Popcorn im Kopf oder: Die Krawallo-Gewerkschaft

Kurze Frage zum Einstieg: Sagt mal ehrlich, welcher Moment des Tages ist der, in dem ihr eure Kleinkinder anschaut und vor Liebe und Glück zerfließen könntet? Also ich meine so einen Moment, wo wirklich kein negativer Gedanke die Stimmung trübt, keine latente Wut und keine Erschöpfung. Dieser Moment, wo ihr euer Kind betrachtet und einfach nur froh, stolz und glückselig seid. Na? Ha, ich weiß es ganz genau: Es ist der Moment, in dem euer Kind endlich schläft! Denn wenn sie friedlich da liegen, ihr Schlafschnütchen ziehen und selig durch die Nase schnorcheln, dann sehen unsere Kinder aus wie kleine Engel. Und haben vor allem endlich aufgehört, rumzubrüllen, wie sie es sonst den lieben langen Tag tun: „Mama!“, „Ich mach das!“, „Neeeeiiieeeen!“, „Alleineselber!“, „Du nicht!!!“

Wer kennt es nicht? Wir jedenfalls kennen es derzeit wieder allzu gut. Alle ein bis zwei Monate macht das Hübchen nämlich eine völlige Kehrtwende und wird vom süßen, klugen, kooperativen Vorzeigekind zum Vorsitzenden der Krawallo-Gewerkschaft. Und das ist ein ziemlich wilder Haufen, der kein Pardon kennt wenn es um Verhandlungen mit der Elternseite geht. Unsere Tagesmutter kann davon ein Lied singen. Sie steht in dauernden Verhandlungen mit fünf Mitgliedern der Krawallo-Gruppierung. Die scheinen sich nämlich ziemlich gut abzusprechen, wann es Zeit für einen neuen Aufstand ist. Und dann heißt es: Geballte Krawallo-Power!

Manche nennen diese Aufstände „Trotzphase“. Auch bekannt sind diese Bewegungen als „Autonomiephase“. Es geht den Kindern also darum, sich zu behaupten, ihren eigenen Willen durchzusetzen und Gewalt über sich selbst und ihre Körper zu erlangen. Ich finde das ja prinzipiell gut. Allerdings bin ich gleichzeitig ein großer Freund von Verhältnismäßigkeiten und ich fände es ebenfalls ganz prima, wenn jedweder Aufstand der Krawallos auch einen Sinn hätte. So nach dem Motto: Ich WILL diese Jacke nicht anziehen, weil die finde ich nämlich doof! Ja, damit könnte ich mich arrangieren. Ich trage ja auch nicht das, was meine Mutter gerne an mir sähe.

Vom Ja zum Nein in drei Sekunden

Nur scheint der Krawallo-Gewerkschaft ziemlich oft nicht ganz klar zu sein, welche Linie sie denn nun verfolgt und welche Ziele ihr wirklich wichtig sind. Das kann dann schon mal so aussehen:

Mutter und Hübi kommen nach Hause. Draußen hat es -8°C.
Mutter: Hübchen, zieh bitte Jacke und Schuhe aus.
Hübi: Mama, helfen!
Mutter: (macht den Reißverschluss der Jacke auf)
Hübi: Neeeeiiiiiin!!! Ich mach das!!! (Heult und schreit, rennt in die Küche und versteckt sich unter der Arbeitsplatte)
Mutter: (geht hinterher, versucht das Kind zu beruhigen und bietet Hilfe an)
Hübi: (dreht der Mutter den Rücken zu und schluchzt verzweifelt. Schlägt nach der Mutter, wenn diese sich nähert)
Mutter: (geht zurück in den Flur) Wenn du mich haust, gehe ich weg.
Hübi: (kommt schluchzend angelaufen) Mama! Mama! Arm!
Mutter (nimmt Kind auf den Arm. Kind kuschelt sich hysterisch schluchzend an Mutters Schulter) Darf ich dir jetzt helfen, die Jacke auszuziehen?
Hübi: Ja.
Mutter: (zieht Kind die Jacke aus und begeht einen existenziellen Fehler: Sie nimmt ihm auch die Mütze ab)
Hübi: Neeeeiiin! Ich mach das!!!
(Und alles beginnt von vorn)

Oftmals will das Kind also etwas, was es dann irgendwie doch nicht will – oder andersrum. Und ich gebe zu: Das kenne ich ja auch. Nur irgendwie nicht im 3-Sekunden-Rhythmus. Vielleicht ist es das, was die Launen eines Kleinkindes häufig so unerträglich macht: Der ständige Wechsel zwischen Wollen und Nicht-Wollen, und zwar im Sekundentakt.

