uns. Mit Opa Schinkenbrot oder selbstgeräucherte Forellen zu verspeisen ist ein wöchentliches Highlight für das Kind! Bei uns gibt es schließlich niemals Fleisch und nur sehr selten Fisch. Das Problem ist nur: Wenn eine Wurst in der Suppe ist, mag das Hübchen ganz plötzlich die Suppe nicht mehr – und verlangt stattdessen ruckzuck nach einer zweiten/dritten/vierten Wurst. Bei uns gibt es hingegen nur die Suppe, und da schmeckt sie auch! Klar isst das Hübchen bei uns auch manchmal den Käse ohne Brot. Aber das finde ich deutlich erträglicher als Würstchen ohne Suppe, Frikadellen ohne Kartoffeln oder Fischstäbchen ohne Gurkensalat. Der sinnvollste Tipp, den ich mal in irgendeinem Erziehungs-Buch gelesen hab (oh Mann, schon wieder ohne Quelle), ist der: Koch doch einfach nur das, wovon du dein Kind bedenkenlos essen lassen kannst. Wer nur gesunde Sachen anbietet, muss sich keine Sorgen machen, dass das Kind immer nur ungesundes Zeug isst.

5. Bleibt dran!

Der vielleicht wichtigste Klugscheißer-Tipp ist aber vermutlich: Einfach dranbleiben. Ich weiß, langsam kriegt ihr ein Déjà-Vu, weil ich schon wieder ohne Quellenangabe irgendwo mal gelesen habe, dass Kinder etwas Neues ca. 10 Mal (oder sogar öfter) probieren müssen, um sich an den Geschmack auch nur halbwegs zu gewöhnen. Ich hatte schon selbst Kinder an meinem Tisch sitzen, die angeblich nur trockene Nudeln, Leberwurstbrot und Süßigkeiten aßen, nach dem x-ten Mal dann aber plötzlich doch von meiner Gemüselasagne probierten – und am Ende stand das ultimative Lob: „Schmeckt ganz OK“. Was für ein Erfolg!

6. Niemals, niemals, niemals Druck machen!

Diese Kinder, die erst beim x-ten Mal probieren, verbindet dabei ein wichtiger Fakt: Fast alle von ihnen tun dies völlig freiwillig. Druck erzeugt Gegendruck, das wissen wir eigentlich alle, und machen trotzdem täglich dieselben doofen Fehler. Gerade beim Essen kann dieser Fehler aber wirklich blöd ausgehen. Denn wer gezwungen wird, etwas zu probieren, steigert sich allzuoft erst Recht in die Abwehr hinein (und manche bis ins Erwachsenenalter!). Erst heute habe ich selbst wieder die erstaunliche Erfahrung eines neugierigen Kleinkinds gemacht: Bei uns gab es gefüllte Auberginen und das Hübchen wollte eigentlich nur die Käsekruste essen. Weil das aber nicht viel war, aß er anschließend auch die Quinoa-Tomaten-Füllung. Und ganz am Ende sagte er wortwörtlich: „Mama, darf ich mal die Aubergine probieren?“. Vier kleine Auberginen-Stückchen landeten in seinem Magen. Das war wenig, aber geschmeckt hat es ihm trotzdem – und das völlig freiwillig.

7. Keine Sanktionen

Eine meiner schlimmsten Kita-Erinnerungen ist diese: Alle Kinder durften schon Zähne putzen gehen und ich musste noch drei/vier/fünf Gabeln essen. Ich habe das Kita-Essen gehasst. In meiner Erinnerung gab es immer nur Fleisch-Kartoffeln-Gemüse und ich mochte das einfach nicht! Auch deswegen würde ich mein Kind niemals fürs „schlecht essen“ bestrafen. So was wie „Kein Nachtisch“ fällt bei uns eh weg, weil es ohnehin nie Nachtisch gibt. Und wenn, dann freuen wir uns alle so drauf, dass keiner auf die Idee kommen würde, einen Nachtisch-Entzug als Strafe zu benutzen.

So, und jetzt schalte ich meinen Klugscheiß-Modus aus und hoffe inständig, dass das Hübchen niemals in eine Mäkel-Phase kommt. Denn dann wüsste ich auch nicht weiter, schließlich wende ich meine 7 Tipps ja selbst schon täglich an… 😉 Wenn es soweit ist, sage ich Bescheid und dann müsst ihr was schreiben! Mahlzeit!