Diagnose: Popcorn im Kopf

Als das Hübchen noch ein Baby war und nachts in manchen Phasen einfach wahnsinnig schlecht schlief, panisch aufwachte und grundlos schrie, haben wir uns eine Diagnose ausgedacht: Für uns hatte das Hübchen dann immer „Popcorn im Kopf“. Irgendwas musste da gerade in seinem Gehirn passieren, das ganz komische Sachen machte. Da ploppte und poppte es und das arme Hübilein wusste gar nicht, wie ihm geschah. Irgendwann war die Phase dann wieder vorbei und das Kind wurde wieder ruhiger und sein Verhalten vorausschaubarer.

Mittlerweile weiß ich ja, dass es immer nur Phasen sind, die auch wieder vorbei gehen: Momentan ist es wieder richtig anstrengend mit dem kleinen Krawallo. Zuletzt gab es im Herbst eine ähnlich fiese Phase. Danach war bis Weihnachten wieder alles Friede-Freude und für unsere Verhältnisse hatten wir ein richtiges Vorzeigekind. Und seit Weihnachten werden wir Eltern wieder täglich zur Verzweiflung gebracht durch nicht zu beeinflussende Wutanfälle. Voraussehen kann ich diese mittlerweile ganz gut. Wickeln, Anziehen und Zähneputzen sind die Klassiker unter den Auslösern. Aber auch: Am Esstisch Gläser, Löffel oder Teller um nur einige Millimeter verrücken oder dem Sohn den „falschen“ Teller hinstellen. Aber das Vorausahnen macht es ja auch nicht besser. Denn durch müssen wir da trotzdem.

Und zwar beide. Manchmal endet das dann so, dass ich vor meinem zweijährigen Sohn davonlaufe, der versucht, mich mit Händen, Füßen und Baseballschlägern (zum Glück nur zum Aufblasen) zu verprügeln. Die schiere Wut: bei ihm – und auch bei mir. Viel zu oft schreie ich zurück und muss mich kurz im Badezimmer einschließen um meine Fassung wiederzugewinnen. Kurz danach habe ich dann ein Häufchen Elend in meinen Armen liegen, das verzweifelt schluchzt und sich an mich klammert. Ich tröste ihn dann und sage ihm, dass er ein gutes Hübchen ist und ich ihn lieb habe. Dann ist alles wieder gut und wir machen ein Puzzle. Solange bis ein Puzzleteil fehlt und … ihr ahnt was kommt.

Eltern-Mantra: Es ist nicht schlimm

Frustrationstoleranz ist eben etwas, was Menschen erst lernen müssen. Zum Glück fangen sie in geringem Alter schon damit an. Nicht auszudenken, was wäre, wenn erwachsene Menschen erst mit Mitte Zwanzig damit anfingen und vor lauter Wut brüllend am Bahnsteig stünden, weil der Zug schon wieder Verspätung hat. Ich versuche nun also, dem Hübchen Frustrationstoleranz beizubringen. Und dazu bleibt mir eigentlich nichts anderes zu tun als mantra-artig ein und denselben Satz zu wiederholen: „Es ist nicht schlimm“. Es ist nicht schlimm, dass dein Löffel runtergefallen ist. Es ist nicht schlimm, dass du den Ärmel nicht gleich findest. Es ist nicht schlimm, dass Mama kurz den Raum verlässt.

Nein, nein, es ist alles nicht so schlimm. Und das gilt halt auch in die andere Richtung: Mutter, es ist nicht so schlimm. Es ist normal und bald ist es wieder vorbei. Also, zumindest so lange bis die nächste Phase kommt und es wieder heißt: Popcorn im Kopf! Generationen haben es geschafft. Wir schaffen es auch. Und ich bin dankbar für eine abschließbare Badezimmertür.

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