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9 Kommentare zu „Pudding ohne Soße

  1. Laura

    Hallo Sophie, danke dir für die Tipps. Davon werde ich sicher ein paar umsetzen. Grundsätzlich bin ich auch der Meinung, um das Essen nicht so viel Theater zu machen und natürlich keine Extrawürste auf den Tisch zu bringen. Je weniger Aufmerksamkeit zum Thema Essen, desto unkomplizierter der Umgang. Alles Liebe von Laura

  2. Hallo Sophie, das Thema Essen ist wirklich ein so weites Feld. Das man manchmal gar nicht mehr weiß was noch kochen. Oft muss ich allerdings sogar ein wenig schmunzeln (an den guten Tagen), wenn z.B. das Neffekind strikt verweigert eine Himbeere vom Strauch zu essen, allerdings die ganze Schüssel ausfuttern würde, sobald ich die Dinger zerquetscht habe.
    Nun, wenn daran aber das Essensglück hängt, wird halt fröhlich zerquetscht.
    Bei Tipp 5 bin ich auch ganz dabei. Nudeln gab es generell nur ohne Soße, nach dem 58+ Anlauf kam Tomatensoße drauf und ein erstauntes „Aha, jetzt weiß ich warum du das da drauf machst“
    Liebe Grüße

    • Bei uns ist das mit Äpfeln so: Mal gehen die nur am Stück, dann wieder nur geschnitten, dann mal nur geschnitten und geschält. Ist immer ein bisschen ein Ratespiel. Witzig ist auch, dass ich keine Äpfel mag und das Hübchen deswegen erst Recht. Irgendwie findet er es gut, was zu mögen, das Mama nicht mag. 😀

  3. Karin

    Hallo Sophie, deinen Tipps stimme ich auch voll zu. Hier gibt es zwar hier und da Mäkeltendenzen aber grundsätzlich keine Extrawürste – weder im übertragenen noch im Wortsinn. Und siehe da, was letzte Woche noch aussortiert wurde, wird plötzlich gegessen. Was ich auch festgestellt habe – total logisch und keine große Erkenntnis – mit ordentlich Hunger im Bauch spachteln meine beiden so ziemlich alles weg, was ich ihnen vorsetze. Wird vorher zu viel genascht/gesnackt (Obst, Nüsse oder auch mal ein Keks), dann steigt die Mäkelwahrscheinlichkeit.
    Die Quellenangabe für die Evolution als Ursache und 10x anbieten, bis es dann doch gegessen wird könnte Herbert Renz-Polsters „Kinder verstehen“ sein. Schau mal hier: http://kinder-verstehen.de/kv_kapitel.php – Kapitel 1 als PDF.

    • Und andersrum wird in der Woche danach wieder aussortiert, was in der Woche davor noch gerne gegessen wurde. 😉 Das ist ja auch immer so ein Phänomen… Keinen Druck zu machen ist vielleicht echt der wichtigste Punkt.

      „Keine Snacks“ ziehen wir auch ganz gut durch, außer natürlich wenn ich merke, dass es gar nicht geht und mir das Kind bald vor Hunger ausrastet. Vor allem achte ich auch sehr darauf, dass das Hübchen nicht so viel Süßkram ist, schon allein wegen der Zähne.

  4. Sandra

    Halli Hallo,
    Ich habe durch einen Artikel von dir bei Edition F hierhergefunden und wollte nur mal sagen, dass ich deinen Blog suuuper finde! Und ganz ohne Werbung für überteuerte Kinderkleidung, skandinavische Kinderzimmerdeko und sonstigen Kram der auf vielen anderen Blogs (für meinen Geschmack) zu sehr im Mittelpunkt steht. Stattdessen ausführliche Artikel, sehr unterhaltsam geschrieben und zu wirklich interessanten Themen! Bravo!
    Mein Kleiner ist zwar erst 7 Monate alt, aber dann weiß ich ja schonmal auf was ich mich in den nächsten Jahren gefasst machen muss 😉
    Ich lese jetzt jedenfalls deine ganzen Artikel quasi „rückwärts“ und bin auch schon auf Seite 7 angekommen.
    Ganz liebe Grüße und mach weiter so!
    Sandra

    • Hallo und danke dir für den super lieben, netten Kommentar, habe mich wirklich sehr gefreut! 🙂

      Aber warte mal ab, bis ich so richtig erfolgreich werde. Dann kriegst du hier täglich unnützes skandinavisches Deko-Zeugs um die Ohren gepfeffert. 😉

      Viel Spaß beim Nachlesen der ganzen alten Artikel!

  5. Claudia

    Hallo,

    Auch von mir ein grosser Lob. Ich habe mittlerweile diese „Sorgen“ wieder mit meiner ältesten, die mittlerweile 8 ist. Sie war immer in der unterste Linie und jedesmal als sie krank war, mussten wir zusehen dass sie wieder zunimmt. Sie ist klein aber im normalen Rahmen(ich bin ja auch 160 cm) und zierlich . Nun isst sie im Hort und manchmal erzählt sie mir, dass sie Kopfschmerzen hat, weil ihr das Essen nicht geschmeckt hat und nichts gegessen hat, dann hat sie nur den Nachtisch gegessen. Sie mag kein obst, ausser den täglichen halben geschälten Apfel, den sie nachmittags essen muss😳 bevor sie etwas süsses ist. Mensch ich weiss im moment wieder nicht weiter🤔 würde da so ein kurs mit einer Ernährungsberaterin Sinn machen? Ich will auch nicht kontrollieren was sie isst und möchte dass sie ein gesundes Kind bleibt.
    Ganz lg

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